„Der KZ-Friedhof sollte auch mein Grab sein“

Kurt Messerschmidt, Überlebender des „Todesmarsches“ nach Surberg, mit 102 Jahren verstorben…

Vergangene Woche erreichte den Traunsteiner Kreisverband der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-BdA eine traurige Nachricht: Kurt Messerschmidt ist am 12. September in einer Klinik seiner Heimatstadt Portland im US-Bundesstaat Maine, verstorben. Er wurde über 102 Jahre alt und war der letzte Überlebende des Todesmarsches von KZ-Häftlingen, der am 3. Mai 1945 bei Surberg, wenige Stunden vor der Befreiung, mit einem Massaker von SS-Männern endete.

Kurt Messerschmidt hatte damals unglaubliches Glück: Er konnte in der Nacht vorher aus dem Stall im Brunnerbräukeller in Traunstein fliehen, in dem die völlig entkräfteten Häftlinge nach tagelangen Märschen die Nacht verbringen sollten. Er schlug sich bis zu einem Bauern in Surberg durch und fand dort im Kuhstall Unterschlupf. Am Tag darauf erlebte er die Befreiung vom Naziterror durch die amerikanischen Soldaten. Messerschmidt blieb noch einige Zeit in Surberg, erteilte auf Anraten des Pfarrers Englisch-Unterricht, ging dann aber nach München, um etwas über das Schicksal seiner Angehörigen zu erfahren.

Messerschmidt, am 2. Januar 1915 nahe Berlin in einer jüdischen Familie geboren, arbeitete als Lehrer in einer jüdischen Schule bis zu deren Schließung 1942. Ein Jahr später wurden seine Familie und seine Verlobte Sonja ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Kurt und Sonja konnten noch heiraten, wurden aber dann getrennt, weil Kurt mit Bruder und Mutter ins KZ Auschwitz transportiert wurden. Die Mutter wurde ermordet, aber Kurt – und wie er später erfuhr – auch sein Bruder überlebten die Zwangsarbeit in verschiedenen Lagern.

Und noch einmal erlebte Kurt Messerschmidt einige Monate später unglaubliches Glück: In München, wo er, ausgestattet mit einer phänomenalen Tenorstimme, als Solist mit dem Münchner Rundfunkchor auftrat, entdeckte er unter unzähligen Suchmeldungen an der Anschlagtafel der Jüdischen Gemeinde auch den Zettel seiner Frau Sonja. Im September 1945, am Yom Kippur-Tag, dem höchsten jüdischen Feiertag, konnte Kurt seine Frau wieder in die Arme schließen – genau ein Jahr nach der Trennung im Lager Theresienstadt.

Fünf Jahre später wanderten beide in die USA aus, bedingt auch durch das öffentliche Klima der frühen Bundesrepublik, das von der Nazivergangenheit wenig wissen wollte und in dem alte Nazis wieder in Amt und Würden kamen. Sie ließen sich in Portland nieder, wo Kurt eine Stelle als Kantor bei der Jüdischen Gemeinde Temple Beth El erhielt. Hier konnte er über drei Jahrzehnte hinweg Gesang und Lehrtätigkeit verbinden und damit einer Verpflichtung nachkommen, die er als Überlebender des Holocaust empfand: Mit Musik und Unterricht zum Nachdenken und zum Engagement beizutragen.

2010 musste er den Tod seiner Frau Sonja, der Liebe seines Lebens, hinnehmen, getröstet von Sohn und Tochter und Enkelkindern.

Engagiert blieb er bis zuletzt. So freute er sich besonders darüber, dass er auch wieder Kontakt in die Traunsteiner Gegend fand. Bereits 1985 hatte er mit einer Ansprache bei der Gedenkfeier in Surberg mitgeholfen, diese Erinnerung auch bei uns wachzuhalten (Nachzulesen in: Gedenkfeiern gegen das Vergessen. Der KZ-Friedhof in Surberg, Liliom-Verlag).

30 Jahre später stellte er in seinem schriftlichen Grußwort fest: „Der KZ-Friedhof sollte auch mein Grab sein; … er ist aber auch Zeugnis für unbeugsamen Willen und Wegweiser für eine bessere Zukunft.“ Die vielen Unterschriften von Teilnehmern dieser Gedenkfeier 2015 für ein Glückwunschschreiben in die USA berührten Messerschmidt sehr und lagen immer sichtbar auf seinem Schreibtisch, wie er letztes Jahr schrieb. Sie waren für ihn eine Verbindung zu all jenen Menschen, „deren Ziel eine Welt in Frieden und mit Gerechtigkeit für alle“ ist.

Foto oben: Sonja und Kurt Messerschmidt, Abbildung aus dem Buch „Gedenkfeiern gegen das Vergessen. Der KZ-Friedhof in Surberg„, Liliom-Verlag

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