Der arabische Frühling und der israelische Feind

Vor 39 Jahren, am 6. Oktober 1973, brach der dritte große Krieg zwischen den Arabern und Israel aus. Der Krieg dauerte nur 20 Tage. Die beiden Seiten führten zuvor zwei weitere große Kriege: im Jahr 1948 und im Jahr 1967. (…) Doch diese drei Kriege waren nicht die einzigen arabisch-israelischen Konfrontationen. Von 1948 an bis heute hat es viele davon gegeben. Manche von ihnen waren eher geringe Auseinandersetzungen, andere waren intensive Kämpfe (…)…

Auszüge aus einem Kommentar von Abdulateef Al-Mulhim,  06.10.2012, arabnews.com
Übersetzung: Daniela Marcus

Der arabisch-israelische Konflikt ist der komplizierteste Konflikt, den die Welt je erlebt hat. Am Jahrestag des 1973er Krieges zwischen Arabern und Israelis haben viele Menschen in der arabischen Welt damit begonnen, Fragen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft des arabisch-israelischen Konflikts zu stellen. Fragen wie z. B. diese: Welches sind die wahren Kosten, die die arabische Welt für diese Kriege bezahlen musste? Und die heiklere Frage, die eigentlich kein Araber stellen will, lautet: Welches sind die wahren Kosten, die die arabische Seite für die Nicht-Anerkennung Israels im Jahr 1948 bezahlen musste und warum gaben die arabischen Staaten ihr Vermögen für Kriege anstatt für Bildung, Gesundheitswesen und Infrastruktur aus? Doch die heikelste Frage, die kein Araber hören möchte, lautet: Ist tatsächlich Israel der wahre Feind der arabischen Welt und des arabischen Volkes?

Ich entschied mich, diesen Artikel zu schreiben, nachdem ich Bilder und Berichte über ein verhungertes Kind im Jemen, einen niedergebrannten historischen Souk in der syrischen Stadt Aleppo, die unterentwickelte ägyptische Halbinsel Sinai, Autobomben im Irak und die zerstörten Gebäude in Libyen gesehen hatte. Die Bilder und Berichte wurden im Nachrichtensender Al-Arabiya gezeigt. (…) Eine Sache hatten all diese Geschehnisse gemeinsam: Die Vernichtung und die Gräueltaten wurden nicht durch einen äußeren Feind verursacht. Der Hungertod, das Morden und die Zerstörung in diesen arabischen Ländern wurde von den gleichen Händen verübt, von denen man annahm, sie würden die Einheit dieser Länder schützen und aufbauen und die Menschen dieser Länder beschützen.

Und so lautet die Frage nun: Wer ist der wahre Feind der arabischen Welt?

Die arabische Welt vergeudete Milliarden von Dollar und verlor Zehntausende von unschuldigen Menschenleben in ihrem Kampf gegen Israel, das sie als ihren Todfeind betrachtet – ein Feind, dessen Existenz sie niemals anerkannt hat. Die arabische Welt hat viele Feinde und Israel sollte eigentlich ganz unten auf der Liste stehen. Denn die wahren Feinde der arabischen Welt sind Korruption, Mangel an guter Bildung, Mangel an guter Gesundheitsfürsorge, Mangel an Freiheit, Mangel an Achtung vor Menschenleben. Und es gab in der arabischen Welt viele Diktatoren, die den arabisch-israelischen Konflikt benutzten, um ihr eigenes Volk zu unterdrücken. Diese Gräueltaten der Diktatoren gegen ihr eigenes Volk sind viel schlimmer als all die arabisch-israelischen Kriege.

In der Vergangenheit haben wir darüber gesprochen, warum einige israelische Soldaten Palästinenser angreifen und misshandeln. Wir sahen auch die Angriffe israelischer Flugzeuge und Panzer auf verschiedene arabische Länder. Doch gleichen diese Angriffe den gegenwärtigen Gräueltaten, die in einigen arabischen Staaten gegen das eigene Volk begangen werden? In Syrien sind diese Abscheulichkeiten jenseits jeglicher Vorstellungskraft. Und sind es nicht die Iraker, die ihr eigenes Land zerstören? War es nicht der tunesische Diktator, der 13 Milliarden Dollar von den armen Tunesiern stahl? Und wie kann ein Kind im Jemen, an Hunger sterben, wenn dieses Land das fruchtbarste der Welt ist? Warum verlassen irakische Geistesgrößen den Irak, wenn das Land 110 Milliarden Dollar durch den Ölexport verdient? Warum gelingt es den Libanesen nicht, eines der kleinsten Länder der Welt zu regieren? Und wie kam es dazu, dass die arabischen Staaten begannen, im Chaos zu versinken?

Am 14. Mai 1948 erklärte der Staat Israel seine Unabhängigkeit. Und nur einen Tag später, am 15. Mai 1948, erklärten die Araber Israel den Krieg, um Palästina zurückzugewinnen. Dieser Krieg endete am 10. März 1949. (…) Die Araber verloren den Krieg und nannten ihn Nakba (Katastrophe). Die Araber gewannen gar nichts, und Tausende von Palästinensern wurden zu Flüchtlingen.

1967 zogen die Araber unter der Führung von Ägypten, das von Gamal Abdul Nasser regiert wurde, in den Krieg mit Israel und verloren noch mehr palästinensisches Land und machten noch mehr Palästinenser zu Flüchtlingen. Diese palästinensischen Flüchtlinge sind nun auf die Gnade ihrer Gastländer angewiesen. Die Araber nannten diesen Krieg Naksa (Rückschlag).

Nach keinem der Kriege gaben die Araber ihre Niederlage zu und die palästinensische Sache wurde komplizierter. Und nun hat die arabische Welt durch den endlosen arabischen Frühling keine Zeit mehr für die palästinensischen Flüchtlinge oder die palästinensische Sache, denn viele Araber sind selbst Flüchtlinge und leiden unter den ständigen Angriffen ihrer eigenen Truppen. Die Syrer verlassen ihr eigenes Land – und das nicht wegen israelischer Flugzeuge, die Bomben auf sie werfen, sondern wegen der syrischen Luftwaffe, die Bomben auf sie wirft. Die intelligentesten irakisch-arabischen Moslems verlassen den Irak. Im Jemen wird die traurigste menschliche Tragödie von den Jemeniten selbst geschrieben. In Ägypten sind die Menschen im Sinai vergessen.

Abschließend sei gefragt: Wenn viele der arabischen Staaten in solch einem Chaos leben, was wurde dann aus Israel, dem Todfeind der Araber? Israel hat heute die modernsten Forschungseinrichtungen, Spitzenuniversitäten und die fortschrittlichste Infrastruktur. Viele Araber wissen nicht, dass die Lebenserwartung der Palästinenser, die in Israel leben, viel höher ist als diejenige der Menschen in vielen arabischen Ländern. Und die Palästinenser in Israel erfreuen sich viel größerer politischer und sozialer Freiheit als viele ihrer arabischen Brüder. Selbst die Palästinenser, die unter israelischer Besatzung im Westjordanland und Gazastreifen leben, erfreuen sich mehr politischer und sozialer Rechte als es sie in vielen Teilen der arabischen Welt gibt. War nicht einer der Richter, der einen früheren israelischen Präsidenten zu einer Gefängnisstrafe verurteilte, ein israelischer Palästinenser?

Der arabische Frühling zeigte der Welt, dass die Palästinenser glücklicher sind und dass ihre Situation besser ist als diejenige ihrer arabischen Brüder, die für ihre Befreiung von den Israelis gekämpft haben. Nun ist es an der Zeit, den Hass und die Kriege zu beenden und bessere Lebensbedingungen für die zukünftigen arabischen Generationen zu schaffen.

7 Kommentare zu “Der arabische Frühling und der israelische Feind

  1. Sehr aufschlussreicher Artikel, vielen Dank!
    Bitte werfen Sie auch einen Blick auch auf mein Weblog „Die andere Perspektive“ zum Thema Geschichte und Politik, die sich neben anderen Themen auch mit dem Nahostkonflikt beschäftigt und versucht, den Westen vom bedingungslosen „Israel=Täter, Palästinenser=Opfer“-Bild wegzubringen.
    Ich hoffe, viele Menschen zu erreichen, und viele unterschiedliche Meinungen in Kommentaren zu erhalten.
    Mit größtem Respekt für Ihre Arbeit und freundlichen Grüßen

  2. „Denn die wahren Feinde der arabischen Welt sind Korruption, Mangel an guter Bildung, Mangel an guter Gesundheitsfürsorge, Mangel an Freiheit, Mangel an Achtung vor Menschenleben.“

    Das Problem ist, dass Israel einerseits aktiv an der Aufrechterhaltung solcher Umstände beigetragen hat und andererseits in Teilen wirklich denkt, es bleibe (man beachte die Vokabel „sind“ imn Zitat!) auch so.
    Die völlig unverständliche Rigorosität, mit welcher sich Israel jedem produktiven, echten Dialog mit Palästina und anderen, arabischen Staaten verweigert und die Härte, mit welcher es Maximalforderungen nur wenig höflich an seine Nachbarn formuliert, spricht hier Bände.

    Nein – in nächster Zukunft werden sich einige Dinge schnell und vehement verändern; schon heute ist Israel alles andere als die „einzige Demokratie“ in der Region sondern eher ein Staat, der eine umgekehrte Richtung marschiert: Israel verliert und vergisst seine Bürger.
    Wir hören von Dutzenden von Selbstverbrennungen, sehen Bilder von verzweifelten Demonstranten und fragen uns daher ernsthaft, wie Israel angesichts dieser innen- wie außenpolitisch so schweren Schieflagen ernsthaft an einen zerstörerischen Krieg gegen Iran denken kann.

    Mich treibt vor allem die Sorge um, dass sich sowohl Netanjahu als auch Barak dramatisch (!) in der „Kalkulation“ innerisraelischer, möglicher Verluste durch einen solchen Krieg irren und es in Wahrheit viele tausend Tote geben könnte – bzw. wird.

    Der israelische Kurs ist trotz aller Starrsinnigkeit nicht durchzuhalten; wenn er nicht bald auf friedlichen Dialog mit z.T. großen und auch schmerzhaften Zugeständnissen setzt, multiplizieren sich Feinde und Schlachtfelder, wo vorher noch Freunde und sichere Rückzugsräume waren.

    Feindseligkeit und Arroganz sorgen dafür, dass eine z.T. schwere Bewaffnung ALLER Grenzen Israels notwendig wird – aber woher das Militär das Geld aus dem Haushalt noch kratzen will ohne noch viel mehr soziale Schieflagen im Inland zu produzieren, wird wohl niemand ahnen.

    Israel wird wirtschaftlich und sozial ausbluten, wenn es seinen Kurs nicht ändert.
    Der Demokratisierungsprozess der arabischen, benachbarten Welt mag auch schleppend verlaufen – aber er geht voran. Und es werden die neuen, demokratischen Regierungen sein, die den wachsenden Unmut ihrer Bevölkerungen ohne stark ansteigende Aggression gegen Israel nicht mehr werden bändigen können, ohne ihre eigene, demokratisch neu erlangte Legitimität zu gefährden.

    Israel MUSS schnell von seiner arroganten, zuweilen arg ignoranten Haltung abrücken – oder es gefährdet sich selbst.

    • M.Thomas, Sie behaupten „Der Demokratisierungsprozess der arabischen, benachbarten Welt mag auch schleppend verlaufen – aber er geht voran.“
      Können Sie uns ein paar Belege dafür geben, dass dieser Prozess vorangeht?
      Sie unterstellen den arabischen Staaten den Willen zum Frieden. Weshalb also sind die nicht in der Lage, das Blutvergiessen in Syrien – also hauptsächlich zwischen Arabern – nicht abzustellen?

  3. “Die arabische Welt vergeudete Milliarden von Dollar und verlor Zehntausende von unschuldigen Menschenleben in ihrem Kampf gegen Israel, das sie als ihren Todfeind betrachtet – ein Feind, dessen Existenz sie NIEMALS anerkannt hat.“

    So scheint es nach wie vor unverändert zu sein – sozusagen das Hauptproblem – von so etwas wie Lösung? kein Funke! …eine FAKTuelle TATSACHE, welche dem politischen establishment und ihren Mächtigen weltweit wohl noch nun nach zig Jahren zahlloser diplomatischer „Verrenkungen“ vermutlich ausschliesslich zu realisieren bleiben wird!

  4. Wer finanziert denn den Terror der PLO und Hamas? Welche ominösen Milliardensubventionen soll ausgerechnet der NS-Nachfolgestaat an Israel gezahlt haben?

    Inwiefern ist dir Israel zu unbescheiden? Ist das auf antisemitischen Wahn oder auf Fakten gegründet?

    Unter welchem nationalen Größenwahn leidest du bzw. willst du Juden leiden lassen, der dir einflüstert, dass Israel ausgerechnet mit dt. Waffen das Überleben sichern konnte.

    Was ist für Israel daran vorteilhaft, dass antisemitische Irre in ihren Staaten Islamismus und Terror verbreiten, permanent gegen Israel hetzen und die antiisraelischen Terrororganisationen unterstützen anstatt sich wie die Israelis damit zu befassen, ein besseres Leben zu führen?

  5. Liegt warscheinlich an die Millarden Subventionen die aus Deutschland und den USA nach Israel flossen. Das Israel aus der Wüste, ein anständiges Land wurde. Leben wöllte ich dort trotzdem nicht, nein habe keine Angst das mir der Himmel auf den Kopf fliegt, sondern eine Rakete.

    Daher kann Israel mal auch ein bisschen bescheidener sein.

    Klar das Geld wurde genutzt um all die Forschungseinrichtungen usw. zu finanzieren. Doch wenn Israel selbst die Kosten für seine Militärmaschinerie zahlen müsste, wäre das Land längst pleite. Desweiteren unterstützen die USA und die BRD die israelischen Anleihen durch Bürgschaften, sprich falls der Staat Israel nicht seine Schulden bedinen könnte, müssten die USA und die BRD einspringen.

    Der Krieg 1967 ging für Israel nur deswegen so klimpflich aus, weil die BRD bessere Waffenentwickler waren, als die Sowjetunion die die muslimsche Staaten unterstützte.

    Desweiteren ist es doch viel einfacher zu behaupten Israel sei an allem Schuld, als sich um die eigenen Probleme zu kümmern. Doch falls die muslimischen Staaten je mal eine anständige Regierung bekommen würden, die ihre Länder stark machen würden. Wäre Israel immer noch Feindbild Nummer eins, um die Muselmannen zu einigen, den es gibt ja Sunniten und Schiiten die man einen müsste, gegen äußere Feinde.

    Daher ist diejetztige Situtation für Israel vorteilhafter.

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