Wir erinnern – kleine Israel-Chronik

7
60

Im März 2010 jährte sich eine Reihe wichtiger Ereignisse, die nicht dem allgemeinen Vergessen anheim fallen sollten…

Von Robert Schlickewitz

Vor 110 Jahren
13.3.1900. Im westpreußischen Konitz findet man die zerstückelte Leiche des Gymnasiasten Ernst Winter. Nachdem es den Behörden nicht gelingt den Mordfall aufzuklären, verbreitet sich das Gerücht, Juden hätten den Jungen zu rituellen Zwecken getötet. Hasserfüllte Christen fallen, wie sie es bereits im Mittelalter taten, über ihre jüdischen Landsleute her und schaffen Pogromstimmung.

Vor 105 Jahren
März 1905. Der Lehrer, Ausbilder von Landarbeitern und Schulleiter Joseph Vitkin veröffentlicht seinen „Aufruf“, in dem er junge Juden Osteuropas (er selbst stammte von dort) auffordert, nach Palästina auszuwandern. Viele sollten seinem Appell folgen – die zweite Alija ist auch auf ihn zurückzuführen.

Vor 95 Jahren
10.3. 1915. Eine der ‚biblischen Plagen‘ sucht Palästina heim: Drei Monate lang fallen Schwärme von Heuschrecken ein und richten in der Landwirtschaft immense Schäden an. Der türkische Oberbefehlshaber überträgt dem Agronomen Aaron Aaronson die Verantwortung für die Bekämpfung der gefräßigen Insekten.
17.3.1915. David Ben-Gurion und Yitzhak Ben-Zvi werden von den türkischen Behörden nach Ägypten ausgewiesen, von wo aus sie in die USA weiterreisen.

Vor 90 Jahren
1.3.-3.3.1920. Im Kampf um Tel Hai verlieren Joseph Trumpeldor und fünf weitere jüdische Verteidiger ihr Leben. Der Ort muss schließlich geräumt werden und seine Bewohner finden vorübergehend in Kfar Giladi, dann in Sidon und Ajellet ha-Schachar Zuflucht bzw. ein neues Zuhause.
8.3.1920. In Jerusalem kommt es zu Demonstrationen der Araber, die gegen Juden und Zionismus protestieren.
16.3.1920. Der Chemiker und zionistische Politiker Chaim Weizmann stattet Palästina einen Besuch ab.
März 1920. Die arabischen Nationalisten, die sich unter dem Dach des „Syrischen Kongresses“ versammelt haben, rufen die unabhängigen Königreiche Groß-Syrien (nordwestl. Arabien mit Libanon und Palästina) sowie Irak (das alte Mesopotamien mit Mosul) aus. Zuvor hatten Großbritannien und Frankreich größere Teile des damaligen osmanischen Territoriums in Kolonialstaatenmanier untereinander aufgeteilt.
März 1920. Rechtsgerichtete bzw. klerikal-konservative Militärs und Einwohnerwehren stürzen das Kabinett in Bayern. Neuer Ministerpräsident wird Gustav Ritter von Kahr. Der Freistaat Bayern entwickelt sich unter ihm und den ihm nahestehenden Kreisen zu einer machtvollen Basis der ultranationalistisch gesinnten, rechtsextremen Opposition in Deutschland, die sowohl Staat als auch Gesellschaft der demokratisch gewählten Weimarer Republik aufs Schärfste bekämpft.

Vor 85 Jahren
10.3.1925. Von einem fanatischen Nationalsozialisten wird in Wien der prominente jüdische Schriftsteller und Publizist Hugo Bettauer („Die freudlose Gasse“, „Die Stadt ohne Juden“) angeschossen. Er erliegt bald darauf seinen schweren Verletzungen. Der Attentäter wird freigesprochen, weil er, so der vom Gericht beauftragte Sachverständige, ein „krankhafter“ Judenhasser sei (!).
11.3.1925. Die NSDAP ist in Bayern soweit etabliert, dass sie sich auf das übrige Deutschland ausbreiten kann. Adolf Hitler erteilt seinem Getreuen Gregor Strasser den Auftrag die norddeutsche Organisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei aufzubauen.
25.3.1925. Lion Feuchtwangers historischer Roman „Jud Süß“ erscheint und entwickelt sich zum Welterfolg; in ihm klagt der gebürtige Münchner, den der gewalttätige Antisemitismus seiner eigenen, christlichen, bayerischen Landsleute noch im gleichen Jahr selbst ins norddeutsche Exil, nach Berlin, vertreiben sollte, Judenhass und Korrumpierbarkeit durch Macht an.
25.3.-2.4.1925. Der Besuch des ehemaligen britischen Außenministers Balfour in Palästina löst wütende Protestdemonstrationen aus, da Christen und Muslime befürchten, dass eine Besitznahme Palästinas durch die zionistische Bewegung bevorsteht. Balfour hatte sich u.a. 1917, besonders im Rahmen der nach ihm benannten Deklaration, für eine „jüdische nationale Heimstätte“ eingesetzt.
31.3.1925. Die Stadt Afula in der Jesre’el-Ebene wird gegründet.

Vor 80 Jahren
15.3.1930. Im Hafen von Haifa entdecken und beschlagnahmen die Briten versteckte Waffen, die für die Hagana (Hagana=“Schutz“, zionistische militärische Untergrundorganisation in Palästina zum Schutz der Juden vor arabischen Überfällen) bestimmt waren.
21.3.1930. Eine arabische Delegation begibt sich nach London, um ihre Forderungen und ihren Standpunkt zu manifestieren.
31.3.1930. Der Bericht der Shaw-Kommission offenbart, dass die Araber zwar als die Verursacher der Zusammenstöße anzusehen seien, dass aber deren Verbitterung über die jüdische Einwanderung und die Ausdehnung des jüdischen Siedlungsgebietes den eigentlichen Anlass für Unfrieden darstelle. Es wird daher empfohlen, die jüdische Ansiedlung einzuschränken.

Vor 75 Jahren
16.3.1935. Die größte jüdische Partei Palästinas, die Mapai, hat 10 217 Mitglieder.
16.3. 1935. Deutschland bricht eine wesentliche Klausel des Versailler Vertrages, indem es die allgemeine Wehrpflicht einführt. Auch der damit einhergehenden massiven Wiederaufrüstung jener Nation, die nur zwei Jahrzehnte zuvor die Hauptverantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges trug, steht die Weltgemeinschaft praktisch reaktionslos gegenüber.
21.3.1935. Leon Recanati, ein Einwanderer aus Griechenland, gründet in Tel Aviv die Bank Diskont. Sie entwickelt sich später zu einer der größten Banken Israels.
24.3.1935. Die geplante Aussöhnung zwischen Revisionisten und Histadrut innerhalb der zionistischen Bewegung scheitert, weil die Mehrheit der Mitglieder der Histadrut sich dagegen aussprach.
31.3.1935. Mit 6800 jüdischen Einwanderern und 277 Touristen, die Aufenthaltsvisa beantragten, wird im März 1935 die bis dahin höchste Zahl Immigranten für einen Monat verzeichnet.
März 1935. Wie sehr die Industrie in Deutschland einen neuen Krieg geradezu ‚herbeisehnt‘, belegt eine Denkschrift des Chemiekonzerns IG Farben an den Rüstungsbeirat des Reichswehrministeriums. Darin wird die Schaffung einer wehrwirtschaftlichen Organisation gefordert, „die den letzten Mann und die letzte Frau“ in „einen straff militärisch geführten wirtschaftlichen Organismus eingliedert.“

Vor 70 Jahren
13.3.1940. Eine Pionierstunde des Rundfunks in Palästina schlägt: Die Station „Kol Israel“ (Stimme Israels) nimmt ihren (illegalen) Sendebetrieb auf; hinter ihr steht die Hagana.

Vor 65 Jahren
14.3.1945. Das jüdische Palästina betrauert die Opfer des Holocaust.
22.3.1945. In Kairo werden Elijahu Hakum und Elijahu Beit-Zuri wegen der Ermordung des britischen Kolonialministers Lord Moynes im November des Vorjahres hingerichtet. Sie waren Angehörige der Lechi („Kämpfer für die Freiheit Israels“), einer zionistisch-revisionistischen militärischen Untergrundorganisation gewesen.
In Jerusalem herrscht große Ratlosigkeit nach dem Tod des arabischen Bürgermeisters, weil sich Juden und Araber nicht über eine Nachfolgeregelung einigen können.

Vor 60 Jahren
11.3.1950. Der Rundfunksender „Kol Zion la-Galut“ (Stimme Zions für die Diaspora) nimmt seinen Betrieb auf – vorerst nur in jiddischer, englischer und französischer Sprache.
13.3.1950. Erneut entzweien divergierende Ansichten über die Erziehung von Einwandererkindern die Gemüter und Parteien in Israel.

Vor 55 Jahren
8.3.1955. In Tel Aviv wird Purim in ganz großem Rahmen feierlich begangen: Etwa eine halbe Million Zuschauer findet sich ein.
19.3.1955. Der erste Spielfilm über den Unabhängigkeitskrieg, „Hügel 24 antwortet nicht“, wird uraufgeführt.
Archäologen legen bei Ausgrabungen in Masada einen Palast des Herodes frei.

Vor 50 Jahren
6.3.1960. Ministerpräsident Ben-Gurion begibt sich auf eine Reise in die USA und nach Europa zu Gesprächen mit Eisenhower, Adenauer und Mac Millan.
8.3.1960. Die Firma Eilin meldet, dass sie in Kürze in Haifa amerikanische PKW der Marke „Studebaker“ montieren lassen wird.

Vor 45 Jahren
3.3.1965. Israelische Artillerie beschießt syrische Bodentruppen, die immer wieder israelische Einheiten an der Nordgrenze unter Beschuss genommen hatten. Ägyptische Flugzeuge, die sich im Luftraum über dem Negev aufgehalten hatten, werden von der israelischen Luftwaffe abgedrängt.
6.3.1965. Die kompromissbereite Haltung des tunesischen Präsidenten Habib Bourguiba, der sich für eine Koexistenzlösung im Nahen Osten ausgesprochen hatte, führt in der arabischen Welt zu allergrößter Verstimmung.
7.3.1965. In Israel spaltet sich die Liberale Partei – es entsteht neu – die Unabhängige Liberale Partei.
Die deutsche Bundesregierung verkündet, diplomatische Beziehungen zu Israel aufnehmen zu wollen. Einige arabische Staaten reagieren mit Zorn und Unmutsäußerungen. Israel erklärt eine Woche später seinerseits die Bereitschaft zu einer Normalisierung des beiderseitigen Verhältnisses auf diplomatischer Ebene.
13.3.1965. Die Knesset lehnt einen Antrag der Cherut (Cherut=„Freiheit“, nationalistische Partei) ab, die vor der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Deutschland darüber zuerst in einem Volksentscheid abstimmen lassen wollte.
17.3.1965. An der Grenze zu Syrien ereignet sich ein schwerer Zwischenfall, als israelische Panzer das Feuer auf Anlagen eröffnen, die bei der Umleitung des Jordan hätten Verwendung finden sollen.
25.3.1965. Im Deutschen Bundestag (in Bonn), beschließt die Mehrheit der Abgeordneten eine Verlängerung der Frist zur Verfolgung von NS-Verbrechen.

Vor 40 Jahren
März 1970. Wie so häufig zuvor, macht sich die sowjetische Regierung den weitverbreiteten russischen Antisemitismus zunutze, um von gravierenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen abzulenken: Sie löst eine Anti-Israel-Kampagne aus, die darin gipfelt, dass Rabbiner in der UdSSR dazu gezwungen werden, den Staat Israel zu verurteilen.
8.3.1970. Im Alter von 60 Jahren stirbt der aus Warschau stammende Dichter(„Ir ha-Yonah“ u.a.), Dramatiker („Kinneret, Kinneret“, „Mishpat Pythagoras“) und Übersetzer (u.a. Shakespeares) Nathan Alterman(n).
Die Waffenstillstandslinien mit Ägypten, Jordanien und Syrien kommen nicht zur Ruhe: Ständig werden von dort kleinere Gefechte und Schusswechsel gemeldet.

Vor 35 Jahren
5.3.1975. Terroristen überfallen das Tel Aviver Hotel „Savoy“ und verschanzen sich; bei den sich anschließenden Schießereien werden sieben Palästinenser und drei Angehörige der israelischen Armee getötet.
9.3.1975. Henry Kissingers Pendeldiplomatie mit der Absicht einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten zuwege zu bringen, geht in eine neue Runde. Jedoch bereits zwei Wochen später (23.3.) muss der Amerikaner seine Bemühungen einstellen, da weder Israel noch Ägypten zu ausreichend Zugeständnissen bereit sind.
24.3.1975. Die USA verschieben Gespräche über Waffenlieferungen an Israel und beschließen eine „Neubewertung“ ihrer Politik im Nahen Osten.

Vor 30 Jahren
1.3.1980. Sehr zum Verdruss Israels tragen auch die USA eine Resolution des Weltsicherheitsrates mit, der die Auflösung aller jüdischer Siedlungen auf der Westbank und im Gazastreifen einfordert.
3.3.1980. El-Al fliegt nun regulär auch die ägyptische Kapitale Kairo an.
10.3.1980. Yitzhak Shamir wird neuer israelischer Außenminister.

Vor 25 Jahren
10.3.1985. Bei einem Terroranschlag gegen israelische Soldaten im Südlibanon sind 12 Tote und 14 Verletzte zu beklagen.
Eilat erhält den Status Freihandelszone zuerkannt.

Vor 20 Jahren
1.3.1990. Der US-amerikanische Außenminister Baker setzt Israel unter Druck: Nur falls der Siedlungsbau in den besetzten Gebieten eingestellt werde, könne Israel Hilfe seines Landes erwarten. Außerdem verlangt er eine Beschleunigung des Friedensprozesses.
11.3.-15.3.1990. Die amerikanische Forderung eine palästinensische Delegation zu den Friedensgesprächen zuzulassen, löst in Israel eine Regierungskrise aus, die wenig später zum Sturz der Koalitionsregierung führt.
März 1990. Die Öffnung der kurz vor ihrem Ende stehenden Sowjet Union wirkt sich positiv auf die Einwandererstatistiken Israels aus – es werden neue Höchstzahlen registriert.

Vor 15 Jahren
5.3.1995. Ebenso wie Jahre zuvor Henry Kissinger setzt nun US-Außenminister Christopher Warren auf Pendeldiplomatie zwischen Israel und Syrien.
19.3.1995. Bei einem Anschlag auf einen israelischen Bus bei Hebron kommen zwei Menschen ums Leben.
31.3.1995. Nachdem sie 52 Jahre lang israelische Pressegeschichte geschrieben hatte, verabschiedet sich die Zeitung „Al ha-Mischmar“ von ihren Lesern und wird nicht weiter verlegt.

Literatur:
Chronik der Deutschen, Gütersloh/München 1995
Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971
Enzyklopädie des Holocaust, (Hg.) Israel Gutmann, Tel Aviv 1990 (Berlin 1993)
Feuchtwanger, Lion. In: Deutsche Autoren, (Hg.) Walther Killy, Gütersloh/München 1994
Feuchtwanger, Lion. In: Der Brockhaus – Literatur, 2. Aufl., Mannheim und Leipzig 2004
N. Fischer und H. Vollmer-Heitmann, Chronik 1920, Dortmund 1989
A. Meiners, Chronik 1925, Gütersloh/München 1989/1995
Mordecai Noar, Eretz Israel, Tel Aviv 1996 (Köln 1998)
Neues Lexikon des Judentums, (Hg.) Julius H. Schoeps, Gütersloh/München 1998
B. Pollmann, Chronik 1900, Dortmund 1987/1990

7 Kommentare

  1. „Zwar untersagte er (Kahr) hin und wieder eine geplante NSDAP-Großkundgebung, doch gegenüber der Linken legte er wesentlich strengere Maßstäbe an. So verfügte er die Auflösung der paramilitärischen Verbände der SPD und der KPD und erließ ein generelles Streikverbot. Noch bedenklicher war, daß er unter dem Vorwand etwas für die bayerische Wirtschaft tun zu wollen, eine Kampagne gegen Juden nichtdeutscher Staatsangehörigkeit in Gang setzte. Ãœber hundert eingewanderte Juden, die wegen Wuchers oder Kriegsgewinnlerei angeklagt – aber nicht verurteilt – waren, erhielten die Aufforderung Bayern innerhalb von vierzehn Tagen zu verlassen. Zur Rechtfertigung dieser Maßnahme erklärte Kahr: ‚Das jüdische Element ist für einen großen Teil des deutschen Unglücks und der wirtschaftlichen Not seit dem Krieg verantwortlich.‘ Mit abgedroschenen Phrasen wie dieser hoffte Kahr, den Popularitätsvorrat seines Regimes durch Schöpfen aus dem tiefen Brunnen des Antisemitismus auffüllen zu können…“
    David Clay Large, Hitlers München, S. 222

    Fürwahr eine „raue Zeit“ damals in den Zwanzigern.

    Angesichts des einmaligen und einzigartigen deutschen Genozids an den Juden, bin ich überzeugt, können wir uns einen solchen Namenspatron einer Münchner Straße im dritten Jahrtausend nicht mehr leisten.

    Zusätzlich gebe ich zu Bedenken:

    Bayern hat, wenn wir an die Erhebungen der Friedrich Ebert Stiftung von 2006 und 2008 denken, bundesweit die höchsten Antisemitenraten aller deutschen Bundesländer, obwohl oder weil der NS in unserer weißblauen Mitte entstanden ist.

    Da sollte man doch wirklich Alles unternehmen, um dieses Schmuddelantisemitenimage los zu werden, oder etwa nicht?

    RS

  2. Obiger Beitrag von „Gregorz“ wurde im Einverständnis mit Robert Schlickewitz freigeschaltet. Wir sind gemeinsam der Ansicht, dass ein „Gregorz“, der keine Hemmungen hat, aus der Anonymität heraus, so persönlich beleidigend zu werden, seine Niedertracht am allerbesten selbst entlarven kann.

  3. Liebe Bedenkenträgerin,
    bitte lassen Sie von den toxischen Entgleisungen eines Herrn S. nicht beeindrucken und vielen Dank für Ihren differenzierten Ansatz zu Gustav von Kahr! Sie müssen sich von diesem Herrn beim besten Willen nicht belehren lassen. Dieser Herr postet des Öfteren hier in haGalil.com, das er als eine Art Spielwiese betrachtet und hinterlässt hier regelmäßig seine Markierungen. Als ehemaliger Langzeitstudent, geschiedener Frauenfeind, beruflicher Low-Performer und vor allem erkenntnisresistenter Empörungsmoralist gehört er inzwischen quasi zum Inventar von haGalil. Unsere älteren Brüder im Glauben haben ihm wohl aus חמלה das Amt des Pausenclowns anvertraut und binden ihn lose in ihr Umfeld ein, damit er sich nicht in seiner eigenen Realität komplett selbst verliert. Sonst entwickelt sich ganz schnell eine depressive Reaktion. Gefährlich wird es, wenn er in seinen selbstgefälligen Nabelschauen fordert, die Wirklichkeit (der Anderen) müsse unbedingt seiner eigenen Realität entsprechen und dann in verbiesterten Parteitagsreden erklärt, was von wem gesagt und gedacht werden darf und was nicht. Da guckt dann schon mal der Herrenmensch raus. Immerhin stützt dieses selbsternannte Beispiel einer missglückten Integration mit seinen Quellenangaben (Wikipedia, sehr originell) Ihre Argumentationslinie, auch wenn er das nicht bemerkt oder altersstarrsinnig und ohne Willen zur Selbsteflexion nicht wahrhaben will.
    Heute wäre eine Straßenbenennung nach Kahr kaum denkbar, aber man kommt nicht daran vorbei, Kahr auch als „Kind seiner Zeit“ zu sehen und die zwanziger Jahre waren wirklich eine raue Zeit. Kahr sollte dafür sorgen, dass sich die politischen Flügelkämpfe zwischen linken und rechten Gruppierungen im Reich nicht auf Bayern ausdehnten. Hierfür erhielt er in der Tat diktatorische Machtbefugnisse (die Gummi- äh, Ordnungszelle des Herrn S.) und machte von diesen bis November 1923 auch ausgiebigen Gebrauch. Man darf Kahr guten Gewissens als Reaktionär bezeichnen, denke ich. Aber gegen die Erwartungen der Nazis schlägt er dann am 9. November mit Hilfe der Landespolizei und in Bayern stationierten Einheiten der Reichswehr (die er aufgrund seiner diktatorischen Vollmachten am 19. Oktober 1923 seiner Befehlsgewalt unterstellt hatte) den Hitler-Putsch nieder. Der Rest ist bekannt: 1924 Aussage im Hochverratsprozess gegen Hitler, Ludendorff und Röhm, 1934 Ermordung im KZ Dachau. Was wäre der Welt nicht alles erspart geblieben, wenn bei der Schießerei an der Feldherrenhalle eine Kugel den Weg zu Hitler gefunden hätte… Kahr war, zugegebenermaßen, ein „spätberufener“ Antinazi, aber er hat sich Hitler und seinen Horden gestellt, er hat Hitler bekämpft und hat für sein Engagement später mit dem Leben bezahlt. Daran kann sich manche (im nachhinein) besserwisserische neidische Krämerseele ein Beispiel nehmen…

  4. @Besserwisserin

    Unsere treudeutsche NS-Verharmloserin, schon wieder.

    Zu Ihrer Belehrung, hier nützliche Lektüre. Sollte das nicht reichen, empfehle ich Ihnen David Clay Large’s Hitlers München.

    Bitte beachten – den Bezug zur „Ordnungszelle Bayern“ (ich hoffe Sie wissen, was das war), ferner „diktatorische Vollmachten“ und die direkte Unterstützung für Hitler.

    „1917 wurde er (von Kahr) Regierungspräsident von Oberbayern. Nach dem Kapp-Putsch wurde der protestantische Monarchist am 16. März 1920 zum Nachfolger des Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann gewählt. Kahr stand einer bürgerlichen Rechtsregierung vor und betrieb eine eigenständige Stellung Bayerns innerhalb des Deutschen Reich. Gestützt auf seine Einwohnerwehr ließ er die Arbeiter- und Soldatenräte auflösen und begründete den Ruf Bayerns als „Ordnungszelle“. Nach dem Erlass der Republikschutz-Verordnung im Anschluss an die Ermordung Matthias Erzbergers durch republikfeindliche Extremisten trat er am 12. September 1921 aus Protest zurück, da er die Auflösung der Einwohnerwehr nicht verhindern konnte. Er kehrte auf seinen früheren Posten eines Regierungspräsidenten von Oberbayern zurück.
    Generalstaatskommissar
    Kahr wurde aus Protest gegen den von der Reichsregierung abgebrochenen Ruhrkampf am 25. September 1923 von der bayerischen Staatsregierung nach Artikel 48 Weimarer Verfassung zum Generalstaatskommissar mit diktatorischen Vollmachten ernannt. Am 26. September verhängte er den Ausnahmezustand in Bayern. Die in Bayern stationierten Einheiten der Reichswehr unterstellte er seinem Kommando. Außerdem verbot er das Erscheinen der sozialdemokratischen Zeitung Bayerns, der Münchener Post.[1]
    Hitler-Ludendorff-Putsch
    Als Kahr am 8. November 1923 im Münchner Bürgerbräukeller vor rund 3.000 Zuhörern eine Rede hielt, wurde die Versammlung von Adolf Hitler, General der Infanterie Erich Ludendorff, Hermann Göring und weiteren Nationalsozialisten gestürmt. Hitler rief die „nationale Revolution“ aus und bat Kahr, Generalleutnant Otto Hermann von Lossow und Polizeioberst Hans Ritter von Seißer zu einer Besprechung in ein Hinterzimmer. Dort überzeugte er Kahr und die anderen, sich einer nationalen Erhebung anzuschließen. In den Saal zurückgekehrt, forderten diese die Anwesenden auf, Hitlers Staatsstreich zu unterstützen, der für den nächsten Tag geplant war. Angesichts ihres gegebenen Ehrenwortes, nichts gegen Hitlers Plan zu unternehmen, sah Ludendorff von einer Inhaftierung Kahrs, Lossows und Seißers ab. Die beiden letzteren leiteten im Anschluss sogleich Gegenmaßnahmen ein, um den Staatsstreich niederzuschlagen. Nach einigen Stunden des inneren Ringens wandte sich auch Kahr gegen Hitler und gab um 2.55 Uhr früh eine Rundfunkerklärung über alle Stationen ab…“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_von_Kahr

    Na, Besserwisserin, ist das eine vorbildliche Persönlichkeit, die man der Nachwelt als gutes Beispiel vorhalten sollte? Wohl doch nur in Ihrer persönlichen konservativ-klerikal-beengten Spießer- und Bewahrerwelt.

    Ansonsten verweise ich auf meine Liste an zweifelhaften Persönlichkeiten, nach denen in München immer noch Straßen benannt sind, siehe der Treitschke-Artikel, den haGalil kürzlich veröffentlichte:

    http://test.hagalil.com/2010/01/19/treitschkestrasse/

    RS

  5. Lieber Herr Schlickewitz,
    so ist das Leben: Ohne Schlechtes wird es kein Gutes geben und ohne Gutes kein Schlechtes. Aber ich denke, daß Gustav von Kahr keine besonders ergiebige Projektionsfläche für Ihr Fremdschämen abgeben wird. Kahr wurde übrigens 1934 auf Befehl von Theodor Eicke, des Kommandanten des KZ Dachau, dort in einem Verhörraum erschossen. Es war kein anderer als Kahr, der 11 Jahre vorher den Hitler-Ludendorff-Putsch zu Fall brachte, was ihm die Todfeindschaft Hitlers einbrachte. Ob Kahr im KZ „auf Führerbefehl“ erschossen wurde oder aus einer Laune Eickes heraus, ist meines Wissens nicht belegt; ich persönlich würde eher zur ersteren Variante tendieren. In SPD-Kreisen dürfte Kahr vor allem wegen seines Verbots der sozialdemokratischen Zeitung „Münchener Post“ 1923 kritisiert werden; aber wenn selbst die SPD heute so tolerant ist, es bei der Straßenbenennung nach Kahr zu belassen, dann können Sie es vielleicht auch einmal versuchen.
    Haben Sie schon mal daran gedacht, Ihren (internet-)publizistischen Furor einmal gegen den Oberpreussen Otto von Bismarck zu wenden? Da gäbe es noch einiges aufzuarbeiten (Sie könnten glaubwürdig eine politische – bitte keine persönliche! – Kontinuitätslinie zu Hitler hin konstruieren und belegen) und das häßliche Zombie-Denkmal von Bismarck in Kampfmontur am Isarufer stört die Ästhetik vieler Münchener, nicht nur der geborenen, sondern auch derer, die jeden Tag daran vorübergehen müssen :-((
    Lassen Sie sich auch mal über Ihre Grenzen hinausführen: Sie sehen ehemals unüberwindbare Mauern aus neuer Perspektive. Viel Erfolg!

  6. Wie ist es nur möglich?

    Fragt man sich.

    Einst hatten die bayerischen Sozialdemokraten hohe Ideale, „gegen Faschismus und Diktatur“ lauteten ihre Parolen und hinter denen standen auch viele von ihnen.

    Und heute?

    Heute regieren die Sozialdemokraten zwar die Landeshauptstadt München, unter ihrem allseits populären OB Ude, sehen jedoch keinen Anlass etwa die „Von-Kahr-Straße“ und all die anderen Straßen, die die Namen von Steigbügelhaltern der Nazis, von Nationalisten, Demokratiegegnern, Denunzianten, Antisemiten, Fremdenfeinden etc. tragen, umzubenennen.

    Als gebürtiger Münchner schäme ich mich und frage mich:

    Wie ist es nur möglich?

    RS

Kommentarfunktion ist geschlossen.