Die Preise steigen, die Einkommen nicht

Immer mehr Israelis sind von Überschuldung bedroht…

Von Christian Wagner
Deutschlandradio, 04.12.2013

Im Sommer 2011 gingen Millionen Israelis auf die Straßen, um für niedrigere Lebenshaltungskosten und bezahlbaren Wohnraum zu demonstrieren. „Das Volk fordert soziale Gerechtigkeit“ war der Slogan. Passiert ist seitdem: Nichts.

Mit schnellen Schritten ist Chelli gerade einem anderen Kunden hinterhergeflitzt, auf dem Supermarktparkplatz. Sie hat sich dessen Einkaufswagen gesichert. Und drinnen bei „Rami Levy“ ist es so voll, dass Chelli kaum durchkommt. In dem Supermarkt in Modiin ist an diesem Mittwoch Abend besonders viel los – Rami Levy gilt als günstigste Supermarktkette Israels. Chelli packt rote Paprika, Salat, Gurken und grüne Zucchini für ihre Familie in den Einkaufswagen.

Chelli Schokomilch: „Chelli Gemüse ist hier auch am günstigsten. Das ist hier alles billiger, als dort, wo ich es sonst kaufen würde. Ich hätte das Gemüse sonst im Supermarkt bei uns im Viertel gekauft. Und im Vergleich dazu ist es hier günstiger.“

Chelli hat Glück, der Supermarkt in Modiin liegt auf ihrem Heimweg von der Arbeit, eine halbe Stunde Autofahrt entfernt von Tel Aviv. Zuhause im Viertel kauft sie gar nicht mehr ein, zu teuer ist dort alles. Für ihren Großeinkauf ist die kleine Familienmutter in ihrem langen schwarzen Schlabberkleid viel schneller zwischen den Regalen unterwegs, als man es ihr zutrauen würde.

„Eine Zwei-Liter-Packung Schokomilch kommt in den Einkaufswagen, für umgerechnet 3 Euro statt 4,50.“

Die Preise im Supermarkt sind Gesprächsthema in Israel. Geld ist ein Thema: Geld, das in immer mehr Mittelschicht-Familien fehlt. Obwohl meist beide Eltern arbeiten, kommen viele nicht bis zum Monatsende aus. Die Immobilienpreise galoppieren den Einkommen davon. Und wer zur Miete wohnt, muss deutlich mehr als die Hälfte seines monatlichen Einkommens dafür aufbringen. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen liegt bei umgerechnet zweieinhalb Tausend Euro und das bei hohen Lebenshaltungskosten: Urlauber aus Europa beispielsweise sind überrascht, wie teuer israelische Supermärkte sind.

Bei Chelli und ihrem Mann Nissim ging es lange gut, sie hatten mehrere kleine Kredite aufgenommen – und den Überblick über ihre Finanzen verloren. Dann hat Nissim seinen Job verloren. Und vor ein paar Monaten hat die Bank der Familie den Geldhahn zugedreht, ihr Konto durften sie nicht noch weiter überziehen. Seitdem holen sich die beiden Rat bei einer Schuldnerberatung. Deren Ratschläge hat Chelli im Ohr, wenn sie Gemüse, Mehl, Pflanzenöl und Waschmittel auf das Kassenband legt.

„Eigentlich hätte ich Hackfleisch kaufen müssen. Aber das habe ich auf nächste Woche verschoben. Da können wir noch drauf verzichten. Es ist ja nicht so, dass wir kein Essen im Kühlschrank haben. Fast alles im Einkaufswagen brauchen wir aber wirklich. Das sind die wichtigsten Lebensmittel. Die Chips für die Kinder, die leisten wir uns einmal im Monat.“

Etwa 75 Euro zahlt Chelli an der Supermarktkasse. Ihre Einkaufsliste hat sie abgearbeitet, nichts zusätzlich gekauft. Der Einkaufswagen war gar nicht ganz voll. Etwa 20 Euro, glaubt Chelli, hat sie durch den Einkauf in Modiin statt in Tel Aviv gespart.

Die Preise in Israel steigen, die Einkommen nicht, so fassen die Israelis ihre Lage meist zusammen. Das war vor zwei Jahren schon so, als der traditionelle Hüttenkäse im Kühlregal von einem Tag auf den anderen 40 Prozent teurer war. Die Folge: Ein Hüttenkäse-Boykott, so wirksam, dass die Molkereien ihre Preise zumindest vorübergehend wieder gedrückt haben. Und: Der Boykott hatte zu einem in Israel beispiellosen Massenprotest geführt, gegen die hohen Lebenshaltungskosten.

Massenproteste ohne große Wirkung

„Das Volk verlangt Soziale Gerechtigkeit“ – mit diesem Slogan waren im Sommer vor zwei Jahren Hunderttausende auf die Straßen von Tel Aviv, Jerusalem, Haifa und Berscheva gegangen. An einem der Protest-Wochenenden waren es mehr als eine Million Menschen – ein unübersehbares Zeichen in einem Land mit nur acht Millionen Einwohnern.

Geändert hat sich seit dem Protest-Sommer aber kaum etwas. Das sozialwissenschaftliche Taub Center in Jerusalem stellt gerade fest: 20 Prozent der Israelis können sich von ihrem Einkommen nicht mehr ausreichend ernähren.

Im Süden von Tel Aviv, in einem der vielen eintönigen grauen Vororte, verstaut Chelli Duchani ihre Einkäufe und erzählt, wie eng es finanziell geworden ist, für die Familie mit zwei Kindern. Sie arbeitet bei einem kleinen Verlag und bringt umgerechnet 1500 Euro im Monat nach Hause. Ihr Mann Nissim hat seinen Job als Diamantenschleifer verloren, nach 25 Jahren. Aber schon vor seiner Entlassung sind die Duchanis – ohne es zu merken – tief in die roten Zahlen gerutscht.

„Alles ist anders geworden, als die Bank angerufen hat. Die haben gesagt: ´Euer Dispo ist völlig überzogen. Bis hierher und nicht weiter.`  Wir haben uns alle Rechnungen vorgenommen und geschaut, wo wir sparen können. Beim Kabelfernsehen, bei der Telefonrechnung – überall haben wir versucht, unsere Ausgaben zu drücken.“

Immerhin sind die Kredit-Raten für die kleine Drei-Zimmer-Wohnung nicht mehr allzu hoch. Und Nissim hat Aussicht auf einen neuen Job: Autos reparieren statt Diamanten schleifen. Von harten Zeiten, sagt Chelli, reden alle, aber geändert hat sich noch nichts.

„Die Einkaufszentren sind voll. Ich versteh’ das einfach nicht. Die Leute kaufen weiter und machen weiter Schulden. Manchmal möchte ich schreien: Leute das Geld ist alle! Aber ich denke mir, nachdem ich es vor ein paar Monaten kapiert habe, werden die anderen wohl später auch drauf kommen. Aber worauf warten die? Vielleicht darauf, dass ihre Kinder nichts mehr zu Essen haben. Keine Ahnung.“

Chellis Mann Nissim bleibt lange stumm in seinem Sofasessel. Es ist ihm sichtlich unangenehm, über Schulden und Arbeitslosigkeit zu reden – obwohl die Israelis aus ihren privaten Gelddingen selten ein Geheimnis machen. Erst als im Gespräch die Frage nach neuen Protesten aufkommt, taut Nissim auf.

„Durch die Armee, all die Kriege und Spannungen, die wir mit den Jahren erleben, sind die Menschen hier doch schon gebrochen. Wenn man denen sagt: Komm, steht auf! Geh mit, protestieren, da sagt jeder nur: Komm lass mich in Ruhe! Solche Sorgen haben die Menschen in Europa oder Amerika natürlich nicht. In Israel dagegen ist immer militärische Spannung da, Bedrohung. Bei uns hat keiner mehr Lust, auf die Straße zu gehen.“

Dauergesprächsthema – Einkaufspeise

Weiter oben, im wohlhabenden Norden von Tel Aviv wohnt Gal mit seiner Freundin Noah. Gal, Ende 30, hat ein altes Video der Fernseh-Serie „krovim krovim“ rausgekramt. Die Sitcom kannte im Israel der 80er Jahre jeder. Es war die Zeit der galoppierenden Inflation. Und von einer Szene im Supermarkt reden die Israelis heute noch:

Ob denn die hohen Preise nicht sehr belastend seien, fragt der Reporter.

Die Kundin antwortet: „Nein, sie machen das Leben interessanter. Ich rate vorher immer, was das Hähnchen heute wohl kostet. Wenn es günstiger ist, als ich geschätzt habe, kaufe ich es. Wenn es teurer ist, dann kaufe ich’s nicht.“

„Und wenn es genau stimmt?“

„Dann“, sagt die Kundin, „kaufe ich ein Steak.“

30 Jahre später sind die israelischen Supermarktpreise noch immer Gesprächsthema. Auch für Gal, der als Projektmanager bei einem Luftfahrt-Konzern arbeitet. Er verdient gut und geht überhaupt nicht mehr einkaufen. Supermarkt sei Zeitverschwendung, sagt er. Was sie brauchen, bestellen Gal und Noah wenn irgend möglich im Internet, inzwischen sogar im Ausland.

„Das hier ist die Webseite, über die wir eingekauft haben. Hier kann man sehen, dass fast alle Produkte um ein Drittel oder die Hälfte günstiger sind als in Israel.“

Die Rasierklingen, zum Beispiel, global vermarktet, sind im Laden um die Ecke in Tel Aviv fünf mal so teuer wie beim britischen Online-Versand „ocando“. Also lassen sich die beiden nicht nur Rasierklingen nach Tel Aviv bringen, sondern auch Shampoo, Make-up und Nudeln.

„Die Firma, bei der wir bestellt haben, hat gerade erst aufgemacht. Deswegen übernehmen sie die Versandkosten. Aber wir haben das mal ausgerechnet: Wir haben mit einer einzigen Bestellung umgerechnet etwa 60 oder 80 Euro gespart. Selbst wenn wir die Versandkosten später übernehmen müssen, lohnt sich das noch immer.“

Gals Freundin Noah arbeitet beim Chipkonzern Intel. Sie war häufig in den USA, hat immer Kleidung, Kosmetika oder zum Beispiel mal einen neuen Laptop mitgebracht, weil in den Staaten alles viel günstiger war.

„Die Internet-Bestellung ist natürlich keine echte Lösung. Durch die paar Schekel, die ich jetzt spare, kann ich mir noch immer keine eigene Wohnung leisten. Grundsätzlich kann’s ja einfach nicht sein, dass Gal und ich zusammen ziemlich gut verdienen und wir uns trotzdem keine Wohnung kaufen können. Da muss sich mehr verändern.“

Wohnungsnot in Tel Aviv

Eine Wohnung kaufen, das steht normalerweise für junge Israelis ganz oben an. Eigentum ist die einzige Möglichkeit, ohne existenzielle Sorgen zu wohnen: Denn einen staatlichen Mieterschutz gibt es in Israel nicht.

„Das ist das zentrale Problem in Israel: Nicht mal wir, hoch qualifizierte Akademiker, schaffen es, finanziell unabhängig zu werden. Mit Ende 30 und mit doppeltem Einkommen können wir uns noch immer keine Wohnung leisten.“

Die Wohnung die Dganit im Angebot hat, ist für Noah und Gal jedenfalls unerschwinglich: 3,2 Millionen Schekel soll sie kosten, rund 680.000 Euro

Die zierliche Maklerin legt sich ins Zeug, um die eingerosteten Sonnenschutz-Elemente auf die Seite zu schieben. So haben wir einen schönen Blick auf einen kleinen, grünen Platz, mitten in Tel Aviv. Dganit lobt die Aussicht, so etwas bekomme man nicht oft.

Für 680.000 Euro würde man 100 Quadratmeter im ersten Stock bekommen, relativ ruhig aber auch ziemlich dunkel. Viele der Bodenfliesen aus den 80er Jahren sind gebrochen, an den Türstöcken platzt der Lack ab. Die Küchenschränke wollen den Charme rustikaler Holzeinrichtung verbreiten, sind aber aus dunkelbraunem Kunststoff und dürften bald auf dem Müll landen.

Und das Haus: Stammt aus den 50er Jahren, vermutlich. Dganits Verkaufs-Aussichten: Trotzdem hervorragend.

„Die Wohnung hier geht entweder an ein junges Paar, das nach Tel Aviv zieht. Für die könnte die gute Grundschule hier in der Nähe ausschlaggebend sein. Sie müssten halt die Kröte schlucken, dass es hier keinen Parkplatz am Haus gibt. Oder es kaufen Juden aus dem Ausland, die in Tel Aviv nach einer Ferienwohnung suchen. Die Loggia könnte man schön herrichten. Und sehr zentral ist das hier, kurze Wege zu den Museen und zum Strand. Die Lage ist 1a.“

Ums Eck kreuzen sich die beiden Einkaufsstraßen Dizengov und King George mit ihren Cafés und Restaurants. Ganz in der Nähe liegt der Rothschild-Boulevard, auf dem die Demonstranten aus Protest gegen die Wohnungsnot 2011 Zelte aufgestellt hatten, Hunderte Zelte.

Zur Wohnungsnot trägt auch eine Tel Aviver Besonderheit bei: Jeder dritte Immobilienkäufer ist ein Ausländer. Und viele der Kunden aus Kanada oder Frankreich, sagt Dganit, nehmen für ihren Wohnungskauf nicht mal einen Kredit auf. Selbst wenn es um Summen von zweieinhalb Millionen Euro geht, wie bei ihrem jüngsten Deal. Das also ist der Immobilienmarkt, auf dem die Israelis versuchen, mitzuhalten.

„Die Alternative, Miete zu zahlen, kommt ja auch nicht billiger. Ich habe selbst 20 Jahre lang zur Miete gewohnt. Da hast du einfach keine Sicherheit, Mietverträge bekommst du nur für ein Jahr, höchstens zwei. Und danach will der Vermieter die Wohnung womöglich wieder selbst nutzen oder verkaufen. Oder er setzt dir das Messer auf die Brust und verlangt eine viel höhere Miete. Und mit Kindern willst du einfach nicht dauernd umziehen. Deswegen kaufen die Leute Wohnungen.“

Das Versagen der Politik

Alles, was die israelische Regierung den Demonstranten vor zwei Jahren angeboten hatte, waren beschleunigte Baugenehmigungen. Mehr Mieterschutz dagegen passt nicht ins neoliberale Konzept der Regierung Netanjahu. Die Forderungen danach sind versandet.

Auch hier unter den Fenstern der Wohnung im Zentrum von Tel Aviv waren die Demonstranten vorbeigezogen, mit Kochtöpfen und Bratpfannen, um Krach zu schlagen. Umsonst, sagt Maklerin Dganit:

„Also hör zu: Es gibt zwei Gründe, warum die Protestler von 2011 nichts ändern konnten. Erstens: Der Staat profitiert von den hohen Immobilienpreisen, weil er damit hohe Erwerbssteuern kassiert. Und zweitens: Es ist ein freier Markt, und der ist nicht nur lokal. Deswegen kann man die steigenden Immobilienpreise nicht einfach stoppen. Die Leute aus dem Ausland kaufen weiter kräftig und die Israelis selbst zahlen noch immer diese Preise … Ich glaube, das geht so weiter.“

Teure Wohnungen, teure Lebensmittel, eine Mittelschicht, die in Schulden versinkt oder das Gefühl hat, nicht vorwärtszukommen. So geht das in Israel, nicht erst seit den Protesten von 2011. Es wird viel geredet über Wirtschaft und nötige Veränderungen in Israel. Über die reiche Oberschicht und den mangelnden Wettbewerb im Einzelhandel. Aber dass sich tatsächlich mal etwas verändert, das Leben etwas leichter wird, daran glaubt kaum jemand. Auch Nissim und Chelli diskutieren in ihrer Küche über Wirtschaft: Über das teure Benzin, Großunternehmen, die keine Steuern zahlen, und über korrupte Politiker. Und über die Lethargie der Israelis:

„Wenn hier protestiert wird, dann geht’s nicht um harte Forderungen sondern eher um Geschwätz. In Spanien und anderen Ländern war der Protest offenbar so hart, dass die Preise tatsächlich runtergegangen sind. Ich bin ja nicht für Gewalt, aber wahrscheinlich geht es nicht anders. Es reicht nicht, wenn man rausgeht, schön redet und ein paar Plakate hochhält. Wer beim Einkaufen weiter klaglos die hohen Preise zahlt, der protestiert eben nicht.“

Resignation, Armut, Frustration – all das passt so gar nicht zum Hightech-Land Israel, von dem die Politiker in Jerusalem so gerne sprechen. Den Regierenden ist es bisher noch immer gelungen, andere Probleme in den Vordergrund zur stellen, vor allem die bedrohte Sicherheit Israels. Chelli und Nissim, Gal und Noah haben nur die vage Hoffnung, dass das nicht so bleibt.