Die ethnische Säuberung Palästinas

Gründungsmythen haben viele Länder und Staaten. Sie stellen geschichtliche Legitimationsmuster dar und entsprechen mal mehr, aber auch mal wenige der historischen Realität. Dies gilt auch für die Entstehungsgeschichte Israels, welche mit der Annahme verbunden wurde, dass die Palästinenser im Unabhängigkeitskrieg ihre Wohngegenden eher freiwillig verlassen hätten…

Von Armin Pfahl-Traughber

Diese Deutung kritisierte vehement eine Gruppe von „Neuen Historikern“, die auf der Grundlage von erst später zugänglichen historischen Quellen eine andere Wahrnehmung präsentierten. Demnach seien die Bewohner des damaligen Palästinas gewaltsam vertrieben worden. Bei den gemeinten israelischen Historikern handelte es sich aber um kein homogenes Phänomen. Sie hatten inhaltliche wie methodische Differenzen, darüber hinaus waren sie eine eigenständige Gruppe allenfalls in der Mediensicht. Ganz allgemein lässt sich darüber hinaus sagen, dass spätestens ab Beginn der 2010er Jahre gar nicht mehr von den „Neuen Historikern“ gesprochen werden kann.

Als ein bekannter Autor aus diesem Bereich galt und gilt Ilan Pappe, der zunächst Politikwissenschaft an der Universität in Haifa und danach Geschichtswissenschaft an der Universität Exeter lehrte. Sein bekanntestes Buch „Die ethnische Säuberung Palästinas“ erschien 2006 erstmals in englischer Sprache, dann 2007 in einer deutschen Übersetzung. Jetzt kam ein Neudruck heraus, der nur mit einem kurzen „Grußwort zur deutschen Ausgabe 2019“ versehen wurde. Die Kernaussage besteht aus folgenden Positionen: Es habe von Ende 1947 bis Anfang 1949 gegenüber den dort lebenden Palästinensern eine ethnische Säuberung aufgrund einer planmäßige Vertreibung gegeben. Dies sei auch die notwendige Folge der zionistischen Ideologie gewesen, was einige ideengeschichtliche Ausführungen erklärt. Bereits in den 1930er Jahren hätten führende Zionisten daher von einer notwendigen Zwangsumsiedlung gesprochen. Später sei dazu auch ein inhaltlicher Masterplan entwickelt und durch brutale Vertreibungen umgesetzt worden.

Diese Auffassungen stehen zum Gründungsmythos Israels im Widerspruch, was aber nicht dagegen spricht, dass hier eine angemessenere Darstellung der historischen Ereignisse vorliegen könnte. Doch wie steht es um die Belege für Fakten, die Hinweise auf Quellen und die Kontextualisierung von Ereignissen? Zunächst wäre darauf hinzuweisen, dass es sich um eine „Anklageschrift“ handelt, wie Pappe selbst im Vorwort schreibt. In einer Anklageschrift geht es nur um das Belastende, nicht notwendigerweise um Differenzierung und Objektivität. Es zieht sich eine Botschaft durch das Buch, welche als moralische Verpflichtung angekündigt wird, aber in einem inhaltlichen Zerrbild mündet. Dies macht die Arbeit mit historischen Quellen deutlich, welche bei Pappe gelegentlich die Seriosität des Wissenschaftlers vermissen lässt. Benny Morris, der selbst zu den „Neuen Historikern“ gehörte, warf ihm etwa eine einseitige Quelleninterpretation vor. Auf diese Kritik ging Pappe aber nicht ein, obwohl die Neuausgabe dazu Raum geboten hätte.

Die Darstellung leidet darüber hinaus an einer schiefen Denkperspektive, welche die zionistischen Akteure meist ohne den politischen Kontext im damaligen Palästina wirken lässt. Die Bedrohung für das gerade in Gründung befindliche Israel war sehr wohl gegeben und keineswegs nur ein Mythos wie Pappe leichtfertig meint. Eine Anklageschrift muss solche Kontexte nicht beachten, ein Historiker mit weiter Perspektive sollte dies schon. Der Autor suggeriert in seiner monokausalen Deutung, dass ein bestehender Masterplan direkt umgesetzt wurde. So einfach laufen aber politische Entwicklungen in der Realität nicht ab. Darüber hinaus griffen in der Dynamik bei den behandelten historischen Ereignissen unterschiedliche Prozesse ineinander. Es gab als Bedingungsfaktoren auch Evakuierungsmaßnahmen und Propaganda der arabischen Verantwortlichen. Da wäre die leider fehlende Erörterung des Wechselverhältnisses wichtig gewesen. Gleichwohl erinnert das Buch von Pappe anschaulich an das Schicksal der Vertriebenen.

Ilan Pappe, Die ethnische Säuberung Palästinas, Frankfurt/M. 2019 (Westend-Verlag), 416 S, 20 Euro, Bestellen?

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