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Über Antisemitismus auf der Linken Literaturmesse in Nürnberg

Auf der diesjährigen Linken Literaturmesse wurden zwei Frauen von mehreren Männern umringt, körperlich angegriffen und eine von ihnen als Schlampe bezeichnet. Der Veranstalter der Literaturmesse verwies die beiden daraufhin des Saales und sprach ein Hausverbot aus, anstatt die Männergruppe zur Vernunft und Mäßigung aufzurufen. In dieser schutzlosen Lage drängten die Männer die Frauen zur Tür, welche den Saal unter Protest verlassen mussten. All das, weil sie kritische Fragen zu einer anti-israelischen Querfront-Organisation und deren Ausstellung auf der Linken Literaturmesse hatten. Bei dem tätlichen Angreifer handelt es sich um ein Mitglied des Freidenkerverbands, einer weiteren Querfront-Gruppe, die als Mitveranstalter der Ausstellung auftrat…

Einige Teilnehmer berichten

Der Vorfall ist durch nichts zu rechtfertigen und soll mit diesem offenen Brief auch nicht diskutiert werden. Uns geht es um eine Auseinandersetzung darüber, welche Positionen auf der Linken Literaturmesse vertreten, geduldet und verharmlost wurden Der Angriff ist ein Resultat dieser Nürnberger Zustände.

Kritikerinnen werden von einem Mitglied des "Deutschen Freidenker-Verbands" bedrängt
Kritikerinnen werden von Klaus Hartmann, Vorstand des des „Deutschen Freidenker-Verbands“, bedrängt

Wir fragen die Veranstalter der Literaturmesse, teilnehmende Verlage und alle Gruppen aus Nürnberg und Umgebung, die sich als „links“, „emanzipatorisch“ oder „antifaschistisch“ begreifen:

Wie kann es sein, dass verschwörungsideologische, antisemitische Querfrontler unter dem Deckmantel des „linken“ Aktivismus seit offensichtlich mehreren Jahren ungehindert und selbstverständlich auf der Linken Literaturmesse auftreten können? Weshalb fällt es so schwer, sich klar und unmissverständlich gegen Querfrontler und Antisemiten abzugrenzen? Ist das progressiver linker Anspruch und Umgang? Wo bleibt die Kritik der Nürnberger Linken?

Die Diskussionsveranstaltung, auf der die beiden Frauen bedrängt wurden, hatte das Thema „Wie geht die Linke mit Zensur um?“. Dazu eingeladen hatte die Gruppe „Arbeiterfotografie“, deren Ausstellung zur sogenannten „Kölner Klagemauer“ zuvor von der Stadt Nürnberg untersagt wurde. Die Stadt habe nicht den Verdacht aufkommen lassen wollen, dass sie antisemitischen Botschaften in ihren Häusern Raum gibt. Außerdem habe die Ausstellung nicht den pädagogischen Standards des Künstlerhauses entsprochen.

Die „Kölner Klagemauer“ Walter Herrmanns war eine Dauerausstellung vor dem Kölner Dom, bestehend aus beschrifteten und bebilderten Papptafeln. Herrmann wurde dafür kritisiert, unter dem Deckmantel der „Völkerverständigung“ und des „Friedenswillens“, einseitig mit antisemitischen Stereotypen, Shoarelativierungen und offenem Hass öffentlich gegen Israel zu hetzen. „Holocaust in Gaza – who cares?“ oder „Hitler ist Vergangenheit, aber Israel ist Gegenwart! Nicht noch Einmal!“ hieß es da etwa. Ein verstörender Höhepunkt war eine Zeichnung auf der „Klagemauer“, die eine Person mit Davidstern zeigt, die ein Kind auf einem Teller verspeist. Auf dem Messer, welches die Person benutzt, um das Kind zu zerteilen, steht „Gaza“. Neben dem Teller steht ein Glas mit roter Flüssigkeit.

Wer antisemitische Ressentiments auf Israel projiziert, wer Israel „jüdische Eigenschaften“ zuschreibt, zum „kollektiven Juden“ macht, den Staat delegitimiert, dämonisiert und doppelte Standards anwendet, agiert antisemitisch.

Die Ausstellung der „Arbeiterfotografie“ auf der 21. Linken Literaturmesse kann getrost als Propaganda bezeichnet werden, denn sie ist nicht etwa als kritische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus und der antiisraelischen Schwerpunktlegung der „Klagemauer“ gedacht. Sie wird unhinterfragt und unwidersprochen als „Lebenswerk“ eines „Friedensaktivisten“, der unermüdlich die „Wahrheit“ verbreitete, präsentiert. Unkommentiert stehen auf den Tafeln der Arbeiterfotografie Sätze wie „Eine Elite von Kriminellen, die neue Weltordnungsmafia, versklavt den Rest der Welt und beherrscht Politik, Medien und Konzerne“.

Das ist nicht weiter verwunderlich, denn die Aussteller Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann sind als Betreiber der Seiten „Arbeiterfotografie“ und „Neue Rheinische Zeitung“ für das Verbreiten von kruden Verschwörungstheorien (so gehen u.a. der Tod des Rechtspopulisten Jörg Haider und Jürgen Möllemanns aufs Konto Israels), als geistige Erben und Unterstützer des Hermannschen Gedankenguts bekannt. Seit Jahren schreiben diverse linke und antifaschistische Seiten dagegen an, frühere Mitarbeiter distanzieren sich. Fikentscher und Neumann wurde die Bildung einer „national-sozialistischen Querfront“ vorgeworfen.

Urheber allen Unheils sind sie die USA und, wie kann es anders sein, Israel. Die USA machen sie sogar für das Erdbeben in Fukushima verantwortlich. Mit Leuten wie Jürgen Elsässer, Chefredakteur des rechten Magazins „Compact“, Haus- und Hof-Blatt der AfD, Yavuz Özoguz, Betreiber der djihadistisch-islamistischen Webseite „Muslim-Markt“ sowie Gerhard Wisnewski, Verschwörungstheoretiker und Autor des rechten Kopp Verlags, waren Fikentscher und Neumann zusammen im Iran zu Besuch bei Ahmedinedschad. Diesen Holocaustleugner bezeichnete Elias Davidsson, selbsterklärter „Palästinenser mit jüdischen Wurzeln“, auf der Veranstaltung der Arbeiterfotografie als „größten Staatsmann der Welt“. Davidsson referiert nicht nur bei Burschenschaften auf einer Bühne mit verurteilten Neonazi-Terroristen, er ruft auch die Linke dazu auf, mit Rechten zusammen zu arbeiten. Ein weiterer engagierter Kölner Klagemauer-Fan ist Reza Begi, EnDgame- und „Friedensaktivist“ aus dem Iran, der zuletzt am 06.11.2016 Seite an Seite mit Flüchtlingsgegnern, Pegida-Anhängern, „Reichsbürgern“, Hooligans, Landsmannschaften und „Identitären“ in einer „Merkel muss weg“ Demo durch Berlin zog.

Alle genannten Personen bewerben Fikentscher und Neumann wohlgesonnen auf ihren Seiten „Arbeiterfotografie“ und „NrhZ“.

Für die Organisatoren der Literaturmesse ist das anscheinend kein Problem, denn die Arbeiterfotografie war schon mehrfach zuvor Gast auf der Messe. Dafür gibt es nur zwei Erklärungen:

1. Den Organisatoren ist es egal, wer bei ihnen auftritt. 2. Die Organisatoren teilen die Positionen der Arbeiterfotografie.

Auf der Diskussionsveranstaltung zu dem Verbot machte die Arbeiterfotografie genau das, was man von so einer Gruppierung erwarten muss. Fikentscher begann den Vortrag damit, sich über das Verbot der Ausstellung der sog. Klagemauer durch Nürnbergs Oberbürgermeister zu beschweren und dies als Zensur darzustellen. Als „Schundseite“ und „Geschmeiß“ betitelte sie die im Vorfeld geäußerte kritische Stimmen zur Ausstellung und zur Klagemauer selbst. Fikentscher stellte sich selbst lang und ausführlich als Zensuropfer dar, das nur ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnimmt. Als „Reaktion“ auf das Verbot verteilten sie im Vorfeld überall im Haus Zettel auf denen dick „Zensur“ geschrieben stand.

Andreas Neumann während der Diskussion, im Hintergrund Anneliese Fikentscher
Andreas Neumann während der Diskussion, im Hintergrund Anneliese Fikentscher

Fikentscher wies darauf hin, dass es ihrer Gruppe angeblich verboten wurde, die Ausstellungstafeln zu zeigen, was sie in dem Vortrag dann tat. Weiter bedauerte sie keine konkrete Erklärung für das Verbot bekommen zu haben. Zitat: „Man kann nur auf Vorwürfe reagieren, wenn man eben weiß, was der Anlass oder der Hintergrund ist“. Laut ihrem Verständnis sei ihr von Mitarbeitern des Hauses zwar nicht offen, aber für sie „aus dem Hintergrund“ klar geworden, dass die „israelitische oder jüdische Gemeinde Nürnbergs, oder wie man das hier nennt“ und eine „antideutsche Dunkelziffer“ das Verbot vorangetrieben hätten.

Nach etwa 20 minütiger Ansprache wurden die Bilder der Tafeln gezeigt und Fikentscher las einige Aufschriften vor. Sie schwärmte weiter von den angeblich sinnigen, friedensstifftenden Bildern von Walter Herrmanns Ausstellung.

Nun wollte Fikentscher Fragen aus dem Publikum zulassen. Der erste Fragesteller erwähnte neben den Antisemitismus-Vorwürfen Querfront-Verbindungen der Veranstalter. Auf die Frage, warum sie denn mit Ken Jebsen zusammenarbeite, antwortete Fikentscher, er sei ein guter und sehr belesener Journalist mit Hintergrundwissen. Auf die Frage, wie die Reise in den Iran zu Ahmadinedschad zustande kam, erwähnte sie zwar Jürgen Elsässer, ihr fiel aber nicht mehr ein, wer noch dabei gewesen war. Daraufhin wurde ihr aus dem Publikum mitgeteilt, dass der Betreiber einer dschihadistischen Seite mit von der Partie war, sowie ein Autor des rechtsesoterischen Kopp Verlags. Gelächter, Abwehr und Ausflüchte wie „Woher soll ich wissen wer da mitfliegt, in einem ICE reisen schließlich auch viele mit“ usw.

Die kritischen Wortmeldungen wurden übergangen, stattdessen erhielt ein offensichtlicher Unterstützer der Arbeiterfotografie das Mikrofon. Er berichtete von den angeblichen Hetzkampagnen in München, die von Frau Knobloch, Vorsitzende der israelitischen Gemeinde München, und „den Antideutschen“ gegen sie betrieben würden. Der Mann bezog sich wohl auf das Treiben der Israelhasser von „salam shalom“.

Elias Davidsson kam nun ans Mikrofon und verteidigte seinen Freund Yavuz Özoguz, dem Betreiber der Seite „Muslim-Markt“, als wunderbaren Menschen und warnte davor sich mit ihm oder seinem Freund anzulegen. Er verherrlichte das iranische Regime mit Aussagen wie. „Ahmadinedschad, einer der größten Staatsmänner (…) niemand anders hat die Weltpolitik so klar dargestellt (…)“.

Weil es den Veranstaltern ja angeblich um fehlende inhaltliche Kritik ging, wollten Menschen aus dem Publikum genau das tun. Kritische Fragen wurden jedoch übergangen und mit einem „Halt die Klappe“ aus dem Publikum beantwortet. Schließlich kam es zu dem Angriff auf die beiden Frauen.

Bei einer Veranstaltung, bei der angeblich „Zensur und der Umgang damit“ das Thema war, wurden kritische Stimmen abgekanzelt und übergangen sowie kritische Personen beleidigt und unter Anwendung körperlicher Gewalt mundtot gemacht.

Fotos: © Felix Balandat

3 Kommentare zu “Über Antisemitismus auf der Linken Literaturmesse in Nürnberg

  1. Sagenhaft, auf einer „Linken Literaturmesse“ können sich Antisemiten, linke Reaktionäre und rotbraune Faschisten tummeln, ohne dass es zu einem Aufstand kommt. Es scheint vielmehr, dass sich diese in einem linken Umfeld heimisch fühlen und sich dort bewegen können wie der Fisch im Wasser.

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