Besuch im jüdischen Pflegeheim: Ihre letzten Tage

Sie haben ihre Familien in den Lagern der Nazis verloren, sind aber in Deutschland geblieben. Ein Besuch bei den letzten Holocaust-Überlebenden…

Von Sascha Chaimowicz, taz v. 28.12.2009

Im Schlaf, in seinen Träumen, sagt Willi Hoffmann, kämpfe er immerzu. Eingezäunt im Getto von Riga prügeln die Nazis mit Stöcken auf seinen nackten Rücken ein, sie versuchen ihn zu brechen, doch Hoffmann wehrt sich, boxt mit seinen Armen, tritt mit den Beinen, hofft, dass es aufhört, bevor er sterben muss wie all die anderen Juden.

Dann wacht Willi Hoffmann, 87 Jahre alt, Pflegestufe 1, auf aus seinem Traum. Es ist ein kalter, grauer Wintertag in Berlin. Regentropfen prasseln auf das Fenster hinter Hoffmanns Bett. Im Liegen würde er einen Besucher niemals empfangen. Das Leben hat ihm das Herz geschwächt, die Hüfte zerstört und den Rücken gekrümmt, und doch sitzt Hoffmann gerade auf seinem Bett, so aufrecht und groß, dass das Bett unter ihm zu klein wirkt. „Der liebe Gott hilft mir“, sagt er. Seine Stimme ist laut und kräftig. „Setzen Sie sich“, fordert er seinen Besucher auf, „und stellen Sie Fragen, bitte.“

In seiner Kindheit flüchtete seine Mutter mit ihm von Berlin nach Riga, als absehbar wurde, dass es für Juden wie sie kein Leben mehr in der Heimat geben würde. Aber die Nazis jagten Juden überall in Europa. 1941 sperrten sie Hoffmann ins Getto von Riga, zwei Jahre später ins Konzentrationslager Kaiserwald. „Meine Mutter haben sie weggeführt und dann umgebracht“, sagt Hoffmann, noch etwas lauter als sonst. Nach dem Krieg lebte er in der Fremde, als rastloser Fernfahrer in Lettland. Vor zwei Jahren zog er nach Berlin ins Pflegeheim. Er kehrt zurück in das Land, das ihn vernichten wollte, um zu sterben. „Ich bin eben Deutscher“, sagt Hoffmann, „das hier ist mein Zuhause.“

Hoffmann greift nach seinem Gehstock und stemmt sich unter leisem Ächzen aus dem Bett. Hilfe lehnt er ab. Wer ihm beim Gehen zusieht, erahnt den rauen Kraftfahrer, der er mal war. Er öffnet seine Zimmertür, schleppt sich den Flur entlang zum Aufzug, fährt vom dritten Stock ins Erdgeschoss und setzt sich an die weißgedeckte Tafel im Gemeinschaftsraum. Es ist Freitag, und Hoffmann wartet auf die Schabbat-Zeremonie.

„In einer Viertelstunde geht es los“, sagt er. Seine Tischnachbarn schweigen. Hoffmann gehört zu den Wenigen im Heim, die noch sprechen können. Ein Besuch im Pflegeheim Hermann Strauß ist auch ein Besuch bei den letzten noch lebenden Opfern der Schoah. In einem gelben dreistöckigen Wohnhaus, umgeben von Wiesen, Parkbänken und Buchen lebt eine Generation europäischer Juden, die Konzentrationslager im Kopf haben, wenn sie an früher denken. Eine Generation, die sich dem Tod nähert.

Sie waren mal die Stärksten unter ihresgleichen, sie sind vor ihren Peinigern geflohen, sie haben überlebt, und nun können sie nicht mehr selbst essen. Pfleger füttern sie. Wer im Hermann-Strauß-Heim arbeitet, hat seinen Arbeitsplatz an einem Ort, an dem Juden, Deutschland und der Tod sich treffen.

Wie aber geht man mit Menschen um, die das Fürchterlichste erlebt haben? Irina Tsilevitsch sitzt in ihrem Büro, schräg gegenüber dem Gemeinschaftsraum. Tsilevitsch, 37 Jahre alt, wache blaue Augen, das dunkle Haar streng zum Zopf gebunden, leitet die Pflege im Heim. Ununterbrochen klingelt das Diensttelefon in der Seitentasche ihres weißen Kittels. Sie blättert in einem schwarzen Ordner, in dem sie zwischen Pflegerichtlinien und Mitarbeiterverträgen nach Antworten sucht auf die Frage, wie man Holocaust-Opfer pflegt, die zur Unmündigkeit verdammt sind. „Hier, sehen Sie, da werden die jüdischen Feiertage erklärt, Jom Kippur, Pessach.“ Sie bricht ab, klappt den Ordner zu. „Wissen Sie, für das, worum es hier geht, gibt es keine aufgeschriebenen Vorschriften.“ Wo soll auch geschrieben stehen, dass eine Pflegerin im zweiten Stock im Zimmer eines bestimmten Bewohners die Tür nicht schließen darf, weil der Bewohner sonst glaubt, Gas dringe unter der Schwelle ein? Oder eine Liste mit Komplimenten, die man nicht machen darf? Tsilevitsch sagte einmal einer Bewohnerin, ihr Haar sehe schön aus, und diese antwortete ihr, sie hätte es sehen sollen, bevor man es ihr abgebrannt hätte im KZ. Tsilevitsch schüttelt den Kopf. „Für die Arbeit hier braucht man eine gute Seele. Darum geht es.“

Eine gute Seele des Heims ist Sahin Kadem. Die 63-Jährige ist klein, nicht größer als die alten Damen, um die sie sich seit 16 Jahren kümmert. Sie ist beliebt, jeder grüßt Kadem. Ihre Gesichtszüge sind weich, sie strahlt die gutmütige Geduld einer Kindergärtnerin aus. Eigentlich ist sie Küchenkraft, doch auf Kochtöpfe hat sich ihre Arbeit nie beschränkt – das ginge auch gar nicht. Sie steht in der Küche und füllt Wein in Schnabeltassen. Für die Schabbat-Zeremonie. „Ich weiß, dass viele der Bewohner einen schlechten Weg hinter sich haben. Doch ich glaube fest daran, dass die religiösen Rituale in den Bewohnern eine schöne Zeit wecken, die sie erlebt haben. Religion ist für sie ein Symbol weiterzumachen“. Worte in einem jüdischen Pflegeheim, gesprochen von einer Frau, die an den islamischen Bektaschi-Orden glaubt. Auf eine Weise ist dieser Bruch konsequent in einem Haus, in dem es kaum einen ungebrochenen Lebenslauf gibt. „Wir sind alle Kinder Gottes“, sagt Kadem. Sie lächelt. Dann trägt sie ein Tablett mit den Schnabeltassen aus der Küche.

Normalerweise beginnt Schabbat mit dem Sonnenuntergang, doch die meisten Heimbewohner sind zu schwach, um so lange zu warten, also geht die Zeremonie schon am Nachmittag los. Hoffmann hat sich eine Kippa aufgesetzt. Am Kopf des langen weißgedeckten Tisches leuchten Kerzen, ein Kantor steht bereit, eine Pflegerin legt eine CD ein, die „For you, Jerusalem“ heißt. Vor jedem Bewohner liegt auf einem Teller ein Stück Zopfbrot. Der Kantor beginnt zu singen. Hoffmann schweigt. „L’Chaim“, zum Wohl, ruft eine Pflegerin in die Runde, und die, die noch können, nehmen einen Schluck Wein.

Eli Goldmann (Name geändert) kann nicht mehr. Sie sitzt in einem Rollstuhl, wippt mit dem Oberkörper vor und zurück und sagt mit leiser Stimme, sie wolle nach Hause: „Wer hat mich hier reingefahren? Hören Sie, ich muss hier weg. Wo bin ich hier?“ Ihre Demenz ist ein Problem, das jedes Pflegeheim kennt, ein Problem, das das Alter bringt. Menschen verlieren fast ihr gesamtes Kurzzeitgedächtnis, und das, was bleibt, ist die Vergangenheit. Was aber, wenn die Vergangenheit aus Bildern besteht, in denen die Eltern zum Zug abgeführt werden? Eine Pflegerin reicht der klagenden Eli Goldmann ein Stück Zopfbrot und ihre Fragen verstummen. Die alte Dame sieht erschrocken aus. Um sie herum wiegen sich Einzelne zum sehnsuchtsvoll-getragenen Gesang des Kantors.

Nach einer halben Stunde ist die Schabbat-Zeremonie vorbei. Einer nach dem anderen wird aus dem Raum geschoben. Was bleibt, ist das Gefühl, dass Religion auch in Dosen verabreicht werden kann, in Minuten pro Tag.

Zurück in seinem Zimmer öffnet Hoffmann die Schublade seines Nachtkästchens, in dem seine Vergangenheit liegt. Fotos aus seiner Zeit als Lkw-Fahrer, Fotos aus der Nachkriegszeit, vergilbte lettische Pässe. Seine Geburtsurkunde aus dem Jahr 1922 hat er in eine Klarsichthülle gesteckt. Er liest sie gern vor: „Wilhelm Hoffmann, geboren in Berlin-Lichtenfeld“. Lange hat er für das Dokument kämpfen müssen, das Standesamt hatte ihm gesagt, es sei im Krieg verbrannt. Doch vor wenigen Tagen brachte ihm eine Pflegerin einen Briefumschlag vom Berliner Standesamt ins Zimmer. „Seitdem bin ich ein richtiger Deutscher“, sagt Hoffmann. Ein Opfer, das zur Nation der Täter gehören will.

Hoffmanns Frau, die vor etwa zehn Jahren an Krebs starb, war eine nichtjüdische Lettin. Sein Sohn wurde zum Christen. „Ich bin als Jude geboren, und als Jude soll ich sterben“, sagt Hoffmann. Seine Kippa hat er noch im Schabbat-Zimmer abgenommen. Im geschundenen Körper eines Greisen lebt eine Biografie weiter, die so gebrochen ist wie ihre Zeit. Hoffmann hat einen kleinen Weihnachtsbaum aus Plastik neben seinen Kleiderschrank gestellt. Manchmal guckt er ihn sich an und summt dabei „Oh Tannenbaum“. Den Text kennt er nicht.

Vor Hoffmanns Fenster schiebt ein Polizist Wache. Rund um die Uhr. An Feiertagen steht noch mehr Sicherheitspersonal vor der Tür als sonst. Das Deutschland, in dem Hoffmann lebt, soll geschützt werden, weil es noch Deutsche geben könnte, die einen Juden wie Hoffmann nicht wollen.

Zwei Pflegerinnen, die auf Deutsch miteinander sprechen, huschen an seiner Zimmertür vorbei. Hoffmann lächelt. Er ist zu Hause, für die letzten Jahre seines Lebens. Er legt den Kopf auf sein Kissen, dann schließt er die Augen. Es dauert nicht lange, das Gefühl von Heimat, und er fällt in seinen quälenden Schlaf.

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15 Kommentare zu “Besuch im jüdischen Pflegeheim: Ihre letzten Tage

  1. Hallo Yael,

    wie ich bereits gesagt habe wollte ich niemanden mit der Wortwahl auf die Füße treten. Wenn ich das getan haben sollte so bitte ich um Entschuldigung.

    Das Problem ist aber genau jenes welches sie angeprochen haben. Der Sprachgebrauch. Ich denke jedoch das sie mir meinen Fehltritt nachsehen werden sobald sie sich die italienische Implikation haben erläutern lassen.

    Diesbezüglich eine Frage: Ist der Begriff Hebräer nun veraltet oder falsch? Denn so wie ich Mirek verstanden habe wurde dieser Begriff ja von den Juden selbst geprägt.
    Bitte um Aufklärung!!!

    Zweite Frage: Wie lösen wir eigentlich das Problem mit den verschiedenen Sprchgebräuchen??? Wenn ich nämlich hier in Italien das Wort Jude/Juda anstatt Hebräer benutze kann die Italienische Variante des Volksverhetzungsparagraphen greifen.

    Kleine Bitte: Könnten sie mir vielleicht einen Forenlink geben wo wir weiter diskutieren können??? Facebook, Live oder AOL sind auch vollkommen in Ordnung für mich.
    Wäre echt toll wenn wir das nicht einschlafen lassen würden, was meinen Sie?
    Ich jedenfalls würde mich freuen!!!

  2. Auch bei den zionistischen Jugendveranstaltungen hiess es immer Hebräer. Der Hebräer ist der vom Stolz erfüllte Jude. Einer der aufrecht steht und seinen Platz kennt.
    Auch in Israel ist der wahre Jude HEBRÄER!

  3. Antwort an Carsten Kruse bzgl. Reply (März 10th, 2010) at 19:36

    Sehr geehrter Herr Kruse,

    falls ich Sie mit meiner Antwort zu Unrecht attakiert haben sollte, so bitte ich um Entschuldigung. Das war nicht der Sinn der Sache. Was die Lesprobleme angeht, ich muß zugeben das mir die Möglichkeitsform bei Ihrem „Zitat“ entgangen ist. Vielen Dank für den Hinweis 🙂 .

    Was die Meinungsfreiheit angeht, da habe ich mich scheinbar nicht verständlich ausgedrückt.
    Erklärung: Ich wollte nur zum Ausdruck bringen das der von Ihrem Freund beschriebene Senior seine Meinung und seinen Geschmack zum Ausdruck bringen kann. Unabhängig davon wie wir zur Meinungsfreiheit stehen, oder wie der Rest der Welt darüber urteilt.

    Ich gebe Ihnen vollauf recht das sie nicht auf eine einzelne Opfergruppe insistieren, aber das habe ich auch nicht gesagt. Ich habe lediglich darum gebeten es nicht aus dem Blick zu verlieren, und das auch nur weil dies leider Gottes immer noch vorkommt.

    Zu „nur kann man nicht immer alle in einem Artikel erwähnen wollen“: Wie wir beide anhand unseres Mißverständnisses sehen können macht die richtige Ausdrucksweise die Musik.

    Was die Distanzkommunikation angeht sind wir einer Meinung.
    Und wenn ich Ihren Verwandten und Freunden ein herzhaftes Lachen in einer Diskussion entlocken konnte die normalerweise
    mit sehr viel Härte geführt wird, dann bin ich glücklich.
    Sie bestätigen im Prinzip nämlich die Shoahüberlebenden die mit ihrer Rückkehr nach Deutschland die Tür zur Versöhnung weit geöffnet haben ;-).

  4. Zu Yael (März 10th, 2010) at 09:28 & Robert Schlickewitz (März 10th, 2010) at 09:42

    Bitte um Entschuldigung falls ich mit der Bezeichnung „Hebräer“ daneben gegriffen habe, das lag nicht in meiner Absicht.

    Entgegen ihrer Annahme Herr Schlickewitz hat das in meinem Fall aber nichts mit wie auch immer geartetem Geschichtsumgang zu tun, sondern mit dem Sprachgebrauch der Gegend in der ich lebe.

    Zu Yael (März 10th, 2010) at 09:53

    Die Feststellung ist mir für den deutschen Sprachraum durchaus geläufig Yael. Ich lebe aber nicht in Deutschland, sondern in Italien. Und im hiesigen Sprachgebrauch werden die Juden Hebräer genannt.
    Falls wirklich Interesse daran besteht zu erfahren was man hier unter Jude/juda versteht, ich gehe davon aus das die in Deutschland lebenden Italiener Auskunft geben können. Das nächstgelegene italienische Konsulat aber 100%.
    Ich persönlich ziehe es vor es bei sprachlichen Unterschieden zu belassen. Ich hoffe sie haben Verständnis dafür.

  5. Sehr geehrter Herr Brodthagen,

    nur ganz kurz:
    Sie haben offensichtlich Probleme, meinen Text zu lesen, ohne jede Menge hineinzuinterpretieren.

    – Ich rede und erst recht „plappere“ ich nicht von „deutscher Minderwertigkeit“. Selbst wenn, wäre so etwas kein „Faschismus“, das nur ganz nebenbei.
    – Ich spreche mich nicht wider die Meinungsfreiheit aus.
    Woher lesen Sie das denn? Ich habe nur einen Fakt wiedergegeben.
    – Ich kann aus meinem Artikel nirgends herauslesen, dass ich darauf insistiere, dass es nur jüdische Opfer gab. Die Abermillionen Opfer in der UdSSR, die Millionen Opfer in Polen (mit dem mich verwandtschaftliche Beziehungen verbinden) und all die anderen Opfer sind meiner Erinnerungen genauso wert – nur kann man nicht immer alle in einem Artikel erwähnen wollen.

    Nun ist es natürlich schwer, über Distanzen zu kommunizieren, noch zumal, wenn man jemanden nicht wirklich kennt. Aber meine Bekannten und Verwandten wären mehr als belustigt zu lesen, was Sie mir hier vorwerfen meinen zu müssen.

    Mit freundlichen Grüßen, Carsten Kruse

  6. „Herr Brodthagen, es sind jüdische Opfer, keine hebräischen. Wie kommen Sie zu so einem Begriff? Hebräisch ist eine Sprache und keine Menschengruppe.“

    Viele Deutsche haben Schwierigkeiten das Wort „Jude“ direkt auszusprechen, deshalb greifen sie gern zu vermeintlichen Synonymen, ohne lange nachzudenken. Hat Alles mit dem verlogenen Umgang mit der eigenen Geschichte zu tun.

  7. Antwort auf den Kommentar von Herrn Carsten Kuse (März 4th, 2010) at 18:05

    Sehr geehrter Herr Kruse,

    wie Sie meinem Kommentar zum Artikel entnehmen können teile ich Ihre Auffassung über die Wichtigkeit der Existenz „ethnisch gebundener Seniorenheime“. Ich persönlich würde es zwar begrüssen wenn ein normales Zusammenleben möglich wäre, aber ich denke auch das jeder die Möglichkeit haben sollte zu entscheiden wo er seinen Ruhestand verbringen möchte.
    Aber so sehr mir dieser Artikel auch Hoffnung hinsichtlich eines normalen Zusammenlebens macht, so sehr ist das unüberlegte Nachplappern der staatlich verordneten „deutchen Minderwertigkeit“ dazu angetan mir diese wieder zu nehmen.
    Dieses Geschwafel ist nichts anderes als der Müll den die Nazis während ihrer Diktatur über Hebräer oder andere Volksgruppen verbreitet haben, Faschismus.
    Und es sollte auch im Hirn des letzten, wie auch immer ausgerichteten Politideologen angekommen sein das der selbe in Deutschland unerwünscht ist.
    Ich halte es für sinnvoller wenn wir uns stattdessen Gechichten wie die des Herrn Willi Hoffmann zum Beispiel nehmen und endlich damit anfangen einander kennen zu lernen und miteinander zu leben, und nicht aneinander vorbei.

    Zwei Sachen noch zum Abschluß:

    01)Sie haben natürlich recht wenn sie sagen das Fälle wie jener den Ihnen Ihr Freund beschrieben hat Magenkrämpfe bereiten. Es würde mich allerdings freuen wenn sie sich nicht auf das Niveau solcher Personen herablassen, und ein nicht politisch orientiertes Kommentarmodul nicht dazu benutzen Kampfgesänge anzustimmen.
    Darüber hinaus gilt die Meinungsfreiheit auch für solche Subjekte, auch wenn sich über den Geschmack besagten Seniors durchaus streiten lässt. Aber das ist ein anderes Thema 😉

    02) Behalten sie bitte im Auge das es während der faschistischen Diktatur in Europa nicht nur hebräische Opfer gegeben hat. Ich weis das mich diese Äußerung unpopulär macht, aber das hat die Wahrheit nun einmal so an sich.
    Fakt ist allerdings das jedes Opfer dieser Zeit bis Nagasaki heute in die Verantwortung Deutschlands und aller seiner Verbündeten fällt. Unabhängig davon welcher davon bis zum
    Ende an Deutschlands Seite geblieben ist oder auch nicht.

  8. Auch von meiner Seite ein herzliches Dankeschön für diesen Artikel.

    Es ist eine Freude von Zeitzeugen zu erfahren die trotz Ihres grausamen Schicksals während der Shoah nach Deutschland zurück gekommen sind.
    Möge der Allmächtige sie für Ihre Stärke segnen. Es sind Menschen wie sie, die die nach wie vor mit Aggression angefüllten täglichen Diskussionen der Politik beider Seiten überflüssig machen. Es sind Menschen wie sie, die mir beweisen das Aussöhnung möglich ist.
    Es würde mich jedoch freuen wenn man mehr über gerade diese Gruppe der Opfer erfahren würde. Und eben nicht nur aus der Opfersicht, sondern auch aus der Sicht des zurückgekehrten.

  9. Danke für diesen Artikel!

    Ich las einmal, vielleicht vor 10 Jahren, einen anrührenden Report über ein jüdisches Pflegeheim.

    „Wissen Sie, in jedem anderen Pflegeheim sitzen sie neben uns. Die Mitläufer von damals, die Täter gar. Die, die heute noch ‘Itzig’ sagen, und dass man nicht ‘wie ein Jude handeln’ solle. Die heute noch von der Kameradschaft bei der Wehrmacht faseln. Das ist doch einfach nicht auszuhalten.“

    So oder ähnlich könnte ein Zitat gelautet haben. Da erst habe ich beim Lesen begriffen, wie wichtig solche Feierabendheime (um mal den alten Begriff zu benutzen) für die Überlebenden sind.

    Und dass das nicht erfunden ist, hat mir vor einigen Jahren ein Kumpel bestätigt. Der fährt für UPS aus und musste was in ein Altenheim b(um den neuen Begriff zu nutzen) bringen. Der alte Mann krähte begeistert, was für eine schöne braune Uniform er doch hätte – "fast so schön wie meine damals bei der SA!" krähte der alte Nazisack.

    Und ich denke, es ist ganz wichtig, dass bei der Ausbildung für Sozialbetreuer, Altenpfleger und Krankenschwestern/pfleger solche Aspekte mit vermittelt: Dass für diese alten Menschen die furchtbare Nazizeit eben nicht aus und vorbei ist. Dass man gegen braunen Ungeist auch im Altenheim einschreiten muss. Und eben auch, dass jüdische Senioren ein mehr als angebrachtes Recht haben auf einen Lebensabend in Würde, der ihnen nicht von alten Nazigreisen verschrecklicht wird.

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