Die Frau im jüdischen Sprichwort

Der nächste Beitrag der Serie jüdischer Sprichwörter wurde ebenfalls von Binjamin Segel verfasst und erschien 1903 in der Zeitschrift „Ost und West“. Der Beitrag zeigt ein „anschauliches Bild von der Stellung der Frau innerhalb der jüdischen Gesellschaft und von der Meinung, die die Männerwelt von dem Wert und der Bedeutung des Weibes“ hat…

Binjamin Segel wurde 1866 in Rohatyn geboren und wuchs in Galizien auf. Er sammelte ostjüdische Folklore, die er, wie auch im vorliegenden Beitrag, in deutschen, polnischen, hebräischen und jiddischen Publikationen veröffentlichte. Immer wieder widmete er sich auch der sog. Judenfrage und der antisemitischen Verfolgung von Juden. Mit „Die Protokolle der Weisen von Zion kritisch beleuchtet. Eine Erledigung“ (1924) versuchte er erstmals, das antisemitische Werk, das zum Leitfaden alles Verschwörungstheorien werden sollte, zu entkräften. Segel starb 1931.

Ost und West“, die sich als „Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum“ verstand und im Kontext der „Jüdischen Renaissance“ dem westjüdischen Publikum die kulturellen Leistungen der sog. „Ostjuden“ vorstellte.

DIE FRAU IM JUEDISCHEN SPRICHWORT

Von Binjamin Segel
Ost und West, Heft 3, 1903

Die nachfolgenden Sprichwörter gewähren ein anschauliches Bild von der Stellung der Frau innerhalb der jüdischen Gesellschaft und von der Meinung, die die Männerwelt von dem Wert und der Bedeutung des Weibes, von dessen Vorzügen und Fehlern hat. Ich habe auch diese Sprichwörter möglichst wortgetreu ins Hochdeutsche übertragen und auch alle Derbheiten stehen lassen, die ja für die volkstümliche Denk- und Ausdrucksweise so charakteristisch sind. — Betrachtet man die „Spruchweisheit“ der verschiedenen Völker, so findet man zuweilen unmittelbar nebeneinander zwei Sprichwörter über dasselbe Thema, die einander vollständig widersprechen. Das eine ist nämlich die Abstraktion der einen Gruppe von Erscheinungen im Leben, das andere einer anderen, jener entgegengesetzten, und die „Volksphilosophie“ giebt sich nur selten die Mühe, beide auszugleichen und aus ihnen eine Synthese zu ziehen. Im Bewusstsein des Volkes wohnen nämlich die härtesten gedanklichen Gegensätze oft leicht bei einander. Man nennt das „Kompatibilität sich ausschliessender Vorstellungen im Volksbewusstsein. “

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A. Mann und Weib.

Ist die Frau eine Königin, ist der Mann ein König.

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Die Frau stellt den Mann auf die Füsse und wirft ihn von den Füssen.

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Die Frau macht aus dem Manne, was sie will.

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Die Frau macht aus dem Manne einen Herrn, oder einen Narren.

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Wie eine Frau ist, solch einen Mann hat sie.

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Dem ärgsten Hund fällt oft der beste Bissen zu.
Sinn: Der schlimmste Mann bekommt die beste Frau. — Die beiden Sprichwörter widersprechen übrigens einander nicht, ersteres will nämlich nur besagen, dass die Frau den Mann nach eigenem Muster umbildet.

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Ein Haus ohne Herrin gleicht einem Wagen ohne Räder.

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Treue findet man nur bei der eigenen Frau.

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Das Ohr gieb jedermann, die Hand nur dem Freunde, die Lippen nur der Frau.

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Vor der eigenen Frau hat man kein Geheimnis.

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Die Frau ist ein Hund, der Mann eine Katze.
Der Hund ist das Symbol der Treue, die Katze das Gegenteil.

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Wer seine Frau liebt, liebt auch ihre Angehörigen.

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Wen Gott zum Narren machen will, dem nimmt er die Frau auf die alten Jahre.

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Will die Frau an dem Manne Rache nehmen, so stirbt sie — und macht ihn zum Narren.

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Ein Mann ohne Frau gleicht einem Lulav ohne Ethrog.
Ueber den Lulav (Palmenzweigl im Feststrauss wird bekanntlich der Segen gesprochen, aber das Köstlichste und Makelloseste darin bildet gleichwohl der Ethrog (Paradiesapfel).

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Zwischen Mann und Frau ist nur Gott allein Richter.

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Zwischen Zwei, die ruhen auf Einem Kissen, darf ein Dritter sich nicht hineinmischen.

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Eine böse Frau ist schlimmer als der Tod. (Biblisch.)

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Ein böses Weib gleicht einer Wund’ am Leib.
Vergleiche: Jebamoth 63 b; Synhedrin 100 b

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Es giebt in der ganzen Welt nichts Besseres als eine gute Frau, und nichts Schlimmeres als eine böse Frau.
Vergleiche Jebamoth 63 b.

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Eine böse Frau bringt den Mann früh unter die Erde.

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Vor einer bösen Frau ergreift der Todesengel selber die Flucht.
Anspielung auf ein bekanntes lustiges Volksmärchen vom Todesengel, der dem Worte der Bibel, die böse Frau sei schlimmer als er selber, nicht glauben wollte und darum auf die Erde herabgesandt wurde, um das Leben an der Seite einer bösen Frau durchzukosten.

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Wer eine böse Frau gehabt, ist frei von Chibbut Hakkever.
„Chibbut Hakkever“ — nach der volkstümlichen Vorstellung die Leiden im Grabe, bevor die Seele ins Jenseits eingeht.

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Jegliches nimmt (schliesslich) der Teufel, nur ein böses Weib nimmt er nicht.

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Lieber zehn Meschumodim, als Eine böse Frau.

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Mann und Frau sterben nur sich selber gegenseitig ab.
Vergleiche: Synhedrin 72a.

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Die erste Frau ist ein Hund, die zweite eine Katze.

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Die zweite Frau gleicht der Sonne im März.

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Die erste Frau ist von Gott, die zweite von den Leuten, die dritte vom Teufel.
Dieses Sprichwort kommt auch bei Polen und Ruthenen vor.

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Mann und Frau ruhen auf Einem Lager, aber nicht (immer) in Einem Grabe.

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Mann und Weib bilden Einen Leib, aber Taschen haben sie zwei.

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Moscheh Rabbenus Thorah und der Weiber Hass und Neid sind unvergänglich.

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Geheimnis hat keinen Unterrock an.

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Vertrau’ einem Weib ein Geheimnis an, aber schneid‘ ihm die Zunge aus.
Dieses Sprichwort ist international. Vergl. die Vorbemerkung.

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Weinen und Lachen sind für Weiber leichte Sachen.

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Jede Frau hat ein Schock Seelen im Leibe.
Die Frauen sind rätselhaft und unergründlich.

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Eine Henne, die kräht, ein Goj, der jüdisch red’t, eine Frau, die lernt Thorah — lauter schlimme Sechorah.
„Sechorah“ (heb.) = Waare.

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Wer den lebendigen Gott verlässt, dem wünsch’ ich zur Frau eine Betschwester.

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Vor einer Frau, die einen Schnurrbart hat, entfliehe zehn Meilen weit.

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Frauen verführen zum Guten wie zum Bösen, aber sie verführen immer.

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Ist der Mann ein Narr, so ist die Frau ein Herr.

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Wo der Mann in Pantoffeln geht (ein Pantoffelheld ist), hat die Frau den „Spodik“ an.
„Spodik“ – eine Pelzmütze, männliche Kopfbedeckung.

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Ein Mann wie eine Maus und eine Frau wie ein Haus gleichen sich noch immer nicht aus.

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Der Verstand der Frauen steckt im Schmuck, der Schmuck der Männer ist der Verstand.
(Zu gekünstelt für ein Volkssprichwort.)

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Frauen haben langes Haar und kurzen Verstand.
Internationales Sprichwort.

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Wann machen die Frauen dem Schneider keine Vorwürfe ? Wenn er ihnen Thachrichim (Totengewänder) näht.

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Heiratet ein Alter eine Junge, wird sie alt und er jung.

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Den Schadchan straft Gott nicht für seine Lügen.

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Ein Mann, der zu aller Welt gut ist, ist zu seiner Frau schlecht.

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Besser, der Mann riecht nach Wind als nach Rauch.
Sinn: Besser, wenn er aus ist, um sein Brot zu erwerben, als wenn er in der Küche hockt und in die Töpfe guckt.

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Wer seine Frau ehrt, dem giebt Gott Brot.
Vergleiche : Baba Mezia 59b.

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Lieber Vier in Freuden, als Zwei in Leiden.
Ein Paar, das sich nicht verträgt, möge sich scheiden lassen, damit ein jedes mit den Neuerwählten glücklich werde.

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Lieber Papier (zerreissen) als Pergament (benützen).
Der Verlobungsakt wird auf Papier geschrieben, der Scheidebrief auf Pergament.

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Zur Chuppah (Trauungsbaldachin) muss man sie führen, zur Scheidung laufen sie von selber.

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Es giebt keine hässliche Braut und keinen schlimmen Bräutigam.

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Alle Bräute sind schön — alle Gottseligen sind gut und fromm.
Auf dem Leichenstein sind nur Lobeserhebungen verzeichnet, und auch von der Schönheit der Bräute spricht man nur lobend.

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Brautleute haben gläserne Augen.
Sehen einander nicht im wahren Lichte.

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Auf jeglicher Braut ruht die Schechinah.
„Schechinah“ – Abglanz Gottes.

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Eine jüdische Tochter bleibt nicht sitzen.

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Eine jüdische Tochter darf man nicht zwingen (in der Ehe mit einem ungeliebten Manne zu verharren).

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Ratet mir gut, aber ratet mir nicht ab — spricht das Mädchen, dem der Knabe gefällt.

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Nicht das ist lieb, was schön, sondern das ist schön, was (einem) lieb ist.

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Nicht das ist schön, was allen gefallt.

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Besser, ich habe eine hässliche Frau für mich, als eine hübsche für andere.

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Wenn ein Mann nur schöner ist, als der Teufel, genügt es für ihn.

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Narren haben meist hübsche Frauen.

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Chen ist mehr als Schön.
„Chen“ – Anmut, Lieblichkeit.

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Wir lieben nicht nach den Vorzügen und hassen nicht nach den Fehlern.

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Zum Lieben und zum Almosengeben kann man keinen zwingen.

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Liebe schmeckt süss, aber nur mit Brot.

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Ein Mädchen gleicht dem Sammet, der geringste Fleck entstellt es.

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Schau auf das Mädchen und nicht auf das Kleidchen.

 

B. Familienleben, Eltern und Kinder.

Das Schwierigste in der Welt ist, Vater und Mutter zu sein, und doch untemimmt’s ein Jeder.

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Für Geld bekommt man alles, nur nicht Vater und Mutter.

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Mutters Thränen und Vaters Schläge — nützen im Leben allerwege.

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Mutter schilt, aber das Herz thut ihr weh dabei.

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Von Mutters Schlag bekommt man kein Loch.

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Kleine Kinder — kleine Freuden; grosse Kinder — grosse Leiden.

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Leichter einen ganzen Wald Eichen, als Ein kleines Kind grosszuziehen.

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Wenn Eltern ein Dutzend Kinder haben, ist gleichwohl jedes für sie ein einziges.

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Welches ist Dein Kind? — Das schönste! — Wie? Das ist ja das meine.
Spielt auf eine bekannte Volkserzählung an.

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Gilt’s das eigne Kind, sind alle Eltern blind.

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Vater und Mutter haben gläserne Augen.

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Ein böses Kind treibt die Eltern zur Sünd‘.

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Ob der Eltern Sünd’ — leidet das Kind.

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Ein Kind ist seiner Mutter Panzer.

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Es giebt nichts treueres in der Welt als eine Mutter.

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Es giebt keine schlimme Mutter und keinen guten Tod.

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Es ist gut, unweit von der Sonne zu sitzen und unweit von der Mutter zu wohnen.

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Die Mutter ist wie die Mesusah.
„Mesusah“ der bekannte Pergamentstreifen an dem Thürpfosten, nach Deuteronomium 6, 8, 11, 18, der an die Allgegenwart Gottes und die Ewigkeit seiner Lehre gemahnen soll, wurde schon in alter Zeit vom Volke auch als eine Art Amulet angesehen, welches an der Thüre Wache hält und jeglichem Unglück und bösen Geistern — Masikin — den Zugang wehrt. Vergl. Thargum zum Hohenlied 8, 3 und Joma 11 a.

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Die Mutter braucht eine breite Schürze, um des Vaters Missethaten und der Kinder Laster zu verhüllen.

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Mutter ist ein treuer Knecht — Vater behält immer Recht.

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Stirbt die Mutter, erfahren die Nachbarn, wieviel Kinder sie gehabt.

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Ein Waisenkind bekommt viele Mütter.

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Kind ohne Vater ist eine Halbwaise — ohne Mutter eine ganze Waise.

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Der Vater ist treu — so lang die Mutter dabei.

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Mit Mama ist Papa ein Vater — mit der Muhme ist er ein Vetter.
Mit „Muhme“ und „Vetter“ werden im Jüdischen die Stiefeltern bezeichnet.

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Wenn die Eltern sich zanken, zerreissen die Kinder die Kleider (zum Zeichen der Trauer).

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Eine ausgeheiratete Tochter gleicht einem abgeschnittenen Stück Brod.
Die abgeschnitlene Brodstulle lässt sich mit dem Laib nicht mehr vereinigen; die ausgeheiratete Tochter ist von ihrer Familie abgetrennt.

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Wenn der Sohn heiratet, giebt er der Frau eine Kethubah und der Mutter einen Get.
„Kethubah“ — Ehebrief; „Get“ Scheidebrief.

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Ein Vater ernährt zehn Kinder, und zehn Kinder nicht Einen Vater.

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Stiefmütter — geben schütter.
Nicht aus vollem Herzen, mit Missgunst.

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Für eine gute Stiefmutter hält Gott im Himmel einen besonderen Thron bereit.

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Wenn der Vater dem Sohn schenkt, freuen sich beide, wenn der Sohn dem Vater schenkt, trauern beide.

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Lieber schenkst Du Deinem Kinde mit der warmen als mit der kalten Hand (beim Leben als nach dem Tode).

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Besser ein Sohn, der Bader, als eine Tochter, die Rabbinerin ist.
Dem Sohne fällt nämlich das Recht und die Pflicht zu, nach dem Tode der Eltern Kaddisch zu sagen.

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Die Tochter (steht bei) in der Not — der Sohn nach dem Tod.

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Von Einem Elternpaare können zehnerlei (verschiedene) Kinder abstammen.

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Ein einziger Sohn ist ein halber Meschumed (verdorben durch Verhätschelung).

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Eine einzige Tochter soll man freien — einem einzigen Sohne soll man leihen.
Da nämlich die Eltern seine Schulden bezahlen werden. Die Meinung geht also dahin, dass den Mädchen die Verhätschelung wohlthut.

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Schwiegermutter und Schnur (Schwiegertochter) — fahren nicht mit derselben Fuhr’.

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Die Schwiegermutter vergisst, dass sie einmal selber Schnur gewesen.

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Schwiegermutter und Schnur sind wie zwei Katzen in einem Sack.

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Einen guten Schwäher ist schwer zu haben — einen schlimmen schwer zu begraben.

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Eine Schnur und ein Eidam — das sind ein Paar Schedim.
„Schedim“ = böse Geister, Teufel.

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Die Tochter schilt man und meint die Schnur damit.

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Hat man Kinder, Gesundheit und Geld — braucht man nichts Schöneres in der Welt.

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Will einer sich ein eigenes Haus bauen oder ein Kind ausheiraten, so hat Gott dafür einen besonderen Schatz (aus dem er die Mittel dazu gewährt).

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Ein Bruder ein Feind ist ein Todfeind.

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Die Zinsen sind lieber als das Kapital.
Man liebt die Enkel mehr als die Kinder.

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Der Sohn — wie er gerät; der Eidam — wie man ihn wählt.

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Kinder und Glas kann man nie zuviel haben.
Weil das gebrechliche Dinger sind.

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Gott behüte uns vor Einem Kinde und Einem Hemde.

Schlussbemerkung:

Ohne mich in Folgerungen aus den obigen Sprichwörtern einzulassen, will ich nur darauf hinweisen, dass ich bei den Juden so gut wie gar keine Sprichwörter gefunden habe, welche die eheliche Untreue und Leichtfertigkeit der Frau behandeln, — ein Thema, welches anderwärts den allermeisten Stoff zu den Sprichwörtern über die Frau liefert.

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