Das peacecamp Projekt

Ein Blick hinter die Mauern des Vertrauten und des Fremden…

Evelyn Böhmer – Laufer
Initiatorin und Leiterin des Projekts peacecamp

Das peacecamp Projekt entstand aus einem emotionalen Motiv – der Weigerung, mich damit abzufinden, dass der Nahost-Konflikt unlösbar wäre, dass Araber und Juden einander für immer bekriegen würden, das Blutvergießen niemals ein Ende nehmen würde.

Zwanzig Jahre hatte ich in Jerusalem gelebt. Ich hatte den Besuch Sadats in Jerusalem miterlebt, den Friedensschluss Begins mit Sadat, den Händedruck Rabins mit dem König von Jordanien, den zwischen Rabin und Arafat gesehen, und war, wie viele, davon überzeugt, dass ein umfassender Friede zwischen Juden und Arabern auf dem für beide Völker so wichtigem Boden möglich und sogar in Reichweite war.

In den 90er-Jahren lebte ich mit meiner Familie wieder in Wien. Die Berliner Mauer war gefallen, die Utopie eines freien, geeinten Europas wurde Wirklichkeit; der sogenannte Oslo Friedensprozess zeichnete eine „Roadmap“ zu einer israelisch-palästinensischen Zweistaatenlösung. Immer wieder jedoch scheiterten zunächst hoffnungsvoll begonnene Friedensverhandlungen; mit jedem Rückschlag kam es zu einer neuerlichen Eskalation der Gewalt zwischen Israel und Palästinensern. 

Zur Jahrtausendwende war man von einem Frieden weit entfernt; es tobte die Intifada. Ein Bombenanschlag riss Café Moment, wo ich oft eingekehrt war, in die Luft; 11 Menschen zwischen 22 und 30 Jahren fanden dabei den Tod. Ich rief meine Freunde in Israel an, um zu erfahren, wie es ihnen ging: Eine Freundin schilderte mir das morgendliche Abschiednehmen von den Kindern am Weg zur Schule so: „Sie laufen runter, ‚bye, Mama!‘ – ich aber schau ihnen vom Balkon nach und präge mir ein, was jedes Kind anhat, um es im Notfall identifizieren zu können“.

Selbstmordanschläge auf Schulbusse, Diskos, Veranstaltungssäle, Märkte waren Teil des Alltags. Mit dem Mord an Rabin fand das, was wir als Friedensprozess idealisiert hatten, ein Ende. In Camp David II versuchte sich Bill Clinton noch einmal als Mediator zwischen Palästinenserführer Arafat und dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak; zwar kam man mit möglichen Zugeständnissen und Kompromissen ganz gut voran, doch knapp vor Abschluss brach alles wieder in sich zusammen; das Fernsehen übertrug grauenvolle Bilder von eskalierender Gewalt in Israel und der Westbank. Ich spürte den Wunsch, ein paar Kindern eine Auszeit von der Gewalt, ein paar Müttern eine Erholung von der ständigen Sorge um ihre Kinder zu ermöglichen.

„Die Friedensmacher von morgen muss man erst machen“ sagte ich einmal beiläufig, in einem der zahlreichen Gespräche, die wir im Bekanntenkreis führten. Denn die Bemühungen um einen Frieden, oft hoffnungsvoll begonnen, scheiterten immer wieder kurz vor ihrem Abschluss; ich sah in dieser Wiederholung ein Symptom – Symptom der schweren, nicht aufgearbeiteten Traumatisierung, die in der Geschichte beider Völker, des jüdischen wie des palästinensischen, verankert war. Hier die nicht versorgte, noch vernarbte, vor allem aber nicht ansprechbare Wunde des Holocaust, aus dem der Staat Israel hervor gegangen war, um dann in einer defensiven, trotzig-stolzen „niemals wieder“-Haltung zu erstarren, dort die als „Katastrophe“ (Nakba) empfundene Invasion der Juden in das Land Palästina, in dem erst Jahrzehnte später so bezeichnete Palästinenser ihre Befreiung von fremden – jordanischen, britischen, jüdischen – Mächten anzustreben begannen. Der sich unter den Vorzeichen schwerer, nicht aufgearbeiteter nationaler Traumata vollziehenden Suche nach nationaler Identität und Selbstbestimmung steht beiden Völkern die ihnen von der Geschichte auferlegte Symbiose im Weg, aus der sich keines der beiden lösen kann, der beide mit primitiven Abwehren – Projektion, projektiver Identifizierung, Neuinszenierung von Gewalt – begegnen, und so die Spaltung in Gut und Böse, in Opfer und Täter, in Angegriffener und Angreifer wiederholen, perpetuieren und aufrecht erhalten.

Prof. Josef Shaked leitete in jenen Jahren in Wien eine Großgruppe mit Kindern und Enkelkindern von Opfern und Tätern der Shoah. Was mir da besonders klar wurde, war die Unmöglichkeit, das oft geforderte „neue Blatt der Geschichte“ aufzuschlagen und eine Gegenwart zu leben, von der das Vergangene ein für alle Mal ausgeschlossen bliebe. Schwer bis unmöglich schien es, Verstrickungen aufzulösen, Fragen der persönlichen Verantwortung für das, was geschehen war und das was geschah, zu klären, von einer von Spaltung, Projektion, projektiver Identifizierung dominierten Haltung zu einer reiferen, ambivalenten, traurigen Position  zu finden. Heilsam empfand ich den Prozess, der darin bestand, dass die einen die anderen hörten und von ihnen gehört wurden, auch wenn Probleme ungeklärt und Fragen unbeantwortet blieben.

In meiner Praxis behandelte ich Paare und erlebte immer wieder, wie gerade mein Nicht-Verstehen ein streitendes Paar aus der Verstrickung herausführen konnte. Ich erlebte, wie heilsam es war, dem eigenen Narrativ Raum und Worte zu geben und das des Anderen zu hören, dass es aber eines Neutralen Dritten bedurfte, um diesen Raum entstehen zu lassen.

Ich fasste den Plan, eine Gruppe jüdischer und arabischer Jugendlichen aus Israel in eine ruhige Gegend in Österreich zu bringen und ihnen da eine Time-out von der Gewalt und ein Miteinander anderer Art zu ermöglichen. „Neutraler Dritter“, der die zerstrittenen Gruppen aus Nahost aus ihrer von Spaltung und Schuldzuweisungen geprägten Umklammerung lösen sollte, sollte eine Gruppe gleichaltriger österreichischer Teenager sein: Ich stellte mir vor, dass sie die Fragen des „warum“ oder „warum gerade so“ stellen und den beiden Gruppen aus dem Nahen Osten Gelegenheit geben würden, ihre jeweiligen Standpunkte zu erklären; würden sie den nach außen gerichteten, schuldzuweisenden Finger aufrecht erhalten, würden sie auf der Spaltung in „wir Opfer, ihr Angreifer“, verharren? Oder würde sich vielleicht der Blick nach innen richten, würden sie sich fragen können, wie sie selbst, und nicht oder nicht nur wie der jeweils andere, die Konfliktsituation verursacht und aufrechterhält.

Das erste peacecamp fand im Juli 2004 in Rechberg/Kärnten mit jeweils 8 Jugendlichen und einer Begleitperson einer jüdischen und einer arabischen Schule im Norden Israels und einer AHS in Völkermarkt statt. Seit 2005 finden jeden Sommer 10-tägige Begegnungen von vier (nicht mehr drei) Gruppen von Teenagern statt, einer jüdischen und einer arabischen Gruppe aus Israel, einer Gruppe österreichischer Teenager und einer Gruppe aus einem ehemals kommunistischen Land, das heute Teil der Europäischen Union ist. An jedem peacecamp nehmen an  die 40 Jugendliche und etwa 12 Erwachsene – Pädagoginnen und Pädagogen, (Kunst)-Therapeutinnen und -Therapeuten, Historiker, ein Gruppenanalytiker und ein Amateur Video Filmer teil.  Bisher nahmen an die 500 Schülerinnen und Schüler aus arabischen und jüdischen Schulen in Israel, aus Österreich, Frankreich, Slowenien und Ungarn an peacecamps teil.

Zielsetzungen des peacecamp Projekts

peacecamp ist ein Arbeitsmodell, das Jugendliche darauf vorbereiten soll, demnächst als mündige, autonome Erwachsene auf die Gestaltung ihrer sozialen Landschaft Einfluss zu nehmen.  Die Jugendlichen von heute sind die Wähler von morgen, sie sind bald selbst Träger von sozialer Verantwortungen und politischen Funktionen. Sie sind es, die für die ungelösten Konflikte, die sie von uns erben, Lösungen werden finden müssen.

Ich wollte junge Menschen gegen Beeinflussung und Aufwiegelung zum Hass, gegen Schuldzuweisung und Spaltung in „Angreifer und Angegriffene“, gegen Xenophobie und Rassismus „impfen“. Ich wollte in ihnen Empathie wecken für das Leid des   „Anderen“ , ich wollte, dass sie das jeweilige andere Narrativ hören,  und verstehen, dass es im politischen Konflikt nicht nur  „Gute“ und Böse“ gibt, dass das unliebsam Fremde, „Böse“, Aggressive, Gewaltbereite, nicht nur in der „anderen“, sondern auch in der eigenen Gruppe, ja, in der eigenen Person beheimatet ist. 

Den jungen Menschen aus Israel/Palästina wollte ich zeigen, dass Konflikte auflösbar und Kriegssituationen zu beenden sind: die Staaten Europas, die sich zu einem gemeinsamen Friedensprojekt, der Europäischen Union zusammengeschlossen haben,  haben Jahrzehnte- , ja Jahrhunderte lang gegeneinander Krieg geführt. Mancher Konflikt blieb ungelöst, manch neuer Konflikt ergibt sich in der Gegenwart – und doch erweisen sich die vollzogenen  geopolitischen Veränderungen und schmerzlichen territorialen und nationalen Kompromisse als ein Garant gegen weiteres Blutvergießen.  

Den jungen Europäern möchte ich ermöglichen, die sozialen und politischen Probleme ihres Lebensraumes und ihrer Zeit beim Namen zu nennen und  gemeinsam mit den Teenagern aus dem Nahen Osten – nach neuen, kreativen Lösungsansätzen zu suchen. 

Allen Gruppen aber möchte ich einen Blick hinter die zwischen ihnen stehenden Mauern ermöglichen – Mauern aus projiziertem Hass, dem Wunsch nach Vergeltung, aus defensivem „Niemals wieder“, Mauern, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und aus denen immer wieder Verteufelung, Verhetzung, Xenophobie,  Rassismus, Gewalt und Krieg entstehen.

peacecamp zielt darauf ab auf

  • politischen Konflikt als eine Aufgabe zu erleben, die alle daran Beteiligten zu gemeinsamen Bewältigungsstrategien aufruft
  • die Spaltung in Gute und Böse, in Opfer und Täter, in Angreifer und Angegriffene aufzuheben
  • sich selbst besser zu kennen und die eigenen Handlungsmotive besser zu verstehen
  • das Fremde und das Vertraute in sich selbst und dem jeweils „Anderen“ anzuerkennen
  • sich eigene feindselige, xenophobe und rassistische Einstellungen und Vorurteile bewusst zu machen
  • Empathie und Mitgefühl zu erleben
  • kreative , gewaltfreie Lösungsansätzen für die Bewältigung von Problemen zu erproben
  • Formen des Dialogs, des Austauschs und der Kooperation zu erleben
  • Selbstkritik und Eigenverantwortung statt Schuldzuweisung und Ausgrenzung

Methoden

Am peacecamp bietet eine Reihe von Workshops die Möglichkeit, sich mit Fragen der eigenen und der fremden Identität auseinander zu setzen und sich in sehr persönlicher Weise über schwierige Kapitel der Lebensgeschichten der Teilnehmenden auszutauschen.

  • Der Workshop „My family/my roots“ regt zum Erkunden der persönlichen Wurzeln und Lebensgeschichten an
  • Vier von den teilnehmenden Gruppen gestaltete  „Culture Evenings“  bieten  Gelegenheit, sich mit Aspekten der kulturellen, religiösen, nationalen Identität auseinanderzusetzen
  • der Workshop „talks4peace“ thematisiert, was die teilnehmenden Gruppen als sozialpolitisch relevante Themen ihrer Zeit und ihres Lebensraumes ansehen.
  • Outdoor Workshops stellen Teilnehmer/innen vor „Mission Impossible“ Aufgaben und regen zum Experimentieren mit gewaltfreien kreativen Lösungswegen an
  • Die Large Group findet täglich statt; hier kann assoziativ über alles gesprochen werden; dies ist der Raum, in dem sich Gräben auftun, Mauern errichtet oder abgetragen, und Konflikte ausgetragen werden können.
  • ein tägliches Team-meeting bietet dem Team Gelegenheit, den Prozess zu reflektieren und auftretende Konflikte/Probleme anzusprechen
  • Mit der am Ende verliehenen Urkunde „Ambassador of Peace“ treten alle als Friedensbotschafter die Heimreise an. 
  • Die show4peace entsteht während des peacecamps und ist eine kreative Umsetzung der bearbeiteten Themen; sie wird am letzten Tag einem realen Publikum in einem Theater in Wien präsentiert.

Jedes peacecamp erstreckt sich über etwa 9 Monate und besteht aus 3 Phasen, der Vorbereitung jeder Gruppe im eigenen Land, der 10-tägigen Begegnung in Österreich und einer Nachbereitung, die der Reflexion, Aufarbeitung und Datenerhebung dient.

Vor- und Nachbereitung fußt auf den „4questions4peace“, die einige Wochen vor sowie einige Wochen nach der Begegnung zu beantworten sind und sich wie ein roter Faden durch das peacecamp ziehen:

  • Was bedeutet für dich persönlich das Wort Frieden in deinem eigenen Lebenskontext?
  • Was sind deiner Meinung nach die Hindernisse zu einem friedlicheren Zusammenleben in deinem eigenen Lebenskontext?
  • Was hast du bereits dazu getan, dein eigenes Lebensumfeld friedvoller zu machen?
  • Was kannst du in der Zukunft dazu tun, dein eigenes Lebensumfeld friedvoller zu machen?

Zu den Vorbereitungen gehören auch

  • Dokumentation der eigenen Familie/Familiengeschichte („Family Album“)
  • Planung eines sog. „culture evenings“ gemeinsam mit der eigenen Gruppe
  • Gemeinsames Gruppenvideo und/oder Poster, in dem jede teilnehmende Gruppe relevante aktuelle soziale oder politische Themen aufzeigt (siehe Anhang)

 

Das eigentliche peacecamp dauert 10 Tage und findet in der „Einöde“, inmitten der Natur, fernab von Krieg, Gewalt, Konsum oder dem Trubel einer Großstadt statt. Es ist ein therapeutischer Raum in der Natur, ein Ort, an dem Formen des Zusammenlebens, vor allem aber eine neue Art des Erlebens erprobt werden können. peacecamp hat ein strukturiertes Programm, das von Künstlern und Künstlerinnen, Kunsttherapeut/innen, einem Großgruppenanalytiker, drei Experten für politische Bildung, einer/m Teamsupervisor/in angeleitet und von einem Amateur-Video-Filmer aufgezeichnet wird. Am letzten Tag wird allen teilnehmenden Jugendlichen wie Erwachsenen die Urkunde „Ambassador of Peace“ verliehen. Bevor jedoch alle  tränenreich und aufgekratzt die Heimreise antreten, werden sie bei der show4peace gemeinsam auf einer wirklichen Bühne stehen und einem echten Publikum zeigen, was ihr peacecamp war.

Das peacecamp-Programm soll eine emotionale, kreative, lustvolle Bearbeitung/ Umsetzung der vorbereiteten Themen ermöglichen und Gelegenheit bieten, mitgebrachte Gedanken, Vorstellungen und tradierte Ideen über „den Anderen/Fremden/Feind“ dem Realitätstest zu unterziehen.

Von PädagogInnen und (Kunst-)TherapeutInnen begleitet, können sich die Jugendlichen an Fragen ihrer persönlichen, nationalen, religiösen Identität und an erschwerende Aspekte ihrer sozio-politischen Landschaft herantasten; sie können nach kreativen, gewaltfreien Lösungsansätzen für „Mission Impossible Aufgaben“ suchen und versuchen, Befindlichkeiten, persönliche oder interpersonelle Konflikte, Unstimmigkeiten und Widersprüchlichkeiten zu benennen, anzusprechen und zu hinterfragen. Die tägliche analytische Großgruppe bietet einen genügend geschützten Raum, in dem es möglich ist, Konfliktuelles anzusprechen, Vorurteile dem Realitätstest zu unterziehen, dem Fremden in sich selbst und dem Vertrauten im Fremden zu begegnen. Hier fahren Gefühle Hochschaubahn, hier kann Unbewusstes bewusst, niemals Ausgesprochenes gesagt, nicht zu Ende Gedachtes durchdacht und sogar probegehandelt werden: Muss ich aus Loyalität bestimmte Standpunkte übernehmen/vertreten? Darf ich anders als Eltern/Großeltern/Lehrer fühlen oder denken? Stimmt es, dass „alle“ einer bestimmten Gruppe mir Böses wollen, mich zu vernichten trachten? Ist es wirklich so, dass ein bestimmter Anderer mich jetzt provoziert hat, oder war ich nicht vielmehr schon in Kampfstimmung und freue mich über die Gelegenheit eines Scharmützels? Kann ich auch „mich nicht rächen“? kann ich vergeben? Was genau fühle ich und welche Handlungsalternativen ergeben sich daraus?

Die Large Group und das tägliche Team Meeting sind der Ort, an dem der Blick von außen nach innen gewendet werden kann und neue Erkenntnisse, ein neues Erleben möglich werden. Im Team Meeting treten oft – verschoben – Konflikte und Abwehrmechanismen der Gruppe zutage: Projektionen und Spaltungen, das Bemühen, wichtige Andere auf die eigene Seite zu ziehen, Versuche, Konflikte stellvertretend auszulagern oder für bestehende Aggressionen Adressaten in oder außerhalb von sich selbst, der eignen Person oder Gruppe zu finden.

Andere Aktivitäten bieten Gelegenheit, Probleme zu benennen, zu analysieren, zu lösen. Wie dreht man einen Teppich von oben nach unten, auf dem 40 Paar Füße stehen? Wie revidiert man – wenn nötig – Argumente und Sichtweisen, auf denen unser Weltbild fußt? Wie macht man sich verständlich, wie setzt man sich durch, ohne den Anderen zu zerstören? Was tut man mit dem, was man unter dem Teppich findet, sobald man ihn umgedreht hat?

Friedensgespräche – talks4peace geben Gelegenheit, an einem fiktiven „Hyde Park Corner“ ein politisches Statement zu machen; für eine Idee zu werben; sich für oder gegen etwas auszusprechen, oder ein Stück Leiden loszuwerden, indem man es erstmals preisgibt, jemandem sein Herz öffnet und für das Erlebte ein offenes Ohr findet. Hier kann man an der eigenen Person ein Kapitel Zeitgeschichte vermitteln und das, was uns die Medien als Realität präsentieren, mit authentischen Erfahrungsberichten vergleichen.

Am peacecamp 2016 nahm, als Teil und Ergänzung der österreichischen Gruppe, auch eine kleine Gruppe Schutzsuchender teil. Ihre Teilnahme was bereichernd, nicht nur für sie, auch für die gesamte Gruppe. Es gelang jedem/r von ihnen, uns ein Stück des Leidensweges, den sie/er vom Heimatland bis hierher zu uns zurückgelegt hatten, mitzunehmen, was es wiederum einigen anderen Teilnehmer möglich machte, sich ein Stück weit zu öffnen und auch etwas von sich preiszugeben.

peacecamp ist während der 10 Tage seiner Dauer ein wahrer Container für sehr persönliches, oft schmerzliches Erleben. Für viele TeilnehmerInnen ist es das erste Mal, dass sie sich überhaupt jemandem öffnen können. In manchen der Kulturen und Familien, aus denen die Jugendlichen kommen, wird über Gefühle nicht gesprochen, sie werden verdrängt, verleugnet, rationalisiert oder in Überich-Hülsen gesteckt, von wo aus sie oft Anlass für defensives, impulsives, jedenfalls nicht verstandenes Agieren bieten. Es ist leichter, aus einer Loyalität zu den Eltern bestimmte Personen oder Gruppen zu verteufeln, als mit den eigenen Sinnen zu prüfen, wer diese Menschen wirklich sind, worin sie uns ähnlich oder von uns verschieden sind. Nicht immer ist die Person dort draußen mir fremd und Feind, sondern es ist ein unliebsamer, nicht geduldeter Anteil des eigenen Selbst, dem man sich eher außerhalb als in sich selbst stellt.

Nachbereitung und Evaluierung

Einige Wochen nach der Begegnung in Österreich bitten wir die Jugendlichen mittels dreier Dokumente, das am peacecamp Erlebte nochmal zu reflektieren. Ihre Rückmeldungen sind die Daten, die wir zum Zwecke der Evaluierung von einer unabhängigen Statistikerin und zwei klinischen Psychologinnen auswerten lassen.

Die drei dafür verwendeten Dokumente sind:

– ein Bewertungsfrageboden („feedback4peace“)

– die neuerliche Beantwortung der 4questions4peace

– Essay: this was peacecamp for me

Wir bekommen alljährlich – oft sehr viel später –  spontane Rückmeldungen von Jugendlichen, sowie von ihren Eltern und Lehrern.  

So schreibt mir vor einigen Tagen die Lehrerin, die einige ihrer SchülerInnen aufs peacecamp 2015 begleitete:

„…peacecamp bewirkt sehr viel bei den Teens. Ich merk das u.a. auch bei den Mädels, mit denen ich damals war; sie werden weltoffener, verständnisvoller, was kulturelle Unterschiede und Diskriminierungen betrifft und reflektierter (u.a. in Bezug auf politische Gegebenheiten) und und und. Ein nach wie vor TOLLES PROJEKT!! Das immer weitergeführt werden soll; die Welt braucht Peacemaker !“

Eine Teilnehmerin des peacecamps 2009 schrieb mir 2014:

Dear Evelyn!
I hope you remember me; I was in peacecamp 2009.
I was going through my old peacecamp pictures when I realized how lucky I was for having this opportunity and these memories. I don’t think I have thanked you enough! You have given me so much, you have no idea!
I really hope that once I will be able to change and make someone’s life better the way you did with mine. With all my respect I would like to thank you again for all my friends, for my happy moments (and for the tearful ones:)), for my attitude for life and for my faith! Faith in myself, in other people and in life.
I wish you a very happy and peaceful life!
Thanks, F.

Der Evaluationsbericht (Mag.a Reininger und Mag.a. Aigner-Breuss) kommt zu dem Ergebnis, „dass alle mit dem peacecamp intendierten Ziele auch erreicht werden konnten“. U. a. zeichneten sich ab:

  • Eine veränderte, auf Vertrauen und Respekt begründete Wahrnehmung des „Anderen“
  • Bereitschaft zu „aktiven, konstruktiven, auf Kooperation und Kreativität beruhenden Lösungsansätzen“
  • Besseres Wissen/Kennen der „kulturellen, historischen und persönlichen Lebensgeschichten“, und damit einhergehend, ein „besseres Verständnis für die Position des Anderen“
  • „Ein Abbau von bewussten und unbewussten Vorurteilen“
  • Verbessertes Selbstwertgefühl
  • Mehr Selbstsicherheit und Selbstvertrauen: „Sie haben ihre Einstellung geändert, mehr Selbstsicherheit gewonnen, reden und eigene Standpunkte vertreten gelernt. Einige schildern, dass peacecamp eine Reise zu sich selbst war und sie inneren Frieden gefunden haben.“

peacecamptexts.blogger.de

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