„Min oll lütt Vaderstadt“* – die jüdische Gemeinde in Krakow am See

Nach 99 Jahren wird zu Jom Kippur am 8. und 9. Oktober 2019 / 10. Tischri 5780 erstmals wieder eine Tefila in der Alten Synagoge in Krakow am See stattfinden. Die jüdische Geschichte der mecklenburgischen Kleinstadt reicht bis weit ins Mittelalter zurück…

Von Jennifer Herold

Schulplatz 1 lautet die Adresse der Alten Synagoge in Krakow am See. Doch die Adresse bezieht sich nicht auf die jiddische „Schul“ und die Kinder, die seit dem Jahr 1900 dort von dem Kantor und Kultusbeamten der Krakower Gemeinde, I. Steinbrock, unterrichtet wurden. Sie verweist stattdessen auf die Alte Schule des Ortes, die heute ein Museum ist.

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Krakow reicht vermutlich bis ins 13. Jahrhundert zurück. Die erste urkundliche Erwähnung von Juden in Mecklenburg stammt aus dem Jahr 1266, die Stadt Krakow am See wird erstmals 1298 erwähnt. Es ist nicht überliefert, ob sich im Jahr 1298 bereits Juden in Krakow ansiedelten, doch man kann davon ausgehen, dass es zumindest nach Erbauung der Kirche im Jahr 1300 nicht lange dauerte. Denn bereits im Jahr 1325, nach dem Vorwurf der Hostienschändung, fanden in Krakow und anderen mecklenburgischen Städten Pogrome gegen Juden statt. Die Krakower Juden wurden auf dem „Jörnberg“, dem Judenberg, hingerichtet. Wieviele Juden ermordet wurden ist nicht überliefert. Bezeugt ist lediglich, dass während des „Sternberger Pogrom“ im Jahr 1492 erneut alle Juden aus Mecklenburg vertrieben wurden.

Erst im Jahr 1679, gut dreißig Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg, bei dem Krakow am See fast gänzlich zerstört wurde, ist wieder eine jüdische Ansiedlung dokumentiert. Nach den Wirren des Krieges und der Ausrottung der Bewohner Krakows kommen immer mehr Juden nach Mecklenburg – im Jahr 1730 sind es bereits 330 jüdische Familien. 1759 erhalten die ersten Juden in Krakow am See das Wohnrecht in der Stadt und spätestens mit der staatsbürgerlichen Gleichstellung 1813
erwächst eine selbstbewusste jüdische Gemeinde.

1821 wird nordöstlich des heutigen kommunalen Friedhofs der jüdische Friedhof angelegt, 56 Juden der Stadt erwerben bereits im selben Jahr eine Grabstätte. Heute sind auf dem 400 Quadratmeter großen Friedhof noch 50 Grabsteine erhalten.

Die jüdische Gemeinde der Stadt Krakow nutzte verschiedene Räumlichkeiten, um ihren Gottesdienst zu begehen bis die 110 Personen starke Gemeinde nach über 500 Jahren jüdischem Leben in Krakow im Jahr 1866 endlich eine repräsentative Synagoge erhält. Das Bethaus wurde ohne Mikwe errichtet. Wo die Krakower Juden ihr rituelles Bad vollzogen, bleibt bisweilen ungeklärt.

Bereits 1890 war die Gemeinde aufgrund von Landflucht auf 65 Mitglieder zusammengeschrumpft. Es wurde für die Juden im Krakow am See immer schwieriger, die Kosten für die Synagoge zu tragen. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Überschuldung der Gemeinde 1919 wurde die Alte Synagoge an die Stadt Krakow am See veräußert, die seit 29. Oktober 1920 offizieller Eigentümer des Grundstücks am Schulplatz 1 ist.

Bereits ein Jahr später, 1921, wurde die Synagoge von den Schülern der Stadt und dem „Arbeiter-Turn-Verein“ als Turnhalle benutzt. 1945 wurde der Saal für den Sportunterricht der örtlichen Schule erweitert.

Während der Weimarer Republik schrumpfte die jüdische Gemeinde in Krakow am See durch Todesfälle und Migration. Bereits 1930, noch drei Jahre vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten, löste sich die Gemeinde auf. 1936 verstarb die letzte jüdische Bürgerin Krakows.

Während der Reichspogromnacht im November 1938 wurden zahlreiche Synagogen in Mecklenburg geschändet. Die Synagoge und der Friedhof in Krakow am See fielen diesem Verbrechen nicht zum Opfer, vermutlich aufgrund der bereits verschwundenen Gemeinde und der frühen anderweitigen Nutzung des Synagogengebäudes. Bis 1985 wurde die Alte Synagoge noch als Turnhalle weitergenutzt. Im selben Jahr entstehen die ersten Pläne, das Gebäude für kulturelle Zwecke zu nutzen, die jedoch diese Pläne bis zur deutschen Wiedervereinigung unerfüllt bleiben. Erst 1992 beginnen schließlich die Restaurierungsarbeiten.

Seit 1996, zum 130-jährigen Jubiläum der Synagogeneinweihung, wird die Alte Synagoge von der Öffentlichkeit für Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen aller Art genutzt.

In diesem Jahr wird erstmals seit 1920 wieder ein jüdischer Gottesdienst in der Alten Synagoge in Krakow am See stattfinden. Die Berliner progressive Gemeinde „Bet Haskala“ wird hier, nach 99 Jahren, Jom Kippur begehen. Nicht zuletzt, um der Vielfalt der jüdischen Geschichte und dem jüdischen Leben in ländlichen Regionen vor dem Zweiten Weltkrieg zu gedenken.

* Das Gedicht „Min oll lütt Vaderstadt“ ist eine Hommage des 1867 in Krakow am See geborenen, und bis zu seinem Tod 1927 dort lebenden, Geschäftsmannes und Heimatdichters Joseph Nathan an seine Heimatstadt.

Weitere Details und Anmeldung: http://bethaskala.de/Synagoge/Jom-kippur-5780/

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