„Wir waren schon verurteilt aufgrund unserer ethnischen Herkunft“

Ansprache des Holocaust-Überlebenden Peter Höllenreiner, anlässlich der Gedenkveranstaltung am 2. August 2017, dem internationalen Tag des Gedenkens an den Holocaust der Roma und Sinti, im ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau…

– es gilt das gesprochene Wort –

„Liebe Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz,
liebe Angehörige von Opfern des Holocaust,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Freunde und Gäste!

Mein Name ist Peter Höllenreiner. Ich bin am 17. März 1939 in München geboren. Ich war gerade vier Jahre alt, als ich zusammen mit meiner Familie nach Auschwitz Birkenau verbracht wurde. Ich hatte die KZ-Nummer Z 3531.

Der 8. März 1943 war der Beginn einer zweijährigen Schreckenszeit, zwei Jahre des willkürlichen Mordens von Menschen, gleich ob sie alt oder jung waren. Zwei Jahre, in denen uns unsere Würde und Achtung genommen wurden. Die Tötungsmaschinerie in Auschwitz-Birkenau traf jeden.

Ich weiß noch, wie ich als Kind mit meinem Kopf auf dem Schoß meiner Mutter schlief. Nicht, weil ich schlafen wollte, sondern weil meine Mutter dort ein paar Brotkrumen hatte. Mit meiner Wange konnte ich diese Brotkrumen spüren. Das gab mir die Sicherheit, dass ich nicht verhungern werde.

Meine Damen und Herren, unsere Familien wurden allein wegen unserer Abstammung  als Sinti vergast, verbrannt, gedemütigt, angespuckt, gequält, was ich bis heute nicht begreife.

Als wir im Mai 1945 gerettet wurden, war das keine Kapitulation Deutschlands, sondern eine Befreiung aus einer Gewaltherrschaft. Als Erwachsener wollte ich die Zeit vergessen. Ich habe mir die KZ-Nummer entfernen lassen, weil ich an eine chancenreiche Zukunft geglaubt habe. Aber die systematische Ausgrenzung und Ungleichbehandlung gegenüber Sinti und Roma ging bis zum heutigen Tag weiter, ja, sie ging bis zum heutigen Tag weiter. Wir wurden von den Behörden und Amtsärzten um unsere Wiedergutmachungen betrogen. Ich wurde unbegründet verdächtigt und Richtern vorgeführt, die dann meinten: Ich habe die Schlechtigkeit schon von der Mutterbrust eingesaugt, ja, meine Damen und Herren, Ich habe die Schlechtigkeit schon von der Mutterbrust eingesaugt.“ Mein Lehrer, Herr Haas hieß er, ließ mich nur auf der letzten Bank sitzen, ignorierte oder schlug mich mit dem Stock auf die Handrücken, gerade wie er gelaunt war. Wir Sinti-Kinder waren in Schulen nicht erwünscht. Wir wurden in Sonderschulklassen untergebracht.

Wir waren schon verurteilt aufgrund unserer ethnischen Herkunft. Es war an der Tagesordnung, von der Polizei durchsucht oder verdächtigt zu werden. Meine Abstammung als Sinto reichte aus, rechtswidrige Gewalt gegen mich auszuüben – und nicht nur gegen mich, sondern gegen sämtliche Sinti und Roma. Es ist kaum zu ertragen, mit welcher Intensität die Medien uns Sinti und Roma auch heute noch unter Generalverdacht stellen. Demgegenüber werden Opfer aus unserer Minderheit verschwiegen, wie etwa im letzten Jahr im Zusammenhang mit dem Amoklauf in München oder beim Brandanschlag am 2.11.2016 in München. Sie sind nicht mit einem einzigen Wort in den Medien erwähnt worden, nicht mit einem einzigen Wort.

Der Ideenreichtum für neue Wörter, um uns nicht als Sinti oder Roma zu akzeptieren, ist enorm. In Deutschland kursiert die sarkastische Fremdbezeichnung „Rotationseuropäer“, um uns einen Wandertrieb zu unterstellen. Dass wir ständig vertrieben wurden, wird nicht erwähnt. Der Rassismus und Antiziganismus gegen Sinti und Roma in Europa ist noch lange nicht besiegt, im Gegenteil: Alte Vorurteile und Klischeebilder sind wieder im Aufschwung und wir erleben erneut rechtsradikale Strömungen. Deswegen habe ich mir die KZ-Nummer wieder eintätowieren lassen. Allerdings habe ich statt dem „Z“ ein „J“ vor die Nummer gesetzt, weil ich großmütterlicherseits auch jüdische Wurzeln habe.

Liebe Gäste. Es tut mir weh, mit anzusehen, wie Menschen aus anderen Ländern kommen, um eine neue Existenz aufzubauen oder hier studieren wollen, Ausgrenzung  erfahren, diskriminiert werden, sie als Menschen zweiter Klasse behandelt werden, nur weil sie Roma sind.

Eine Ungleichbehandlung in nahezu allen wichtigen Lebensbereichen gehört noch immer zum Alltag vieler Sinti und Roma. Ich appelliere an alle hier Anwesenden, an unsere Sinti und Roma sowie auch an die Vertreter der Länder, gemeinsam um ein gleichberechtigtes Dasein aller Menschen zu kämpfen, sich mit Roma und Sinti solidarisch zu erklären und uns endlich als gleichwertig mit allen Menschen anzuerkennen.

Wir können es gemeinsam schaffen, wenn wir uns dafür entscheiden. 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“

Bild oben: (c) Alexander Diepold

Weitere Informationen zu Sinti und Roma siehe:

Die „Zigeuner“-Komposita im deutschen Lexikon (1935-2016)

„Nur mit Vorbehalt zu den Ariern zu rechnen“

Der Völkermord an den Sinti und Roma auf Youtube

Zum Tod des Münchner Holocaust-Zeitzeugen Hugo Höllenreiner

Auszeichnung für Holocaust (Pharrajimos) Überlebender Hugo Höllenreiner

3 Kommentare zu “„Wir waren schon verurteilt aufgrund unserer ethnischen Herkunft“

  1. @zeitgenosse:

    auch die leichte Relativierung zum Schluß macht es nicht besser.

    „denn Antiziganismus ist ein echtes, ja, ein brennendes, Problem für die Deutschen“; „Aber die Deutschen sind eben zu gedankenlos, zu gleichgültig, zu stolz, um sich einmal ernsthaft mit diesem Thema zu befassen.“

    Diese Äußerungen zu einer Problematik, die (auch) deutsche Sinti und Roma betrifft sind gefährlich.

    Hier wird von Ihnen aktiv dieser Teil der deutschen Bevölkerung separiert:

    Deutscher ist, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt Punkt!

    Alles Andere spielt -auch ungewollt- viele Bälle in die falsche Richtung.

    Meiner Meinung nach.

  2. Wenn es in den Medien um Rechtsextremismus und gewalttätige, fremdenfeindliche Übergriffe ging, konnte sich bisher die Mehrheit der Deutschen mit dem Gedanken im Kopf „Betrifft mich nicht. Sind doch nur ein paar wenige Durchgeknallte, die gibt’s in jedem Land“ bequem zurücklehnen und nach ihrem Bier greifen.

    Bei Antiziganismus hingegen kann sich nur eine verschwindende Minderheit der Deutschen entspannt und guten Gewissens zurücklehnen, denn Antiziganismus ist ein echtes, ja, ein brennendes, Problem für die Deutschen. Regelmäßig outen sich zwei Drittel bis vier Fünftel von ihnen als mehr oder weniger obsessive Sinti-und-Roma-Hasser.
    (obsessiv – im Sinne von: besessen)

    Das Bild von der offensichtlich faulen, bettelnden „Zigeunerin“ am Bahnhof, die dem Sozialstaat zur Last fällt, und schmarotzt, anstatt aktiv zur Erhöhung des Bruttosozialprodukts beizutragen, dieses Bild kriegt die Mehrheit der Deutschen aus ihren Herzen und Hirnen nicht raus.

    Dabei gibt es so viele Gegenbeispiele. Man muss nur die Augen auf machen.

    Peter Höllenreiner, der die Rede in Auschwitz gehalten hat, zum Beispiel, der hatte es nie nötig zu betteln, oder den Staat um Almosen anzugehen. Im Gegenteil. Er war ein erfolgreicher Münchner Geschäftsmann, in der Kunst- und Antiquitätenbranche tätig und geachtet bei Kunden wie Kollegen. Ganz genauso die Betreiber und Mitarbeiter zahlreicher Wies’nbetriebe. Alte, eingesessene Familien, die sich ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts verdienen, die Steuern zahlen, wie andere deutsche Selbständige auch. Oder der junge Sinto-Rapper aus der Unterschicht. Er probte und textete fleißiger als seine Altersgenossen und er hatte Erfolg, Musikfirmen stehen bei ihm Schlange. Andere Sinti sind Polizisten, Anwälte oder Politiker.

    Aber die Deutschen sind eben zu gedankenlos, zu gleichgültig, zu stolz, um sich einmal ernsthaft mit diesem Thema zu befassen. Es ist bequemer die alten Vorurteile zu bedienen und das zu glauben, was ‚alle‘ glauben.

    Höllenreiner hat recht, wenn er die deutsche Gesellschaft nicht begreift. Man kann so viel Ignoranz (gepaart mit Arroganz) auch nur schwer begreifen.

    Erst kürzlich berichtete mir Peter Höllenreiner wieder davon, wie er in München in der U-Bahn oder in der Tram von Einheimischen feindselig angegafft und manchmal mit unzweideutigen Äußerungen beleidigt wird: „Nur weil ich eine dunklere Hautfarbe habe.“

    Schämt Euch, Ihr Deutschen, schämt Euch, Ihr Mehrheit der Deutschen!

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