511eP-5iOvL._SX313_BO1,204,203,200_

Von schützenden, diebischen und mordenden Händen

Es ist ein mühsames Buch. Mühsam zumindest für Journalisten, die beim Lesen ständig gegen checken (wollen & müssen), was Fiktion ist, und was real. Und vieles von dem, was real ist, würde man sich ins Reich der Fiktion wünschen, … in das Hirn eines verschrobenen Autors, der sich wilde Verschwörungstheorien baut. Leider aber sind die schockierendsten Details stets real- und die schöneren Momente- fiktiv…

Eine Rezension von Ramona Ambs

Aber von vorne: Die schützende Hand lautet der Titel des neuen Krimis von Wolfgang Schorlau, um seinen Privatermittler Dengler, der nun schon durch mehrere Bücher einem großen Publikum bekannt ist. In der schützenden Hand nun, setzt ein unbekannter Auftraggeber den Privatermittler Georg Dengler auf die Spur: »Wer erschoss Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt?«. Dengler beginnt zu ermitteln und trägt dabei alle Widersprüche und seltsamen Zufälle zusammen, die bisher rund um den NSU-Komplex bekannt wurden.

Schorlau versucht eine sinnhafte, teil-fiktive Erzählung der NSU-Geschichte zu geben- und insgesamt gelingt ihm das auch gut. Viele Ungereimtheiten fasst er zusammen, er zitiert aus realen Ermittlungsakten, dokumentiert Bilder, belegt Fakten aus Artikeln und Unterlagen, die ihm zugespielt wurden und lässt seinen Privatermittler Dengler eine eigene, durchaus mögliche Ablaufvariante des scheinbar letzten Aktes des NSU-„Trios“ entwerfen. Seine literarischen Ermittlungen sind dabei durchweg solide und nachvollziehbar und für Leser, die sich bisher nur am Rande mit dem Thema NSU und Rechtsterrorismus in der BRD beschäftigt haben, bietet das Buch eine wirklich gute Zusammenstellung.

Allerdings ist das Verweben von Fiktion und Realität, von realen Personen mit fiktiven Romanfiguren bei diesem aktuellen Fall nicht unproblematisch. Wer sich nicht die Mühe macht zu überprüfen, was von dem Geschilderten nun der Realität entspricht und was nicht, kann leicht durcheinander geraten. Zudem holt Schorlau viel zu weit aus, webt noch Geschichten und Geschichtchen über ausländische Geheimdienste mit ein, die im Grunde mehr verwirren und nichts zu (s)einer stringenten Erzählung der Vorkommnisse beitragen. Insgesamt sind gar zu viele Leute in dem Buch unterwegs. So steht zu Beginn eine Auflistung der 18 Personen, die im Laufe der Geschichte auftauchen. Und auf den insgesamt 384 Seiten passieren zu viele nebensächliche Dinge, die teilweise auch nicht logisch aufgelöst werden und von der eigentlichen Geschichte entfernen. Das ist schade, denn die eigentliche Erzählung, die literarisch auch sehr gelungen ist, mündet in der politisch durchaus brisanten Frage: Wieviel Staat steckt im NSU?

Und diese Frage drängt sich nach der Lektüre lautstark auf. Schorlau entwirft eine mögliche Antwort auf diese Frage, wobei auch bei ihm- und das ist die große Stärke des Buches- am Ende mehr Fragen offen sind, als beantwortet. Im Nachwort stellt er denn auch klar: „Das ist nur eine (mögliche) Erzählung, aber ich halte sie nach allem, was ich heute weiß, für deutlich realitätstüchtiger als die offiziellen Bekundungen.“
Wolfgang Schorlau hat mit seiner schützenden Hand in jedem Fall eine gute und unglaublich aktuelle Darstellung des NSU-Komplexes abgeliefert, die verpackt in einen Krimi mit einem sympathischen Ermittler, möglicherweise mehr zur Problemwahrnehmung der Verstrickungen  von Staat und Rechtsterrorismus beiträgt, als das die einschlägigen Portale und Magazine vermögen. Deshalb: lesenswert!

Wolfgang Schorlau: Die schützende Hand. Denglers achter Fall, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015, 384 Seiten, 14,99 Euro, Bestellen?