DP-Camp Giebelstadt: „Sol lebn di jidisze Medina“

„Ein Traum von Generationen wurde erfüllt“

Vor siebzig Jahren feierten die Juden in Deutschland die Gründung Israels…

Von Jim G. Tobias

„Wir alle standen in der Mitte des Camps und sangen die Hatikwa. Es war wundervoll“, erinnerte sich Hannah Modenstein. „Wir waren stolz, wir fühlten uns zu etwas zugehörig. Wir waren Menschen, wie die anderen; in all den Jahren hatten wir das Gefühl, wir wären nichts.“ Hannah Modenstein erlebte den 14. Mai 1948 im DP-Camp Föhrenwald, einen Tag, der ihr für immer im Gedächtnis blieb: „Die Gründung des Staates Israel stärkte uns enorm – soviel ist sicher! “

Nicht nur in Föhrenwald wurde die von David Ben Gurion in Tel Aviv verkündete Proklamation des jüdischen Staates enthusiastisch begrüßt. Nach rund zwei Jahrtausenden in der Diaspora hatten die Juden wieder eine Heimstatt, wie sie ihnen schon 1917 von der britischen Regierung und langjährigen Mandatsmacht in Palästina in der Balfour Declaration zugesichert worden war. Einen nicht unerheblichen Anteil an der Gründung und am Aufbau Israels hatten die Zehntausende von Überlebenden der Shoa, die von 1945 bis 1948 in den als „Wartesälen“ empfundenen Displaced Persons Camps in Deutschland ausharren mussten. Unter ihnen hatte sich der Zionismus zur dominanten Weltanschauung entwickelt, die mit der Übersiedlung nach Palästina in die Tat umgesetzt werden konnte. „Die drei Jahre des Dahinvegetierens in den Camps haben ihre Tatkraft nicht gebrochen; die Menschen sind widerstandsfähig, trotz der düsteren Umgebung, der überfüllten Quartiere, dem Mangel an Privatsphäre, des Stillstandes, und dem endlosen Warten auf eine Chance normal zu leben“, schrieb Abraham Hyman, der US-Advisor on Jewish Affairs. „Doch Sie haben Ihre Feuertaufe bestanden und Aussicht auf das ihnen versprochene normale Leben in Israel.“

Nach all den Jahren der Hoffnungslosigkeit sahen die Menschen ihre neue Heimat vor Augen. Auch wer sich mittlerweile für ein anderes Emigrationsland entschieden hatte, ließ sich von der Begeisterung anstecken. In München versammelten sich Tausende im Bereich der Möhl- und Sieberstraße. Dort hatten sich viele jüdische Einrichtungen, wie etwa das Zentralkomitee der befreiten Juden, die Hilfsorganisation American Jewish Joint Distribution Committee (JOINT), die Hebrew Sheltering and Immigration Aid Society (HIAS), das hebräische Gymnasium und das Jüdische Stadtkomitee angesiedelt. Die Trambahn, die in dieses Viertel fuhr, wurde im Volksmund scherzhaft „Palästina-Express“ genannt. In seinen Erinnerungen beschreibt JOINT-Direktor Leo W. Schwarz die Jubelfeiern am 16. Mai 1948 im Münchner Stadtteil Bogenhausen: „Singend marschierten die Juden durch die Straßen, Erwachsene und Kinder bildeten Kreise und tanzten stundenlang Hora. Es war wunderbar, diesen Sonntag erleben zu dürfen.“ Zwei Tage später fand eine Feierstunde im Prinzregententheater statt. Eine riesige Menschenmenge versuchte vergeblich in den Saal zu gelangen; Tausende standen vor dem Theater. „Zeitungsjungen verkauften eine Sonderausgabe der jiddischen Zeitung Undzer Weg, auf deren Titelblatt groß die blau-weiße Fahne Israels abgedruckt war.“ Im Saal verkündete der Präsident des Zentralkomitees David Treger unter grenzenlosem Jubel, dass nach den USA auch die Sowjetunion den Staat Israel anerkannt habe. „Ein neues Kapitel in der langen jüdischen Geschichte war aufgeschlagen worden“, stellte Schwarz mit Befriedung fest.

DP-Camp-Landsberg: „Mir sejnen do!“ Solche Umzüge von Müttern mit ihren Kinderwagen fanden in vielen DP-Camps statt. Repro: nurinst-archiv

Ebenfalls am Sonntag, dem 16. Mai, versammelten sich auf dem Kasernengelände des DP-Camps Landsberg Tausende mit blau-weißen Fahnen, Spruchbändern, Portraits von David Ben Gurion und Theodor Herzl. „Eine Musikkapelle begleitet den Aufmarsch auf dem Weg zum Kundgebungsplatz. Besondere Aufmerksamkeit erregt die lange Reihe von Frauen mit ihren Kinderwagen“, ist in der Jidiszen Cajtung nachzulesen. Auch im DP-Krankenhaus Gauting „hat die Nachricht von der Gründung des jüdischen Staats große Freude bereitet“, meldete das Blatt. „Mit Segenssprüchen und Gebeten dankten die Erkrankten dem Himmel, dass sie es noch erleben dürfen, Bürger eines jüdischen Staates zu werden.“ Das gesamte Klinikum war mit blau-weißen Fahnen geschmückt. Nach Ansprachen und einer Gedenkminute für die Toten, versammelten sich die Kranken zu einem gemeinsamen Mahl im Speisesaal. „Wir bedauern, dass wir im Moment keine Hilfe leisten können“, beklagten die Patienten in einer Erklärung. „Wir sind jedoch mit dem Herzen bei unseren Kämpfern und wünschen der jüdischen Regierung und unserer Armee Glück und Segen!“

Zum Ausklang des Schabbats, am Abend des 15. Mai, waren in der Stuttgarter DP-Siedlung an der Reinsburgstraße „viele Fenster mit Fahnen und Bildern von zionistischen Persönlichkeiten geschmückt“, sodass alles für die große Kundgebung am nächsten Tag vorbereitet war. „Punkt vier Uhr nachmittags hatten sich mehr als 2.000 Menschen auf dem ,Samuel-Danziger-Platz‘ versammelt“, berichtete die jiddische Presse. Der Auschwitz-Überlebende Danziger war 1946 bei einer brutalen Razzia der deutschen Polizei mit einem Kopfschuss getötet worden. Nach einer kurzen Totenandacht stimmte die Menge die Hatikwa an; mit dem Gesang hellte sich die Stimmung merklich auf und die große Freude über die Gründung des Staates ergriff die Menge. Auch die Kinder der „Beth-Bialik-Schule“ feierten und zogen mit Fähnchen durch die Straßen. Hadassa Kahana, eine ehemalige Schülerin erinnert sich: „Das war einer der bedeutsamsten Tage in meinem Leben. Ich kam gerade aus der Schule und alle Camp-Bewohner waren auf den Straßen und sangen die Hatikwa. Sie weinten und lachten, sie konnten es einfach nicht glauben, es erschien ihnen wie ein Wunder.“

Schülerinnen der Beth-Bialik-Schule im DP-Camp Stuttgart feiern die Gründung des Staates Israel. Repro: nurinst-archiv

In den folgenden Wochen ließen sich etwa 70 Prozent der jüdischen DPs für eine Übersiedlung nach Israel registrieren. Die Auswanderungsbüros des JOINTs und der HIAS unterstützten sie dabei mit Geld, organisierten Transporte und kümmerten sich um die nötigen Dokumente – sie leisteten jede nur erdenkliche Hilfe. Von Mai 1948 bis zum Ende des Jahres 1949 waren etwa 75.000 Juden aus Deutschland in Israel angekommen. Tausende folgten in den Jahren danach: trotz der Bedrohungslage durch die arabischen Nachbarn und der schwierigen wirtschaftlichen Situation im Lande.

Bild oben: DP-Camp Giebelstadt: „Sol lebn di jidisze Medina“ (Es lebe der jüdische Staat) lautet die jiddische Inschrift auf dem Transparent. Repro: nurinst-archiv

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