„Und nun ist unser Spiel vorbei“

Als Anne Frank im Juni 1929 geboren wurde, lebte ein 2-jähriges Mädchen in der ersten Etage eines bürgerlichen Hauses in der Gundulićeva-Strasse im Zentrum Zagrebs, nicht weit entfernt vom kroatischen Nationaltheater (Hrvatsko Narodno Kazalište). Sicherlich ist die kleine Lea mehrmals die wenige Meter getippelt, um ihrer grossen Leidenschaft, dem Theaterspiel, nachzukommen, die ihr von ihrer Mutter Ivka in die Wege gelegt wurde…

Von Martin Arndt

Mit 2 Jahren hatte sie auf der Purimfeier der Jüdischen Gemeinde Zagreb ein Gedicht rezitiert, mit 5 Jahren betrat sie die Bretter, die die Welt bedeuten, und faszinierte 9 Jahre lang durch Gesang und Tanz mit ihren männlichen und weiblichen Rollen in Komödien oder Dramen. 1941 stand sie zum letzten Mal auf der Bühne, als faschistischer Terror und Grauen Südosteuropa heimsuchten und die Träume der kleinen Lea abrupt beendeten.

Über Lea Deutsch (jiddisch ausgesprochen: Dajč=Daitsch), die ‚jüngste Tochter der Zagreber Göttin Thalia‘, erschien erst 2008 eine in kroatischer Sprache geschriebene Biographie von Pavao Cindrić unter dem Titel Lea Deutsch – Zagrebačka Anne Frank (=die Zagreber Anne Frank). Mit dem jetzt veröffentlichten Buch der kroatischstämmigen Historikerin und Mitarbeiterin am Moses Mendelssohn Zentrum/Potsdam, Martina Bitunjac, u. a. hervorgetreten durch ihr Buch Verwicklung. Beteiligung. Unrecht. Frauen im Unabhängigen Staat Kroatien, wird es endlich auch dem deutschsprachigen Interessenten ermöglicht, die Freuden des Wunderkindes (čudo od djeteta) über Schauspielerei, Singen und Tanzen zu teilen. Die Autorin hat durch sorgfältige Recherchen in kroatischen, israelischen Archiven (Yad Vashem u. Central Zionist Archives), Periodika und durch ihre Kontakte zu Zeitgenossen das allzu kurze Leben Leas dokumentiert und in den historischen Kontext eingeordnet. Als Cover dient dem Buch ein Foto der 6-jährigen Lea in der Rolle der Luison aus Molières Der Eingebildete Kranke. Dieses wie auch die vielen anderen Fotos des Buches lassen erahnen, welches Talent, welche konzentrierte Disziplin und Lebenslust Lea hatte. Die „mala veličina“ (=kleine Große) spielte auch, wie ein anderes Bild zeigt, in Erich Kästners Pünktchen und Anton (Tonček i Točkica) zu einem Zeitpunkt, als in Deutschland die Werke Kästners den vom hassenden Mob entzündeten Flammen übergeben wurden.

Dass Lea in der Nacht vom 2. zum 3. Mai 1943 zusammen mit ca. 1600 anderen Juden Zagrebs verhaftet, in einem überfüllten Viehwaggon zusammengepresst wurde und auf der Transportfahrt nach Auschwitz, wahrscheinlich wegen Herzschwäche und Diphtherie, starb, verleiht ihren letzten, überlieferten, auf der Bühne gesprochenen Worten einen schmerzvollen Beigeschmack: „unser Leben [….] ist nichts anderes als eine Partie […] Und nun ist unser Spiel vorbei.“ (S. 45)

Vielleicht lässt ja jetzt bald die kroatische Hauptstadt wenigstens eine Gedenktafel in der Gundulićeva Strasse 29 errichten. Aber warum eigentlich nicht auch ein Museum? Deutschland könnte über die Deutsche Botschaft auf die lokalen Behörden einwirken; hoffentlich lassen sich zudem viele deutsche Pädagogen motivieren, Lea in der Erinnerung deutscher Kinder wach zuhalten. Deutschland ist in Leas Geschichte verwickelt, nicht nur allgemein wegen der Kooperation des kroatischen mit dem deutschen Faschismus, sondern konkret, indem das deutsche Konsulat die Theaterverwaltung warnte, Werke eines jüdischen Komponisten vor deutschen Offizieren und Soldaten aufzuführen, und darauf bestand, alle Künstler jüdischer Herkunft aus dem Theater zu verbannen. Das vorliegende Buch, dessen Photos die hoffnungsvollen und zukunftsfreudigen Augen Leas schwer aus dem Kopf gehen lassen, hätte so eine praktische Auswirkung.

Der Autor ist Wissenschaftsautor und langjähriger Dozent für Jüdische Philosophie an der Universität Zagreb.

Martina Bitunjac: Lea Deutsch. Ein Kind des Schauspiels, der Musik und des Tanzes, Jüdische Miniaturen, Band 231, Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin Leipzig, 2019, 70 S., Euro 8,90, Bestellen?

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