Eine Reise nach Lviv

Vor zwei Jahren knüpfte Rabbi Aaron Goldstein von der Londoner Northwood and Pinner Liberal Synagogue (NPLS) Kontakt zur Progressiven jüdischen Gemeinde Teiva im westukrainischen Lviv, dem früheren Lemberg in Galizien. Im Mai diesen Jahres führte er den zweiten von ihm organisierten Besuch in Lviv durch, dem sich neben vier NPLS‐Mitgliedern auch vier Mitglieder der Liberalen Jüdischen Gemeinde Beth Shalom München anschlossen…

Von Verena und Jan Mühlstein
Fotos: (c) Matthias Stiehler

Die Reisegruppe hatte unter der fachkundigen Führung des Teiva‐Mitglieds Nataliya Tolok die Gelegenheit, die einst multiethnische und multikulturelle Stadt kennenzulernen. Eine Stadt, die durch ihre lange und wechselvolle Geschichte unter wechselnder polnischer und österreichischer Herrschaft geprägt, 1939 durch den Hitler‐Stalin‐Pakt ein Teil der Sowjetunion wurde, 1941 bis 1945 unter der Besetzung durch die Nazi‐Armee litt und 1991 zum Westzentrum der unabhängig gewordenen Ukraine wurde.

Gefolgt sind wir vor allem den Spuren jüdischen Lebens, an das heute Gedenktafel und Denkmäler erinnern, auch durch einen Abstecher in das durch das Buch von Philippe Sand “Rückkehr nach Lemberg” berühmt gewordene Städtchen Zovkva. In Lviv, im einstigen jüdischen Viertel in der “Krakauer Vorstadt” ist heute an der Stelle des von den Nazis verwüsteten jüdischen Friedhofs, dessen Reste die Sowjets beseitigt haben, der größte Markt der Stadt. Bruchstücke der aufgefundenen Grabsteine befinden sich nun im Hof des früheren jüdischen Krankenhauses, das von einer blauen Kuppel mit Magen David gekrönt ist.

Im vormaligen mittelalterlichen jüdischen Ghetto in der Altstadt erinnert ein Denkmal neben den verbliebenen Fundamenten der von den Nazis zerstörten Goldene‐Rose‐Synagoge an das Schicksal der Lemberger Juden: Diese wurden, sofern ihnen nicht die Flucht in den unbesetzten Teil der UdSSR gelungen war, fast vollständig durch Erschießungskommandos der Einsatztruppen, der Wehrmacht und ihrer ukrainischer Helfer sowie durch Deportationen nach Belzec vernichtet.

Der über 100.000 ermordeten jüdischen Kinder, Frauen und Männer aus Lemberg gedachten wir am Denkmal des 1942 errichteten und Ende Juni 1943 liquidierten Nazi‐Ghettos sowie am Gelände des Konzentrationslagers Janowska, die sich beide im Stadtgebiet befanden. Am Gedenkstein des KZ Janowska erinnerten wir insbesondere an Dr. Aleksander Schwarz, ein 2014 verstorbenes Mitglied von Beth Shalom, der aus dem KZ Janowska fliehen konnte, seit 1968 in München lebte und nach der Unabhängigkeit der Ukraine für die Aufstellung des Gedenksteins für das “vergessene” KZ sorgte.

Der wichtigste Teil der Reise galt aber nicht der Vergangenheit, sondern der jüdischen Gegenwart in Lviv. Wir besuchten das jüdische Kulturzentrum Chesed, das kulturelle und religiöse Aktivitäten für alle Altersgruppen anbietet und in dem auch ein kleines, vor einer Neugestaltung stehendes jüdisches Museum untergebracht ist. Dort feierten wir mit überwiegend älteren Besuchern einen Vor‐Schabbat‐Mittagskiddusch. In kleine Gruppen aufgeteilt, besuchten wir drei Senioren in ihren Wohnungen und konnten erleben, unter welchen bedrückenden wirtschaftlichen Umständen sie leben und wie wichtig für sie die Hilfe ist, die Chesed mit Hilfe des World Jewish Relief leistet. Den Schabbat Abend verbrachten wir bei der progressiven jüdischen Gemeinde Teiva, die sich derzeit in einer Privatwohnung trifft. Nach dem von Rabbi Aaron Goldstein geleiteten Kabalath Schabbat gab es ein kleines, beeindruckendes Konzert von Teiva‐Mitgliedern, die der Musikgruppe “Strudel” angehören, und viele anregende Gespräche.

Beth Shalom wird entscheiden, in welcher Form sich die Gemeinde an der Partnerschaft von NPLS und Teiva beteiligen kann. Wie schlagen außerdem eine Zedakka‐Aktion zu den kommenden Hohen Feiertagen vor, um Spenden zur Unterstützung bedürftiger jüdischer Senioren in Lviv zu sammeln.

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