Esther Bejarano und die Kölner Hip-Hop-Combo Microphone Mafia

Auszeichnung für Shoah-Überlebende, ihren Sohn und zwei Kölner Rapper…

Von Roland Kaufhold und Stefan Hößl

Es war eine denkwürdige Szene, die noch lange in Erinnerung bleiben wird: Die agile, vom Erscheinungsbild winzige 89-jährige Shoah-Überlebende Esther Bejarano begab sich im Kölner Käthe Kollwitz Museum auf die Bühne und begann, gemeinsam mit den ein halbes Jahrhundert jüngeren Mitgliedern der Kölner Hip-Hop-Combo Microphone Mafia, Raps und jüdische Lieder zu singen. Selbst die anwesenden, seriös-gediegenen Vertreter der Kölner Stadtsparkasse vermochten sich ihrem Charme nicht zu entziehen.

Esther Bejarano und die Kölner Hip-Hop-Combo Microphone Mafia

Anlass war die Verleihung der Kölner Giesberts-Lewin-Preises am 10. Dezember 2014 an Esther Bejarano, ihre Sohn Joram sowie die Kölner Kutlu Yurtseven und Rossi Pennino, die zusammen das Hip-Hop-Duo Microphone Mafia bilden. Vergeben wird dieser Preis jährlich von der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die mit ihm Menschen ehrt, die sich, wie die diesjährigen Preisträger, in besonderer Weise für Toleranz und gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus engagieren. Überschattet wurde die Preisverleihung durch den Tod des ersten Giesberts-Lewin-Preisträgers, Ralph Giordano am selbigen Tag. Ihm und seinem Lebenswerk wurde zum Beginn der Preisverleihung mit einer Schweigeminute gedacht.

Bereits bei der Vorbereitung war klar: Es würde voll werden. Über 200 Menschen kamen schließlich. Zahlreiche Zeichnungen und Radierungen von Käthe Kollwitz hängen in diesem im Herzen Kölns liegenden, und dennoch nicht leicht zu findenden Museum. Hätte die vor 70 Jahren verstorbene engagierte Künstlerin Käthe Kollwitz diesen außergewöhnlichen Abend erlebt, inmitten ihrer Bilder: Wir sind uns sicher: Es hätte sie sehr gefreut.

Ein außergewöhnliches, mehrere Generationen und Nationalitäten umfassendes Projekt wurde für sein langjähriges Engagement geehrt, und nahezu alles war anders als bei den vorherigen Preisverleihungen. Wer eine Dankesrede und einen eher formellen Empfang erwartet hatte, wurde enttäuscht: Die Preisträger hatten einen Auftrag, dem sie auch an diesem Abend gerecht werden wollten – in ihrer Weise: Gemeinsam mit ihren Familien und zwei kleinen Kindern, die auch irgendwann die Bühne betraten und mit erhobener Faust italienische Freiheitslieder mitsangen.

Nur wenige Tage vor ihrem 90. Geburtstag las Esther Bejarano, die mit großem Glück das Konzentrationslager Auschwitz, Zwangsarbeit in Siemens-Werken und Todesmärsche überlebt hatte, aus ihrem im Laika-Verlag erschienen Buch Erinnerungen. 1924 geboren, erreichte Esther Bejarano nach Jahren, in denen sie als Jüdin den antisemitischen Terror und Schrecken des NS-Regimes erleben musste, eingepfercht in einem Viehwaggon, am 20. April 1943 Auschwitz. Esther war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 18 Jahre alt, als sie sich im totalen System Auschwitz wiederfand, das dafür errichtet wurde, Millionen von Menschen zu vernichten. Auge in Auge mit Mord, Kälte, Krankheiten, Zwang, Mangelernährung, Gewalt und jeglicher Form von Dehumanisierung erschien ihre Lage aussichtslos. Was dann jedoch folgte, erscheint unvorstellbar: In Auschwitz existierte ein Mädchenorchester, das Musik spielen musste, während tausende und abertausende Menschen in die Gaskammern getrieben wurden. Für ebendieses Orchester wurde die musikalische Esther Bejarano vorgeschlagen. Sie erkannte ihre ausweglose Situation, wodurch ihr Mut geweckt wurde: Obwohl sie nur Flöte und Klavier spielte ließ sie mit fester Stimme vernehmen, dass sie selbstverständlich Akkordeon spielen könne. Nur eine Akkordeon-Spielerin wurde gesucht. So wurde Esther Bejarano Mitglied des Mädchenorchesters. Sehr bald vermochte sie Akkordeon perfekt zu spielen. Eine ihrer Mitmusikerinnen war Anita Lasker-Wallfisch. Von dieser frühen, lebenslang prägenden Geschichte erzählte sie an diesem Abend. In ihrem erinnernden Buch beschreibt sie diese so:

„Wenn neue Transporte ankamen, die für die Gaskammer bestimmt waren, mussten die Musikantinnen am Tor stehen und Musik machen. Aus ganz Europa kamen die Menschen und fuhren direkt ins Gas. Als die Menschen in den Zügen an uns vorbeifuhren und die Musik hörten, dachten sie sicher, wo Musik spielt, kann es ja so schlimm nicht sein“ (Bejarano 2013, S. 70).

Viele Bilder des Erlebten sieht Esther Bejarano auch heute noch vor sich. Sie erlebte all dies als junge Frau. Auch Szenen der Deportation nach Ravensbrück und von den Todesmärschen scheinen für sie unvergesslich. Ein großer Teil ihrer Familie, auch ihre Eltern, wurde durch die Deutschen ermordet. Dies erfuhr sie bald nach ihrer Flucht, während der Todesmärsche bei Kriegsende. Esther Bejarano überlebte. Sie ging bald nach Israel und übersiedelte 1960, 36-jährig, nach Hamburg. Jahre lang war sie nicht in der Lage, hierüber zu sprechen. Mit ihren Kindern sprach sie lange nicht über das Erlebte, weil es ihr schlichtweg nicht möglich war. Aber seit nun mehreren Jahrzehnten wird sie nicht müde, daran zu arbeiten, dass diese Geschichte – die Geschichte des Nationalsozialismus, die Geschichte der Shoah, von der sie ein Teil geworden ist – nicht vergessen wird. Unermüdlich spricht sie vor Schulklassen und in der Öffentlichkeit und geht auch ungewöhnliche Wege: Seit 2009 stehen sie und ihr Sohn Joram mit Rossi Pennino und Kutlu Yurtseven auf der Bühne. Esther Bejarano war 85 Jahre alt, als sie sich entschloss, mit zweien der Wegbereiter des deutschsprachigen Rap zusammenzuarbeiten: mit dem antifaschistischen Hip-Hop-Duo Microphone Mafia aus Köln-Stammheim. Der Hip-Hop selbst hat ihr nie sonderlich gefallen. Er ist ihr zu laut. Aber das politische Engagement mit den sehr viel Jüngeren, der Kontakt zur Jugend hat sie überzeugt. Zusammen singen und rappen sie auf Deutsch, Jiddisch, Türkisch und Italienisch. Zum Repertoire gehören viele antifaschistische Partisanen- und Arbeiterlieder, die von der Gruppe neu interpretiert wurden. Im Nachgang an die Lesung spielte die Gruppe – und spätestens beim Lied avanti popolo gab es im Käthe Kollwitz-Museum kein Halten mehr: Familie und FreundInnen der vier MusikerInnen und der Rest der 200 TeilnehmerInnen feierten Esther und Joram, Kutlu und Rossi. Für wohl alle war die Energie dieser Gruppe und gerade die knapp 90-jährige Esther Bejarano mit ihrer Botschaft und mit ihrer authentischen und lebensbejahenden Art sehr bewegend.

Literatur:
Bejarano, Esther (2013): Erinnerungen. Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts. Hamburg: Laika-Verlag.
http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2013%2F10%2F23%2Fa0001&cHash=c5b495bf008ec5816281f2b4d39a1e73

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