Wie antisemitisch war eigentlich Goethe? (1)

Rütteln am deutschen Säulenheiligen…

Von Robert Schlickewitz

Manchen Deutschen gilt er als das Aushängeschild ihrer Kultur, der in seiner Person das Genie eines ganzen Volkes vereinigt. Die überwiegende Mehrheit der heutigen Deutschen hingegen kann mit seinem Namen nur wenig anfangen. Der somit am besten als Säulenheiliger der bürgerlichen Eliten zu Bezeichnende, hat sich vor allem als Literat, aber auch als Humanist einen Namen gemacht. Ihm verdankt die Nachwelt höchst intelligente Reflexionen und bisweilen modern anmutende, bemerkenswerte Einsichten. Zugleich steht er jedoch in einer Reihe mit Martin Luther, Johann Sebastian Bach, Richard Wagner, Arthur Schopenhauer, Wilhelm Busch, Heinrich von Treitschke, Theodor Fontane, Paul de Lagarde, Ludwig Thoma und Adolf Hitler. Legt man heutige Maßstäbe an, war Goethe ein Antisemit.

Fragt man Bundesbürger des Jahres 2014 nach Goethe, kann man die überraschendsten Antworten erhalten (1). Beispielsweise reagierte eine wenige Jahre vor ihrer Pensionierung stehende, bayerische Grundschullehrerin auf die Frage, was ihr denn zu Goethe einfiele mit der Erwiderung: „Nix, aber des gehört auch ned zu meinem Lehrstoff, ich unterricht‘ nur die erste und zweite Klasse!“. Zugegeben, in der soeben aussterbenden Kriegsgeneration ist das Goethewissen wesentlich umfangreicher und auch differenzierter. Da werden nicht selten ohne langes Besinnen und auch nicht ohne Stolz Werke und sogar Einzelheiten aus der Biografie des „größten deutschen Dichters“ aufgezählt. Bei der ganz jungen Generation hingegen trafen wir erwartungsgemäß die geringsten Kenntnisse um den Namensstifter jener Institute, die deutsche Sprache und Kultur weltweit propagieren sollen, an.

Im Zeitalter des Internets, in dem aus Bequemlichkeit, oder weil andere Infoquellen unbekannt sind, am liebsten auf das virtuelle Lexikon Wiki.de zugegriffen wird, lässt sich über den aktuellen Stellenwert Goethes in Erfahrung bringen: „Bis heute wird sein Werk zu den Höhepunkten der Weltliteratur gezählt.“ (2)

Wie der Titel dieses Beitrags bereits feststellt, soll hier nicht untersucht werden, ob Goethe Antisemit war, sondern vielmehr, wie sehr er es war.

Antisemit war er, indem er Juden die gleichen Rechte (3) vorenthalten wollte, die Christen genossen. Juden sollten, seiner Auffassung nach, Menschen zweiter Klasse mit eingeschränkten Rechten bleiben. Diese Haltung revidierte er auch im Alter nicht. Goethes Idealvorstellungen (z. B. gemäß „Wilhelm Meisters Wanderjahren“) sahen eine judenfreie deutsche Welt vor. Gewisse Zitate, häufig verbunden mit Pauschalierungen („der Jude“, „die Juden“), lassen gleichfalls wenig Zweifel an der Gesinnung ihres Autors (4).

Um die Titelfrage zu beantworten, bieten sich mehrere Herangehensweisen an. Man kann zum Beispiel jüdische und nichtjüdische Nachschlagewerke zu Rate ziehen, oder die Einschätzungen von Goethes Verhältnis zu Juden bei jüdischen und nichtjüdischen Historikern einander gegenüberstellen, oder die zahlreichen Goethebiografien jüdischer wie nichtjüdischer Autoren unter die Lupe nehmen, oder die Lebensbeschreibungen Heines, Moses Mendelssohns, Lavaters (5), Jacobis (6) bzw. anderer relevanter Zeitgenossen auf Bezüge zu Goethe hin untersuchen oder die Rezeption der judenfeindlichen Stellen in Goethes Werken bei Antisemiten bzw. bei der modernen Rechten auszuwerten versuchen, oder, am allereinfachsten, auf die zahlreichen bisher erschienenen wissenschaftlichen Arbeiten zu Goethe und den Juden zugreifen.

Da wir unseren Lesern möglichst Originaltexte bzw. Originalzitate anbieten wollen, beginnen wir unsere kleine Goethereihe mit dem Blick in Nachschlagewerke, zunächst in jüdische, dann in nichtjüdische.

Sämtliche herangezogenen jüdischen Enzyklopädien enthalten das Stichwort „Goethe“. Allein diese Tatsache belegt bereits, dass den verschiedenen Lexikonredaktionen der Blick auf das Verhältnis Goethes zu Juden von großer Wichtigkeit gewesen sein muss. Man erhoffte sich, nicht ohne Berechtigung, aus dem Goetheschen Judenbild nähere Aufschlüsse auf das Verhältnis der Deutschen zu Juden.

In Deutschland sind im 20. Jahrhundert mit dem Jüdischen Lexikon, der Eschkol Encyclopaedia Judaica sowie dem Neuen Lexikon des Judentums überdurchschnittlich viele jüdische Nachschlagewerke erschienen. Neben diesen drei  deutschsprachigen Kompendien des Populärwissens soll auch die englischsprachige Jerusalemer Encyclopaedia Judaica von 1971 sowie deren Anschluss-Auflage des Jahres 2008 in unsere Betrachtung mit einfließen.

Es fällt auf, dass die jeweiligen Lexikoneinträge die Judenfeindlichkeit Goethes zwar sämtliche aufgreifen, sie jedoch nie direkt als solche, oder gar mit dem Wort Antisemitismus, bezeichnen. Die Autoren der Einträge gehen ausgesprochen nachsichtig mit der Haltung bzw. den Äußerungen der so illustren Integrationsfigur des bürgerlichen Deutschland um. Allein das Neue Lexikon des Judentums rückt die Judenfeindlichkeit Goethes auch optisch in den Vordergrund.

Jüdisches Lexikon, Band II, Berlin 1927. (7):

Goethe, Stellung zu Juden und Judentum.

Im Laufe eines langen Lebens, bei verschiedenen Anlässen, in sehr verschiedenen Situationen und Stimmungen hat Goethe sich so oft in wechselnder Gesinnung und Wertung über Juden und Judentum geäußert, daß es selbst bei vorsichtiger Kritik der einzelnen Zeugnisse methodisch unzulässig ist, durch Zusammenstellung aller dieser Aussprüche seinen Standpunkt zu konstruieren oder gar ihn auf Grund einer Statistik der positiven und negativen Wertungen für eine Partei in Anspruch zu nehmen. Aus der Masse der überlieferten Aussagen Goethes über Juden und Judentum ist eine besonders hervorzuheben, weil sie sachliches Urteil und Selbstkritik vereinigt und dadurch eine höhere Giltigkeit (sic!) erlangt. Während eines Aufenthaltes in Karlsbad im Juni 1811 hat Goethe in einer Unterhaltung mit dem jüdischen Bankier Simon von Lämel aus Prag die Entwicklung seiner Anschauungen und Empfindungen vom Judentum von einem Standpunkt aus betrachtet, der jenseits von Sympathie und Antipathie liegt. Ausgehend von seinen Jugendeindrücken aus dem Frankfurter Ghetto, die er „erschreckend“ nennt, betont Goethe den Gegensatz dieser Gegenwartserscheinung zu der biblischen Tradition. „Die Gestalten der engen und finstern Judenstadt waren mir gar sehr befremdliche und unverständliche Erscheinungen, die meine Phantasie beschäftigten, und ich konnte gar nicht begreifen, wie dieses Volk das merkwürdigste Buch der Welt aus sich heraus geschrieben hat.“ Was sich als Abscheu gegen die Juden in dem jungen Goethe geregt hat, erkennt er später als „Scheu vor dem Rätselhaften, vor dem Unschönen“, und er erklärt seine Verachtung als Reflex der ihn umgebenden christlichen Männer und Frauen. Erst die allmählich sich ausbreitende Bekanntschaft mit „vielen geistbegabten, feinfühligen Männern dieses Stammes“ erweckt in Goethe Achtung für die Nachkommen des bibelschöpferischen Volkes.

In diesen von Goethe selbst skizzierten Rahmen lassen sich alle seine Äußerungen über das Judentum zwanglos einordnen, seine Parteinahme gegen Moses Mendelssohn, für Lavater und F. H. Jacobi, wie sein Urteil über Falkensohns „Gedichte eines polnischen Juden“, seine bewundernde Liebe zu Spinoza und sein Interesse für Rahel Varnhagen und ihren Kreis. Unabhängig von dieser Wandlung des Urteils aber hat Goethe sich den politischen Emanzipationsforderungen hinsichtlich der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden in den deutschen Einzelstaaten ablehnend gegenübergestellt, auch von seinem Idealstaat, den er in „Wilhelm Meisters Wanderjahren“ schildert, wollte er die Juden ausgeschlossen sehen. Als Leiter des Weimarer Theaters hat Goethe mit großer Entschiedenheit dem Komiker Wurm verboten, die Juden von der Bühne herab zu verspotten.

In nähere persönliche Berührung mit Juden ist Goethe zuerst als Rechtsanwalt in Frankfurt gekommen. Angehörige der Frankfurter Judenschaft bildeten einen unverhältnismäßig großen Teil von Goethes Klienten. In Weimar war der jüdische Bankier Elkan ein finanzieller Vertrauensmann Goethes. Jüdische Gestalten aus dem Gegenwartsleben finden sich in seinen Dichtungen nicht. Unter dem Einfluß jugendlicher Bibellektüre hat Goethe in seinen Knabenjahren Dichtungen wie „Belsazar“ und „Joseph und seine Brüder“ geschrieben, die er später vernichtet hat. Das Gedicht vom „Ewigen Juden“ blieb Fragment. 1774-1775 übersetzte Goethe das Hohelied und dichtete „Salomos König von Israel und Juda, güldene Worte von der Ceder bis zum Ysop“. Der „Prolog im Himmel“ der Faustdichtung verwertet Motive des Hiobbuches, die Vorliebe für den Orient, die im „Westöstlichen Divan“ Gestalt gewinnt, hat auch ein Interesse für die Poesie der Bibel und die Kulturgeschichte der Juden zur Voraussetzung, das schon in Goethes Untersuchung über „zwei wichtige biblische Fragen“ zum Ausdruck kommt und durch Herders Einfluß vertieft worden ist. Den Wert der Bibel für die Bildung der Menschheit hat Goethe ebenso oft und nachdrücklich betont wie ihre Bedeutung für seine persönliche, sittliche und geistige Ausbildung.

Lit.: Heinr. Teweles; Goethe und die Juden, 1924; L. Deutschländer, Goethe und das AT, 1923; K. Burdach, Faust und Moses, Berlin 1912 (S.-A. aus: Sitzungsberichte der preuß. AkW); J. Bab, Goethe und die Juden, Berlin 1926.

Encyclopaedia Judaica, Band 7, Berlin 1931. (8):

Goethe. Die Aussprüche Goethes über Juden und Judentum widersprechen einander. Als Ursache dieses Zwiespalts, der sich in Goethes weltanschaulichen Äußerungen über wesentliche Gegenstände aller Art wiederfindet, ist eine Grundform seines Weltbildes anzusprechen, die sogenannte „Metaphysische Dissonanz“ (Deubel). Von hier aus erklärt sich auch das in diesem Zusammenhange so häufig herangezogene Gespräch zwischen Goethe und dem Bankier Simon von Lämel aus Prag in Karlsbad (Juni 1811); Goethe betont darin den Gegensatz zwischen seinen „erschreckenden“ Jugendeindrücken vom Frankfurter Ghetto und seiner unmittelbaren Anschauung des „merkwürdigsten Buches der Welt“, der Bibel.

Schon in dem Knaben Goethe erweckte mancher streng beobachtete Brauch der Frankfurter Juden als ein „Andenken der ältesten Zeiten“ lebhafte Teilnahme. Goethe selbst lernte damals Hebräisch bei dem Rektor Albrecht; auch das „Judendeutsch“ beschäftigte ihn so weit, daß er die Abfassung eines Romans in dieser Sprache erwog (die Echtheit der allein erhaltenen kleinen „Judenpredigt“ ist umstritten). Als Rechtsanwalt in Frankfurt hatte Goethe jüdische Klienten; später verwaltete der Weimarer Bankier Elkan, der in der ersten Fassung des Gedichtes „Ilmenau“ erwähnt wird, sein Vermögen. Jüd. Künstler, wie Oppenheim und Beer, hat Goethe vielfach gefördert; in seiner Frühzeit tadelte er bei der Besprechung von Falkensohns „Gedichten eines polnischen Juden“ gerade das Fehlen jüdischer Eigenart in seiner Kunst. Er war bekannt mit Sarah und Marianne Meyer, den späteren Baroninnen von Grotthus und Eybenberg, und wußte das Verständnis der Rahel Levin für ihn zu würdigen. Zelter vermittelte einen Tauschverkehr zwischen Goethe und dem Sammler David Friedländer. Mendelssohns Sohn Abraham wurde von Goethe als Berichterstatter über Pariser Zustände gebraucht und sein Enkel Felix Mendelssohn-Bartholdy von ihm in seinem Hause in Weimar mit besonderer Zuneigung aufgenommen.

Den Einfluß Spinozas auf seine Weltanschauung hat Goethe stets betont. Mendelssohn, obzwar er ihn einmal „einen unserer würdigsten Männer“ nennt, lehnt er im Grunde ab; in dem Pantheismusstreit nach Lessings Tode stand er unzweideutig auf seiten Jacobis. Ebenso verhielt er sich ablehnend gegenüber den Emanzipationsbestrebungen der Juden seiner Zeit. Er wandte sich zwar entschieden gegen die Verspottung der Juden von der Weimarer Bühne herab durch den Komiker Wurm; als ihm jedoch Bettina von Arnim Nachrichten über den Stand der Judenangelegenheiten in Frankfurt vermittelte, bat er auch um die Schriften der Judengegner. Auch das Emanzipationsgesetz von 1812, das die Erlaubnis einer Mischehe und ihrer kirchlichen Einsegnung enthielt, erregte bei ihm lebhafte Abwehr. Dem entspricht Goethes Stellungnahme in Wilhelm Meisters Idealstaat, von dem er den Juden ausgeschlossen wissen wollte. Seine ablehnende Haltung wurde vielleicht begünstigt durch den Einfluß Mösers. Im „Wilhelm Meister“ findet sich aber auch das von Goethe in vielen Formen wiederholte Wort von der Festigkeit der Juden: „ es ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehova durch die Zeiten zu verherrlichen“.

Die Bibel beeinflußte bereits die Stoffwahl der Erstlingswerke Goethes, des später vernichteten „Belsazar“ und „Joseph“. Eine burleske Fassung des Estherstoffes enthält das „Jahrmarktsfest zu Plundersweilern“. Das Fragment des Gedichtes vom „Ewigen Juden“ sollte, nach Goethes Plan, die Wanderungen des Juden Ahasverus, u.a. auch einen Besuch Ahasvers bei Spinoza darstellen. Von Herder beeinflußt, wandte sich Goethe der jüdischen Geschichte und Bibelkritik zu. In den Jahren 1774/75 übersetzte er das Hohelied, und zwar unter Heranziehung des englischen Bibelwerkes, unmittelbar aus dem Original. Eine zur selben Zeit entstandene Reihe von Parabeln, die in biblischer Gleichnisrede eigene Gedanken Goethes enthalten, nannte er „Salomos, König von Juda, güldene Worte von der Ceder bis zum Ysop“. In der Abhandlung „Was stand auf den Tafeln des Bundes?“ („Zwo wichtige biblische Fragen“ 1773, I) stellt Goethe die These auf, daß ursprünglich auf den Bundestafeln der kultische Dekalog aus Ex. 34 gestanden habe, den die Wissenschaft später nach Goethe als dem Entdecker benannt hat. Im vierten Buche von „Dichtung und Wahrheit“ gibt Goethe im Anschluß an den Bericht von seinen ersten biblischen Studien eine Wiedererzählung der Ur- und Patriarchengeschichte der Genesis, die ebenfalls wesentliche Hinweise auch für die Wissenschaft enthält. Inhaltlich knüpft hieran eine später in die Noten zum „Westöstlichen Divan“ aufgenommene Abhandlung „Israel in der Wüste“ an, in der die Fragen nach den Stationen der Wanderung, der Dauer des Zuges durch die Wüste und auch dem mutmaßlichen Ende Moses kritisch und frei behandelt werden.

Die Liebe zur Bibel spricht sich nicht nur in den zahllosen biblischen Wendungen und Bildern der Briefe und Gedichte Goethes aus; auch der „Faust“ geht im Anfang wie im Ende auf biblische Quellen zurück. Der „Prolog im Himmel“ ist bewußt aus der Einleitung zum Buche Hiob geschöpft. Mephisto ähnelt, nach Goethes eigenem Hinweise, viel mehr dem biblischen Satan, als dem christlichen Teufel. Auch bei der Darstellung von Fausts Tod scheinen altjüdische Sagen von Moses Tod neue Gestalt gewonnen zu haben (Burdach).

Hebräische Übersetzungen von Goethes Werken sind verhältnismäßig selten. „Hermann und Dorothea“ wurde zweimal übertragen, zuerst von Mordechai Rothberg (unter dem Titel Newe ha-Zedek“, Warschau 1857), neuerdings durch S. Ben-Zion (Jaffa 1917; 2. Aufl. Berlin 1923). In den Sammelbüchern „Jefet“ (Jaffa 1911) erschienen, übertragen von J. Wilkanski, im ersten Band „Werther“ im zweiten Band „Dichtung und Wahrheit“ I. Aus der älteren Periode ist eine Umdichtung des „Faust“ von M. Letteris unter dem Titel „Ben Abuja“ hervorzuheben (Wien 1865). Der jüngsten Zeit gehören Jakob Kahans Übertragungen der Dramen „Iphigenie“ (1920) und „Torquato Tasso“ (1923) an. Einzelne Gedichte hat auch S. Tschernichowski übertragen.

H. Teweles, Goethe und die Juden 1924; J. Bab, Goethe und die Juden 1926; Hehn, Goethe und die Sprache der Bibel, Goethe-Jhrb. VII; Henkel, Goethe und die Bibel, Leipzig 1890; Deutschländer, Goethe und das Alte Testament 1923; idem, Biblische Motive in Goethes Faust, Jeschurun II, 141 ff., 279ff.; Gertrud Janzer, Goethe und die Bibel 1929; Rosenberg, Koheleth und Goethes Faust in JjGL II (1899); Ziemlich, Goethe und das AT; Burdach, Faust und Moses, SBAW 1922; Badt, Goethe als Übersetzer des Hohen Liedes, Neues Jahrb. f. Phil. u. Päd., Bd. 124; Minor, Goethes Fragmente vom Ewigen Juden 1904; Schaeder, Goethe und der Orient, N. Schweizer Rundschau, Sept. 1930; Lass, Moeser und Goethe 1909 (Diss.); ha-Sifrut ha-jafa be-Ibrit, Reg. s. v.

Der Umfang des Goethe-Eintrags der Jerusalemer Encyclopaedia Judaica (EJ) von 1971 fällt spärlicher aus, als man möglicherweise erwartet hätte. Immerhin sind vier Jahrzehnte seit den beiden vorzitierten Einträgen verstrichen und Wissenschaft und Forschung in diesem Zeitraum keineswegs stehengeblieben. Noch etwas anderes nimmt man mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis, wenngleich die Erklärung dafür recht einfach ist: Aufgrund der englischen Schreibweise stehen dem Goetheeintrag der EJ die, ihrer Länge nach vergleichbaren, Artikel zu Josef Goebbels und Hermann Göring genau gegenüber.

Inhaltlich orientiert sich der EJ-Text an seinen beiden deutschsprachigen Vorgängern. Goethe hätte in seiner Kindheit gute Kenntnisse der Lutherbibel erworben, was sich später in seinen Gesprächen, Briefen und literarischen Arbeiten niedergeschlagen habe. Es werden die unvollendet gebliebenen bzw. später vernichteten Projekte und Versuche des jungen Goethe aufgezählt: „Joseph und seine Brüder“, „Belsazar“, „Isabel“, sowie die Bearbeitung des Samson-Stoffes, jeweils unter Bezugnahme auf ihre Nähe zum biblischen Vorbild. Goethes Bemühungen um die Erlernung der hebräischen Sprache bzw. des Jiddischen werden hervorgehoben. Es folgen Goethes Eindrücke nach dem Besuch des jüdischen Ghettos in seiner Geburtsstadt Frankfurt: „He records how, on such one occasion, when part of the ghetto burned down, he helped to quench the flames while other youngsters jeered at the hapless Jews“. Goethes Absichten einen Roman zu schreiben, in dem sieben Brüder und Schwestern sich in sieben Sprachen, darunter auch „Judendeutsch“, brieflich austauschten, kommen zur Sprache; als einziges Fragment daraus sei die „Judenpredigt“ erhalten geblieben. Die aus den beiden früheren Einträgen bereits bekannte Goetherezension zu Isachar Falkensohns „Behr’s Gedichte eines polnischen Juden“ von 1771 und natürlich die Anlehnungen an Parallelen in der Bibel im Faust ergänzen die bisherigen Angaben. Zugleich wird jedoch festgestellt, dass Goethe zu keiner Zeit ein bedeutendes Werk über ein biblisches Thema verfasst hat.

Nach seinem Umzug nach Weimar 1775 habe der deutsche Nationaldichter zahlreiche Kontakte zu Juden und konvertierten Juden unterhalten, darunter u.a. zu Heine, der ihn allerdings nicht sonderlich beeindruckt habe. Ferner habe Goethe dem (jüdischen) Maler Moritz Oppenheim gestattet ihn zu porträtieren bzw. die Illustrationen zum Idyll „Hermann und Dorothea“ anzufertigen. Erst gegen Ende des Eintrags erfährt der Leser auch vom anderen, vom judenfeindlichen Goethe. Der sei ein Gegner von neuen Gesetzen gewesen, die Juden gleiche Rechte hätten einräumen sollen und: „In general, however, Jews did not engage more than the periphery of his interest.“ Goethe also, als ‘ganz normaler‘ Deutscher, Juden vollkommen gleichgültig gegenüberstehend. Umgekehrt hätte sich eine ganze Reihe jüdischer Autoren ausgesprochen interessiert am deutschen Dichterfürsten gezeigt, was seinen Ausdruck in deren Goethebiografien gefunden habe. Es fallen die Namen: Albert Bielschowsky, Ludwig Geiger, Richard Moritz Meyer, Eduard Engel, Georg Simmel, Emil Ludwig, Friedrich Gundolf und Georg Brandes. Folgende, in den vorzitierten Lexika noch nicht genannte, Werke führt die „Bibliography“ der EJ auf: M. Waldman, Goethe and the Jews (1934); R. Eberhard, Goethe und das Alte Testament (1935), incl. bibl.; A. Spire, in: E.-J. Finbert (ed.), Aspects du génie d’Israël (1950), 183-99.

Die im Internet zugängliche aktualisierte Fassung der Jerusalemer EJ (von 2008) weist in ihrem Goetheeintrag gegenüber der früheren Auflage nur geringfügige Unterschiede auf. So wird hinzugefügt: „In the explanatory prose parts of his late collection of poems West-östlicher Divan he integrated an extensive study on Israel in der Wüste, which deals with the role of Moses and the Israelite people.“ Außerdem wird auf Goethes Verhältnis zum Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy („whom he loved“) eingegangen, die Reihe der jüdischen Goethe-Biografen um die Namen Richard Friedenthal und Hans Mayer ergänzt sowie die Bibliografie auf den neuesten Stand gebracht (9).

Das nur einbändige Neue Lexikon des Judentums kann mit Prof. Dr. Julius H. Schoeps als Herausgeber einen glaubwürdigen Wissenschaftler an der Spitze seines Redaktionsteams vorweisen. Der Goetheeintrag der ersten Auflage des Jahres 1992 wurde unverändert in der zweiten von 1998 übernommen, während die inzwischen erschienene dritte Auflage uns nicht vorlag.

Folgende Passagen des Goetheeintrags, sie stehen ohne Umschweife und zu Beginn, sind hervorhebenswert:

… Der Patriziersohn lernte früh die christlich-antijüdischen Mythen aus der Lutherbibel und alten Chroniken kennen, seine ersten Besuche im Frankfurter Ghetto waren durch Neugierde, aber auch Ritualmordängste geprägt, nach eigenen Worten „erschreckend“ („Dichtung und Wahrheit“). Goethe nahm Partei gegen M(oses) Mendelssohn für Lavater. Alttestamentliche Reflexe und Spuren einer Faszination für die alte hebräische Literatur und Mythologie durchziehen sein Lebenswerk. Als Minister eines der sächsischen Staaten, die Juden bis ins 19. Jahrhundert nicht tolerierten, am Emanzipationsprozeß zunächst weniger interessiert, polemisierte Goethe teilweise heftig („Humanitätssalbader“) gegen die bürgerliche Gleichstellung der Juden, enthielt sich zu Beginn der Restaurationszeit demonstrativ „aller Theilnahme an Juden und Judengenossen“ und verdammte besonders Mischehen…

Außerdem verweist der Eintrag auf Goethes ablehnende Haltung gegenüber der Französischen Revolution bzw. auf die dadurch hervorgerufene Kritik durch Ludwig Börne. Und auch hier wird an die zahlreichen jüdischen Leser Goethes, sowie an jüdische Wissenschaftler und Künstler erinnert, die sich vom deutschen Dichterfürsten anregen ließen. In der Literaturliste finden sich neben bereits erwähnten Aufsätzen und Werken: M. Bollacher, Der junge Goethe und Spinoza, 1969. – W. Leppmann, Goethe und die Deutschen, 1982. – P. Meinhold, Goethe zur Geschichte des Christentums, 1958. – G. Möbius, Die Christus-Frage in Goethes Leben und Werk, 1964. – A. Raabe, Goethe und Luther, 1949.

Nun zu den nichtjüdischen Nachschlagewerken. Zunächst Goetheeinträge in biografischen Lexika, anschließend Goetheeinträge in deutschsprachigen, allgemeinen Enzyklopädien von ab Beginn des 20. Jahrhunderts. Gesucht wird jeweils nach Bezügen zu Juden bzw. Judentum.

Die als bedeutend angesehene Neue Deutsche Biographie (10) geht in ihrem nahezu 30 Seiten umfassenden Goetheeintrag (1964) lediglich auf Hebräischkenntnisse ein: „…Das Hebräische wurde begonnen, …“, „… sowohl biblische und hebräische wie arabisch-persische, heidnisch-antike und mittelalterliche Literatur und Poesie hat er sich anzueignen gewußt;“  Ansonsten erfährt ihr Benutzer nichts über mögliche Verbindungen Goethes zu Juden bzw. Judentum.

Von Spitzenkräften redigiert und vom, für seine biografischen Werke wohlbekannten, K. G. Saur Verlag veröffentlicht, erschien in den 1970er Jahren die zweite, überarbeitete Auflage des Biographischen Wörterbuches zur deutschen Geschichte (11). Zu dessen Bearbeitern zählten die damals noch als integer erachteten Wissenschaftler Karl Bosl, Günther Franz und Hanns Hubert Hofmann. Das dreibändige Werk wurde 1995 vom katholischen Weltbild-Konzern unverändert noch ein weiteres Mal aufgelegt.

Freilich, mehr als „… eine flüchtige Kenntnis des Jiddischen …“ ist auch dem Goetheeintrag dieses Lexikons nicht zu entnehmen.

Die ebenfalls in weiten Teilen des deutschen Bürgertum Jahrzehnte über hoch geschätzte, mehrbändige Biographie „Die Grossen Deutschen“ (1935/36-1983), zu deren Nachkriegsherausgebern immerhin ein Theodor Heuss zählte, konnte kein Interesse daran haben, Goethes Verhältnis zu Juden zu thematisieren; dies hätte eine nicht zumutbare Zäsur im Pathos der Ausführungen eines Emil Staiger bedeutet (12).

Dorothea Hölscher-Lohmeyer erwähnt in ihrem rund 30seitigen Goetheeintrag in Walther Killys Literaturlexikon „Deutsche Autoren“ (13) zumindest die Tatsache, dass Ghetto-Juden zu den Klienten des Rechtsanwalts Goethe gehörten, neben der Information von den Bemühungen des Dichters um die Erlernung des Hebräischen. Mehr erfahren wir bei ihr jedoch nicht.

In den (klassischen) allgemeinen deutschen Nachschlagewerken tauchen Informationen zu Goethe und den Juden ebenfalls vereinzelt auf. Es genügt als Beispiel für die Art dieser Informationen der Blick in zwei Lexika, in eines aus dem Jahr 1941 und ein weiteres von 2006:

Im Inneren der (deutschen Einzel-. Anm. d. Autors) Staaten vollzog sich ebenfalls eine entschiedene Abkehr der aristokratisch-altständischen Lebensordnung (Bauernbefreiung, Städteordnung, Judenemanzipation) und eine Hinwendung zu einem stark westeuropäisch ausgerichteten Liberalismus (Code Napoléon). („Goethezeitalter“ In: Der Neue Brockhaus, 2. Aufl., 4 Bde., Leipzig 1941)

Goethes zunächst ausgesprochen große Wirkung auf seine Zeit nahm gegen Ende seines Lebens, auch aus polit. Gründen, immer mehr ab (von H. Heine in „Die romantische Schule“, 1836, als Ende der „Kunstperiode“ definiert). („Goethe.“ In: Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig u. Mannheim 2006)

Wikipedia.de erwähnt (im März 2014) das Goethesche Verhältnis zu Juden an keiner Stelle. Auch die permanente Katholikenfeindlichkeit des deutschen Säulenheiligen (14) wird bei wiki.de nicht thematisiert. Bei en.wiki hingegen liest man klar und ohne Umschweife: „Goethe had a persistent dislike of the Roman Catholic Church.“ So kann man u.a. im Faust I von 1808 zum Beispiel lesen:

„Die Kirche hat einen guten Magen,
Hat ganze Länder aufgefressen
Und doch nie sich übergessen.
Die Kirch‘ allein, meine lieben Frauen,
Kann ungerechtes Gut verdauen.“

Fazit des ersten Teils dieser Reihe: Man (= unsere Gesellschaft) möchte am Goethe-Mythos weiterhin festhalten und schont daher den „größten deutschen“ Dichter; man hält sich zurück mit seiner Kritik, lässt Goethe mehr durchgehen als man anderen durchgehen lassen würde, denn man benötigt ihn auch künftig noch als Vorbildfigur. Man hat ja niemand Besseren. Jüdische Nachschlagewerke geben geringfügig mehr preis als nichtjüdische, jedoch herrscht auch bei ihnen huldvollste Zurückhaltung vor – der sprichwörtliche Promibonus – er wirkt. Ein wie auch immer gearteter Antisemitismus-Vorwurf wird letztendlich von Respekt und Achtung vor der bedeutsamen Persönlichkeit überlagert.

Kann so etwas angesichts der Einzigartigkeit der deutschen Geschichte (eliminatorischer Antisemitismus) moralisch gerechtfertigt sein? – Man wird es zumindest bezweifeln dürfen!

Anmerkungen:

1) Allein schon das Wissen, bzw. Nichtwissen, der heutigen Deutschen über Goethe böte Stoff für eine eigene Studie. Wir  interviewten für diesen Beitrag 82 Deutsche verschiedenen Alters und unterschiedlichen Bildungsniveaus in Lübeck und in der bayerischen Provinz. Folgende Fragen legten wir einheimischen Passanten vor (korrekte Antworten jeweils kursiv):

War Goethe Nobelpreisträger, Sportler, Schriftsteller oder Komponist?

Lebte Goethe vor 400, vor 200 oder vor 100 Jahren?

Welche Bedeutung hat Goethe für Deutschland? (Nationaldichter o.ä.)

Nur ein kleiner Prozentsatz war in der Lage alle drei Fragen richtig zu beantworten. Häufig wurde ganz offensichtlich nur geraten („ich würde mal sagen…“, „also eher…“ etc.), und somit nicht gewusst. Nicht selten wurde versucht das eigene Unwissen mit der Gegenfrage zu überspielen: „Muss man/ich den denn kennen?“

2) Zu verschiedenen Zeiten erfuhr Goethe unterschiedlich hohe Wertschätzungen.

…der größte Dichter deutscher Nation… Und so wird er, der der größte moderne Dichter nicht nur Deutschlands, sondern aller Völker genannt werden darf, zugleich ein lebenweckender Heros eines neuen Weltideals, dessen Durchführung in der Wirklichkeit vielleicht erst im Laufe von Generationen erwartet werden darf. Da aber das Neue seiner Lebensanschauung so groß und mannigfaltig ist, war es zu begreifen, daß manche der Zeitgenossen (z. B. Börne und Menzel), aber auch der spätern Geschlechter die Hoheit seines Strebens und die fruchtbringende Kraft seiner Weltanschauung gröblich verkannt haben… (Meyers Großes Konversationslexikon, 6. Aufl., Leipzig und Wien 1905)

… der größte deutsche Dichter… Dieser Roman („Die Leiden des jungen W.“), der das erste europäische Buch der deutschen Literatur werden sollte, ist das großartigste literarische Denkmal des empfindsamen, stillen, tiefen Kulturlebens jener Zeit… Goethes Wirken besteht darin, daß er dankbar alles ergreift, was die innere Bewegung fördert, alles zurückweist, was uns niederdrückt und erschlafft. Und so wird er, der größte moderne Dichter nicht nur Deutschlands, sondern aller Völker, zugleich der Verkünder eines neuen Weltideals, dessen Durchführung in der Wirklichkeit vielleicht erst im Laufe von Jahrhunderten erwartet werden darf. (Meyers Lexikon, 7. Aufl., Leipzig 1926)

…Von Goethes dichterischer Bedeutung, deren Macht nur immer gewachsen ist, ist hier nicht zu sprechen, nur darauf zu verweisen, wie jedes deutsche Geschlecht seither im „Faust“, und zumal auch in dem endlich seine Geheimnisse enthüllenden zweiten Teil die Spiegelung seiner besten Kräfte findet… Die zum Teil epochemachende Bedeutung von Goethes naturwissenschaftlichen Arbeiten, innerhalb deren die wichtige Entdeckung des Zwischenkiefers (Goetheknochens) nur eine Episode ist, tritt je mehr und mehr hervor (…).Vor allem aber zieht der Aufbau dieses Lebens in seiner Größe und seinem Verzicht, in seinem Streben zu harmonischer Einung unter stetem Kampf mehr gegen Innen- als Außenmächte die ehrfürchtig liebenden Blicke der Nachwelt in nur immer steigendem Maße auf sich… Die einst zum Mythos gewordene Gestalt … – ein Erbhüter der klassischen Altertums- wie deutscher Vergangenheit und innerster Freiheit, bei redlicher Frommheit außerhalb christlichen Erlösungsglaubens, zugleich. (Jedermann Lexikon in zehn Bänden, Berlin-Grunewald 1929)

…Deutschlands größter Dichter, einer der tiefsten und weisesten Denker Europas… (Der Grosse Brockhaus, 20 Bde., 15. Aufl., Leipzig 1930)

…der größte deutsche Dichter, der die von Lessing angebahnte Befreiung der dt. Literatur von der Nachahmung der Franzosen vollendete, in seiner Reifezeit die klass. Formen mit nationalem Gehalt erfüllte (…) und in seinem Lebenswerk, dem „Faust“, ein allumfassendes Bild dt. Wesens und dt. Geistes schuf, es zugleich ins Allgemeinmenschliche steigernd. In der ungeheuren Spannweite des Geistes, der für alles Teilnahme und Verständnis hat, weil er in allem das Walten und Wirken der einen großen Kraft erkennt („Gott-Natur“), liegt die Größe der Persönlichkeit Goethes… (Meyers Kleines Lexikon, 9. Aufl., 3 Bde., Leipzig 1933)

…Deutschlands größter Dichter und einer der tiefsten Denker… Goethes Dichtung ist Bekenntnisdichtung im höchsten Sinn. Was er fühlte und erlitt, hat er im Gedicht ausgesprochen; in seinen Werken sind die Erlebnisse, Begegnungen und Erfahrungen seines Daseins zu ewigmenschlicher, gleichnishafter Bedeutung erhoben… In den formvollendeten Meisterwerken seiner Weimarer Zeit hat G. dann all dem Ausdruck gegeben, was als Vermächtnis der Goethezeit in die deutsche und europäische Geistesgeschichte eingegangen ist, seinem Schönheitsgefühl, seiner Lebensfrömmigkeit, seinem Glauben an den Wert und die entführende Kraft edler Menschlichkeit, seinen Sinn für die gesetzhafte, organische Ordnung der Welt… G. bedeutet so mit seinem Wesen und Werk nicht nur einen Höhepunkt der auf Vollendung der Persönlichkeit gerichteten Kultur des 18. Jahrh., er blickt auch hinaus in die neue Zeit, die den großen Fragen der Gemeinschaft und des Volkes gehörte… (Der Neue Brockhaus, 2. Aufl., 4 Bde., Leipzig 1941)

Interessanterweise enthält der oben genannte Brockhaus von 1941 auch ein Stichwort „Goethezeitalter“, welches in späteren Auflagen nicht wieder in Erscheinung treten sollte. Ein Zeichen für die hohe Wertschätzung, die Goethe von einigen einflussreichen Deutschen auch zur Zeit des Dritten Reiches entgegengebracht wurde. Unter „Goethezeitalter“ lesen wir:

…der Zeitabschnitt europäischer Kulturgeschichte von 1770 – 1830, bes. das deutsche Geistesleben, das mit Hamanns Gefühlsphilosophie beginnt und mit Hegels Weltsystem endet… Die geistige Bewegung des Goethezeitalters in Deutschland stellt einen der Höhepunkte der Geistesgeschichte der Welt dar. Die ganze Zeit war gekennzeichnet durch entschiedenen Widerspruch gegen das Aufklärungszeitalter… Obwohl das Goethezeitalter bes. in Deutschland eine der innerlich reichsten und schöpferisch fruchtbarsten Zeiten war, war der äußere Rahmen des alltäglichen Lebens sehr eng gespannt…

Der größte Dichter der Deutschen und einer der größten Menschen aller Zeiten…, war gleich bedeutend als Lyriker, Dramatiker, Erzähler, als Forscher und Weiser seines Volkes… Ein so weiter Bogen überwölbte das einzigartige Leben dieses größten Genius deutschen Geistes… (Die Jugend großer Deutscher, (Hg.) Rudolf K. Goldschmit-Jentner, Leipzig 1941, S. 506)

…größter deutscher Dichter, universal. Geist der europäisch-abendländischen Kultur… (Volkslexikon Münchner Merkur, um 1950)

…in „Willkommen und Abschied“ vollzieht sich der Durchbruch zur unmittelbaren Aussage des glühenden Herzens, in Rhythmen und Bildern, in einer Sprachkraft und Erlebnistiefe wie sie die deutsche Dichtung bis dahin nicht gekannt hatte… Im Alter war Goethe der mächtige Statthalter der europäischen Literatur geworden… Während für den Liberalismus der Bismarckzeit der klassische Goethe im Blickpunkt steht, für die Zeit um die Jahrhundertwende der ‚titanische‘ junge Goethe, wird die heutige Zeit von dem weisheitsvollen, in der Tragik stehenden alten Goethe am kräftigsten angerührt. (Der Grosse Brockhaus, 16. Aufl., 12 Bde., Wiesbaden 1954)

… der größte deutsche Dichter in deutscher Sprache… (Der Grosse Herder, 5. Aufl., Freiburg 1954)

Goethe ist der bedeutendste deutsche Dichter… Mit Goethes Tod endet auch eine der bedeutendsten Epochen der deutschen Literatur, die in seinem Werk einen ihrer Höhepunkte und Weltgeltung erreichte. (Bertelsmann Volkslexikon, 8. Aufl., Gütersloh 1957)

Als Goethe diese Worte schrieb – im September 1780 –, war er einunddreißig Jahre alt, als Verfasser des „Werther“ weltberühmt… Kein Dichter dieses Ranges ist je ein so überlegener Weiser gewesen, keiner, der sein Leben so vorbildlich geführt und vollendet hat, jemals ein so bezaubernder Künstler… Angesichts einer solchen ungeheuren Leistung ist es verständlich, daß Goethe in der Folge als Maß des Daseins überhaupt betrachtet und in allen Dingen als Zeuge und Richter angerufen wurde. (Die grossen Deutschen, 1956-1983. S. a. a. O.)

Goethe, der bedeutendste Dichter in deutscher Sprache und einer der universellsten Geister war vom Erscheinen seiner größeren Dichtungen an Mittelpunkt der literarischen, dann überhaupt der geistigen Welt Deutschlands; er erhielt sich diese Stellung in seinem langen Leben, und sie wirkt bis in die Gegenwart fort… Das Phänomen Goethe kann zeigen, was Literatur für ein Sprachvolk, was sie darüber hinaus zu bedeuten vermag. Die Stellung, welche der Dichter den großen Lebensfragen gegenüber eingenommen hat, wirkte als eine durchgearbeitete Möglichkeit des Menschlichen weiter. Alle Völker Europas haben daran Anteil gehabt, wenn auch in verschiedenem Umfang, ihren nationalen Überlieferungen entsprechend. Vor allem ist die deutsche Bildung seither auf die geistige Gestalt Goethes bezogen geblieben… (Neue Deutsche Biographie, Berlin 1964. S. a. a. O.)

… Goethes Universalität beweisen außer seinen dichter. Werken die zahllosen literar- und kunstkrit. und v. a. naturwissenschaftl. Schriften. Als Kritiker war er sachverständig und zuständig… (Meyers Enzyklopädisches Lexikon, 9. Aufl., 25 Bde., Mannheim u. a. 1974)

Dichter, kunsttheoret. und naturwiss. Schriftsteller; bedeutendster Repräsentant der deutschen Klassik… Vielzahl bedeutender Gedichte… BI Lexikon A bis Z in einem Band, 3. Aufl., DDR-Leipzig 1982

Schon zur Herbstmesse 1774 erschien das Buch („Die Leiden des Jungen Werthers“) bei Weygand in Leipzig und war sofort ein ungeheurer Erfolg. Goethe war über Nacht zu Weltruhm gelangt und wurde ‘wie ein literarischer Meteor angestaunt‘ (DuW 13)…  (Deutsche Autoren, 1994. S. a. a. O.)

… war das Werk („Die Leiden des Jungen Werthers“) von größter Wirkung; es wurde in alle europ. Sprachen übersetzt und begründete Goethes weltliterar. Ruhm… 1999, im Jahre des 250. Geburtstages belegte eine Flut von Veröffentlichungen und vielfältigen Veranstaltungen seine herausragende Stellung in der dt. und europ. Kultur der Gegenwart. (Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, 21. Aufl., Leipzig u. Mannheim 2006)

Goethes von persönlichem Erleben und Empfinden geprägte Werke sind von eminentem Einfluss auf die europ. Literatur- und Geistesgeschichte… (Grosses Universallexikon  von A-Z, o. O. (2010))

3) Die Emanzipation der Juden in Deutschland:

http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdische_Emanzipation

http://en.wikipedia.org/wiki/Jewish_emancipation

http://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89mancipation_des_Juifs

http://ieg-ego.eu/de/threads/europaeische-netzwerke/juedische-netzwerke/friedrich-battenberg-judenemanzipation-im-18-und-19-jahrhundert

http://www.jaecker.com/2002/03/judenemanzipation-und-antisemitismus-im-19-jahrhundert/

http://de.wikipedia.org/wiki/Hep-Hep-Unruhen

http://en.wikipedia.org/wiki/Hep-Hep_riots

http://fr.wikipedia.org/wiki/%C3%89meutes_Hep-Hep

4) Belege für den literarischen Antisemitismus Goethes:

Du kennst das Volk, das man die Juden nennt…. sie haben einen Glauben, der sie berechtigt, die Fremden zu berauben… Der Jude liebt das Geld und fürchtet die Gefahr. Er weiss mit leichter Müh‘ und ohne viel zu wagen, durch Handel und durch Zins Geld aus dem Land zu tragen… Auch finden sie durch Geld den Schlüssel aller Herzen, und kein Geheimnis ist vor ihnen wohl verwahrt… Sie wissen jedermann durch Borg und Tausch zu fassen; der kommt nicht los, der sich nur einmal eingelassen…

(Das Jahrmarktsfest zu Plundersweiler)

http://books.google.de/books?pg=PT279&dq=&id=YYkTAAAAQAAJ&as_brr=1&as_pt=ALLTYPES&redir_esc=y#v=onepage&q=juden&f=false

(Ahasverus)

5) Johann Kaspar Lavater:

Richard T. Gray, About Face: German Pysiognomic Thought from Lavater to Auschwitz. In: Comparative Literature, Vol. 58, No. 2 (Spring, 2006), pp. 175-177; University of Oregon

http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D10444.php

http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Caspar_Lavater

http://en.wikipedia.org/wiki/Moses_Mendelssohn

http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/pdf/eng/15_TheJews_Doc.2_English.pdf

www.zwingliana.ch/index.php/zwa/article/download/921/831

http://www.zwst4you.de/geschichte_der_juden_in_deutschland/kapitel118.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Physiognomik

http://dic.academic.ru/dic.nsf/enc_philosophy/2610/%D0%9B%D0%90%D0%A4%D0%90%D0%A2%D0%95%D0%A0

6) Friedrich Heinrich Jacobi:

http://en.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Heinrich_Jacobi

http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Heinrich_Jacobi

http://plato.stanford.edu/entries/friedrich-jacobi/

http://www.britannica.com/EBchecked/topic/298993/Friedrich-Heinrich-Jacobi

7) Das aus fünf Teilbänden bestehende „Jüdische Lexikon“ („Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden. Begründet von Dr. Georg Herlitz und Dr. Bruno Kirschner. Unter Mitarbeit von über 250 jüdischen Gelehrten und Schriftstellern“) bestand unabhängig neben der noch wesentlich umfangreicheren „Encyclopaedia Judaica“. Als Autor des Goethe-Eintrags wird Hugo Bieber, und zusätzlich “Berlin, Dr. phil., Schriftsteller“ angegeben.

http://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Bieber

https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=116162910

http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/id/2928664

8) Das von herausragenden Fachleuten verantwortete und in hoher Druckqualität ausgelegte Nachschlagewerk aus dem Verlag  Eschkol („Das Judentum in Geschichte und Gegenwart“), dessen Einzelbände ab Ende der 1920er und bis in die frühen 1930er Jahre erschienen, blieb ein Fragment. Es konnte nur bis zum Buchstaben „L“ geführt werden, ehe die politischen Verhältnisse in Deutschland eine Weiterarbeit, oder gar einen Abschluss, unmöglich machten. Als Chefredakteur der Encyclopaedia Judaica wird Dr. Jakob Klatzkin, als dessen Stellvertreter Prof. Dr. I(smar) Elbogen angegeben. Die Autorin des Goethe-Eintrags war Bertha Badt-Strauss.

Bertha Badt-Strauss im Internet:

http://buecher.hagalil.com/campus/steer.htm

http://jwa.org/encyclopedia/article/badt-strauss-bertha

http://de.wikipedia.org/wiki/Bertha_Badt-Strauss

http://fr.wikipedia.org/wiki/Bertha_Badt-Strauss

http://www.querelles-net.de/index.php/qn/article/viewArticle/399/407

http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/judaica/ejud_0002_0003_0_01858.html

http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=3&ved=0CDsQFjAC&url=http%3A%2F%2Fwww.medaon.de%2Fpdf%2FM_Mikota-4-2009.pdf&ei=rqgoU4TjBYWjtAafzYD4DQ&usg=AFQjCNE2sycRzbPkHzLsUHrh8a_fKpGHAQ

http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=0CC0QFjAA&url=http%3A%2F%2Fbibliothek.univie.ac.at%2Ffb-judaistik%2FSteer_Adunka.rtf&ei=oKkoU_ywJIWJtQaAkIHwAw&usg=AFQjCNECNoSCWh39sCcViSEVGJGObUXEHg

9) http://www.jewishvirtuallibrary.org/jsource/judaica/ejud_0002_0007_0_07461.html

10) Neue Deutsche Biographie, (Hg.) Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1964, Band 6, „Goethe. 3) Johann Wolfgang v.“

11) Goethe. In: Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte, (Bearb.) Bosl, Karl; Franz, Günther u. Hofmann, Hanns Hubert, 3 Bde., 2. Aufl., München 1973 / 1975 und Augsburg 1995

12) Emil Staiger, Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832. In: Die grossen Deutschen – Deutsche Biographie, (Hg.) Hermann Heimpel, Theodor Heuss, Benno Greifenberg, Frankfurt a. M. 1956/1966/1983, Band 2.

13) Dorothea Hölscher-Lohmeyer, Goethe. In: Deutsche Autoren – Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, (Hg.) Walther Killy, Gütersloh und München 1994, Band 2.

14) Mehr über Goethe und die katholische Kirche, siehe Karlheinz Deschner, Abermals krähte der Hahn – eine kritische Kirchengeschichte, (München) 1996, S. 678-682.

13 Kommentare zu “Wie antisemitisch war eigentlich Goethe? (1)

  1. Ein Aspekt zu Goethe blieb bisher unberücksichtigt: Der Antiziganismus des deutschen Säulenheiligen.

    Zwei gegensätzliche Standpunkte:

    Es geht um den „Götz von Berlichingen“, die Szene „Nacht. Im Wilden Wald. Zigeunerlager“, 5. Akt.

    Professor Wilhelm Solms (Wilhelm Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich gebürtig aus Lich in Hessen, Germanist, der bereits seine Promotion zu Goethe schrieb) vertritt die Meinung, Goethe stellte die Zigeuner als „Tiermenschen und Unmenschen“ dar, bzw: „Wie die wilden Tiere schlafen sie auf der nackten Erde und leben von Hamstern und Mäusen. Und weil dies ihrer tierischen Natur entspricht, verlangen sie auch nichts anderes. Sie frieren selbst dann nicht, wenn es schneit und sie nackt sind, haben also keine menschlichen Empfindungen…“
    (W. Solms, „Zigeunerbilder deutscher Dichter“ In: Landeszentrale für polit. Bildung Baden-Württemberg : „Zwischen Romantisierung und Rassismus“, Stuttgart 1998)

    Die andere Position, pro Goethe, vertritt der westfälische Journalist und Publizist Rolf Bauerdick (in: „Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk“, München 2013):

    „Aber das ist nicht das Zigeunerbild des JWG. Das Bild entspringt projektiver Deutungswut. Goethe sagt lediglich, dass die Zigeuner auf nackter Erde schlafen. Aber er sagt damit nicht, dies würde einer ‚tierischen Natur‘ entsprechen. Goethe sagt, dass die Zigeuner bei Kälte nicht frieren. Aber er sagt nicht, dass sie ‚keine menschlichen Empfindungen‘ haben. Goethe lässt die Zigeuner in seinem Drama Mäuse und Hamster essen. Aber ‚Halb-, Tier- oder Unmenschen‘ macht erst der literaturkritische Blick aus ihnen. Dieser Blick ist ziemlich germanozentrisch, wenn man so will, zumindest aus der Perspektive unserer Nachbarn, die Froschbeine und Schnecken als Delikatessen verspeisen… (S. 251 ff)

    Bauerdick leitet übrigens sein Plädoyer für Goethe, bzw. seine Attacke gegen Solms, wie folgt ein:

    „Lange sah es so aus, als habe die Aura der Unantastbarkeit JWG davor bewahrt, in den Mühlen der Antiziganismuskritiker geschreddert zu werden. Goethe spielte, um in der aufgeplusterten Terminologie zu bleiben, im ‚rassistischen Kartell‘ eine unbeachtete Rolle. Erst in den letzten Jahren, im Zuge einer sensibilisierten Wahrnehmung, stellte sich heraus, dass der Götz von Berlichingen ein Paradebeispiel für ‚antiziganistische Exklusionsrituale‘, ‚rassistische Dehumanisierung‘ und ‚bürgerliche Eliminierungswut‘ liefert…“

    Indem Bauerdick von „Aura der Unantastbarkeit“ spricht, schließt er sich den Erkenntnissen des Autors des obigen Antisemit-Goethe-Beitrags an, der ebenfalls anmerkt, dass mit Goethe besonders pfleglich verfahren werde.

    Tatsächlich kann man bei zahlreichen Veröffentlichungen und Wissenschaftler-Statements der letzten Jahre von „sensibilisierter Wahrnehmung“ sprechen, sowohl bei Studien zum Antisemitismus, als auch bei solchen zum Antiziganismus. Bauerdicks Buch „Zigeuner“ geht allerdings mit dieser „sensibilisierten Wahrnehmung“ ausgesprochen kritisch ins Gericht; er dürfte für „Zigeuner“ noch eine Reihe von Anfeindungen erleben. So setzt er sich u.a. für den als politisch inkorrekt gehaltenen Gebrauch des Terminus Zigeuner ein und seine Argumente sind schwer von der Hand zu weisen (zahlreiche Angehörige der Minderheit, auch prominente, sprachen sich für eine Beibehaltung aus, weil sie sich nicht als Sinti oder Roma, sondern als Zigeuner fühlen).

  2. Der einzelne Deutsche wäre gar nicht so übel, nur in Massen, da seid Ihr einfach ungenießbar, egal ob an der Adria, im Stadion, in einer Bibliothek, im Bundestag oder auf einer Party.

    Einzelne Deutsche haben auch seltener Schweinereien begangen, als Deutsche im Pulk (Einsatzgruppen, KZ-SS, Gestapo, SA…).

    In der Masse verliert Ihr ganz offensichtlich Eure natürlichen Hemmungen, wachst Ihr über Euch hinaus, erscheint Ihr Euch größer, bedeutender, wichtiger als Ihr tatsächlich seid, und, werdet Ihr (immer wieder) zu Unmenschen.

    Daher: Verkriecht Euch in Höhlen, werdet Einsiedler, verteilt Euch möglichst breit (Kanada, Australien, Sibirien, Madagaskar, Mond, Universum) oder, praktikabler, sucht, wenn immer nur möglich, die Gesellschaft Nichtdeutscher, meidet nur um jeden Preis Euresgleichen!
    .
    Oder wie anders sollte man Goethe interpretieren?
    .
    .
    »Doch liegt mir Deutschland warm am Herzen. Ich habe oft einen bittern Schmerz empfunden bei dem Gedanken an das deutsche Volk, das so achtbar im einzelnen und so miserabel im ganzen ist.«

    Johann Wolfgang Goethe
    Gespräch mit Luden vom 13. Dezember 1813
    Gedenkausgabe, Bd. XXII, S. 713

  3. Folgende Zeilen zum Bekanntheitsgrad Goethes heute äußerte ein anonym bleiben wollender Leser obigen Beitrags:

    __________________________________________________________

    Zum Thema “Lehrerin weiss nicht viel über Goethe”, ohne es eigentlich so richtig zu wollen, werden meine Gedankensplitter eher eine Entlastung vom Vorwurf der Unbildung und Unbelesenheit der angenommenen süddeutschen Lehrerin sein. Denn der titelliebende Goethe war zwar Gegenstand sehr vieler kluger Abhandlungen sehr belesener Menschen und Wissenschaftler besonders der sich mit sich selbst beschäftigenden Literatur- und Theaterszene gewesen, ist es und wird es weiterhin sein, und er hat seine Verdienste – um dies unerlaubterweise so ganz kurz abzuhaken, er ist aber ein schlechtes Beispiel für die vielleicht nachlassende Allgemeinbildung pauschal in ganz Deutschland, sein Ruhm ist am verdämmern, zwar wird er in manchen Gegenden Deutschlands noch sehr viele Jahre eine vielzitierte Berühmtheit bleiben (Hier schlief Goethe am….). Er ist aber tatsächlich bei vielen Einheimischen in Süddeutschland nicht in seinen vielen Facetten bekannt oder sehr bekannt oder gar sehr geschätzt, und er ist auch keineswegs ein Gegenstand der täglichen Betrachtung bei einem Deutschen des Jahres 2014, und er war es auch nicht 1900. Er war es schon gar nicht in der katholischen Welt, auch nicht zu seinen Lebzeiten, auch nicht in der auf den ersten Blick auf der Landkarte sehr übersichtlich erscheinenden deutschen katholischen Welt. Diese Welt wird schlagartig viel größer, wenn man sich aus der Landkarte von 2014 befreit und sehr katholisch und ländergrenzenüberschreitend und dynastienüberschreitend denkt. Der Vorwurf des Ultramontanismuses gegen die Katholiken kommt ja nicht aus dem völlig luftleeren Raum. Ein bewußter Katholik lebt geistig in einer Welt, die größer als sein Wohnland ist, er bekommt nicht nur die Worte des Pontificis maximi vorgelesen und wird u. a. beständig mit bebilderten Spendenbitten aus der Mission und einzelheitenreichen Briefen aus der Diaspora und gemütergreifenden Geschichten voller Namen aus der Mission konfrontiert. Da kommt in die literarische katholische Welt nicht nur plötzlich Osteuropa von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer und Mittelmeer (Kroatien, Italienische Länder….) hinein mit dem Habsburger Reich als einfache Erinnerung für Jedermann (in der Ukraine war die kath. Kirche zuletzt sehr erfolgreich, was die russisch orthodoxen Patriarchen zur Weißglut getrieben haben soll). Zur geistig präsenten katholischen Welt zählte auch Frankreich und Spanien, so wie heute Südamerika und Afrika. Noch heute ist es für die führenden Katholiken fast Pflicht sich an der Literaturproduktion zu beteiligen. Zwar produzieren z. B. die Jesuiten jetzt nicht mehr Unmengen von Theaterstücken mit klaren Botschaften. Aber Bücher von Päpsten, Äbten, Bischöfen und Theologen sowie Broschüren, Pfarrbriefe und Infoblätter gibt es reichlich und sie füllen die Lesezeit vieler, die etwas lesen. In dieser Weltkirche kursierten Menschen und Ideen, Geschichten schon früher in großer Menge sehr schnell vom Wallfahrer und Geschäftsmann bis zum gedankenschweren und wortreichen Andachtsbuch oder architektonischen Trick. Noch heute schafft es ein gutes neues Lied irgendwo aus Afrika oder einem Koster in der tiefsten ärmsten Provinz Frankreichs (Taize…) in wenigen Monaten auch in bayerische katholische Gemeindhäuser. In dieser erfüllten, geschichtenreichen, legendenreichen lebendigen katholischen Welt war und ist ein großbürgerlicher Vielschreiber aus Frankfurt am Main, der dann an einem kleine deutschen Fürstenhofe eine Festanstellung für werweisswas bekam (Bergwerkskontrolle?…) eine viel kleinere Erscheinung als in der bürgerlichen lutherischen Stadtbevölkerung Norddeutschlands, die keinen Radio und keinen Fernseher gegen die Langeweile hatte. Die katholische Welt auch in Bayern schrumpft, verliert ihre Verbindlichkeit und Bindekraft für immer mehr Menschen, aber zur Zeit Goethes, war sie eine starke, akzeptierte Weltsicht. Die Probleme eines unmäßig essenden und Alkohol (z. B. importierten Rotwein mit Zusätzen) trinkenden Salonlöwen und großbürgerlich aufgewachsenen und lebenden Stadtmenschen gingen an den Problemen, Bedürfnissen und Interessen hunderttausender katholischer Landbewohner generationenlang vorbei. Sein schäbiges Verhalten gegenüber dem auch in seiner Nähe Hunger leidenden Schiller machte den von Goethen auch für die deutschnational gesonnen Teile der Katholiken nicht sympathischer oder gar menschlich akzeptabler. Dieser obrigkeitshörige pietistische über alles Redner hat mit seiner regen Fantasie viel Stoff von wer weiss woher zusammengewirkt. Schon sein Vater hat nichts gearbeitet und Goethe hatte viel Zeit für Privatstudien, ein paar schlaue Seiten über Naturerscheinungen sind da nicht so umwerfend und sein sehr öffentlich zelebriertes Leben samt Post grenzt zumindest an Narzissmus bis seelischem Exhibizionismus. Er wäre mit seiner Extrovertiertheit und seinem Selbstdarstellungsbedürfnis heute wahrscheinlich ständig online.
    Wer war ein mutiger Held? Goethe oder Schiller? Und wer war ein Füstenlakai? Wer war ein literarischer Hofgnom, der auf Pfiff zur Unterhaltung etwas von sich gab? Muß man was von Soeinem wissen? War er ein guter Sohn? War er ein guter Vater? War er ein guter Ehemann? Hat er sich eine intellektuell anspruchsvolle, selbstbewußte Partnerin gesucht, oder eine kleine Frau aus einer verarmten Familie in sein Haus geholt, die mit einem Bittschreiben zu ihm kam? Kann eine emanzipierte Frau von heute, eine Frau im Leben, eine Lehrerin ihn für voll nehmen? War er auf Affären mit jungen Mädchen aus? War er ein eitler Geck, ein Pfau, ein hauptberuflicher Selbstdarsteller? Ist er ein Vorbild? Was ist er im Vergleich zu einem Mann der jeden Tag an der Werkbank steht? Und insgesamt, wie lange stand denn der Goethe, der Faust auf dem Index der für Katholiken verbotenen, (abgeratenen) Bücher (Machwerke)? Gerade zu der Zeit also in der Goethe in Deutschland richtig bekannt war, hatte er weniger Gelegenheit sich im süddeutschen Kulturkanon festzusetzen. Wenn jemand also an katholischen süddeutschen Stellen (das Rheinland lasse man da mal außen vor) nach Goethe frägt, so kann es gut sein, daß er dort nicht viel über ihn erfährt und daß die Katholiken in ihrem gut gefüllten eigenen Kosmos ihn auch nicht besonders vermissen oder gar wertschätzen. Die maximale Form der Verachtung eines Künstlers ist aber das Verschweigen, das nicht in das Gedächtnis lassen oder aus dem Gedächtnis auslöschen. Über von Goethens Werke zu sagen, man wisse nicht viel davon, obwohl klar ist, daß man am Gymnasium mit ihm heftig konfrontiert wurde, er in der Weimarer Republik als Säulenheiliger der künstlichen Republik dienen sollte, oder in der Nachkriegszeit das humanistische andere Deutschland in West und Ost verkörpern sollte, das kann dann gerade bei einer katholischen süddeutschen Lehrerin auch heißen, ich will davon gar nicht so viel wissen, denn ich schätze seine Schreibe nicht, und wir brauchen ihn nicht (mehr), auch meinen Schülern muß man davon eigentlich nicht zu viel zumuten. Es gibt Relevanteres. Ich denke, in vielen nicht nur ländlichen Gegenden sind die Lehrer und Lehrerinnen ganz unsarkastisch gesagt Teil der Bildungselite dieser Republik und viele Lehrerinnen liegen weit oberhalb des Bildungsdurchschnittes und der durchschnittlichen geistigen Beweglichkeit ihrer Geburtsjahreskolleginnen. In ihrem Umfeldes sind sie oft wichtige Stützen der Gesellschaft und zu Recht geschätzte Orientierungsgeberinnen. Also Lehrerin ist definitiv die falsche Probantin und Goethe ist die falsche Indikatorfrage.

    Wegen des Bekanntheitsgrades des Herrn Goethens braucht man sich da keine Sorgen zu machen. Lustig wäre doch die Frage nach dem aktuellen Bundeskanzler (!). Wie viele würden da wohl Kohl, Schäuble oder Gauck sagen? Oder in welchem Ort der Fußballverein NATO seine Heimspiele macht?

    Auch wenn ich wohl weiss, daß es über den Literaturtitanen gar vieles mehr zu sagen gäbe. Aber für eine angenommene süddeutsche, katholische Akademikerin im harten Berufsleben 2014 ist er nicht wichtig oder sogar eine Zumutung. Das neue Auto und EDV-Programm sind wichtig, Goethe hatte davon keine Ahnung. Und wer weis, wie der Farbfernseher aus den drei Grundfarben die Bilder mischt, der tut sich auch Goethes Farbenlehre nicht mehr an…

    • Ich denke, in vielen nicht nur ländlichen Gegenden sind die Lehrer und Lehrerinnen ganz unsarkastisch gesagt Teil der Bildungselite dieser Republik und viele Lehrerinnen liegen weit oberhalb des Bildungsdurchschnittes und der durchschnittlichen geistigen Beweglichkeit ihrer Geburtsjahreskolleginnen. In ihrem Umfeldes sind sie oft wichtige Stützen der Gesellschaft und zu Recht geschätzte Orientierungsgeberinnen. Also Lehrerin ist definitiv die falsche Probantin und Goethe ist die falsche Indikatorfrage.

      Mir scheint die Aufgabe einer Lehrerin hat sich Ihnen nicht ganz erschlossen.

      Ich freue mich, daß Sie sich oberhalb ihrer Geburtsjahreskolleginnen als Bildungselite wähnen, aber ein bißchen komisch ist es schon! Hoffe, die angenommene überdurchschnittliche geistige Beweglichkeit ermöglicht gemeinsam mit den oberhalb des Bildungsdurchschnittes liegenden Orientierungsgeberinnen die Mängel an Selbstbewußtsein und Ausbildung ausgleichen können.

      • „Die verhängnisvolle Eigenschaft deutschen Wesens, keinen Gegner zu achten und jeden politischen, religiösen oder weltanschaulichen Gegensatz mit einer Beschimpfung der Person oder des Charakters zu beantworten…“

        Ernst Wiechert

  4. Antisemitischer Goethe ein Tabuthema?

    Noch vor paar Tagen wurde man beim Googeln der Worte „Goethe“ und „antisemitisch“ auf der ersten Trefferseite auf den obigen haGalil-Artikel verwiesen. Heute war nur noch ein indirekter Link dahin möglich. Ganz gekillt wurde der Link zu haGalil jedoch nicht, denn, wenn man haGalil als drittes Suchwort eingibt, landet man beim Artikel oben.

    Übrigens, auch die Jüdische Allgemeine hält sich an das ungeschriebene Gebot, über Goethe nur Positives. Sie brachte 2011 einen Artikel zu Goethe, der nur Schmus enthält, nicht ein kritisches Wort. Die Judenfeindlichkleit des Nationalhelden, sie existiert scheinbar nicht.
    http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/10218
    (Einer der wichtigsten Anzeigenkunden der JA ist der BRD-Staat, und den will man sich nicht vergraulen durch Kritik am „größten deutschen Dichter“.)

  5. Wie wir es von ihm als Verteidiger traditioneller deutscher Werte und Idole inzwischen gewohnt sind, hat sich efem als erster mit seinem Kommentar zu Goethes Antisemitismus gemeldet. Seine Anmerkungen sind nicht unintelligent und es lohnt sich auf sie einzugehen.

    Bedauerlicherweise allerdings hat sich unser wertkonservativer, deutschpatriotischer, antifaschistischer Freund mit dem schwerwiegendsten Vorwurf gegenüber Goethe gar nicht erst abgegeben, denn der und dessen Hintergründe sind für ihn terra incognita, weiße Flecken auf der Landkarte seiner Allgemeinbildung.

    Der Kampf der Juden in Deutschland um die gleichen Rechte, der sich über drei Viertel des 19. Jh. hinzog (in Bayern wurden die letzten diskriminierenden Gesetze erst 1881 getilgt!), der Blut kostete, der Menschen in ihrer Existenz bedrohte, nicht wenige zur Auswanderung zwang, zumindest aber zu schwersten Eingriffen im Leben sehr vieler führte, er ist nur wenigen Deutschen von heute bewusst. Auch unser efem hat diesbezüglich noch eine Menge nachzuholen, um mitreden zu können.

    Hätte er die zahlreichen Links zu diesem Thema, die der Artikel anbietet, angeclickt, hätte er lesen können, wie sehr nicht nur intellektuelle Juden, wie Berthold Auerbach oder Moritz Gottlieb Saphir, sondern ungezählte andere an der so ungerechten Situation gelitten haben. Er hätte ferner lernen können, wie sehr die Emanzipationsfrage den „hässlichen Deutschen“ bereits ein Jahrhundert vor der Schoa herausgekehrt hat, wie emotional befrachtet das Thema Gleichstellung der Juden für viele Urgroßväter und Großväter der Mörder von Auschwitz und Babij Jar bereits war.

    Nur eine Hand voll christlicher Deutscher hat sich im 19. Jhdt. anständig verhalten und die Juden unterstützt.

    efem gehört zu jenen zahlreichen bequemen Deutschen, die viel Zeit mit Google und Wiki, wenig hingegen mit Büchern verbringen, bedauerlicherweise. Sollte er sich doch einmal dazu aufraffen die Stadtbibliothek seiner Kommune aufzusuchen, so bestelle er sich das vierbändige Werk von Mordechai Breuer und Michael Graetz: Deutsch-Jüdische Geschichte in der Neuzeit (München 1996) und lese da erst einmal nach, über die Emanzipationsbewegung der Juden, zum besseren Verständnis.

    Wer den Kampf der Juden in Deutschland um die gleichen Rechte begriffen hat, der wird sich über die Zitate Goethes, die man so oder so interpretieren kann (oder soll) nur noch marginale Gedanken machen.

    Es sei auch noch an die goetheschen Idealvorstellungen von einem Deutschland ohne Juden (u.a. in „Wilhelm Meisters Wanderjahren“) erinnert. Ein Deutschland ohne Juden zu fordern, war bisher ein eindeutiges und untrügliches Erkennungszeichen der Antisemiten. Ein weiterer Grund dafür, dass sich der „größte deutsche Dichter“ den Antisemitismusvorwurf sehr wohl wird gefallen lassen müssen.

    Es ist vollkommen gerechtfertigt den Menschen Goethe von seinem überhöhten Sockel (die Zitate aus den Lexika waren an teutonischer Lächerlichkeit kaum zu überbieten) herunterzuholen und ihn in die Reihe der übrigen deutschen Antisemiten zu stellen. Wer dies nicht einsieht, ist entweder unverbesserlicher Patriot, einseitig oder nicht genug gebildet.

    Noch was: „Säulenheiliger“ passt ganz genau, wenn man sich die verbalen Verrenkungen der Lexikonautoren vor Augen hält: „der größte moderne Dichter nicht nur Deutschlands, sondern aller Völker“. (!)
    Deutschland, Deutschland über Alles in der Welt…

    • Es ist vollkommen gerechtfertigt den Menschen Goethe von seinem überhöhten Sockel (die Zitate aus den Lexika waren an teutonischer Lächerlichkeit kaum zu überbieten) herunterzuholen und ihn in die Reihe der übrigen deutschen Antisemiten zu stellen. Wer dies nicht einsieht, ist entweder unverbesserlicher Patriot, einseitig oder nicht genug gebildet.
      _______________________________________________________________

      Goethe der Antisemit! Schon mal an den Zeit Kontext gedacht?

    • „Hätte er die zahlreichen Links zu diesem Thema, die der Artikel anbietet, angeclickt, hätte er lesen können, wie sehr nicht nur intellektuelle Juden, wie Berthold Auerbach oder Moritz Gottlieb Saphir, sondern ungezählte andere an der so ungerechten Situation gelitten haben. Er hätte ferner lernen können, wie sehr die Emanzipationsfrage den “hässlichen Deutschen” bereits ein Jahrhundert vor der Schoa herausgekehrt hat, wie emotional befrachtet das Thema Gleichstellung der Juden für viele Urgroßväter und Großväter der Mörder von Auschwitz und Babij Jar bereits war. “
      ________________________________________________________________

      Und was hat dies jetzt gerade und speziell mit Goethe zu tun?

    • „efem gehört zu jenen zahlreichen bequemen Deutschen, die viel Zeit mit Google und Wiki, wenig hingegen mit Büchern verbringen, bedauerlicherweise.“

      Tja. Auch mich dauert das, aber dennoch vielen Dank fürs Mitgefühl. Immerhin hat sich bei mir die Tendenz zum Zweitbuch – natürlich das Scheckbuch, das ich mangels Masse aber nicht nutze, und das erste ist mein Notebook – irgendwann doch durchgesetzt.

  6. „Belege für den literarischen Antisemitismus Goethes: Du kennst das Volk, … “

    Ach, wirklich?

    Wo ist das Zitat abgeschrieben? Mehrere Webseiten bringen es ganz genau so.

    Gerade erst ist Purim vorbei, Haman mit seinen Söhnen erneut gehängt. Warum? Nun, weiß doch jede/r: er wollte für immer „aufräumen“ mit den Juden, verleumdete sie beim Herrscher.

    Dies Verleumden gibt Goethe wieder in dem genannten Stück, er zitiert Haman sozusagen, wie alle Schriftsteller es tun, wenn sie Bösewichten Worte in den Mund legen.

    Man könnte auch sagen, er macht den Judenhass dieses Mannes erlebbar, indem er seine Zuhörer mit den typischen Vorurteilen, mit feindlichem Geschwätz konfrontiert und ihnen klarmacht, dass das im Kopf eines Verbrechers zu Hause ist. Sie dadurch zwingt, falls sie manches davon selbst verinnerlicht haben mögen, es jetzt zu überdenken und aus ihren Vorstellungen zu verbannen: niemand will wie Haman sein.

    Aber sowas zu bringen ist natürlich kein erzieherisches, aufklärerisches Unterfangen, sondern zeigt, wie der antisemitische Säulenheilige (allein die Wahl dieses Wortes diskrediert die ganze mühevolle Fleißarbeit – so schreibt kein wissenschaftlich Arbeitender) tickt: eben wie Haman.

    Oh Herr, lass…

    Übrigens ist das Zitierte aus mehreren Teilen zusammengestoppelt.

    Nachzulesen hier: http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Dramen/Das+Jahrmarktsfest+zu+Plundersweilern/%5BStücktext%5D

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