Fun jidiszn Churbn in Pojln

Neue Studie über die Zerstörung des polnischen Judentums erschienen…

Nur wenige Wochen nach dem Überfall Nazideutschlands auf Polen schlossen sich 60 jüdische Schriftsteller und Journalisten zusammen, um den Anfang vom Ende des polnischen Judentums zu dokumentieren. Ziel der frühen Chronisten war es, der Nachwelt die Taten aus der Perspektive der Opfer und nicht nur die Sicht der Täter zu vermitteln. Ähnliche Dokumentationen entstanden später etwa in den Ghettos von Bialystok, Kaunas und Lodz; am Bekanntesten wurden jedoch die von Emanuel Ringelblum begründete Sammlung in Warschau und das Wilnaer Ghetto-Tagebuch von Herman Kruk.

Die Mitglieder des „Komitet zu samlen Materialn wegn jidiszn Churbn in Pojln“ setzten sich aus Vertretern der jiddischen Kulturbewegung zusammen, die in Wort und Schrift für ein jüdisches Nationalbewusstsein und eine kulturelle Selbstbehauptung eintraten. Da die Besetzung Warschaus drohte, verließ schon in der Nacht vom 5. auf den 6. September 1939 ein von der Regierung organisierter „Journalistenzug“ die polnische Hauptstadt mit Ziel Richtung Wilna. Die Stadt gehörte seit 1920 zu Polen, war aber im Zuge des Molotow-Ribbentrop-Pakts dem sowjetischen Einflussgebiet zugeschlagen worden. Wilna war seit Jahrhunderten ein bedeutendes jüdisches Zentrum der politischen und kulturellen Intelligenz; Zehntausende von Flüchtlingen aus Polen suchten dort nun Schutz.

Die jüdischen Journalisten und Schriftsteller interviewten zahlreiche Geflüchtete und werteten diese Protokolle aus. Zudem sammelte das Komitee Dokumente aller Art sowie Verordnungen der Deutschen. Daraus entstanden detaillierte Berichte und Aufstellungen über Opferzahlen und den Umfang der Zerstörungen.

Im „Bulletin I“ vom 1. Dezember 1939 wird etwa ein frühes Pogrom an der jüdischen Bevölkerung im Schtetl Goworowo (Bezirk Ostroleka) anhand von Augenzeugenberichten dokumentiert. Am 7. und 8. September marschierten eine Panzerdivision und das SS-Regiment Deutschland unter Plünderungen in den Ort. Einen Tag später begann das systematische Foltern und Morden der SS. „Schabbes, den 9. September, halb 4 Uhr morgens wurde eine Schießerei in der Stadt vernommen“, gab eine Frau zu Protokoll. „Und bald hörte man einen Ausruf der Deutschen: Los! Das war der Befehl die Häuser zu verlassen. Verängstigte Menschen gingen direkt aus den Betten, in einem Wasch, raus auf die Straße, und die Deutschen befahlen allen, schnell in die Mitte des Marktes zu laufen. Solche, die sich versteckt hatten oder die nur langsam gingen (aufgrund von Schwäche oder Alter) haben sie erschossen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“

Insgesamt sind sechs solcher Bulletins überliefert. Einzigartige und authentische Quellen aus der frühen Phase des Vernichtungskrieges gegen das jüdische Volk, die bislang kaum von der historischen Forschung beachtet wurden. Die Berliner Historikerin Miriam Schulz entdeckte den in jiddischer Sprache verfassten „Sensationsfund“ im Archiv der Wiener Library in London und veröffentlicht diese Dokumente erstmals in einer kommentierten deutschen Übersetzung. Zudem ordnet sie in ihrem Buch „Der Beginn des Untergangs“ die Entstehungsgeschichte des Komitees in den historischen Kontext ein und stellt ihre Akteure in kurzen biografischen Skizzen vor. Miriam Schulz’ Studie wurde mit dem „Wissenschaftlichen Förderpreis des Botschafters der Republik Polen“ und dem „Hosenfeld-Szpilman Gedenkpreis“ der Universität Lüneburg ausgezeichnet. – (jgt)

Wer die Quellen im jiddischen Original lesen möchte, kann das auf den Seiten des Verlages tun. Dort stehen alle Bulletins als pdf-file zur Verfügung.

Miriam Schulz, Der Beginn des Untergangs. Die Zerstörung der jüdischen Gemeinden in Polen und das Vermächtnis des Wilnaer Komitees, 308 S., 22 Euro, Bestellen?

Bild oben: Polnische Einwohner, vermutlich Juden, bei Aufräumarbeiten im zerbombten Warschau. Foto: Bundesarchiv 101I-001-0251-34/Schulze/CC-BY-SA 3.0

Kommentar verfassen