Schnee von gestern

Schnee von Gestern? lautet die Frage und die Einsicht, die sich aufdrängt. Bekannte klischeehafte Reaktionen auf die Folgen der Shoa für jüdische Menschen wie „das ist doch alles so lange her“, „es muß doch auch mal genug sein“, „andere haben auch gelitten“, sind eben nicht „Schnee von gestern“, der niemanden angeht. Auch die Enkelgeneration ist nicht frei davon…

Von Gudrun Wilhelmy

Die junge Dokumentarfilmerin Yael Reuveny, aus Israel, umfilmt, was Familie ist, was hätte Familie hätte sein können und was Familie werden könnte. Zwei Geschwister, die sich sehr nahe standen, überleben diese mörderische Zeit getrennt, und werden niemals davon erfahren. In Israel lebt die Mutter von Yael, die keine Familie hat und Yael, die nur eine halbe hat. Mütterlicherseits fehlen die Verwandten. In einem kleinen Ort in Deutschland leben Menschen, die sich plötzlich mit einer Familie in Israel konfrontiert sehen, von deren Existenz sie nicht einmal ahnen konnten.

Yael Reuveny, die der Enkelgeneration angehört, geht dem Schweigen nach. Ihre persönliche Suche nach möglichen Verwandten dieser Geschwister, ihrer Familie,  konzentriert sich auf die Menschen. Der filmische Fokus  entdeckt Charaktere und  individuelle Reaktionen auf das völlig unerwartete Rechercheergebnisse. Zutiefst berührende Momente für die  Protagonisten wie Zuschauer bleiben unsentimental und würdig. Schweigen und Trauer finden hier ebenso ihren Ausdruck, wie die Frage „sind wir jetzt Familie?“ Und das Erzählen, das Erinnern beginnt.

Die bisher gewonnen Preise für diesen Film sind mehr als verdient.

Haifa International Filmfestival 2013 – Bester Dokumentarfilm
Dok Leipzig 2013 – DEFA Preis: Bester Dokumentarfilm
FilmFestival Cottbus 2013 – Dialog Preis
Gershon-Klein-Filmpreis für den besten deutschen Dokumentarfilm mit jüdischer Thematik des Jüdischen Films Berlin & Potsdam 20014.

Ab 10. April in den deutschen Kinos.

Ansehen, unbedingt ansehen.

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Ende des Zweiten Weltkriegs sind die Geschwister Michla und Feiv’ke die einzigen Überlebenden der jüdischen Familie Schwarz aus Wilna. Nach dem Krieg wollen sie sich am Bahnhof von Lodsch treffen, doch dieses Treffen kommt nie zustande. Die Folgen des verpassten Wiedersehens für die Generationen danach und die Geschichte einer Familie über Jahrzehnte hinweg werden in diesem bewegenden Dokumentarfilm der jungen Filmemacherin Yael Reuveny mitreißend aufgearbeitet. Durch die persönliche Herangehensweise bekommt der Zuschauer den Eindruck, bei der Suche nach den familiären Wurzeln und Geheimnissen direkt dabei zu sein. Doch SCHNEE VON GESTERN ist nicht nur ein Film über die Vergangenheit, sondern vor allem ein Porträt über die Familie heute und deren Auseinandersetzung mit dem was war, dargestellt aus der Perspektive der dritten Generation nach dem Krieg. Dabei gelingt Yael Reuvenys Film sowohl ein Austausch zwischen den Generationen als auch zwischen den Kulturen. In ihrer persönlichen Vergangenheitsforschung geht es der jungen Frau um Verstehen und Verzeihen, um eine Bewältigung der Trauer und des Schweigens und vor allem um einen möglichen Neuanfang. Wichtige Filme wie diese können dabei helfen.

Jurybegründung:

Yael Reuvenys Dokumentarfilm beginnt mit einem Interview ihrer Eltern. Sie können es nicht verstehen, warum ihre Tochter ausgerechnet nach Deutschland gegangen ist. Und wenn sie schon in Deutschland lebt, warum sie dieses Land ihre Heimat nennt. Ihre Heimat sei Israel. Welche Deutung von vielen nahe liegenden Möglichkeiten der Zuschauer hier auch annehmen mag – er wird nicht recht behalten und das, obwohl es in diesem Film um „Schnee von gestern“ geht. Die Regisseurin hat von ihrer Großmutter immer wieder die Geschichte vom verlorenen Bruder gehört. Dieser Bruder – Feiv’ke Schwarz – hatte das KZ Buchenwald überlebt und sollte sich mit seiner Schwester im Sommer 1945 in Lodz treffen. Er erscheint aber nie und so verliert die Großmutter zum zweiten Mal ihren Bruder, von dem sie vermutete, dass er wie die übrige Familie von den Nazis verschleppt und ermordet wurde. Der Krieg, aber besonders dieser zweite Verlust, hat das Leben der Großmutter geprägt und die nachfolgenden Generationen beeinflusst. Um dies zu beschreiben und die eigene Spurensuche zu strukturieren, unterteilt die Regisseurin den Film in die erste, zweite und dritte Generation. Die erste Entdeckung wird für den Zuschauer die Tatsache sein, dass Feiv’ke Schwarz unter dem Namen Peter Schwarz nach dem Krieg in Deutschland geblieben ist. Er hat eine eigene Familie gegründet und ist 1987 in der damaligen DDR gestorben. Yael findet die Schwägerin Ihres Großonkels und entdeckt Stück für Stück einen Teil Familiengeschichte, von der sie und ihre Familie in Israel lange nichts wusste. Bereits hier offenbaren sich die Stärken des Filmes. Mit bewundernswertem Gespür schafft die Regisseurin ein Gleichgewicht zwischen persönlicher Geschichte und historischen Ereignissen herzustellen. Dabei will sie nicht über Geschichte belehren, sondern setzt dieses Wissen voraus, um den Kontext, in dem sich die Schicksale ihrer Protagonisten ereignen, zu verstehen. Diese persönlichen Geschichten bringt sie nahe, in dem sie universelle Verhaltensmuster der Generationen aufzeigt. Die erste Generation kann nicht über den Krieg reden und die zweite Generation darf nicht danach fragen. Es scheint, als habe nur die dritte Generation die Chance, die Lücken zu schließen. Immer wieder kehrt die Regisseurin nach Lodz zurück, wo Bruder und Schwester sich verpasst haben. Es ist dieses singuläre Ereignis, mit dessen Bedeutung für ihre beiden Familienteile sie sich nicht abfinden will. Letztlich ist es die Sehnsucht nach der verlorenen Familie, die dem Film seine emotionale Tiefe gibt, der man sich als Zuschauer nicht entziehen kann.
Besonders hervorzuheben sind die Interviews mit der eigenen Familie. Man könnte sie einen Glücksfall für die Regisseurin nennen, wenn nicht klar wäre, dass sie zum einen gut geführt und gut ausgewählt sind. Zum anderen spürt man aber auch in jeder Szene, dass alle Interviewpartner dieses Thema lange mit sich getragen haben und diese Geschichte erzählt gehört.
Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)