Israel treibt es bunt

Sexuelle Vielfalt wird in Israel nicht nur toleriert, sondern auch gesetzlich geschützt. Tel Aviv hat sich deshalb in den vergangenen 20 Jahren zu einem Mekka der LGBT-Community entwickelt…

Von Ralf Balke

Jeden Juni in Tel Aviv das gleich Bild. Regenbogenflaggen so weit das Auge reicht. Sogar die Bordsteine sind in den Symbolfarben der LGBT-Community, also der Lesben, Gays, Bisexuellen und Transgender, angepinselt. Und am Tag des Tel Aviv Pride, hebräisch Ga’ava, selbst, der traditionell an einem Freitag stattfindet und mit Einbruch des Schabbats endet, befindet sich die gesamte Stadt im Ausnahmezustand. So gut wie alle wichtigen Straßen werden dann für den Verkehr gesperrt – schließlich nehmen mittlerweile bis zu 200.000 Menschen an der Parade teil, was für Polizei und Sicherheitskräfte regelmäßig eine Herausforderung ist. Und aufgrund seiner Magnetwirkung für schwule und lesbische Touristen aus aller Welt hat mittlerweile auch die Stadtverwaltung die Riesenparty als Instrument entdeckt, um die Metropole international zu vermarkten. Aber es geht um mehr. „Die Parade in Tel Aviv ist mehr als eine große Feier“, bringt es Bürgermeister Ron Huldai auf den Punkt. „Sie ist zugleich eine große Solidaritätsbekundung. Schließlich soll Tel Aviv, das längst im Ruf steht, die LGBT-freundlichste Stadt der Welt zu sein, auch in Zukunft eint Leuchtturm sein, der das Licht von Werten wie Freiheit, Toleranz und Demokratie verbreitet.“

Auch wenn man die Wortwohl des Bürgermeisters als etwas pathetisch empfinden kann, falsch ist sie nicht. Denn außerhalb Israels sieht es in Sachen LGBT-Rechten finster aus. Das beginnt bereits in den Palästinensischen Autonomiegebieten, wo Schwule und Lesben in ständiger Angst vor Verfolgung und Repression leben müssen. In Jordanien oder Ägypten sind gleichgeschlechtlich Liebende ebenfalls Repressionen ausgesetzt. Und im Iran droht männlichen Homosexuellen sogar die Todesstrafe. Allenfalls in Beirut im Libanon hat sich eine Szene entwickeln können, die aber den Mullahs der Hiszbollah, den faktischen Herrschern im Lande, zunehmend ein Dorn im Auge ist. Auch in Israel sollte es viele Jahre dauern, bis gelebte sexuelle Vielfalt toleriert und gesetzlich geschützt wurde. Dafür war der Einsatz zahlreicher Einzelpersonen und Gruppen notwendig. So wie Shulamit Aloni, die in den 1980er Jahren mit ihrer Bürgerrechtspartei, aus der später die linkszionistische Partei Meretz werden sollte, das Thema Gleichstellung von Homosexuellen überhaupt in die politische Arena brachte. Oder Yael Dayan, Tochter des legendären Generals und Politikers Moshe Dayan, die als Abgeordnete der Arbeiterpartei 1993 in der Knesset eine bewegende Rede hielt, in der sie Passagen aus der Thora zitierte, die sich um König Davids Beziehung zu Jonathan, dem Sohn von König Shaul, drehen und ohne viel Phantasie als schwule Love-Story deuten lassen. Die Vertreter der religiösen Parteien zeigten sich jedenfalls nicht begeistert.

Zudem waren homosexuelle Akte auch kriminalisiert – offiziell zumindest. Unmittelbar nach der Staatsgründung 1948 hatte man den Buggery Act 1533, der von den Briten während der Mandatszeit eingeführt wurde, wodurch „unnatürliche sexuelle Akte“ unter Strafe stehen sollten, in die israelische  Rechtsprechung mit aufgenommen. Theoretisch hätten jedem oder jeder bis zu zehn Jahren Gefängnis drohen können, der oder die gleichgeschlechtlich liebte. Aber das Gesetz kam nie zur Anwendung. Und das sogar auf allerhöchsten Befehl. So gaben die israelischen Generalstaatsanwälte 1953 und 1972 ausdrücklich Anweisung, den entsprechenden Paragraphen bei einvernehmlichen Geschlechtsverkehr zwischen Volljährigen einfach nicht anzuwenden. Abgeschafft wurde diese Regelung jedoch auch nicht, weil keine der großen Parteien potenzielle Koalitionspartner aus den Reihen der Orthodoxen vergraulen wollte, die traditionell zu den lautesten Gegnern einer gesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexuellen zählten. Deshalb kann die 40-jährige Existenz eines Gesetzes, das explizit nicht umgesetzt werden sollte, als eine der Absurditäten der israelischen Rechtsgeschichte betrachtet werden. Oder – je nach Sichtweise – als Musterbeispiel eines sehr pragmatischen Umgangs mit dem Thema.

Erst 1988 sollte der Paragraph endgültig gestrichen werden. Natürlich geschah das nicht ohne gesellschaftlichen Druck. So wurde bereits 1975 von elf Männern und einer Frau in Tel Aviv die heute als Union der Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender in Israel firmierende NGO, besser bekannt als Aguda, ins Leben gerufen. Man verstand sich als ein „nationale Taskforce, die von der israelischen Gesellschaft als Repräsentant der homosexuellen Community anerkannt“ werden sollte. Deshalb konnte man 1982 eine erste Telefon-Hotline, Hakav HaLavan, zu deutsch: die Weise Linie, einrichten, um Menschen in Not mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Und um auf sich und ihre Belange aufmerksam zu machen, hatte die Aguda bereits ab 1977 verschiedene kleine Events organisiert, die als zarte Anfänge der Pride Parade von heute gedeutet werden können. Zudem hatte auch die Aidskrise Israel erreicht, woraufhin 1985 die ersten Initiativen gegründet wurden, um Aufklärungsarbeit zu leisten, weshalb das Thema Homosexualität und Sex nun in einem breiten öffentlich Raum Einzug fand und stärker diskutiert wurde.

Nun erfolgte die Gleichstellung Schritt auf Schritt –meistens via Gerichtsurteil: So klagte 1989 Jonathan Danilovitch gegen El Al und forderte, dass die Fluggesellschaft ihn als Partner eines verstorbenen Mitarbeiters genauso behandeln muss wie heterosexuelle Hinterbliebene. 1994 entschieden die Richter zu seinen Gunsten. 1990 wurde der Film des jungen Regisseurs Eytan Fox, der sich um Homosexualität und Armee drehte, von der Universität Tel Aviv ausgewählt, um Israel am Internationalen Studentenfilm Festival zu vertreten. Und von enormer Bedeutung für die israelische Gesellschaft: 1993 führte die israelische Armee eine ganze Palette neuer Gesetze ein, die eine Gleichbehandlung von homosexuellen Rekruten garantieren sollten. Im selben Jahr organisierte die Aguda einen Konvoi von vierzehn Fahrzeugen, die laut hupend, mit kräftiger Musikuntermalung und mit Regenbogenflaggen bestückt, die Dizengoff Straße in Tel Aviv hoch und runterfuhren – die Pride Parade war endgültig geboren. Last but not least gewann die transsexuelle Sängerin Dana International 1998 den Eurovision-Wettbewerb für Israel, woraufhin zehntausende Israelis zu einer spontanen Party auf dem Rabin Platz in Tel Aviv zusammenkamen, und die Fahnen der Stadt vor dem Rathaus durch die Regenbogenflaggen ausgetauscht wurden, was der Polizei damals überhaupt nicht gefiel.

2000 verabschiedete die Knesset zahlreiche Antidiskriminierungsgesetze. 2002 zog mit Professor Uzi Even der erste offen schwule Abgeordnete für Meretz in die Knesset und seit 2008 dürfen schwule und lesbische Paare Kinder adoptieren. Nach einem Gerichtsbeschluss von 2009 sogar nachträglich: Uzi Even und sein Partner Amit Kama konnten so ihr mittlerweile 30-jähriges Pflegekind Yossi endlich als Adoptivsohn anerkennen lassen. Nur mit dem Heiraten wird es wohl nicht so schnell klappen. Der Grund: In Israel gibt es keine Zivilehen. Eheschließungen sowie alle anderen standesamtlichen Angelegenheiten unterliegen der Autorität der einzelnen Religionsgemeinschaften. Aber seit 2006 gibt es für homosexuelle Paare immerhin die gleiche Option wie für heterosexuelle, die entweder bewusst keine religiöse Hochzeit haben wollen, oder aber die Partner unterschiedlicher Religionszugehörigkeit sind: Wer im Ausland heiratet, kann seine Ehe beim Innenministerium trotzdem eintragen lassen und hat entsprechend alle Rechte und Pflichten wie ein Paar, das von einem Rabbi, Pfarrer oder Imam getraut wurde. Damals hatten fünf homosexuelle Paare, die in Kanada, wo die Ehe zwischen Homosexuellen schon seit einigen Jahren gang und gäbe war, auf Anerkennung ihres Status in Israel geklagt und Recht bekommen.

Shira Banki s“l

Männer, die mit Männern Hand in Hand laufen, gehören zwar zum Straßenbild in Israel dazu, ebenso wie kuschelnde Frauen am Strand oder im Café. Doch gilt das vor allem für die großen Städten wie Tel Aviv oder Haifa. In Jerusalem tut man es sich aufgrund des hohen arabischen sowie orthodoxen Bevölkerungsanteil eher schwer damit. Zwar gibt es dort auch seit 2002 eine Parade, doch aufgrund zahlreicher Proteste nur unter erschwerten Bedingungen. Rechtsextreme Aktivisten wie Baruch Marzel oder Hillel Weiss riefen deshalb auch schon mal zu einem „Heiligen Krieg“ gegen die Teilnehmer auf. Und 2015 attackierte auf dem Jerusalem Pride Yishai Schlissel, ein orthodoxer Mann, der bereits 2005 aus dem gleichen Grund für mehrere Jahre ins Gefängnis kam, sechs Jugendliche mit einem Messer. Die 16jährige Shira Banki starb kurz darauf an ihren Verletzungen.

Doch wie üblich ist in Israel vieles komplizierter. Nicht alle Religiösen verschließen sich dem Thema Homosexualität. Symptomatisch ist die Haltung des eigentlich ultrarechten Knesset-Abgeordneten und Rabbiner Yehuda Glick, der überraschenderweise für eine Akzeptanz von Schwulen und Lesben plädiert. Auch Yigal Guetta, für die sephardisch-orthodoxe Schass-Partei im Parlament, ließ sich auf der Hochzeit seines schwulen Neffen blicken, womit er sich aber reichlich Ärger einhandelte. Sein Parteikollege und Innenminister Aryeh Deri drängte ihn deshalb zur Abgabe des Mandats. Und Ex-Gesundheitsminister Shlomo Benizri, ebenfalls Schass, hatte schon einmal „homosexuelle Aktivitäten wie sie im Lande praktiziert werden“ als Grund für ein leichtes Erdbeben in der Region genannt. Für die LGBT-Community herrscht also nicht nur Partystimmung im Land.

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