Ernst Federns Versuche zur Psychologie des nationalsozialistischen Terrors

Am 26. August jährt sich Ernst Federns 100. Geburtstag…

„Für mich war mein Optimismus ganz entscheidend für mein Überleben. Ich war völlig überzeugt, daß mir (im Konzentrationslager, d. Verf.) nichts passiert.“

„Mir scheint, daß der Kern dessen, was in Deutschland in der Nazi-Zeit geschah und eine Generation früher in der Türkei während der armenischen Massaker – und dem was übrigens tagtäglich in Israel passieren könnte, sollte das Land in die Hände der Ägypter fallen – , gut mit den prophetischen Worten von Franz Grillparzer „Von der Humanität über die Nationalität in die Bestialität“ beschrieben wurde. (…) Dies ist der Grund, warum der deutsche Historiker Ludwig Dehio den Nationalismus eine dämonische Kraft nannte; lassen Sie mich dies in psychoanalytischen Termini sagen. Brutalität und Grausamkeit werden nicht nur vom Gewissen sanktioniert, sie werden sogar zur Pflicht!“
Brief Ernst Federns an seinen befreundeten Kollegen Robert Wälder vom 25.2.1961 (R. Wälder war 1938 als Jude von Wien in die USA emigriert)  (in: Federn 1999, S. 98)

Von Roland Kaufhold
Aus dem Vorwort zum Buch: Versuche zur Psychologie des nationalsozialistischen Terrors. Herausgegeben von Roland Kaufhold, Gießen: Psychosozial-Verlag)

„Das entscheidende Ereignis meines Lebens war – wie könnte es auch anders sein – meine Erfahrung in den Konzentrationslagern.“Ernst Federn war 85 Jahre alt, als er dies schrieb. Er war ein Überlebender der Schoah, was weitgehend unbekannt war, selbst unter Berufskollegen. Ernst Federn wusste um dieses nicht-Wissen. Er akzeptierte dieses als unabänderliche Tatsache.

Seit 1973 lebte er wieder in Wien, nach einer 24-jährigen Berufstätigkeit als psychoanalytischer Sozialarbeiter in den USA. Er liebte diesen Beruf, griff bereits in den USA theoretisch und biografisch auf das Wirken seiner beiden großen Wiener Vorbilder – die Psychoanalytischen Pädagogen August Aichhorn und Siegfried Bernfeld – zurück. „Ich verstand auch sehr früh, dass ein Freund meines Vaters, August Aichhorn, jungen Menschen half, die in Not waren; das hat mich so tief beeindruckt, dass ich den Wunsch hatte, auch einen solchen Beruf zu ergreifen“, bemerkt er in einem autobiografischen Essay.

Diese Berufstätigkeit als Psychoanalytischer Sozialarbeiter in den USA entsprang aus seiner Fähigkeit, stets das Beste aus einer schwierigen Situation zu machen: „Ich hatte mich 1948,“ – der KZ-Überlebende Ernst Federn war seinerzeit bereits 34 Jahre alt – „einige Monate nach meiner Ankunft in den Vereinigten Staaten, für den Beruf des Sozialarbeiters entschieden. Dies geschah mehr aus Not denn überlegter Planung; für einen an sozialen Problemen interessierten europäischen Einwanderer war das zu jener Zeit der geeignete Beruf“, hebt Federn im autobiografischen Rückblick hervor.

Ernst Federn musste 85 Jahre alt werden, um innerhalb der deutschsprachigen psychoanalytischen Community als Fachautor wahrgenommen zu werden. Der sozialistisch orientierte Emigrant Ernst Federn fühlte sich auch nach seiner Übersiedlung zu seinen Eltern in die USA – sie sollten ein bzw. zwei Jahre nach seiner Ankunft in den USA sterben – weiterhin seinen Wiener Wurzeln, dem Erbe Sigmund Freuds und Paul Federns, verbunden. Hierin unterschied er sich von vielen, insbesondere jüdischen Emigranten und Überlebenden. Er hatte für sich und seine Ehefrau Hilde immer eine Rückkehr nach Wien als Lebensperspektive gesehen. Erst die österreichische sozialistische Regierung unter Bruno Kreisky und dem Justizminister Christian Broda – mit denen er gemeinsam während seiner Untergrundtätigkeit in den 30er Jahren inhaftiert war – ermöglichte ihm 1973 eine Rückkehr nach Wien, eine Fortsetzung seines psychoanalytisch-sozialarbeiterischen Engagements in seiner früheren Heimatstadt.

Ernst Federn hat nur selten und nicht gerne über seine traumatischen Terrorerfahrungen geschrieben und gesprochen. Und wenn, dann stellte er sie, in seelisch Abstand nehmender Weise, als eher nebensächliche, „läppische“ Ereignisse dar. Er selbst, so betonte er immer wieder, sei seelisch durch die Konzentrationslagerhaft nicht beschädigt worden. Insofern, so fügte er zur Verblüffung eines Großteils des Publikums hinzu, sei er auch kein Opfer des Nationalsozialismus. Den in seinen Augen herabsetzenden Begriff des „Opfers“ lehnte Ernst Federn für seine eigene Biografie grundsätzlich ab. Bereits als junger Mann, während seines Wiener Engagements im „illegalen“ Untergrund, wusste er um seine eigene existentielle Gefährdung. Sein eigener Tod war der Preis, den er für seinen Kampf gegen den Nationalsozialismus zu zahlen bereit war. In privaten Gesprächen erwähnte er verschiedentlich auch die ihm zugetragene oder direkt erlebte, schon beinahe triumphale Reaktion von Kollegen und Gesprächspartnern auf sein Insistieren über sein eigenes nicht-beschädigt-Sein durch die KZ-Haft: Wann dieser Ernst Federn denn unter der Last seiner Erfahrungen zusammen brechen werde, so spekulierten diese immer wieder, privat und sogar halb-öffentlich. Solche Reaktionen verwunderten ihn eher, als dass sie ihn kränkten. Er betrachtete sie als seelische Unfähigkeit, die Realität als solche anzuerkennen.

Ernst Federn ließ sich, dies sei hinzu gefügt, auch durch das vollständige nicht-Wissen von zuständigen österreichischen Beamten über die eigene, österreichische NS-Geschichte nicht entmutigen. So fragte ihn ein junger Beamter, als es um die Berechnung der ihm zustehenden Rentenzahlung ging – unter Berücksichtigung seiner siebenjährigen KZ-Haft –, warum er denn in den Jahren von ca. 1935–1945 keiner ordentlichen Berufstätigkeit nachgegangen sei. Seine Ehefrau Hilde empörte sich hierüber, auch noch viele Jahre später; Ernst Federn hingegen verwies achselzuckend auf das junge Alter des für Versorgungsansprüche zuständigen Beamten: Der habe halt keinerlei Ahnung gehabt…

Wien blieb seine Heimat, daran zweifelte er nie. Dort wollte er psychoanalytisch-sozialtherapeutisch wirken.

Seinen 15 Jahre jüngeren befreundeten Kollegen Josef Shaked hingegen, der als jüdisches Kind über Israel und die USA geflohen und bereits in den frühen 50ern wieder nach Wien zurückgekehrt ist, beschlichen immer wieder Zweifel wegen seiner Rückkehr nach Wien: „Gegen Mitte der 50er Jahre schützte mich wohl ein gewisses jugendliches Selbstbewusstsein vor allzu quälenden Zweifeln. Aber hin und wieder kamen mir doch Bedenken, ob ich am richtigen Ort gelandet war.“

Seine Identität als politischer Widerstandskämpfer sowie die seelische Kraft, die ihm sein beschützendes psychoanalytisches Elternhaus geschenkt haben, verliehen Ernst Federn die Kraft zum Überleben. Hinzu kam: Im Konzentrationslager hatte er eine Gruppe von politischen Freunden um sich versammelt, denen er über die Psychoanalyse erzählte. Und denen er – er vermochte in Buchenwald u.a. deutsch- und englischsprachige Tageszeitungen zu lesen – bei sonntäglichen Vorträgen die politische Weltsituation erklärte.

Sein auch Mithäftlinge ermutigender, unerschütterlicher Optimismus war legendär. Jahre nach seiner Befreiung bestätigten ihm Mithäftlinge, wie wertvoll für ihren eigenen Überlebenswillen sein Vorbild gewesen sei.

Mein Eindruck in zahlreichen persönlichen Gesprächen und Begegnungen war, dass Ernst Federn es zeitlebens für grundsätzlich ausgeschlossen gehalten hat, diese Konzentrationslager-Erfahrungen nachzuvollziehen. „Allein der Geruch in Buchenwald“ – er bezog sich auf den Geruch der verbrannten Menschen – „den vermögen Sie sich nicht vorzustellen“, entgegnete er 1992 bei einem privaten Gespräch.

In dem Kapitel „Zur Psychologie des Leidens“ seiner in diesem Buch dokumentierten großen Studie „Versuche zur Psychologie des Terrors“ vom Juni 1946 führt Ernst Federn dementsprechend aus: „Man kann sich die Situation eines einem Terror unterworfenen Individuums weder theoretisch zurechtlegen, noch aber vorstellen. Es ist sicher übertrieben zu behaupten, ein Mensch halte alles aus, wenn er nur will; aber richtig ist, daß die Widerstandsfähigkeit bei ihm eine außerordentliche ist.“

Es sei darauf verwiesen, dass Ernst Federn im Konzentrationslager den Ruf des Psychoanalytikers im Lager hatte, weshalb ihm viele Mithäftlinge von ihren Leidenserfahrungen, ihren Ängsten berichteten. Ernst Federn hatte mit politischen Freunden und Genossen, die um ihre bevorstehende Ermordung im Konzentrationslager wussten, unmittelbar vor ihrem Tod Aussprachen.

Federn führte in Buchenwald gemeinsam mit dem Psychoanalytiker Otto Brief und Bruno Bettelheim psychoanalytisch geprägte Gespräche, in denen sie ihre terroristische Lebenssituation und die bei sich selbst und bei Mithäftlingen beobachteten Anpassungsmechanismen an diese Terrorerfahrungen zu verstehen versuchten. „Die Psychoanalyse hat mir im Konzentrationslager das Leben gerettet“ betonte Ernst Federn mehrfach. Seine bewegende wissenschaftliche Studie „Versuch einer Psychologie des Terrors“ist auch aus diesen gemeinsamen Gesprächen mit Otto Brief und Bettelheim erwachsen. Verfasst hatte er sie geistig schon im Konzentrationslager. Er benötigte 15 Monate der seelischen Erholung, um sie schriftlich niederzulegen.

Anlass bildete eine grausame Szene aus dem Jahr 1940 „als, wieder einmal, eine Kompanie jüdischer Häftlinge im Lager Buchenwald, ein sogenannter ’Judenblock’, zur Strafe exerzieren mußte. Ein solches Strafexerzieren also brachte mich, während ich lief, hüpfte und andere Übungen ausführte, auf die Idee, eine ’Psychologie des Terrors’ zu schreiben.“ Ernst Federn erlebte, wie dieser Befehlskommandant, „ein vielleicht 18jähriger SS-Mann mit einem sympathischen Jungengesicht“, binnen weniger Minuten zu einem Verbrecher wurde. „Diese Beobachtung“ – im Jahr 1940, im Konzentrationslager – „erweckte in mir den Gedanken, auch Bestialität und Terror unabhängig von ihrer moralischen Verurteilung sachlich zu betrachten, und ich konzipierte im Kopf während der noch folgenden fünf Lagerjahre die wesentlichen Punkte der vorliegenden Schrift.“

Ernst Federns Terrorerfahrungen störten den seelischen Frieden der gesellschaftlichen Majorität, den Wunsch, endlich vergessen zu dürfen. Endlich die Vergangenheit ruhen zu lassen. Auch in Wien, bei seinen Freunden und Berufskollegen. Endlich die mörderische Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen. Es erscheint als eine Form der Einfühlungsverweigerung, über die Kollege Kurt R. Eissler bereits 1963 einen erschüttenden Beitrag verfasst hat: „Die Ermordung von wievielen seiner Kinder muß ein Mensch symptomfrei ertragen können, um eine normale Konstitution zu heben?“

Auch die letztlich äußerst zögerliche Rezeption von Federns – in diesem Buch versammelten – Studien zu einer Psychologie des Terrors dürfte von diesen Umständen mit geprägt sein.

In den ersten 15 Jahren seit seiner Remigration nach Wien sprach Ernst Federn nur selten über seine Konzentrationslagerhaft. Diese dürfte dennoch kein Geheimnis gewesen sein. Er war ein Rückkehrer, stammte aus einer jüdischen Familie. Freiwillig hatte er Wien nicht verlassen. Jedoch auch Freunde und Kollegen, Wiener Nachbarn, die hiervon wussten, sprachen ihn darauf lieber nicht an.

Ernst Federn hat sich nur einmal direkt über das nicht-Sprechen über seine eigenen traumatischen Lager-Erfahrungen geäußert. Federn führte aus:

„Was mich angeht, so hätte ich sehr gern von meinen (Konzentrationslager-, d. Verf.) Erlebnissen erzählen wollen, aber es waren die Analytiker, die ausnahmslos einem Gespräch über meine Lagererlebnisse aus dem Wege gegangen sind. Es scheint, dass die Opfer zwar das Gespräch vermeiden, nicht aber das Schreiben. (…) Warum konnte man darüber schreiben und so schwer darüber reden? Ich glaube, dass die Welt des Konzentrationslagers (…) in Gesprächen Menschen, die das nicht selbst erlebt haben, kaum vermittelt werden kann. Wer davon erzählt, muss fürchten, dass die Zuhörer ihm nicht glauben, oder dass ihnen das Gehörte so peinlich ist, dass man mit dem Erzählen lieber aufhört. Auch Psychoanalytiker bilden da keine Ausnahme. Unter dem Vorwand, meine Gefühle schonen zu wollen, verbarg sich die Angst vor eigenen Konflikten, die durch die Berichte über die Schrecken des Lagerlebens ausgelöst werden konnten.“

Ernst Federns höchst außergewöhnlicher Lebensweg von Wien über Buchenwald und den USA wieder zurück nach Wien war für Viele nicht nachvollziehbar. Er blieb ein Außenstehender ein nicht-Zugehöriger – trotz aller beruflichen und persönlichen Ehrungen und Wertschätzungen, die ihn im hohen Alter ereilten. Er – der für sich selbst eine Zugehörigkeit zum jüdischen Volk nie gelten lassen wollte – teilte diese Erfahrung mit dem Grundgefühl wohl der meisten überlebender Juden, die das Schicksal – auf jeweils höchst individueller Weise – wieder zurück nach Österreich oder nach Deutschland geführt hat. Sie blieben Fremde, Außenstehende, Einsame. Der Bruch blieb.

Ernst Federn wurde zur Projektionsfläche innerhalb unterschiedlichster Berufsgruppen und politischer Kreise. Er, der im Konzentrationslager Buchenwald sieben Jahre lang nicht nur von den Nationalsozialisten, sondern als Trotzkist auch von der „stalinistischen“ Häftlingsselbstverwaltung existentiell bedroht wurde führte auch nach seiner Befreiung einen einsamen Kampf; symbolisch gesprochen: gegen den stalinistischen Mythos der „Selbstbefreiung“ des KZs Buchenwald. Nach seiner Befreiung führte er als Zeitzeuge einen Kampf gegen diesen verlogenen Mythos.

Die persönlich gehaltenen Erinnerungen an Fritz Grünbaum, Robert Danneberg – die beide Opfer der Schoa sind – und Bruno Bettelheim sind in diesem Buch wiedergegeben. Seinen erinnernden Beitrag über Bettelheim und das Überleben im Konzentrationslager beendet er in einer seine eigene Person einschließenden Weise:

„Ich glaube, dass die breite Öffentlichkeit niemals die seelischen Zustände der Opfer des Nationalsozialismus nachvollziehen kann und sie daher auch niemals wirklich verstehen wird. Der Holocaust war ein Ereignis von historischer Außergewöhnlichkeit, weil er in einem hochzivilisierten Land geschah. Der Rückfall einer Gesellschaft wie der deutschen auf die Einstellung des Altertums, in dem Völker ohne Bedenken ausgerottet wurden, ist einfach unmöglich. Bettelheim versuchte es noch in einer Weise zu erklären, die verständlich war, daher sein großer Erfolg.“

Ernst Federns Entschluss, 1973 als ehemals Vertriebener ausgerechnet wieder nach Wien zurück zu kehren, war von einer unerschütterlichen Treue zu seinem familiären Erbe geprägt. Am 24. Juli 1945, drei Monate nach seiner Befreiung, schrieb er in einem Brief an Anna Freud: „Ich fühle mich ganz als Fortsetzer meines Vaters und betrachte es als meine Lebensaufgabe das Werk des Professors (Sigmund Freud) in den Dienst einer besseren Weltordnung zu stellen.“ Dieser Grundhaltung bleib der Sohn des Freud-Stellvertreters Paul Federn treu, zeitlebens.

1973 kehrte der nun 59-jährige Ernst Federn gemeinsam mit seiner ebenfalls aus Wien gebürtigen, vier Jahre älteren Ehefrau Hilde an den sozialen Ort zurück, der ihn ausgestoßen hatte – nach Wien. Geplant hatte er dies schon gut 20 Jahre zuvor.

Hilde und Ernst Federn 1994, © Psychosozial Verlag & Marita Barthel-Rösing

Zu seinen in diesem Buch wiedergegebenen Terror-Studien: Ernst Federn gehört zu den ganz Wenigen, die bereits unmittelbar nach ihrer Befreiung aus der Konzentrationslagerhaft wissenschaftlich und zugleich autobiografisch über ihr Leiden Zeugnis geschrieben haben. Der Wunsch, Zeugnis von den nationalsozialistischen Verbrechen abzulegen, wie auch seine Freundschaften in Buchenwald, hielten ihn am Leben. Und doch blieben diese Studien weitestgehend unveröffentlicht, unbekannt, blieb sein Name in der wissenschaftlichen Schoa-Literatur unerwähnt.

Seinen ersten, noch stark von den verstörenden emotionalen Erlebnissen geprägten Beitrag verfasste Ernst Federn im Juli 1945 in Brüssel, drei Monate nach seiner Befreiung (!). 50 mit der Schreibmaschine getippte Seiten, betitelt mit „Der Terror als System: Das Konzentrationslager“. Er übergab sie mir im April 1997 bei einem Besuch in Wien, als ich an der Herausgabe seiner Terrorstudien als Buch arbeitete.

Im Juni 1946 folgte seine große psychoanalytische Studie „Versuch einer Psychologie des Terrors“ – vielleicht sein zeitgeschichtlich und fachlich bedeutsamstes Werk. Auch diese grundlegende psychoanalytische Studie über den Terror blieb weitestgehend unbekannt.

Der bewusst sehr nüchtern formulierte, von eigenen Emotionen freie Text gehört zu den Klassikern einer Psychologie des Terrors. Er ermöglicht eine nüchterne Sicht auf die Rollen von Tätern und von Opfern. Ernst Federns klinische Studie über den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß – betitelt „Einige klinische Bemerkungen zur Psychopathologie des Völkermords“ – erschien 1969 auf deutsch in der Zeitschrift Psyche.

Ernst Federn ist am 24. Juni 2007 in Wien verstorben. Sein Wirken wurde mehrfach ausgezeichnet: 2001 wurde ihm von der Gesamthochschule Kassel eine Ehrenpromotion verliehen, die SPÖ zeichnete ihn mit ihrer höchste Auszeichnung aus. 2005 wurde ihm, in Würdigung seiner besonderen Leistungen, die Silberne Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien verliehen.

Im Januar 2005 verstarb seine lebenslange Wegbegleiterin Hilde. Hildes siebenjährige Unterstützung, von Wien aus, trotz ihrer hierdurch bedingten eigenen existentiellen Gefährdung, verdankte Ernst Federn sein Überleben in Buchenwald.

Die 2009 in New York verstorbene Psychoanalytikerin Else Pappenheim, die mit Ernst Federn bereits seit Ende der 1920er Jahre befreundet war, hat ihre Hochachtung vor Federns Lebensweg so formuliert:

„Was mir an ihm wirklich imponiert: der Mann war sieben Jahre im Konzentrationslager und ist trotzdem anständig geblieben. (…) Er hat eine besonders liebe Frau und hat trotz allem zustande gebracht, nicht nur ein normales Leben zu führen, sondern sogar sehr engagiert mit Gefangenen in Stein zu arbeiten. Das imponiert mir. Er ist wirklich ein hochanständiger Mensch. (…) Er ist von Kreisky eingeladen worden zurückzukommen, ist wirklich ein Idealist in vieler Beziehung und ein Optimist. Ich habe ihn gefragt, ob es in Österreich wirklich so schlimm ist und er hat gesagt, ’aber nein, es ist ja alles nicht so arg’ – die Gemeinde und die Regierung täten sehr viel gegen den Antisemitismus. Er, der ein wirkliches Opfer war, sagt das. Ich muss sagen, es imponiert mir, dass jemand so – nicht nur anständig, sondern – gut bleiben kann und nicht bösartig geworden ist. Das ist schon allerhand, dass einer das überlebt und trotzdem noch an die Menschheit glaubt. Das bewundere ich.“

Ernst Federn hätte sich über die Neuauflage seiner Studien zur Psychologie des Terrors anlässlich seines 100.ten Geburtstages sehr gefreut. Es ist vermutlich sein wichtigstes Werk.

Dieser Beitrag wurde dem Buch entnommen: Ernst Federn (2014): Versuche zur Psychologie des nationalsozialistischen Terrors. Herausgegeben von Roland Kaufhold. Gießen (Psychosozial Verlag), 262 S. 24,90 Euro. Wir danken dem Verlag und dem Autor Roland Kaufhold für die Nachdruckrechte.

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