Mein Freund Bruno (1903-1990)

Wie ich mich an ihn erinnere…

Von Rudolf Ekstein

Ein paar Tage bevor Bruno Santa Monica verließ, um nach Silver Spring in Maryland zu ziehen, gab er mir eine Kopie seines letzten Buches, soeben gedruckt, betitelt „Freud’s Vienna & Other Essays“ (dt. „Themen meines Lebens“), und sein letzter Absatz in diesem Buch, vielleicht die letzten veröffentlichten Worte meines Freundes, hören sich nun wie ein Testament an. Er sagte:

„Vielleicht ist wieder die Zeit gekommen, daß die Juden kraft ihrer besonderen Erfahrung etwas von größter Wichtigkeit mitzuteilen haben. Es hat den Anschein, daß sich die ganze westliche Welt einer Gettodenkweise verschrieben hat und weder wissen noch verstehen möchte, was in der übrigen Welt geschieht. Wenn wir nicht aufpassen, wird sich die abendländische Welt der Weißen, die bereits eine Minorität der Menschheit darstellt, mit Hilfe der sogenannten Abschreckung in ihrem eigenen Getto einmauern. Viele denken daran, sich hinter einem derartigen Schutzgürtel – der auch einengt – in ihre Bunker zurückzuziehen. Wie den Juden, die im Osten selbst nach der Ankunft der Nazis in ihren Gettos blieben, scheint auch uns nur wichtig zu sein, daß die Geschäfte in unserem großen Shtetl florieren, und die übrige Welt ist uns gleichgültig.
Wenn es uns Juden gelingt, uns von den verbliebenen Resten des Gettodenkens zu befreien, mag uns die Aufgabe zufallen, der westlichen Welt beizubringen, daß sie wie jeder einzelne von uns das Zusammengehörigkeitsgefühl über die eigene Gruppe und über ideologische Grenzen hinaus ausdehnen muß – nicht weil alle Menschen im Grunde gut sind, sondern weil Gewaltanwendung für den Menschen so natürlich ist wie der Hang, Ordnung zu schaffen“ (S. 290).

Foto: Rudolf Ekstein 1992 in Nürnberg, © Psychosozial Verlag & Roland Kaufhold

Trotz allem, ich hätte es wissen müssen während unserer letzten wenigen gemeinsamen Monate, Woche für Woche, aber ich erkannte nicht, daß ich ihn niemals mehr wiedersehen würde. Ich schrieb mehrere Male an seine neue Adresse und dann, mehrmals meine Absicht ihn anzurufen verschiebend, erhielt ich einen Telefonanruf, der mich über seinen Tod informierte. Es war der 13. März, und das erste, was mir bewußt wurde, war die Erinnerung, daß es der 52. Jahrestag war, daß unser Heimatland, Österreich, von den Deutschen besetzt worden war. Ging er wirklich nach Silver Spring, um zu sterben? Gewann Thanatos schließlich doch den ewigen Kampf gegen Eros? Nun, einsam wie ich mich fühle und verlassen, ist ein weiterer meiner sehr guten Freunde, mit dem ich die Vergangenheit, die Muttersprache, die Geschichte unseres Lebens, unser altes Wien, unseren gewählten Beruf, die Psychoanalyse, geteilt habe, nicht mehr. Und ich denke erneut an die römische Mythologie, welche lehrt, daß man im Tod und Sterben scheinbar wählt durch die Tür des Todes zu gehen und den Fluß Styx zu überqueren, während die Freunde, die Familie, voller Schmerzen und Trauer sind, die Hand nach einem ausstrecken, um einen wieder zurückzuholen, sie nicht alleine zu lassen. Die Bedeutung eines „obituary“, den man in Brunos und meiner Muttersprache einen Nachruf nennt, ist, daß wir darüber nachdenken, was wir tun könnten, um ihn zu motivieren, zurückzukehren, unsere Liebe zu fühlen und in unserer Welt zu bleiben.

Wir wissen, daß wir den Dahingegangenen nicht zurückbringen können, außer daß wir durch unsere Trauer versuchen können, ihn zu verewigen, so daß er in uns weiterleben könnte und ein Teil von uns wird, und wir könnten seine Arbeit fortsetzen.

Nachdem ich von seinem Tod gehört hatte, wurde ich überhäuft von Telefonanrufen, wurde ich von Journalisten um Interviews gebeten. Die Journalisten hatten irgendwie von unserer Beziehung erfahren und sie wollten, daß ich ihnen von Bruno erzähle, über seine Arbeit, über sein Leiden und über seine Bedeutung für unsere professionelle Arbeit, unsere Gemeinschaft. Bei Nachrufen wird von uns gewöhnlicherweise erwartet, daß nur gute Dinge über den Toten gesagt werden sollten, den zu loben, der uns verlassen hat, und ich kann immer noch Bruno hören, wie er mir sagt, er wolle Wahrheit und Verständnis und wirklich nicht die gewöhnlichen Lobreden.

Bevor ich mich hinsetzte, um diese Zeilen zu schreiben, sah ich noch einmal den Videofilm[01] an, in dem Bruno und ich am 10. Januar 1990 interviewt wurden über unsere Arbeit, über die Psychoanalyse, über unsere Vergangenheit, und ich wünsche beinahe, daß es gedruckt werden könnte, Wort für Wort, um die Beziehung zwischen uns sprechen zu lassen und dem Leser zu vermitteln, wie es für uns war, langsam zusammenzukommen und Freunde zu werden. Beziehungen haben Geschichten, eine Entwicklung einer wachsenden Bedeutung, die noch fortdauert, sogar wenn der Eine den Anderen verlassen hat. In Wien, vor 1938, hatte ich von ihm gehört, obwohl ich ihn nicht getroffen hatte. Wir beide hatten an der Wiener Universität begonnen, wir hatten dieselben Hochschullehrer, und wir sprachen häufig über sie, und wie sie unseren Verstand formten.

Seine erste Frau, damals in Wien, war eine Psychoanalytische Pädagogin gewesen. Ich kannte seine zweite Frau, Trude, die er in den USA geheiratet hatte und der er sein letztes Buch gewidmet hat. Ihr Verlust einige Jahre zuvor war überaus schmerzhaft für Bruno, und seine Einsamkeit vermochte er nun nur noch durch das Aufrechterhalten seiner Arbeit, das Bewußtsein, daß sie drei kompetente Kinder hatten, zu bewältigen.

Es war in diesen frühen Tagen, als er und seine erste Frau begannen, mit sehr verstörten Kindern zu arbeiten. Ich erinnere daran, daß Anna Freud ihnen ein solches Kind überwies. Das Kind lebte in der Familie, und es bildete sich damals für ihn heraus, sich selbst mit seiner ganzen Person Kindern zu widmen, für sie ein neues Zuhause zu schaffen, um das Trauma des ersten Versuches zu überwinden. Es war auch wahr für sie, für alle von uns, sicherlich auch für mich, daß wir selbst ein neues Zuhause brauchten, um das Trauma der damaligen Tage zu bewältigen, als wir vertrieben wurden, oder, wie er, in ein Konzentrationslager eingesperrt wurden. Ich war Häftling der österreichischen faschistischen Polizei, aber ich war glücklich genug, zu entkommen, nur um zu hören, daß den Tag nach meiner Flucht die SS kam um mich abzuholen.[02] In Amerika, gewiß, wußte ich von ihm und seiner Arbeit, weil wir in einigen unsichtbaren Wegen ein gemeinsames Interesse teilten. Er war nach Chicago gekommen um die Orthogenic School aufzubauen, während ich bei der Menninger Foundation in Topeka begann, und ich wurde der Direktor für Psychotherapie an der „Southard School“, auch ein Ort für sehr kranke Kinder. Wir beide arbeiteten nun mit psychotischen und autistischen Kindern, mit Jugendlichen, die krank waren, und nun begann die unsichtbare Rivalität zwischen uns, der Weg, glaube ich, mit dem eine gute und dauerhafte Freundschaft begann.

Foto: Rudolf Ekstein in den 50er Jahren, © Psychosozial Verlag & Roland Kaufhold

Es war in diesen frühen oder mittleren 50er Jahren, als ich nach Chicago zu einem Fachkongreß kam. Ich denke, es war eine psychoanalytische Tagung, und einige Tagungsteilnehmer waren in das Haus des schon sehr alten Dr. Maxwell Gitelson eingeladen. Es war dort, als ich Bruno erstmals traf. Nachdem wir vorgestellt worden waren, begannen wir den Dialog etwa in der Weise: „Oh, Sie sind Rudolf Ekstein. Ich habe kürzlich einen Aufsatz von Ihnen gelesen in ,Psychoanalytic Study ofthe Chila“. Es war ein wundervoller Aufsatz, gut geschrieben und angefüllt mit Themen, die von großem Interesse für mich sind. Es war alles falsch.“ So war Bruno! Lob und Opposition. Ich brauchte Jahre, um ganz den Unterschied zwischen ihm und mir zu verstehen während dieser Jahre. Die Stärke der Orthogenic School war es, eine Umgebung zu schaffen, eine besondere Umgebung, die es ihm ermöglichte, diese autistischen und psychotischen Kinder zu behandeln. Ich, der ich damals an der Menninger Foundation[03] arbeitete, konnte die Umgebung nicht wirklich kontrollieren. Ich konnte die Psychotherapeuten beeinflussen, aber ich kontrollierte nicht die Natur der „Southard School“, die eher ein Behandlungszentrum, ein Krankenhaus für sehr beeinträchtigte Kinder war. Aber ich konnte eine neue Form einer analytischen Arbeit mit diesen Kindern entwickeln und einführen. Bruno pries mein Papier und objektivierte es. Er betonte die therapeutische Umgebung, während ich meine Stärke in der individuellen Psychotherapie fand. Wir machten gemeinsame Spaziergänge in Chicago, ich besuchte die Orthogenic School, und tatsächlich – obwohl „es alles falsch war“ – von da an lud er mich verschiedene Male in die Orthogenic School ein, und wir arbeiteten mit den Mitarbeitern. Es war im Inneren alles wie ein Krankenhaus, aber manchmal sah ich Kinder außerhalb. Es war viele, viele Jahre später, daß mir eine seltsame Tür bewußt wurde zwischen dem Außen und dem Innen des Ortes für diese kranken Kinder. Diese Tür hatte ein seltsames Schloß, ein Doppelschloß, aber mehr davon später. Seminare begannen gewöhnlich sehr spät, nach neun Uhr abends oder später. Er war umgeben von Mitarbeitern, von denen erwartet wurde, daß sie ihr Leben diesen Kindern widmeten, dieser Organisation. Darum wurden die Seminare organisiert, „wenn die Kinder schliefen…“ Alle von uns erinnern sich an dieses Lied. Wir trafen uns dort zwischen 21 und 24 Uhr, und das Seminar wurde immer beendet mit Wiener Kaffe, mit Schlagsahne und irgendeinem Wiener Nachtisch. Es war gegen Mitternacht, als ich schließlich zum Hotel ging. Ich vermute, daß Bruno während dieser Jahre jede Nacht so spät nach Hause ging, beinahe seine gesamte Zeit für die Schule zur Verfügung stellend, in dieser besonderen Umgebung für kranke Kinder.

Ich erinnere mich an die Gespräche, die wir hatten, und langsam wurden unsere Ansichten nahezu eins. Da war eine Anziehungskraft zwischen uns außerhalb des alltäglichen Hintergrundes, gefördert und bestimmt durch unser Heimatland, dieselbe universitäre Ausbildung und die Erinnerung mit Stolz und Wohlwollen an unsere Lehrer, unsere Mentoren und das psychoanalytische Institut in der Berggasse. Durch unsere Bücher und Neudrucke erhielt unsere Beziehung eine Art von Bedeutsamkeit. Bruno war beinahe ein Jahrzehnt älter als ich, aber ich fühlte mich kompetent. Würde ich ihn jemals aufholen? Würde ich jemals denselben Einfluß in der Wissenschaft und in den psychoanalytischen Zirkeln erhalten wie er? Wollte ich wie er sein, oder wollte ich besser sein? Ich weiß nicht, ob ich während dieser Jahre für ihn so wichtig war, aber ich wußte, daß wir, als sich diese Beziehung entwickelte, mehr beschäftigt waren mit meinen Gedanken, wie auch mit meiner Vergangenheit und Gegenwart. Irgendwann würden wir gemeinsam sprechen, um zu sehen, ob wir gemeinsam an einem Buch arbeiten und die Zukunft teilen könnten.

Aber wir wußten auch, daß uns die Zeit davonlief.

Zwei Jahre zuvor, im Oktober 1987, gingen wir nach Wien zu einem Treffen, das für ewig unvergeßlich ist. Es war eine internationale Konferenz über die Emigration der Österreichischen Intelligenz. Die österreichische Regierung, der Wissenschaftsminister, das Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften, das Institut für Wissenschaft und Kunst, lud einige fünfzig Wissenschaftler ein, welche ursprünglich vertrieben worden waren, dann fliehen mußten, Gefangenschaft und Konzentrationslager überleben mußten, um nun zurückzukommen und geehrt zu werden. Psychoanalytiker, unter ihnen Bruno, Ernst Federn und ich, nahmen teil. Das Treffen war arrangiert, um die alten Schmerzen zu heilen, und wir fühlten alle, daß wir vergeben wollten, obwohl niemand von uns würde vergessen wollen. Und dann reiste ich mit ihm allein nach Caranthia, eine südliche Provinz von Österreich, benachbart zu Jugoslawien und Italien. Wir sprachen dort zusammen über das Spiel, über Märchen, Interessen, welche uns beide ausgefüllt haben, unabhängig voneinander, uns jedoch miteinander verbindend. Die alte Kontroverse, der alte Wettbewerb, zum Schluß, so weit wie ich betroffen war, entschwand, und wir entwickelten eine starke Beziehung. Das ist der Weg, wie es mit Freundschaften ist. Und da ist es gewesen, wo ich über dieses seltsame doppelte Schloß an der Orthogenic School gelernt habe. Niemand konnte durch diese Tür hineingelangen, wenn er nicht eingeladen war, bis jemand innerhalb ihn einladen wollte und ihn bat, hineinzukommen. Wenn er hineinkam und in Brunos Büro kam oder in diese Räume, wo die Seminare stattfanden, kam er mit einem bestimmten Zweck herein, und es konnte niemals aus Störung oder bloßer Neugierde sein. Man konnte nur hineingelangen, wenn man eingeladen war. Aber soweit die Bewohner innerhalb betroffen waren, all die Kinder und die Erwachsenen, konnten sie die Tür von innen öffnen. Sie war niemals von innen verschlossen. Sie konnten hinausgehen, entkommen, und normalerweise, wie ich weiß, würden sie immer zurückkommen. In diesem Gespräch in Österreich wurde es mir klar, daß Bruno ein umgekehrtes Konzentrationslager geschaffen hatte. In Konzentrationslagern – und Bruno war eines der Opfer dort für ein langes und bitteres Jahr – konnte man hineinkommen, wurde eingesperrt (und neugierige Journalisten konnten vielleicht für die Zwecke der Nazipropaganda hineingelangen). Aber Gefangene konnten nicht herauskommen. Die Orthogenic School beschützte die Kinder, schuf eine therapeutische Umgebung, und Außenstehende konnten das therapeutische Milieu nicht zerstören. Die Kinder waren keine Gefangenen, waren nicht eingesperrt wie die alten Narrentürme in Wiener Tagen der Nervenheilanstalten, gut beschrieben in dem Film Amadeus.

Welchen Mut bedurfte es, sich gegen den üblichen Standard von Hospitalisation zu wenden, und Bruno hatte diesen Mut. Er konnte opponieren, und manchmal erschuf er Opposition. Ich erinnere mich einst, als ich Israel besuchte, ich hatte dort nur ein oder zwei Wochen, nachdem Bruno dort gewesen war, zu sprechen[04]. Er sprach dort, der Aufsatz ist veröffentlicht worden, über die Natur des Kibbuz und widersetzte sich der Idee professioneller Fachleute, die selbst in dem Kibbuz lebten. Er dachte, daß gewissenhafte psychotherapeutische Arbeit, pädagogische Arbeit, eine Distanz zwischen der professionellen Person und der Familie, die dort lebte, verlange. Er rief hierdurch Zorn hervor – und dann sagten mir Bewohner, daß er ihnen den gesamten Geist des Kibbuz nahm, zusammen zu leben, all dies ist Teil der sozialistischen Gemeinschaft. Und ich, der ich, wie diese Kibbuz-Bewohner, aus der Jugendbewegung gekommen bin[05], fühlte zuerst sicherlich, daß ich Partei für deren Seite ergreifen und Bruno widersprechen sollte. Aber schrittweise war ich in der Lage, ihnen dies zu erklären, und einmal mehr fühlte ich zunehmende Einheit zwischen ihm und mir selbst.

Nach dem Tode seiner Frau zog er nach Südkalifornien und lebte für einige Zeit in Santa Monica[06], nur zehn Minuten Autofahrt von meinem Haus. In kurzer Zeit wurde er Teil meiner Familie. Im Dezember 1988 hatte meine Familie ein beinahe internationales Treffen für mich arrangiert, um meine 50 Jahre in Amerika zu feiern. Sie hatten alte Photos gesammelt und Briefe von Freunden von überall aus der Welt, die Diaspora. Ich bewahrte all diese Briefe und ihre Photographien und die Erinnerungen des Alten auf. Aber da ist auch ein Brief von Bruno anläßlich dieser Feier. Ich trauere darum, daß ich ihn nicht mehr habe, und ich las seine Worte mit Tränen und ich hatte das Gefühl, daß diese Freundschaft für immer andauern werde, um in meinem Geist so lange aufbewahrt zu bleiben, bis ich das Leben verlassen habe. Natürlich ist dieser Brief in meiner Muttersprache geschrieben, und von diesem Zeitraum an gewannen zunehmend die Schlaganfälle, der Kräfteverlust, die Oberhand, er hatte Atemschwierigkeiten, Schreibschwierigkeiten, während er ungebrochen versuchte, während dieser Monate durch seine Arbeit die Willensstärke seines Lebens aufrechtzuerhalten.


Rudolf Ekstein 1992 vor dem Eingang seines Hauses in Santa Monica / Los Angeles. © Roland Kaufhold

Wir trafen uns beinahe wöchentlich, nur gelegentlich durch berufliche Verantwortlichkeiten, die wir beide hatten, unterbrochen. Wir sprachen über die alte Zeit, das Kaiserreich, den verlorenen Krieg, die Gründung der Republik, die bitteren Tage der Inflation und des Hungers und der Arbeitslosigkeit, der Beginn des Faschismus, die Invasion und die Flucht und die Not, wieder in einem neuen Land von vorne zu beginnen. Für einige Monate fühlte er, daß er es nicht mehr länger schaffen könne oder sollte, alleine in seinem Appartement mit ein wenig Hilfe zu leben, und er begann über einen Ort nachzudenken, wohin er gehen könne. Wir wollten nicht, daß er einsam war und luden ihn ein zu kommen und in unserem Haus zu leben. Er zog dies nicht ernsthaft in Erwägung, und wir begannen, uns darauf vorzubereiten, uns auf-Wiedersehen zu sagen, meine Hoffnung, daß ich ihn besuchen könne, und wir würden hin und zurück schreiben, und die Beziehung würde niemals enden. Während dieser Tage gab ich ihm mein letztes Buch, „The Language of Psychotherapie“, das sich auf die Studie von Linguistik bezieht und sich mit psychoanalytischer Theorie und Technik beschäftigt. Scherzend, ich sei vier Bücher hinter ihm, daß ich im Begriff sei, mit ihm gleichzuziehen, weil es nun nur noch drei Bücher seien, die ich zu schreiben hätte. Eine kurze Weile später gab er mir das Buch, das bereits vorhin erwähnt worden ist[07], und dann waren es erneut vier Bücher Abstand. Nun war der Wettbewerb ein liebevoller Wettbewerb geworden, Buch nach Buch schreibend, und ich würde immer vier Bücher hinter ihm bleiben. In diesen letzten Wochen sprachen wir gelegentlich, sicherlich, über den Kampf zwischen Eros und Thanatos. Die Hemlock Society wurde erwähnt. Er war nun so belastet mit Krankheit, mit Symptomen, mit Einsamkeit, daß er sehr fürchtete, seine Kraft mehr und mehr zu verlieren. Wie konte er die Herrschaft über sein Leben aufrecht erhalten und mit uns zusammen bleiben? Wir alle brauchen ihn. Und was mehr hätte ich tun können, hier im sonnigen Kalifornien zu leben, mit ihm auf den Ozean zu blicken, unsere Arbeit und unsere gemeinsamen Erinnerungen an die Vergangenheit?

Wann immer jemand einen guten Freund verliert fragt man sich, ob man nicht mehr hätte tun können, um ihn hier zu behalten. Nach allem, was ist ein Nachruf? Es ist ein Versuch, über den Menschen nachzudenken, zu sich selbst und zu seinen Freunden zu sagen, seinen Kindern, daß wir ihn nun verloren haben, und da ist nur ein Weg, die Schmerzen zu lindern, die Tränen, die Einsamkeit innerhalb einer unterschiedlichen Art von Wiedersehen. Wir füllen langsam unsere Leere mit Geist. Wie sehr wünsche ich gerade jetzt, ein Seminar zu beginnen mit einer Anzahl von Fachleuten, und durch all die Werke von Bruno zu gehen, seine Weiterentwicklung zu sehen, seine Zugeständnisse zu verstehen und sich langsam mit ihm zu identifizieren. Nach allem, das ist es, was er mit den Dingen tat, die er lesen oder diskutieren würde. Er selbst lebte auch in den Werken von Anderen. Ich hatte ihm mein letztes Buch gegeben und einige andere Papiere, und er las das meiste davon eine oder zwei Wochen später und lebte selbst in ihnen.
Ich mag es, an Freundschaft zu denken, an irgendeine gute Beziehung als einen Prozeß, der mit Unterschieden beginnt, sogar mit Ambivalenz, und sich langsam entwickelt hin zu gegenseitiger Identifikation. Dies ist der Weg, mit dem wir Verluste bewältigen können und das Verlorene zu einem Teil unseres Selbst zu machen. Ich denke an das Wort des deutschen Poeten Goethe, das Wort, das Bruno – natürlich – sehr vertraut war. Goethe sagte: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“

Ich wünsche, meine Worte werden die Herzen so Vieler erreichen, daß sie mit mir durch die schmerzvolle Trauer gehen werden und sich langsam das Erbe eines großen Mannes, eines geistigen Führers, einer herausfordernden Persönlichkeit aneignen und seine Arbeit weiterführen werden. Wir leben in einer Zeit, die gelegentlich gekennzeichnet wird als die des „Kindesmißbrauchs“, und laßt uns mit ihm vereinigen und identifizieren, wie er es tat, mit dem Geist von Freud, der am besten mit den Worten ausgedrückt ist: „Die Stimme des Intellekts ist leise aber unaufhörlich, bis sie sich ein Gehör verschafft hat“. Laßt uns wie Bruno sein, hartnäckig, und wir werden Gehör finden.

Übersetzung: Roland Kaufhold. Das übersetzte Manuskript wurde von Rudolf Ekstein noch einmal durchgeschaut.

Dieser Beitrag wurde dem von Roland Kaufhold herausgegebenem Buch „Annäherung an Bruno Bettelheim“ (Reihe Psychoanalytische Pädagogik, Bd. 13) (336 S.) entnommen. Wir danken dem Autor für die Nachdruckrechte. Das Buch erschien 1994 – vier Jahre nach Bettelheims Freitod – beim Matthias-Grünewald- Verlag, Mainz; es ist in einer kleinen Restauflage beim Verfasser für 12 € (plus Porto) erhältlich. Der Grünewald Verlag existiert nicht mehr. Bestellung über: rolandkaufhold (at) netcologne.de

  1. Der verschriftlichte Text dieses Gespräches ist in dem Aufsatz: „Grenzgänge zwischen den Kulturen“ in diesem Kapitel wiedergegeben. []
  2. Rudolf Ekstein wurde zweimal von der österreichischen Polizei inhaftiert; seine zweite Inhaftierung erfolgte in der Berggasse Nr. 20, gegenüber der Wohnung von Sigmund Freud. Nach seiner Freilassung Ende Juli oder Anfang August 1938 emigrierte er zuerst nach England und einige Monate später in die USA. Rudolf Ekstein mußte aus drei Gründen emigrieren: als Jude, als Sozialist und als Psychoanalytiker (S. Dorothea Oberläuter: Rudolf Ekstein – Leben und Werk Wien-Salzburg 1985). []
  3. Die Menninger Foundation, an der Rudolf Ekstein von 1947 bis 1957 arbeitete, war ein renommiertes psychoanalytisches Zentrum, wie es seinesgleichen in der Welt wohl nicht gab. Zahlreiche emigrierte europäische Psychoanalytiker erhielten dort die Chance eines beruflichen Neuanfangs. Von 1957-1976 setzte Rudolf Ekstein seine Arbeit mit „Grenzfallkindern“ an dem „Reiss Davis Child Study Center“ in Los Angeles fort. []
  4. 1964 besuchte Bruno Bettelheim für sieben Wochen ein oder auch mehrere Kibbuz in Israel. Seine Forschungen zu den Auswirkungen dieser spezifischen Form von Gemeinschaftserziehung veröffentlichte er in „Die Kinder der Zukunft“. Siehe hierzu auch den Aufsatz von Gunnar Heinsohn in diesem Buch. []
  5. Rudolf Ekstein schloß sich bereits als Untermittelschüler dem „Verein Sozialistischer Mittelschüler“ (VSM) an und arbeitete bei den „Roten Falken“ mit. Die Erfahrung eines Gemeinschaftsgefühls in der Gruppe Gleichaltriger prägte Rudolf Ekstein tief. Noch heute, über 50 Jahre später, spricht er mit Begeisterung von diesen Erlebnissen in der Jugendbewegung. Es sei daran erinnert, daß auch Bruno Bettelheim in seiner Jugend einer pazifistisch-sozialistischen Jugendgruppe angehörte (s. den Aufsatz Kaufhold/Rügemer: Psychoanalyse, Kindererziehung…, in diesem Buch). Zunehmend erlangte für Rudolf Ekstein die politische, die marxistische Dimension der Jugendbewegung eine Bedeutsamkeit. Die 1. Mai-Feiern, die Fackelzüge sowie das Internationale Jugendtreffen bewegten ihn tief. Die Bedeutung dieser Erfahrungen verdichtet sich in Rudolf Eksteins jährlichen Besuchen in Wien seit 20 Jahren: Es ist ihm wichtig, immer Ende April in Wien anzukommen, um die 1. Mai-Demonstration mitmachen zu können. Spätestens am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, kehrt er dann immer wieder in seine zweite Heimat, die USA, zurück. []
  6. Santa Monica ist ein Stadtteil von Los Angeles, in dem eher begüterte Einwohner leben. Auch Rudolf Ekstein lebt in Los Angeles. []
  7. „Freud’s Vienna and other essays“, dt. „Themen meines Lebens“; s. hierzu den Aufsatz Kaufhold/Rügemer: Psychoanalyse, Kindererziehung…, in diesem Buch. []