80 Jahre Pogromnacht – Albert Meinhardt

„Am 9. November 1938 haben meine Eltern von ihrer Wohnung aus beobachtet … ich glaube es war die SA, angefangen hat, das Haus des Bankiers Kohn zu zerstören. Und als sie fertig waren, kamen sie zu uns und zerstörten einen sehr großen Teil unserer Möbel“…

80 Jahre Pogromnacht – Zeitzeugenberichte aus Nürnberg

Albert Meinhardt wurde am 16. Juli 1925 als Albrecht Meinhardt in Nürnberg geboren. Er besuchte zunächst die allgemeine Volksschule, später die jüdische Realschule in Fürth und gehörte dem Jüdischen Sportclub an. Die ab 1933 zunehmende Diskriminierung versuchte Albrecht auszublenden; erst der Abbruch der Nürnberger Synagoge 1938 machte ihm das gesamte Ausmaß der Bedrohung deutlich. Noch im November 1939 gelang es Familie Meinhardt, Pässe und Ausreisegenehmigungen für die Vereinigten Staaten von Amerika zu bekommen. In den USA angekommen, änderte Albrecht seinen Namen und hieß fortan Albert. Als US-Soldat kehrte der junge Mann 1945 für etwa ein Jahr nach Franken zurück. Bis zu seinem Tod im Juli 1999 lebte Albert Meinhardt in East Hanover im US-Bundesstaat New Jersey in der Nähe von New York City.

Albrecht mit seinem Vater Bernhard, Repro: www.nurinst.org

Ich kann mich noch genau an die ersten vier Jahre in der Volksschule in der Uhlandstraße erinnern, denn da hatte ich noch nicht-jüdische Freunde. Aber ab 1934 waren alle meine Freunde Juden. Es muss auch in dieser Zeit gewesen sein, da erhielt ich zweimal die Woche jüdischen Religionsunterricht. Ich war immer ein sehr guter Schüler, besonders in Religion. Für den Besten gab es damals einen Preis und den habe ich bekommen. Diese Auszeichnung wurde immer im Samstagmorgengottesdienst überreicht. Meine Mutter ging zu unserem Volksschullehrer, um mich für diesen Tag in der Schule zu entschuldigen. Er hatte dies ohne weiteres akzeptiert. An Naziuniformen bei den Lehrern kann ich mich nicht erinnern. Auch nicht an »Rassenkunde«. Ich glaube, bis Mitte der 1930er Jahre konnten Juden noch die öffentlichen Schulen besuchen, vor allem die Realgymnasien, aber meine Eltern haben es vorgezogen, mich frühzeitig nach Fürth auf die jüdische Realschule zu schicken, was sehr klug von ihnen war, denn, ich glaube, es war sechs Monate oder höchstens ein Jahr später, als alle Schüler, die auf das Reform-Realgymnasium am Egidienberg gingen, hinausgeworfen wurden. Als Hitler an die Macht kam, mussten alle Schüler in der Uhlandstraße »Heil Hitler!« sagen. Ich habe es anfangs nicht gemacht, je länger es aber gedauert hat, umso größer wurde der Druck, sodass ich mich angepasst habe.

Lehrerkollegium der Jüdischen Realschule Fürth, Repro: www.nurinst.org

In Nürnberg und Fürth existierten ziemlich große jüdische Gemeinden: Es gab eine jüdische Schule, ein jüdisches Krankenhaus, ein jüdisches Waisenhaus. Außerdem waren da noch zwei jüdische Sportclubs. Der eine war der Jüdische Sportclub Fürth und der andere war der Bar Kochba in Nürnberg. Wir haben dort Fußball gespielt und Leichtathletikwettkämpfe ausgetragen. 1938 wurde ich ausgewählt, das war eine große Ehre für mich, um zur bayerisch-jüdischen Meisterschaft in Augsburg zu fahren. Damals war ich ein dreizehnjähriger Junge. Ich bin für die jüngste Gruppe gestartet und wurde Zweiter im 75-Meter-Lauf, das war für mich ein großes Erlebnis. Wir alle waren Mitglieder bei diesen jüdischen Sportclubs und haben dort bis zum Jahre 1938 eine ziemlich gute Zeit gehabt. Wir gingen auf die jüdische Schule und verbrachten die Sommerferien noch bis 1938 in jüdischen Kinderheimen, z. B. im Schwarzwald. Dieses Heim lag abseits, sodass wir keinen Kontakt zur Bevölkerung hatten; wir Kinder waren da noch ziemlich glücklich.

Ich glaube, das erste Mal, wo ich eine Veränderung bemerkt habe, war im August 1938, als die Synagoge abgebrochen wurde. Das war einige Wochen nach meiner Bar Mizwa Feier, die war am 23. Juli 1938, und einige Wochen zuvor standen Artikel im Stürmer über den »Schandfleck« von Nürnberg, das war die Synagoge. Am Tag meiner Bar Mizwa hatte sich eine Gruppe von Leuten, die wohl den Stürmer-Artikel gelesen hatten, vor der Synagoge versammelt, um sich diese »Fremdkörper« anzuschauen. Sie kamen einfach an der einen Seite rein – sie waren allerdings sehr anständig und respektvoll, nahmen ihre Hüte ab, es war ja für sie eine Kirche –, gingen bis zum Thoraschrein vor und auf der anderen Seite wieder zurück. Niemand hat ein böses Wort deswegen gesagt, aber es dauerte ungefähr eine halbe oder dreiviertel Stunde und der Gottesdienst konnte nicht beginnen. Also hing der Rabbiner Dr. Hans Andorn, der später ums Leben gekommen ist, ein Schild draußen hin »Besuchszeiten zwischen zwei und vier nachmittags!« und siehe da, die gehorsame deutsche Bevölkerung ist wieder abgezogen und der Gottesdienst konnte beginnen. Das war natürlich für einen dreizehnjährigen Jungen eine besonders aufregende Angelegenheit, die ich nicht vergessen habe. Und kurz nach meiner Bar Mizwa wurde die Synagoge abgebrochen. Das ist mir heute noch ganz besonders im Gedächtnis, wie oben die Kuppeln abgetragen wurden und anschließend ist das ganze Gebäude sehr schnell verschwunden. Es wurde nicht gesprengt, es wurde nicht verbrannt, es wurde einfach Stein für Stein abgebrochen. Ich glaube, für mich war das der Anfang vom Ende, das habe ich bis heute nicht vergessen.

Meine Mutter war eine große Sportlerin, sie ist viel geschwommen und hat auch Tennis gespielt. Jede Woche ist sie mit mir an den Dutzendteich gefahren, um dort zu rudern. Eines Tages, es muss nach 1933 gewesen sein, kamen wir dorthin und da stand ein Riesenschild: »Juden Zutritt verboten!« Am städtischen Schwimmbad in Nürnberg, das war hinter dem Plärrer, da war auch ein solches Schild. Die meisten öffentlichen Stellen hatten diese Schilder angebracht. Nur nicht am Tiergarten in Nürnberg. Da habe ich nie solche Schilder gesehen. Daher gingen wir oft in den Tiergarten.

An die Stürmer-Kästen kann ich mich noch sehr gut erinnern, ich weiß auch, dass ich den Stürmer dort gelesen habe. Das war vielleicht nicht ganz richtig von mir, aber ich habe ihn trotzdem gelesen. Da standen lauter wirre Geschichten drin, die nicht wahr waren. An einzelne Sachen kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern. So Zeichnungen waren auch da drin, von Juden und lauter so Sprichwörter, z. B. »Trau keinem Juden bei seinem Eid!« Ich erinnere mich, dass diese Zeitung einen großen Einfluss hatte, wahrscheinlich nicht nur auf Nürnberg und auf Bayern, sondern wahrscheinlich auf ganz Deutschland. Das war, denke ich, die schlimmste von allen Zeitungen.

Mein Vater war Kaufmann und konnte sein Geschäft noch bis 1938 betreiben. Er hatte das Leder- und Spielwaren-Geschäft von seinem Onkel übernommen. Das war in der Wurzelbauerstraße, ich glaube Nr. 26. Ich erinnere mich noch, wie der Fuhrmann mit Wagen und Pferd kam und große Kisten abgeholt hat. Für mich war es das größte Vergnügen, mit dem Fuhrmann ein wenig herumzufahren, wenn der Kutscher mit der Peitsche die Pferde dirigiert hat. Mein Vater hat, soweit ich mich erinnern kann, sein Geschäft zu einem halbwegs anständigen Preis verkauft. Meine Eltern besaßen auch ein schönes Haus in Nürnberg am Luitpoldhain, und ich glaube, sie haben auch das zu einem besonders guten Preis verkauft.

Mein Vater hatte ganz großes Glück, er wurde nie verhaftet und war nie in Dachau oder in einem anderen Lager. Am 9. November 1938 haben meine Eltern von ihrer Wohnung in der Frommannstraße aus beobachtet, wie da gegen Mitternacht oder später, ich glaube es war die SA, angefangen hat, das Haus des Bankiers Kohn zu zerstören. Und als sie fertig waren, kamen sie zu uns und zerstörten einen sehr großen Teil unserer Möbel. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass meine Mutter zu mir gesagt hat: »Bleib im Bett liegen!« Sie war sehr klug. Als die Leute dann ins Kinderzimmer stürmen wollten, meinte sie: »Da schläft mein Kind!« und sie haben uns dann wirklich in Frieden gelassen, haben uns nicht angefasst. Unsere Verwandten in Ober- und Unterfranken, auch in Erlangen, wo meine Tante wohnte, sie wurden alle mehr oder weniger aus ihren Häusern gejagt.

Nach monatelanger Korrespondenz mit Verwandten in Amerika gelang es meinen Eltern, die nötigen Bürgschaften und damit Einreisegenehmigungen in die USA sowie die Pässe zu bekommen. Das war im November 1939. Wir fuhren nachts mit dem Zug von Nürnberg nach Köln, wo wir noch zwei oder drei Tage blieben und von dort aus ging es weiter nach Holland. Holland war damals noch nicht von den Deutschen überfallen worden. Als wir die Grenze überschritten hatten, waren wir sehr erleichtert, das war wie eine Erlösung. Drei oder vier Tage später gingen wir auf ein holländisches Schiff und kamen über England nach Amerika. Die Reise war gefährlich, denn es war schon Krieg. Wir sind wirklich in letzter Minute noch aus Deutschland herausgekommen.

Die Frage, warum wir so plötzlich quasi aus dem Land gejagt wurden, mit welchem Recht?, diese Frage habe ich mir nie gestellt. Für uns war nur wichtig, dass wir das große Glück hatten, davon zu kommen. Hier in Amerika ging es damals darum, schnell Fuß zu fassen, Arbeit zu bekommen und eine neue Existenz aufzubauen. Ich war ja erst vierzehn Jahre alt und besuchte dann die High School, außerdem habe ich Zeitungen ausgetragen, um ein paar Dollar zu verdienen. Mein Vater hat in New York am Anfang im jüdischen Krankenhaus gearbeitet, er reinigte die Operationssäle. Meine Mutter war klugerweise in Fürth als freiwillige Krankenschwester im jüdischen Krankenhaus tätig gewesen. Wahrscheinlich hatten meine Eltern gehört, dass man als Krankenschwester gute Chancen in Amerika hatte, besonders als Kinderkrankenschwester. Meine Mutter hat dann hier einige Jahre genau in dem Beruf gearbeitet. So hat man halt wieder von ganz unten anfangen müssen. Mein Vater war vorher selbstständiger Kaufmann und für ihn war es ganz besonders wichtig, wieder ein eigenes Geschäft in derselben Branche zu gründen, was ihm dann auch gelang. Heute betreibt mein Sohn die Firma »MEINHARDT – Importers of Personal Accessories« in der dritten Generation.

Ich bin dann in die US-Army eingetreten, wie viele andere junge jüdische Männer auch, weil wir das Gefühl hatten, dass wir dem Land, das uns aufgenommen und uns die Freiheit geschenkt hat, etwas zurückgeben müssten. Wir hätten wohl auch »nein« sagen können, aber dann wären wir auch nicht amerikanische Staatsbürger geworden, denn wir waren zu dieser Zeit noch feindliche Ausländer. Ob man nach Europa geschickt wurde oder in den Fernen Osten, für uns war es keine Frage. Alle meine Freunde und ich wurden amerikanische Soldaten.

Das Hauptinteresse eines jeden Soldaten, ob amerikanisch oder russisch, ist es, nicht getötet zu werden, den Krieg zu überleben. Aber es war natürlich ein besonders gutes Gefühl, dabei zu sein, um zu helfen, Deutschland zu besiegen. Ich habe mit meiner Einheit um Frankfurt gekämpft. Schließlich haben wir die Stadt eingenommen und die amerikanische Flagge gehisst. Für mich war das eine große Ehre, als deutschsprachiger Amerikaner in Frankfurt zu sein. Das muss im Februar/März 1945 gewesen sein. Als der Krieg zu Ende ging, wurde ich von der Infanteriedivision zur Militärregierung in Fürth versetzt. Eines Tages reichte der Verwalter vom Gut Pleikershof, das vormals dem Streicher gehörte, einen Bericht ein, dass Streicher, bevor die amerikanischen Soldaten gekommen waren, alle möglichen Dokumente und Bücher in einen Fluss oder Teich geworfen hätte. Der Streicher war zu dieser Zeit schon Gefangener im Justizpalast in Nürnberg. Der Prozess hatte aber noch nicht begonnen. Ich bekam den Befehl, im Justizpalast zu erscheinen. Dort traf ich auf Streicher persönlich, der Julius Streicher. Das war für mich ein unheimliches Erlebnis! Er wurde zu den Vorkommnissen am Pleikershof befragt, gab jedoch keine Antworten. Der Armee-Dolmetscher war nicht sehr gut, deshalb wollte ich selbst mit Streicher sprechen, aber man hat es mir verboten. Ich durfte natürlich keine Reaktion zeigen, ich war ein amerikanischer Soldat und man hatte uns eingebläut, uns anständig zu verhalten. Wir hatten von der Militärregierung klare Befehle: mit der deutschen Bevölkerung auskommen, uns nicht zu verlieben oder sie zu unterstützen und hundertprozentig korrekt zu sein.

Ich hatte noch ein Erlebnis mit Streicher, besser gesagt mit seiner Frau. Sie kam zu mir ins Büro und wollte ihr Gut, den Pleikershof, zurückhaben, auf dem damals schon ein Trainingscamp für jüdische Jugendliche eingerichtet worden war. Ich habe zu ihr gesagt: »Sie kommen zur richtigen Zeit. Wir sind gerade dabei, die neue Synagoge in Fürth einzuweihen. Gehen Sie bitte mit mir, ich zeige Ihnen genau, wo sie ist und die nächsten 14 Tage werden Sie die Synagoge auf Knien sauber machen.« Was sie dann auch wirklich getan hat. Ich bin jeden Tag hingefahren und habe zugeschaut, ob sie es auch wirklich macht. Das war kein großer Sieg, aber sehr befriedigend für mich.

Meine Eltern hatten einer Frau vor ihrer Abreise nach Amerika eine Keksdose mit einigen Schmuckstücken und einiges Andere zur Aufbewahrung anvertraut. Als ich 1945 zurückkam, hat mir die Frau, obwohl ihre Familie zweimal ausgebombt wurde, das Paket sofort wieder zurückgegeben. Ich habe diesen Leuten damals auch eine Kleinigkeit geschenkt, als Anerkennung und ich bin sehr dankbar für diesen Freundschaftsbeweis und stehe noch heute in Kontakt mit ihnen. Für mich sind diese Dose und der Schmuck Erinnerungsstücke an meine Eltern und an Deutschland.

Ich fühle mich schon lange als ein Deutsch-Amerikaner mit deutsch-jüdischer Abstammung. Ich weiß, dass meine Religion jüdisch ist und ich ein amerikanischer Bürger bin, der die Freiheiten in diesem Land besonders schätzt. Aber ich will hundertprozentig unterstreichen, dass ich gegenüber der heutigen, jungen deutschen Generation kein negatives Gefühl habe, da sie nicht verantwortlich ist für das, was ihre Eltern oder Großeltern oder Urgroßeltern während der Naziperiode getan haben – obwohl auch aus meiner Familie Mitglieder umgekommen sind.

Das Interview wurde im März 1999 in East Hanover (NJ) geführt. Auszug aus dem von Jim G. Tobias herausgegebenen Lesebuch, »… und wir waren Deutsche!« Jüdische Emigranten erinnern sich, Nürnberg 2009.

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