Kaputtes Telefon

Während ein Drittel aller Israelis wegen einer Panne vom Mobilfunknetz abgeschnitten war, präsentierte das Militär seine neue Methode, die Israelis im Falle eines Raketenangriffs künftig per Handy in die Luftschutzkeller zu schicken…

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 2. Dezember 2010

Die weltweit schlimmste Panne im Handynetz hat am Mittwoch über 3 Millionen Kunden des israelischen Mobilfunk-Betreibers Cellcom von der Welt abgeschnitten. Inzwischen funktioniert das System wieder, doch noch ist unklar, was zum Zusammenbruch des elektronischen „Gehirns“ geführt hat. Es könnte ein Virus sein oder ein Fehler in dem von Nokia eingerichteten Computersystem. Das Verschicken von SMS Kurznachrichten funktionierte zunächst noch, brach dann aber wegen Überlastung ebenfalls zusammen. Der Generaldirektor von Cellcom, Amos Schapira, konnte am Mittwoch nur „Entschuldigung“ sagen, ohne eine Erklärung für die Panne zu bieten.

Am Donnerstag flogen Techniker von Nokia nach Israel, um den Grund für die Kettenreaktion zu prüfen. Am Donnerstag klagte ein altes Ehepaar auf Schadensersatz. Über einen Anwalt forderte es 70 Euro als „faire Entschädigung“. „Falls alle Kunden mit dieser Summe entschädigt werden sollten, würde eine Milliardensumme herauskommen“, sagte der Anwalt im Rundfunk.

Israel zählt 7 Millionen Einwohner, drei Mobilfunkbetreiber und 1,38 Handys pro Kopf Bevölkerung.

Wie der Zufall so wollte, hatte genau an jenem Tag, als ein Drittel aller Handys in Israel ausgefallen war, der Militärsprecher die Auslandspresse zu einem Besuch bei der Kommunikationszentrale der israelischen Armee eingeladen. „Wir öffnen uns der Welt und haben keine Geheimnisse“, erklärte Oberstleutantin Avital Leibowitz, nachdem ein Vertreter der Militärzensur den Presseleuten mitgeteilt hatte, dass alle Berichte und Bilder zu diesem „Informationstag“ vorab eingereicht werden müssten.

C4I (Kommando, Kontrolle, Kommunikation, Computer) nennt sich jene Einheit im Zrifin-Militärstützpunkt nahe Tel Aviv, wo sämtliche elektronischen Kommunikationswege der Armee entwickelt und verwaltet werden. Die Luftwaffe, Marine und Infanterie „sprechen unterschiedliche Sprachen“ erklärten hohe Offiziere anhand von Präsentationen. Um miteinander kommunizieren zu können und dem Oberkommando einheitliche Reports über die Vorgänge auf dem Schlachtfeld überreichen zu können, müssten diese „Sprachen“ übersetzt und vereinheitlicht werden. „Es ist eine kulturelle Herausforderung, alle Systeme miteinander zu verknüpfen und in ein integriertes Gefäß zusammen zu fassen“, sagte eine Oberstin. Erstaunlich viele Frauen waren unter den Offizieren, die da den Journalisten die Arbeit von einer der wichtigsten und wohl auch geheimsten Branchen des israelischen Militärs vorstellte. Alle versicherten, dass die in Israel entwickelte Verschlüsselung der Systeme perfekt sei, nachdem Journalisten gefragt hatten, ob auch beim israelischen Militär ein „Wikileaks“ denkbar sei.

Neben dem Vortragssaal waren zwei Lastwagen und ein Hammer-Jeep mit Satellitenschüsseln und Antennen aufgestellt worden. Nur zwei Mann bedienen die fahrbare Satellitenschüssel auf dem Jeep, ein Fahrer und ein Techniker. Sie können im Krieg ausgefallene stationäre Schüsseln ersetzen und die Kommunikation innerhalb des Militärs und zu der Zivilbevölkerung aufrecht zu erhalten. Sie bedienen im Feld eine Vielzahl von Techniken, die mit dem israelischen Satelliten Amos Verbindung hält, einfliegende Raketen ausmacht, deren voraussichtlichen Einschlagsort ermittelt und schließlich per Knopfdruck die Luftschutzsirenen in der betroffenen Gegend auslösen kann. „Früher heulten im ganzen Land die Sirenen, während des Libanonkriegs war das Land in 10 Zonen aufgeteilt und heute in 100, um gezielt nur die Bevölkerung im tatsächlichen Zielgebiet in die Luftschutzkeller zu schicken“, erklärte ein Offizier das System „Hirschhorn“. Das Militär arbeitet zusammen mit High-Techfirmen an abgestufte Möglichkeiten, die Bürger gezielt über Angriffe zu warnen oder landesweit. Neben Luftschutzsirenen sollen automatisch auch die Handys und vibrierende Funkgeräte für Schwerhörige angerufen werden. Im schlimmsten Fälle könne sich die C4I – Einheit per Knopfdruck in alle elektronischen Medien einschalten und von einem eigenen Studio aus die Bevölkerung über einen bevorstehenden Raketenangriff landesweit informieren. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht bekannt, dass das Mobilfunksystem von Cellcom gerade zusammengebrochen war, und dass deren Kunden nicht per Handy erreichbar gewesen wären.

Ein junger Offizier namens Steve erzählte, dass die Armee in Schulen mit technischer Ausrichtung 16-jährige Schüler auskundschaftet und sie mit allgemeiner Ausbildung in elektronischen Fächern auf ihren Dienst in der C4I Einheit vorbreitet. Die Soldaten müssen sich zu fünf Jahren Militärdienst verpflichten. Dann können sie aber sicher sein, einen hoch dotierten Job in Israels High-Industrie zu erhalten, zumal die Firmen besonders begabte Soldaten ins Visier nehmen. Vor dem mit Elektronik vollgestopften Hammer mit der Satellitenschüssel auf dem Dach sagte Steve: „Alles entspricht israelischen Bedürfnissen. Jeder von uns muss alle Systeme bedienen können, während in anderen Armeen sechs Techniker mit sechs Fahrzeugen die gleiche Arbeit verrichten.“ Sein Befehlshaber Kobi Menasche redete von einer „Mentalitätsfrage“. Weil jeder Soldat Data-, Video- und Audio-Kommunikation beherrsche, könne Israel schneller als jede andere westliche Armee reagieren. Das habe sich nach dem Erdbeben in Haiti bewährt. Innerhalb von drei Tagen hatten die Israelis ein Zelt-Hospital errichtet und erste Opfer behandelt, während die Hilfe der Amerikaner und anderer Länder auf sich warten ließ. Mit dabei waren auch die C4I Spezialisten. „Sowie sie die Kommunikationszentrale eingerichtet hatten, halfen sie Ärzten und Patienten“, sagte Menasche stolz über seine „Alleskönner“.

© Ulrich W. Sahm, haGalil.com

Ein Kommentar zu “Kaputtes Telefon

  1. Hört sich alles gut an, nur in Pressekonferenzen wird immer und überall alles beschönigt! Wenn Iran, Hisbollah und Syrien unterstützt von der Hamas Israel angreifen werden wir sehen wie die System funktionieren! Da Israel 2006 nix von der Hisbollah wusste geh ich aber davon aus, dass sich das bis heute nicht geändert hat, da die Hisbollah einen sehr guten Geheimdienst ihr Eigen nennt und 2006 höchstens 50 Prozent ihrer Schlagkraft eingesetzt hat

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