Es ist Zeit, ein neues Kapitel bezüglich Ägypten aufzuschlagen

Es gibt niemanden wie unsere politischen Führer, die über alles und jedes Bescheid wissen und sogar die politischen Führer der Großmächte darin unterweisen, wie die Welt zu handhaben ist…

Kommentar von Yoel Marcus, Ha’aretz, 29.06.2012

Wer, wenn nicht Premierminister Benjamin Netanyahu, offenbarte in einem Interview mit der Washington Post, dass die Vereinigten Staaten mit technischen Vorbereitungen für einen Angriff auf den Iran begonnen haben? Und wer, wenn nicht Kadima-Chef Shaul Mofaz, rät US-Präsident Barack Obama, die USA müssten einen Angriff führen, wenn alle anderen Optionen fehlschlügen? Und Minister Moshe Ya’alon, ein Serien-Schwätzer, erklärt, es sei besser, mehr für Benzin zu zahlen als einen atomaren Iran zu akzeptieren. Ein guter Vorschlag – unter der Bedingung, dass die Minister das Benzin für ihre Autos selbst bezahlen anstatt das Geld dafür vom Steuerzahler zu nehmen. Der größte Star, Staatspräsident Shimon Peres, erklärt, unser größter Fehler sei, dass wir Komitees für die Untersuchung von Fehlern bildeten anstatt für die Untersuchung von Erfolg. Und wer, wenn nicht noch einmal Benjamin Netanyahu, prophezeit, dass Ende des Jahrhunderts der militante Islam besiegt sein wird? Wie hätte meine verstorbene Tante –sie ruhe in Frieden– hierzu gesagt: „Lang lebe Abdul Nasser!“

Während Hamasmitglieder vom Gazastreifen aus Qassam- und Gradraketen auf uns feuern, wann immer es ihnen passt, hat die Moslembruderschaft in Ägypten einen durchschlagenden Sieg errungen. Ihr Kandidat wurde zum Präsidenten gewählt. Dies ist wohl nicht das Ergebnis, das die Vereinigten Staaten erwarteten, als Präsident Barack Obama ausgerechnet in Kairo seine Friedensinitiative begann und bislang keine Möglichkeit versäumte, Israel nicht zu besuchen.

Weder Obama noch die Genies in unserer Regierung träumten davon, dass der russische Präsident Valdimir Putin seine diplomatische Reise in der Region mit einem Freundschaftsbesuch ausgerechnet in Israel beginnen würde. Er kam sogar nach Jerusalem. Und es ist selbstredend, dass die Person, die ihn in der Residenz des Premierministers empfing, keine andere war als Sara Netanyahu mit ihrem strahlenden Lächeln. All dies ist auf offiziellem Filmmaterial festgehalten.

Brachte Putin in seinen Gesprächen das Thema „Iran“ auf den Tisch? Der ranghohe politische Korrespondent würde wie üblich sagen: „Wir würden nicht von unseren Stühlen fallen, wenn das Thema aufgekommen wäre, und darüber hinaus auf keine erfreuliche Weise.“ Putins Besuch deutet seine Entscheidung an, Russland Status als zentraler Akteur in unserer Region wiederherzustellen und mit den westlichen Mächten um den Einfluss zu wetteifern. Und wenn es wahr ist, dass Putin dem Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas, eine Botschaft von Benjamin Netanyahu über dessen Bereitschaft, überall und jederzeit gemeinsam an einen Tisch zu sitzen, überbracht hat, dann kann man dies auch als Putins Botschaft an die Welt betrachten, die lautet: Ich bin auch hier.

Israel hatte ein Trio an strategischen Alliierten im Nahen Osten: Das Schah-Regime, die Türkei unter der Federführung der Armee und das Ägypten nach Camp David. Der Iran fiel mit dem Schah. Wir verlieren die Türkei unter Premierminister Recep Tayyip Erdogan. Die Frage ist, ob die Gefahr besteht, dass wir den Frieden mit Ägypten auch verlieren werden? Obwohl dieser Frieden nie ein warmer war, wurde das Abkommen doch bis ins kleinste Detail eingehalten. Dank des Friedensvertrages profitierte Ägypten von vielen Touristen, inklusive israelischer, und jedes Jahr erhielt es zur Unterstützung etwa 2 Milliarden US-Dollar. Und obwohl es keine Liebesgeschichte war, prüften Sendboten aus Ägypten heimlich, ob die jährliche finanzielle Hilfe erhöht werden könnte, so dass sie davon profitieren würden und außerdem die große wirtschaftliche Misere in Ägypten –wo die Zahl der Arbeitslosen jährlich um 1,5 Millionen zunimmt– lindern könnten.

Mohammed Morsi, der neu gewählte Präsident Ägyptens, der einen Teil seines Lebens in den Vereinigten Staaten verbrachte, wird als ausgewogene und moderate Person betrachtet – trotz weitverbreiteter Angst, das Gegenteil könnte der Fall sein. Jemand, der ihn gut kennt, sagte über Morsi, er sei „kein Islamist von der Sorte, die sich ins eigene Fleisch schneidet“.

Wir müssen schnell danach streben, eine vertrauensvolle Beziehung zu Ägypten unter dessen neuer Führung aufzubauen. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern möchte Morsi weniger Abhängigkeit von der Armee. Deshalb müssen wir aufpassen, dass wir keine zu engen Verbindungen mit der ägyptischen Armee und dem Geheimdienst eingehen. Andernfalls sähen wir aus, als würden wir uns in die internen Angelegenheiten des neuen Ägypten einmischen. Wir müssen Morsis Zeichen Folge leisten.

Nicht nur Vorsicht ist geboten sondern auch Initiative. Wir sollten nicht mit Feindschaft oder Angst auf die neue Situation in Ägypten reagieren. Israel ist immer noch das stärkste Land in der Region. Wir müssen die Wahl des ägyptischen Volkes akzeptieren ohne sie abzuwerten.

Kairo hat es mit der Likud-Partei, den Siedlern und der Hügeljugend in der Regierung auch nicht leicht. Der neue ägyptische Präsident erwies sich als weise und couragiert, als er offiziell dementierte, er lehne Sanktionen gegen den Iran ab. Zwischen Ägypten und dem Iran herrscht nicht die große Liebe und wir erinnern uns immer noch daran, wie der ägyptische Präsident Anwar Sadat über Nacht Hunderte von iranischen Studenten von Ägypten nach Teheran auswies mit der Erklärung: „Sie bewundern Khomeini? Lasst sie ihre Bewunderung in Teheran ausdrücken.“

Das neue Ägypten, Putins Präsenz in der Region, die Mobilisierung der Welt gegen die iranische Bedrohung – all diese Entwicklungen fordern von uns, dass auch wir die Untätigkeit ablegen und uns auf neues Denken einlassen.

Übersetzung von Daniela Marcus