Kloster_Ambulanzen

Leben nach dem Überleben

United Nations zeigen Ausstellung über das Kinderzentrum Kloster Indersdorf – Ab Juli 1945 betreute eine UN-Organisation dort Hunderte von Waisen…

Von Jim G. Tobias
Zuerst erschienen in: tachles, No. 1 , 8. Januar 2016 

Nach der Befreiung: Schmuel mit einem US-Soldaten, Repro: ©Archiv Anna Andlauer
Nach der Befreiung: Schmuel mit einem US-Soldaten, Repro: ©Archiv Anna Andlauer

„Uns kam das Kloster Indersdorf wie ein Palast vor“, erinnert sich Schmuel Reinstein; „und endlich genug zu Essen, passende Kleidung! Wir fühlten uns wie im Paradies, nachdem was wir durchgemacht hatten.“ Der 1931 in Polen geborene Junge hatte die Konzentrationslager Groß-Rosen, Buchenwald und Flossenbürg überlebt und war von einem Todesmarsch in der Nähe der Ortschaft Stamsried (Oberpfalz) befreit worden. US-amerikanische Soldaten kümmerten sich zunächst um den damals 14-Jährigen; für etwa ein Jahr, bis zu seiner Einwanderung nach Erez Israel im Frühjahr 1946, fand er Zuneigung und Unterkunft im Internationalen Kinderzentrum Kloster Indersdorf. Das in der gleichnamigen oberbayerischen Gemeinde gelegene Kloster aus dem 18. Jahrhundert war nach dem Zweiten Weltkrieg von der US-Armee beschlagnahmt worden. „Kloster Indersdorf, unweit des berüchtigten KZ Dachau gelegen, war das erste, schon im Juli 1945 eröffnete, Kinderzentrum der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA)“, schrieb die ehemalige Leiterin der Einrichtung, Jean Margaret Henshaw in einen zeitgenössischen Report. Aufgabe der 1943 gegründeten Welthilfsorganisation war es, die zahllosen entwurzelten und verschleppten Menschen in sogenannten „assembly centers“ mit dem Nötigsten zu versorgen und ihnen dabei zu helfen, „sich selbst wieder aufzurichten und ein neues Leben aufzubauen“.

Wenige Wochen, nachdem das Internationale Children’s Center Indersdorf offiziell eröffnet worden war, fanden 187 von rund 900 in der US-Zone registrierten „unbegleitete“ Kinder und Jugendliche aus sieben Nationen im Kloster ein sicheres Zuhause. Die Mehrheit von ihnen waren ehemalige Zwangsarbeiter aus osteuropäischen Ländern, die in KZ-Produktionsstätten, Bauernhöfen oder in Fabriken schuften mussten. Ihre teilweise jahrelange Sklavenarbeit hatte deutliche Spuren hinterlassen – hungrig, zerlumpt und verwildert kamen sie in Indersdorf an. Andere waren Kinder von Zwangsarbeiterinnen oder im Zuge von „Germanisierungsprogrammen“ nach Deutschland verschleppte Jungen und Mädchen. Die kleine Gruppe der elternlosen jüdischen Kinder und Jugendlichen kam aus den Konzentrationslagern oder hatte mit falscher Identität im Untergrund überlebt. Alle waren gezwungen gewesen zu stehlen und zu betrügen, um zu überleben. Sie kannten kaum soziale Verantwortung und Moral. „Heimatlos, abgemagert, vernarbt, ängstlich, beraubt, verbittert, Zeugen von schrecklichen Dingen – das waren die Kinder des befreiten Europas.“

Zunächst sorgte der 17-köpfige Mitarbeiterstab des UNRRA-Teams dafür, dass die Kinder medizinisch versorgt wurden und eine ausreichende Ernährung erhielten. Zur Seite standen ihnen die Ordensfrauen des Klosters, die sich um Küche, Wäscherei und Nähwerkstatt kümmerten. Zusätzliche Hilfe leistete die US-Wohlfahrtsorganisation American Jewish Joint Distribution Committee und die Jewish Agency. Während der Jahre im Lager oder in der Illegalität hatten viele Kinder und Jugendliche vergessen, dass man sich zum Essen an einen Tisch setzt, Tassen, Teller und ein Besteck benutzt, die Nahrung nicht blitzschnell herunterschlingt oder gierig nach dem Brot greift und sich die Taschen damit vollstopft. Daher sorgten die UNRRA-Helfer dafür, dass die Kinder in kleinen, familienähnlichen Gruppen im Speisesaal an gedeckten Tischen Platz nahmen. Die Betreuer halfen mit Gesprächen, dass die Kinder ihre verstörenden Erfahrungen verarbeiten konnten und vermittelten ihnen, dass sie willkommen waren. Dies stärkte ihr Selbstwertgefühl.

Im Mittelpunkt aller Aktivitäten standen die Erziehung und Bildung der Kinder, die weder eine Schule besucht noch eine Ausbildung absolviert hatten. Zu den vordringlichsten Aufgaben zählte daher, einen geordneten Unterricht anzubieten. Dabei wurden die Klassen nicht nach dem Alter zusammengestellt, sondern nach dem aktuellen Wissensstand der Schüler. „Die meisten Kinder waren begierig zu lernen, wie Schwämme sogen sie den Lernstoff auf“, berichtete Greta Fischer, eine der UNRRA-Sozialarbeiterinnen in Indersdorf, die selbst in den 1930er Jahren als Jüdin nach England fliehen musste. In London lernte sie die Psychoanalytikerin Anna Freud kennen, die sie in das Gebiet der trauma-therapeutischen Arbeit mit Kindern einführte. Dieses Wissen setzte Greta Fischer erfolgreich und mit viel Empathie bei ihrer Arbeit im Kloster Indersdorf ein. „Es galt, jedes Kind, jeden Jugendlichen individuell wahrzunehmen und aufzufangen“, war ihr Motto.

Hunderte entwurzelter und heimatloser Kinder sind ab 1945 in Indersdorf von Greta Fischer und ihren Kollegen ins Leben zurückgeführt worden. Das Internationale Kinderzentrum Indersdorf bestand rund ein Jahr. Im Laufe des Jahres 1946 schmuggelte die geheime Fluchthilfeorganisation „Bricha“ immer mehr jüdische Kinder aus Osteuropa in die US-Zone, um sie von dort nach Erez Israel zu bringen. Sie bildeten die Basis für das ab August 1946 errichtete Jewish Children’s Center Indersdorf. Bis zu seiner Schließung im September 1948 wurde das Kloster nun mehrheitlich von jüdischen Waisenkindern aus Ungarn bewohnt. Diese gehörten der zionistischen Bewegung DROR an, die sogar eine eigene Lagerzeitung mit dem programmatischen Namen „Uj Elet“, zu deutsch „Neues Leben“ verlegte. Das Internationale Kinderzentrum war im Juli 1946 unter der Leitung von Greta Fischer nach Prien am Chiemsee umgezogen.

Lazar Kleinman (heute Leslie Kleinman) ist der einzige Überlebende einer zehnköpfigen jüdischen Familie aus Rumänien, Repro: ©Archiv Anna Andlauer
Lazar Kleinman (heute Leslie Kleinman) ist der einzige Überlebende einer zehnköpfigen jüdischen Familie aus Rumänien, Repro: ©Archiv Anna Andlauer

Dass eine Gliederung der Vereinten Nationen in der unmittelbaren Nachkriegszeit im Landkreis Dachau ein Heim für junge Überlebende der Konzentrations- und Zwangsarbeitslager unterhielt, war jahrzehntelang völlig in Vergessenheit geraten. Erst die Heimatforscherin und ehemalige Lehrerin Anna Andlauer, die vor rund acht Jahren damit begann, die Geschichte des ersten Internationalen Children’s Centers im Nachkriegsdeutschland zu erforschen, brachte Licht in dieses Kapitel der deutschen Regionalgeschichte. Sie besuchte zahlreiche nationale und internationale Archive, entdeckte einzigartige historische Fotos und spürte mehr als 80 der Überlebenden in Kanada, England, Polen, Israel und weiteren Ländern auf. Anna Andlauer hat die Kinder von damals ins heutige Kloster Indersdorf zu Zeitzeugengesprächen eingeladen und ihre Geschichten sowie die Geschichte ihrer vorübergehenden Heimat aufgeschrieben. Für viele war die Rückkehr nach Indersdorf ein bewegendes Erlebnis: „In Indersdorf fühlte man sich angenommen und gewollt, nach all den Erfahrungen, wo Dich niemand gewollt hat, bist Du endlich wieder angekommen, hattest ein Zuhause“, sagte der 1929 geborene Lazar Kleinman sichtlich bewegt. Er hatte die Konzentrationslager Auschwitz und Flossenbürg überlebt, als einziger einer jüdisch-orthodoxen zehnköpfigen Familie aus der rumänischen Stadt Satu Mare. Heute heißt Lazar Leslie und lebt in England.

Neben ihrem Buch „The Rage to Live“ hat Anna Andlauer auch eine Ausstellung konzipiert. Nach Stationen im Kloster Indersdorf und in der KZ Gedenkstätte Flossenbürg wird die Schau „Life After Survival“ vom 7. Januar bis 10. Februar 2016 im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York zu sehen sein. Auf 14 Tafeln lässt die Fotoausstellung das Leben und Wirken eines UN-Teams im ersten internationalen Kinderzentrum der US-Zone wieder lebendig werden. Aussagen der UN-Mitarbeiter und die Zeugnisse der Überlebenden vermitteln ein bewegendes Bild vom Beginn eines langen Rehabilitationsprozesses. Die Ausstellung bietet auch einen Anreiz, sich der Bedürfnisse traumatisierter junger Flüchtlinge heute bewusst zu werden und was getan werden muss, ihnen jetzt zu helfen.

Buchtipp:Anna Andlauer, The Rage to Live. The International D.P. Children’s Center Kloster Indersdorf 1945-46, CreateSpace Independent Publishing Platform (über Amazon.de), 226 Seiten, 14,80 €

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Das Internationale Children’s Center im Kloster Indersdorf 1945-1946, Repro: ©Archiv Anna Andlauer