Bruno Bettelheim (1903 – 2003): Frühe biographische Wurzeln in Wien und sein psychoanalytisch – pädagogisches Werk

Vor 20 Jahren, am 13. März 1990, starb Bruno Bettelheim 86-jährig in Los Angeles. Er gehört zu den weltweit bekanntesten Psychoanalytikern und Psychoanalytischen Pädagogen. Wegen seines Judentums sowie seiner Widerstandstätigkeit gegen die Nationalsozialisten wurde er von diesen für knapp elf Monate in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald gefangengehalten, wo er sich mit Ernst Federn anfreundete. Nach seiner glücklichen Emigration im April 1939 in die USA baute er von 1944 – 1973 in Chicago die Sonia Shankman Orthogenic School auf und machte sie zu einer international respektierten Spezialeinrichtung für seelisch sehr kranke Kinder. Bettelheim hat eine große Anzahl von Büchern mit einer außergewöhnlichen thematischen Vielfalt publiziert. Nach seinem Freitod gab es Versuche, seinen Ruf in Frage zu stellen…

Auf der Grundlage seiner eigenen Publikationen (Kaufhold, 1999, 2001, 2003) skizziert der Autor wichtige biographische Phasen aus Bettelheims Wiener Kindheit und Jugend „vor Dachau und Buchenwald“. In einem zweiten Kapitel folgt eine dichte Werkübersicht über Bettelheims 16 deutschsprachigen Bücher.

Von Roland Kaufhold

„Bettelheim is indeed a charismatic man, but his charisma can go both ways: positively or negatively. Certainly he knows that Love Is Not Enough, and he is not afraid of hate. He has strong opinions, and he often invites strong reactions, but neither his book nor his program at the Orthogenic School is empty. They may be besieged by outside critisism and attack, but they are strong fortresses filled with the thoughts and labors of this provocative man.“
Rudolf Ekstein 1969a (in Kaufhold, 2001, S. 189)

Kindheit und Jugend

Bruno Bettelheim wurde am 28. August 1903 als zweites Kind einer deutsch-jüdischen Familie in Wien geboren. Seine Eltern Anton Bettelheim (1869-1926) und Paula Seidler (1877-1953), in einer gewissen Weise typische Vertreter des Mittelstandes, waren aus Osteuropa nach Wien zugewandert. Sie waren – wie der größte Teil der Psychoanalytiker und Psychoanalytischen Pädagogen in Wien – jüdischer Abstammung und hatten sich in dessen großstädtische Kultur assimiliert. Ihre Identität als assimilierte Juden war nicht so sehr durch ihren Glauben als durch die Vorzeichen des Antisemitismus geprägt. Sein Vater betrieb eine Holzfabrik, was ihm bis zum Kriegsausbruch im Jahr 1914 zu einem sicheren ökonomischen Einkommen verhalf. Infolge des Krieges verlor er einen Großteil seines Vermögens (Sutton, 1996, S. 83), 1918 hatte er einen Schlaganfall, wodurch seine Arbeitsfähigkeit eingeschränkt wurde (Raines, 2002, S. 25-27).

Seine ersten elf Lebensjahre – von 1903 bis 1914 – werden von Bettelheim als eine Phase der scheinbaren Sicherheit, der inneren Gewissheit erinnert. Der Kriegsausbruch 1914, das Zerbrechen des Kaiserreiches sowie die ökonomische Krise der väterlichen Firma bildeten eine scharfe Zäsur in seinem Leben, sorgten für eine innere Verunsicherung – und verdeutlichten ihm zugleich die Notwendigkeit einer eigenständigen Identitätssuche. Diese Phase der eigenen Identitätsdiffusion (E. H. Erikson) wurde verstärkt durch die Unfähigkeit seines Vaters, diese gesellschaftliche Umbruchsituation zu verarbeiten. In Interviews erinnerte sich  Bettelheim im biographischen Rückblick eines schwachen, gebrochenen Vaters, der die Verantwortung für seine Familie in den Zeiten der Veränderung nicht mehr zu übernehmen vermochte und diese so letztlich seinem Sohn aufbürdete: „`He never understood what happened,´ Bettelheim said.“ (Raines, 2002, S. 27)

Zu Bettelheims ersten Lebensjahren: Bettelheim erinnert sich, welch starken Eindruck es auf ihn machte, als er etwa vierjährig erlebte, wie der Kaiser einmal mit seiner Kutsche an ihm vorbeifuhr – alle Arbeiter unterbrachen unverzüglich ihre Arbeit, um hierdurch ihrem Kaiser zu huldigen.

Bettelheim erinnert sich einer Szene aus seiner frühen Kindheit, in welcher ihn seine Eltern durch ihre eigene Angstfreiheit davor bewahrten, sich trotz massiver Gefahren bedroht zu fühlen:
„Persönlich kann ich mich erinnern, dass ich sechs Jahre alt war, als ein vierstöckiges Haus, das durch eine enge Straße von meinem Elternhaus getrennt war, mitten in der Nacht abbrannte. Es stand in hellen Flammen, die die ganze Gegend erhellten (…). Ich hatte geschlafen. Meine Eltern weckten mich und trugen mich zum Fenster, damit ich mir das ungewöhnliche, aufregende Schauspiel ansehen konnte. Da ich mich nach ihnen richtete, hatte ich ähnliche Empfindungen wie das kleine Mädchen bei dem Londoner Bombenangriff. Ich dachte nur, wie nett es von meinen Eltern war, dass sie mich geweckt und an ein Fenster in der Vorderfront des Hauses gebracht hatten, damit ich das seltene, aufregende Schauspiel miterleben konnte. (…) Wenn ich in den folgenden Monaten unser Haus verließ, sah ich die Ruinen an der anderen Straßenseite. Ich hatte nie Angst. Es kam mir nie in den Sinn, dass ich in Gefahr gewesen war und dass unser Haus hätte abbrennen können“ (Bettelheim, 1987, S. 48).

Einen prägenden Eindruck hinterließen in Bettelheim Märchen, welche ihm seine Mutter regelmäßig vorlas – 70 Jahre später sollte ihm seine Studie über den pädagogischen und psychologischen Nutzen der Märchen (Bettelheim, 1976) überdauernden Weltruhm einbringen. In seinem Essay „Wichtige Bücher im Leben“ (Bettelheim, 1990, S. 109-123) erinnert er sich:

„Die Literatur, die ganz am Anfang einen starken Einfluss auf mich ausübte, waren Märchen, die mir zuerst meine Mutter erzählte, und die ich dann selbst las. Ich kann mich aber nicht genau erinnern, ob diese Geschichten für mich eine prägende Kraft hatten. Das muss jedoch der Fall gewesen sein, denn sonst hätte ich nicht im Alter über Jahre hinweg versucht, ihre psychologische Bedeutung für Kinder zu verstehen. (…) Wie und auf welche Weise Märchen für mich damals so wichtig wurden, kann ich heute nicht mehr ergründen, doch bin ich ziemlich sicher, dass der Grund darin liegt, dass sie mir hauptsächlich von meiner Mutter erzählt wurden“ (Bettelheim, 1990, S. 115).

Bettelheim hat sich seiner Kindheit „im Wien Sigmund Freuds“ (Bettelheim, 1990, S. 15) gerade im Alter mit einer äußerst schmerzhaften Ambivalenz, die den Weg zu seinem Freitod wies, erinnert. An einigen wenigen Stellen in seinen Werken hat er – der biographischen Bemühungen skeptisch gegenüber stand (s. Kaufhold, 1994, 2001, S. 13) – verschiedentlich dennoch einige, z.T. schwierige, Kindheitserinnerungen wiedergegeben. So erinnert er sich in einem Brief an seinen Freund Carl Frankenstein, einem israelischen Psychoanalytiker und Pädagogen deutscher Herkunft, einer schweren Ruhrerkrankung, welche ihm im Alter von vier Jahren beinahe das Leben gekostet hätte: „Das versetzte meine Eltern in einen Zustand tiefster Angst, dem trotz all ihrer Bemühungen auch ich und meine Schwester nicht entgingen (…) Von diesem Moment an war das Leben meiner Eltern ein Alptraum, den sie vor allen verborgen hielten, eingeschlossen ihre Eltern und Geschwister. Sie haben schweigend gelitten“ (Sutton, 1996, S. 60). Und doch vermag Bettelheim in einer für ihn kennzeichnenden Weise hieraus einen biographischen Erkenntnisgewinn zu ziehen: Ein Wiener Arzt nahm ihn mit zu sich nach Hause, pflegte ihn – und rettete ihm so sein Leben. Die Erinnerung an diese intuitive pflegende Versorgung bildete für Bettelheim Jahrzehnte später eines der eigenen inneren Motive für seine pädagogisch – milieutherapeutischen Bemühungen – welche er insbesondere in „Der Weg aus dem Labyrinth“ (1975) in umfassender Weise veranschaulicht hat.

Engagement in der pazifistische Jugendbewegung: Edith Buxbaum, Wilhelm Reich und Otto Fenichel

Bettelheim besuchte eine Grundschule sowie ab September 1914 das relativ liberale Wiener Reform-Gymnasium in der Albertgasse im VIII. Bezirk. Im Volksmund wurde es als die „Judenschule“ bezeichnet. Mit zweien seiner Mitschüler, Hans Willig und Walter Neurath, blieb Bettelheim bis zu seinem Tod befreundet.

Seine engste Kindheits- und Jugendfreundin war seine Cousine Edith Buxbaum, eine Pionierin der Kindertherapie in Wien und den USA und heute eine Vergessene (Kaufhold, 2002). Buxbaum wuchs in Wien im Kreis um Anna Freud auf, arbeitete an einem Wiener Gymnasium als Lehrerin und machte zeitgleich ihre analytische Ausbildung. Sie wurde 1935 wegen ihres radikalen antifaschistischen Engagements von der Wiener Staatspolizei verhaftet, floh bereits 1937 in die USA und wurde in New York sowie später in Seattle zu einer sehr angesehenen und produktiven Kinderanalytikerin.

Foto: Edith Buxbaum
© Dr. Esther Altshul Helfgott (Seattle) / Edith Buxbaum Journal,
www.edithbuxbaum.com

Bettelheim und Buxbaum wohnten nur einige Minuten voneinander entfernt und sahen sich nahezu täglich. In ihren (unveröffentlichten) Erinnerungen, kurz vor ihrem Tod verfasst, schreibt  Buxbaum über ihre Beziehung zu dem ein Jahr jüngeren Bettelheim: „Wir sind wie Geschwister aufgewachsen (…) Bruno und ich mochten einander sehr“ (Sutton, 1996, S. 65f.). Und Bettelheim bemerkte über ihre enge Beziehung: „We became not just good friends but extremely close friends“ (Raines, 2002, S. 21).

Edith Buxbaum führte ihn um 1915 in die sozialistisch-aufklärerisch orientierte Jugendbewegung ein, was für Bettelheim eine zutiefst prägende Jugenderfahrung wurde. Sie war über ihre engste Freundin Anni Reich (geb. Pink) 1914 zur sozialistischen Jugend- und Antikriegsbewegung gestoßen; dieses pazifistische Engagement war zugleich eine Reaktion auf den Tod von Anni Reichs Bruder, welcher im 1. Weltkrieg gefallen war (s. Kaufhold, 2002). Dort, beim Jung-Wandervogel, blühte der ansonsten eher zurückhaltende und schüchterne Bettelheim auf; er lernte Otto Fenichel, Wilhelm Reich und Fritz Redl kennen und wuchs so schrittweise in den kleinen Kreis der Psychoanalytischen Pädagogen hinein (vgl. Aichhorn, 2003, Kaufhold, 2003).

Theron Raines, Bettelheims langjähriger Literaturagent und Freund, beschreibt in seiner Bettelheim-Biographie die Bedeutung des Jung-Wandervogels für Bettelheims Identitätsentwicklung folgendermaßen:
„`The Wandervogel was a good escape valve,´ Bettelheim said. `It made us feel freer, and in my case it really changed many of my ideas about society. We have nothing analogous to it in this country, certainly not the protest movements in the sixties. Wandervogel was completely nonviolent, we were against violence altogether. You see, Wandervogel was more of an exploration than a protest. Nobody said, `Let´s smash it all!´ Maybe we thought we were more revolutionary than we were´“ (Raines, 2002, S. 21f.).

In dem Essay „Wie ich zur Psychoanalyse kam“ (Bettelheim, 1990, S. 35-49; vgl. Kaufhold, 2001, S. 213f.), den Bettelheim unmittelbar vor seinem Freitod abgeschlossen hatte, beschreibt  er in sehr anrührenden, für ihn ungewöhnlich persönlichen Worten, wie er 13-jährig über seine Eifersucht gegenüber dem sechs Jahre älteren Otto Fenichel[01] – der seinerzeit zu den ersten Zuhörern von Freuds „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ gehörte – mit dem Studium der Schriften Freuds begann – und hiervon nicht mehr loskam. Bettelheim vermochte seine Eifersucht produktiv umzusetzen:

„Wieder daheim, ließ mich mein Groll auf die Psychoanalyse keinen Schlaf finden, bis ich gegen Morgen dann auf eine Lösung kam. Ich mein­te, wenn Otto F., wie er im Kreis des Jung-Wandervogels ge­nannt wurde, mich bei meiner Freundin durch sein Reden über die Psychoanalyse aus­stach, konnte ich ihn vielleicht mit seinen ei­genen Waffen schlagen und mein Mädchen so zurückerobern. Ich brauchte mir also nur noch aus­reichendes psychoanalytisches Wissen anzu­eignen. Nachdem dieser Entschluss gefasst war, schlief ich ein“ (Bettelheim, 1990, S. 37).

In seinem glänzenden Essayband „Freud und die Seele des Menschen“ (Bettelheim, 1986, vgl. Fisher, 2003, Kaufhold, 2001) schließt Bettelheim hieran an, indem er ausführt:

„Als Kind einer assimilierten jüdischen Familie der Mittel­schicht in Wien wurde ich in einer Umgebung aufgezogen und erzo­gen, die in vieler Hinsicht mit der Welt, aus der Freud kam, iden­tisch war. (…) Nachdem ich seine frühen Schriften studiert hatte, las ich begierig seine neuen Werke jeweils dann, wenn sie erschienen. (…) Das Verständnis der Schriften Freuds wurde mir wesentlich dadurch erleichtert, dass ich auf diese Weise verfolgen konnte, wie er das Gebäude der Psychoanalyse vollendete, mit dem er einige Jahre vor meiner Geburt begonnen hatte.“ (Bettelheim, 1986, S. 13)

Und in besagtem Essay „Wichtige Bücher im Leben“ fügt er hinzu: „Freuds Schaffen und seine Schriften brachten mich schließlich dazu, Psychoanalytiker zu werden, doch wurde dieser für meine Entwicklung bestimmende Einfluss schon ausgeübt, bevor ich meine berufliche Wahl traf. Obwohl ich damals eine ganz andere Laufbahn im Sinn hatte, war das Kennenlernen seiner Schriften für mich in jungen Jahren die befreiendste Erfahrung“ (Bettelheim, 1990, S. 114).

Welche weitreichende, lebensgeschichtlich prägende Bedeutung diese Phase seines Engagements in der Jugendbewegung für Bettelheim hatte, mag auch in dem Umstand deutlich werden, dass Bettelheim in seiner Erinnerung mit dieser erregenden Lebensphase seinen Zugang zur Pädagogik verknüpft. In „Themen meines Lebens“ hebt er die Bedeutung der durch seine Gespräche mit den Reichs, mit Fenichel und Buxbaum angeregte Lektüre der Schriften Freuds sowie der reformorientierten Pädagogen – welche in so markantem Gegensatz zum Erziehungsklima seines Gymnasiums stand – hervor. Bettelheim erinnert sich:

„Daher enthielten die ersten Bücher, die auf mich wirklich befreiend wirkten, Kritik am bestehenden Erziehungssystem; sie stützten meine Überzeugung, dass es für die Jugend bessere Erziehungsmethoden geben müsse. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, ob ich vor oder nach meinem Beitritt zum Jung-Wandervogel, der linksgerichteten Jugendbewegung in Wien, auf die Freie Schulgemeinde aufmerksam wurde, die Gustav Wyneken (…) ins Leben gerufen hatte. Das Motto des Jung-Wandervogels lautete verkürzt „ADEA“, was „Abonniere den Anfang“ bedeutete; der Anfang war die Zeitschrift dieser Bewegung für eine Schulreform. Ich abonnierte ihn in der Tat. Ich war begeistert von den dort propagierten Erziehungsmethoden. (…) Was ich aus dem Anfang lernte und erfuhr, war wirklich ein Neugbeginn für mich. Es bildete die Grundlage für meine pädagogischen Überzeugungen, die ich viele Jahre später in den Vereinigten Staaten in die Praxis umsetzte, als ich der Leiter einer Pionierinstitution des Erziehungswesens wurde. So war diese Lektüre von ausschlaggebender Bedeutung für meine persönliche, intellektuelle und berufliche Entwicklung“ (Bettelheim, 1990, S. 116).

In diesen Zeitraum fällt auch eine markante Szene aus Bettelheims Schulzeit, welche ihn so tief beeindruckt hatte, dass sie ihm auch 65 Jahre später noch lebhaft vor Augen stand – und die er uns in dem kleinen Essay „Die Frage `Warum?´“ (Bettelheim, 1987, S. 88-98; s. Kaufhold, 2001, S. 145-148) entfaltet hat: Der seinerzeit 15jährige Gymnasiast stieß mit einem Lehrer mit einer solchen Heftigkeit zusammen, wie ihm dies zuvor als unvorstellbar erschienen wäre:

„Ich war ein sehr guter Schüler, ein ruhiger, introvertierter, braver Junge, bis mich eines Tages einer unserer Lehrer so provozierte, dass ich ihn – ohne es mir vorher überlegt zu haben – plötzlich packte und mit Hilfe einiger Mitschüler, die mein Beispiel anfeuerte, aus dem Klassenzimmer hinauswarf“ (1987, S. 90). Bettelheim benötigte viele Jahrzehnte, bis ihm die unbewusste Tiefenstruktur dieser mächtigen Szene verstehbar wurde. Er brachte sie vor allem mit dem „unmännlichen“ Verhalten dieses Lehrers sowie der gleichzeitigen schweren Erkrankung seines Vaters in Verbindung. Nun musste er, als einziges männliches Mitglied seiner Familie, in die Fußstapfen seines Vaters treten, weshalb ihm das Verhalten seines Lehrers nun als eine übermächtig bedrohliche Zumutung erschien: „Nur durch einen äußerst gewagten, von Selbstbewusstsein zeugenden Akt konnte ich diese Angst um mich selbst beschwichtigen. (…) Es war, als ob sich in meinem Verhalten die Überlegung ausdrückte: `Wenn du dich nicht wie ein Mann benehmen kannst, dann muss ich es tun, wenn ich auch noch viel zu jung dafür bin´“ (Bettelheim, 1987, S. 97).

Neben Otto Fenichel wurde bald der kämpferisch-impulsive Wilhelm Reich (vgl. Fallend, Nitzschke, 1997, Nitzschke, 2003) Bettelheims idealisiertem Vorbild. Die Art und Weise, in der Bettelheim auch noch Jahrzehnte später, in seinen Gesprächen mit David James Fisher (Fisher, 2003), in geradezu schwärmerischer Weise „Willy“ Reichs außergewöhnliche Produktivität und Vitalität hervorhob, lässt seine ungebrochene Identifikation mit diesem erkennen – trotz ihrer späteren, sehr weitreichenden politischen Differenzen. Fishers Formulierung ist offenkundig zutreffend, wenn er ausführt: „Ich hatte das Gefühl, dass sich Bettelheim mit Reich identifizierte, weil auch er sich durch die offizielle Psychoanalyse an den Rand gedrängt und geächtet fühlte, zumindest in Amerika“ (Fisher, 2003, vgl. Kaufhold 1999a, S. 156, S. 221f.).

Diese Identifikation kommt auch in Raines´ Bettelheim – Biographie zum Ausdruck, in der dieser Bettelheim zitiert:

„So through Annie Reich I got to know Willy Reich. (…) I was already friends with Otto Fenichel, and I was also very friendly with Siegfried Bernfeld and a few analysts of the younger generation. But Willy was so delightful and so extraordinary that I suppose I began to accept him as a kind of mentor, at least at first. We didn´t think in this terms – we were just friends – but he was a fascinating person, so very persuasive in his explanations and extremely brilliant. (…) He was a glowing personality, very charming, lively, and open in his manner. Willy was lovable, he had a magnetism that drew people to him.In any event, he was important to me because of our friendship and the wonderful conversations about analysis, which we all took part in. Edith, Annie, and Willy were all analysts – I was the only outsider – and we talked for hours. However, it was somehow Willy who first brought me systematically to analysis. (…) In my opinion, he was a genius, and with a genius you always get a lot of things you don`t like – the striking intuitions are there, but you also get very unpleasant aspects of character, flaws of character“ (Raines, 2002, S. 32f.).

Studium, Berufstätigkeit und erste Zugänge zur Psychoanalyse

Bettelheims noch verbleibende Zeit in Wien bis zu seiner Verschleppung nach Dachau möchte ich aus Platzgründen nur noch punktuell umreißen – insbesondere insoweit sie für sein späteres Wirken in den USA sowie seine Studien von Bedeutsamkeit war.

Nach seinem Abitur im Juli 1921 studierte Bettelheim in Wien anfangs Germanistik, wechselte nach einigen Jahren zur Philosophie und Geschichte. Besonders interessiert war er an ästhetischen Fragen. Seine langes Studium vollzog sich insofern unter recht schwierigen Umständen, als er 23-jährig nach dem Tode seines Vaters im Jahr 1926 die Verantwortung für seine Familie übernehmen und die väterliche Fabrik leiten musste. Es wurde ihm bald bewusst, dass ihm diese Berufstätigkeit keine wirkliche innere Erfüllung brachte.

Bruno Bettelheim in Wien, vermutlich Ende der 1920er / Anfang der 1930er Jahre
Foto: © Psychosozial Verlag & Bernhard Kuschey

Wohl 1928 begann er bei dem Psychoanalytiker Richard Sterba (Sterba, 1985) eine Therapie, welche sechs Jahre lang gedauert haben soll (vgl. Raines, 2002, S. 40; vgl. Jacobsen, 2000, S. 395). Anlass war ein Gefühl einer inneren Unzufriedenheit, eine gewisse depressive Neigung sowie Schwierigkeiten in der Ehe mit seiner ersten Frau, Gina (Bettelheim, 1964, S. 16–19). Bettelheim bemerkt:

„Ungefähr ein Jahrzehnt, bevor die Besetzung Österreichs durch Hitler eine drastische Veränderung meiner äußeren Lebensumstände brachte, hatte ich ein unbestimmtes Gefühl, dass ich mich einer inneren Krise näherte oder bereits in ihr steckte, obwohl mein gesellschaftliches und berufliches Leben wohlgeordnet und erfolgreich zu sein schien. Relativ spät erlebte ich das, was Erikson Jahrzehnte später als psychosoziales Moratorium benannt und beschrieben hat. Dieser Umstand hatte weder durch jahrelange Analyse noch durch die folgenden Jahre beseitigt werden können“ (Bettelheim, 1964, S. 18).

Während dieser Analyse machte Bettelheim im Wartezimmer seines Analytikers erstmals Bekanntschaft mit einem psychotischen Jungen namens Fränzchen; dieser wurde von Editha Sterba behandelt. Seine Begegnung mit diesem fremdartigen Kind hat auf ihn offensichtlich einen tiefen Eindruck gemacht. Knapp 60 Jahre später veranschaulicht er in „Themen meines Lebens“ (Bettelheim, 1990, vgl. Kaufhold, 2001, S. 215-217), welchen großen, gleichermaßen persönlichen wie fachlichen Gewinn er aus der Begegnung mit diesem psychotischen Jungen zu ziehen vermochte.

Seine Therapie stand unter recht problematischen Rahmenbedingungen: Seine erste Frau, Gina, machte bei Editha Sterba eine Therapie, seine spätere Frau Trude ebenfalls, wie auch ihre gemeinsame Freundin Emmi Visher; weiterhin standen alle drei in professioneller Beziehung zu der privaten Wiener Montessori-Schule, welche psychoanalytisch orientiert war (s. Kaufhold, 2003, Sutton, 1996, S. 130-133, Raines, 2002, S. 49, 112f.). Im Rückblick erscheint ihm diese Konstellation als fragwürdig: „I had mixed feelings about it, but I went. He was a good and decent man, and I had a thorough analysis, six or seven years, but it was probably a mistake for me to go to him and a mistake for him to accept me“ (Raines, 2002, S. 40f.).

Im Jahre 1931 oder 1932 nahmen Bettelheim und seine Frau auf Vermittlung von Anna Freud sowie Editha Sterba (Jacobsen, 2000, S. 393) ein autistisches Kind in ihre Familie auf. Sie betreuten dieses – sowie zeitweise noch ein zweites Kind, ein kanadisches Mädchen (Jacobsen, 2000, S. 392f., Raines, 2002, S. 47) – sechs oder sieben Jahre lang und versuchten, eine Beziehung zu ihm herzustellen. Bettelheim hat gerade in seinen letzten Lebensjahren in Interviews hervorgehoben, welch nachhaltigen, zum Handeln motivierenden Eindruck diese frühe pädagogische Erfahrung und Begegnung in ihm hinterlassen hat (s. Fisher, 2003, Karlin, 1994, Bettelheim, 1990, S. 67, S. 216-218, Kaufhold, 2001, S. 143). In einem seiner Interviews mit Raines schildert er die Szene, in der ihm dieses amerikanische autistische Mädchen zu seiner äußersten Verblüffung ihr malerisches Talent offenbarte:

„But to my astonishment, she picked up the crayons and began to draw, and at once I realized that she was fabulously gifted! She drew sketches of animals in movement exactly like the beautiful cave art in France and Spain. It was one of the most exciting things I ever saw. I was absolutely fascinated, I couldn`t get over it; her artistic gifts were magneficent. She wouldn ´t talk, but her drawings were precise, lovely, and eloquent“ (Raines, 2002, S. 46f.).

Durch den Einmarsch der Nazis in Österreich, seine Festnahme durch die Gestapo sowie seinen Abtransport nach Dachau und später nach Buchenwald wurde dieses „pädagogische Experiment“ auf grausame Weise beendet. Und dennoch, so seltsam und willkürlich waren diese Zeiten, so zufällig war das eigene Überleben, trug eben dieses autistische amerikanische Kind zu seinem Überleben bei! Seine Emigration wurde, neben Edith Buxbaum, dem Gouverneur im Staat New York, Herbert Lehman sowie Eleanor Roosevelt, durch die einflussreiche amerikanische Mutter eben dieses Kindes ermöglicht, welche sich von den USA aus nachdrücklich für seine Freilassung einsetzte (s. Sutton, 1996, S. 217-222, Raines, 2002, S. 124f., Jacobsen, 2000, S. 399-402, Kaufhold, 2001, S. 143, 167-185). Richard Sterba – der, obwohl als Katholik nicht unmittelbar durch die Nazis bedroht, 1938 aus Solidarität mit seinen jüdischen Kollegen und Freunden über die Schweiz in die USA emigrierte – hat in seine Erinnerungen (1985, S. 172f.) übrigens geschrieben, dass diese Amerikanerin ebenfalls maßgeblich an seiner eigenen – sowie Editha Sterbas – Emigration in die USA engagiert war.

Sterba hat in seinen Erinnerungen auch auf das Trauma aufmerksam gemacht, welches sie ihren Analysanden durch ihre rasche Emigration zufügen mussten – und von dem auch Bettelheim betroffen war. Sterba schreibt:

„Es war wichtig, dass wir Österreich aufs schnellste verließen, solange die Grenzen noch offen waren (…) Ich musste das Risiko auf mich nehmen, an der Grenze aufgehalten zu werden. Wir mussten natürlich allen unseren Analysanden mitteilen, dass wir Wien verließen. Da viele von ihnen zur Ausbildung am Lehrinstitut nach Wien gekommen waren, war es ihnen verständlich, dass ich das Land verließ, in dem die Psychoanalyse nicht mehr gelehrt werden konnte. Den anderen konnten wir das Trauma des plötzlichen Abbruchs ihrer Analyse nicht ersparen“ (Sterba, 1985, S. 165f., Hervorheb. d. Verf.).

Im Sommer 1932 organisierte Fritz Redl, mit dem Bettelheim durch sein Studium eng befreundet war (Jacobsen, 2000, S. 394), eine Ferienfreizeit mit schwer erziehbaren Kindern auf der berühmten Schallerburg, an welcher auch Bettelheims erste Frau mitwirkte. Bettelheim beteiligte sich seinerzeit mit privaten Mitteln an der Finanzierung dieser pädagogisch-psychoanalytischen Freizeit: „I was able to rent it inexpensively because I had done some lumber business with the baron who owned it, and we knew each other fairly well“, gibt (Raines, 2002, S. 47, s. S. 152, 156, 188) eine Erinnerung von Bettelheim wieder (s. auch Sutton, 1996, S. 119f.). Die Freundschaft zwischen Bettelheim und Redl hielt auch in den USA an: Sie besuchten sich regelmäßig, Redl war gelegentlich Gast in der Orthogenic School, und in ihren Büchern (Redl/Wineman, 1951, S. 251, Bettelheim, 1960, S. 39, Bettelheim, 1988, S. 220, s. auch Kaufhold, 2001, 2003a, 2003b) haben sie die vielfältigen Gemeinsamkeiten in ihrer Arbeit in der Orthogenic School sowie im Pioneer House, ihre enge geistige Zusammenarbeit, wechselseitig bestätigt.

1937 schloss Bettelheim seine ionion in Philosophie und Psychologie bei Karl Bühler, dem Philosophen Robert Reininger und dem Historiker Hans Sendlmayer mit der höchsten Auszeichnung ab; sie hatte das Thema „Das Problem des Naturschönen und die moderne Ästhetik“. Am 2. Februar 1938 – zwei Monate vor dem „Anschluss“ Österreichs und drei Monate vor seiner Inhaftierung durch die Gestapo – erhielt er von der Wiener Universität die Promotionsurkunde (s. Jacobsen, 2000, S. 396-398, Raines, 2002, S. 56-59).

Zwei Jahre später, nach seiner knapp 11-monatigen Gefangenschaft in Dachau und Buchenwald sowie seiner glücklichen Emigration in die USA, wurde Bettelheim – wie etwa 200 weiteren Wiener Wissenschaftlern – am 8.5.1941 aus rassischen Gründen die Doktorwürde wieder aberkannt. Der Jude Bettelheim war in den Augen der Nationalsozialisten „eines akademischen Grades unwürdig“, wie es im Reichsgesetzblatt vom 7. Juni 1939 hieß. Sechs Jahre nach Ende der Nazizeit, 1955, wurden 181 Personen von der Wiener Universität „rehabilitiert“ – Bettelheim sowie zumindest 31 weitere Wissenschaftler hingegen waren „vergessen“ worden. Es sei daran erinnert, dass Bettelheim seinerzeit bereits wegen seiner publizierten psychologischen Studien zur Psychologie der Extremsituation sowie zur Vorurteilsforschung international einen gewissen Bekanntheitsgrad hatte. Auch gab Bettelheim in besagtem Jahr 1955 in Frankfurt am Main am renommierten Institut für Sozialforschung als amerikanischer Gastdozent ein Seminar über „Gruppenpsychologie“ (vgl. Kaufhold, 2001, S. 164f.). Man hätte sich in seiner früheren Heimat also durchaus an den Vertriebenen erinnern können. Dies geschah jedoch nicht: 50 Jahre lang, bis zu Bettelheims Tod, blieb seine auch akademische Schädigung „vergessen“, verdrängt. Erst am 31. März 2004, also 14 Jahre nach Bettelheims Tod, wurde in einer durch Forschungen von Friedrich Stadler und Herbert Posch (Posch & Stadler 2005)  angeregten Zeremonie der Universität Wien und der Medizinischen Universität Wien im Kleinen Festsaal die Aberkennungen von akademischen Titeln während der NS-Zeit aus „rassischen“, politischen oder damaligen strafrechtlichen Gründen für nichtig erklärt. Seitdem hat der seit 14 Jahren verstorbene Bruno Bettelheim nun auch in Wien einen akademischen Titel erworben.

Seine knapp elfmonatige Inhaftierung in den deutschen Konzentrationslagern sowie seine anschließende Emigration am 29. April 1939 in die USA, welche seine zweite Heimat werden sollten, stellte einen tiefen Bruch in seiner Biographie dar. Sein wissenschaftliches und pädagogisch-therapeutisches Werk – welches er in den USA, nicht in Deutschland oder Österreich, erschaffen sollte – stellte auch einen verzweifelten „Bewältigungs“versuch seiner traumatischen Erfahrungen dar (vgl. Kaufhold, 1999, 2001). Eine maßgebliche Hilfe und Unterstützung war ihm hierbei die kleine Gruppe der ins amerikanische Exil vertriebenen Pioniere der Wiener Psychoanalytischen Pädagogen (vgl. Kaufhold, 2003).


Bruno Bettelheim 1985 auf dem von Prof. Jochen Stork veranstalteten Symposium „Das Märchen – ein Märchen?“
© Psychosozial Verlag, Roland Kaufhold, Prof. Dr. Dr. Jochen Stork

Werkübersicht zu Bruno Bettelheim

Bereits 1940 erhielt Bettelheim an der Chicagoer Universität eine Forschungsstelle zur Kunsterziehung. Er publizierte in seiner neuen Heimat sehr viel, auch in jüdischen Zeitschriften, über klinische, psychologische und pädagogische Themen. So publizierte er bereits 1947 die Studie „The Dynamism of Anti-Semitism in Gentile and Jew“.

In Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Soziologen Morris Janowitz – er sollte später einer der renommiertesten Soziologen der USA werden – betrieb Bettelheim Studien zur Vorurteilsforschung, die zu mehreren gemeinsam verfassten Zeitschriftenaufsätzen führten und 1950 in dem gemeinsam verfassten Buch „Dynamics of Prejudice: A Psychological and Sociological Study of Veterans“ (Bettelheim & Janowitz, 1950) mündeten. Diese Studien führten zu einer lockeren Zusammenarbeit mit den Leitern des ins amerikanische Exil vertriebenen Instituts für Sozialforschung Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, wie auch zu einem sehr regen, zumindest 15 Jahre überspannenden Briefwechsel zwischen Max Horkheimer und Bettelheim – über welchen Adorno stets in Kenntnis gesetzt wurde.

Max Horkheimer war vom Talent des acht Jahre jüngeren Wiener Emigranten und KZ-Überlebenden beeindruckt. Am 13.11.1944 schrieb er an Adorno: „Bettelheim ist einer der intelligentesten, jungen Psychologen, denen ich bisher begegnet bin. Wenngleich seine Zeit übermäßig beansprucht ist, brennt er darauf, für uns etwas zu tun“ (Horkheimer, 1988). Einige weitere Ausschnitte aus dieser Korrespondenz zwischen Bettelheim und Horkheimer seien wiedergegeben: Am 16.5.1947 schrieb Horkheimer, auf eine soeben publizierte Studie von Bettelheim/Janowitz/Shils (1947) zur Vorurteilsforschung („Preliminary Study on the Evaluation of Intolerance Propaganda“) Bezug nehmend, an Bettelheim[02] :

„Es kommt selten vor, dass streng empirische Forschungsberichte auch tieferen theoretischen Interessen gerecht werden und gleichzeitig den Leser geistig anregen. In Ihrer „Vorstudie“ (1947) fand ich genau diese Mischung, und ich kann ohne jede Übertreibung sagen, dass die Lektüre Ihres Manuskripts zu meinen erfreulichsten Erfahrungen gehört, weit ich das Problem des Vorurteils wissenschaftlich erforsche. (…) Besonders erfreut bin ich über den Nachweis in Ihrem Einführungskapitel, dass Propaganda für Toleranz tolerante Menschen nicht berührt. Das ist nur einer von vielen Fällen, in denen Sie etwas artikulieren, das mir seit langem vorschwebt: kritische Einsichten, die gewöhnlich ganz dem kritischen Denken oder der Intuition überlassen bleiben, müssen mit orthodoxen Forschungsmethoden überprüft werden. Auch dass der offizielle Optimismus in ihrer Arbeit völlig fehlt, ist wahrhaft tröstlich. (…) Das sind nur erste Eindrücke und Assoziationen. Auch Teddy hat Ihr Manuskript gelesen, und seine Einschätzung stimmt völlig mit meiner überein. Er lässt Sie herzlich grüßen und bedauert es sehr, dass wir unsere Westküsten-Projekte nicht mit Ihnen erörtern können“ (Horkheimer, 1988, S. 811).

Am 16.7.1947 schrieb Horkheimer einen fünf Seiten langen, euphorischen  – („enthusiastischen Beurteilung“ von Bettelheims Studie, Horkheimer, 1988, S. 844) – , mit theoretisierenden Exkursen angereicherten Brief an Bettelheim, als Reaktion auf dessen bereits erwähnte Studie „The Dynamism of Anti-Semitism in Gentile and Jew“ (1947): „Lieber Herr Bettelheim! Vielen Dank für Übersendung von „Dynamism of Anti-Semitism in Gentile and Jew“. Der Gegenstand gehört zu den wichtigsten, über die man auf unserem Gebiet sprechen kann und die Offenheit, mit der Sie es tun, ist befreiend. Mit allem, was Sie über das eigentliche Thema, die psychologische Dynamik, sagen, stimmen wir auch völlig überein. Dies gilt vor allem für die Theorie, dass der Antisemitismus aus der zwanghaften Tendenz entspringt, die eigenen antisozialen Triebe draußen zu verfolgen anstatt im eigenen Inneren. (…) Ihre Bemerkung, nach welcher die Juden sich deshalb zu Projektionsträgern eignen, weil sie als der „innere“ Feind sozusagen die gegebenen Symbole für die inneren Triebe darstellen, ist wahrhaft einleuchtend.  (…) So weit es sich um Ihre eigene Besonnenheit (im Konzentrationslager, RK) handelt, stimmt in der Tat die psychologische Kennzeichnung: die Überwindung der Stereotypie hat Ihnen wahrscheinlich das Leben gerettet. (…) Jeder Ihrer Aufsätze wirkt wie ein Hieb gegen die Ahnungslosigkeit des vereinsmäßigen Philosemitismus“ (Horkheimer, 1988, S. 838-840).

Bereits fünf Tage später, am 21.7.1947, antwortet Bettelheim Horkheimer mit einem drei Seiten langen Schreiben, in welchem er Horkheimer auch für die Zusendung seines Buches „Eclipse of Reason“ dankt: „…Ich möchte Ihnen also erneut danken und sagen, dass es mir ein großes Erlebnis war, Ihr Buch wiederholt zu lesen. Ich würde Tage brauchen, Ihnen von all den neuen Ideen zu berichten, die es mir gewährte und über die ich nachdenke, seit ich Ihr Buch kennenlernte. Sehr herzlichen Dank für Ihre freundlichen Bemerkungen über meinen Text; ich habe wirklich den Eindruck, dass Sie meinen schwachen Bemühungen zu viel Ehre erweisen“ (Horkheimer, 1988, S. 857).

Am 17.3.1948 dankt Horkheimer, erneut mit euphorischen Worten, in einem sechsseitigen Brief für den Vorabdruck von Bettelheim/Janowitz Buch „Dynamics of Prejudice. A Psychological and Sociological Study of Veterans” (1950): “Daß ich ihnen auf das mimeographierte Exemplar der Veteranen Studie erst heute antworte, hat zum Grund, dass wir einige Zeit brauchten, um uns mit der Arbeit einigermaßen vertraut zu machen. Heute möchte ich Ihnen von ganzem Herzen danken. Es ist darin etwas erreicht, das mir überaus selten zu sein scheint, nämlich die Research Methoden sind in einem gesellschaftstheoretischen Sinn zum Sprechen gebracht, so dass statistische Ergebnisse wirklich gedankliche Konsequenzen in Bezug auf das Phänomen gestatten“ (Horkheimer, 1948, S. 948).

Zehn Jahre später, am 12.6.1958, wendet sich Horkheimer mit der dringenden persönlichen Bitte an Bettelheim, ihm gutachterlich bzgl. des schweren Schicksals eines 73-jährigen jüdischen Überlebenden zu helfen – ein Briefwechsel, der sehr lesenswert und auch heute noch erschütternd und hochaktuell ist; wir mögen nur an den Hungerstreik Peter Finkelgruens vom November 2009 gegen die Berliner Entschädigungsbehörde denken (Kaufhold, 2009c; vgl. van Gelder, 2000). Horkheimer hatte sich acht Jahre lang, von 1956 – 1963, intensiv für diese von Israel nach Frankfurt/M. zurückgekehrte, schwer traumatisierte jüdische Familie eingesetzt – letztlich vergeblich. Allein die von Horkheimer für Bettelheim angefertigte knappe Einführung dieser „Fallgeschichte“, in welcher die furchtbaren Verfolgungen und Traumatisierungen dieses jüdischen Menschen beschrieben werden, ist erschütternd (Horkheimer, 1988, S. 424). Die diesbezügliche Korrespondenz und Materialien umfassten 200 Blatt.

Horkheimer bat Bettelheim nachdrücklich, ein wissenschaftliches Gutachten über diesen seelisch schwerst kranken Überlebenden zu verfassen, in welchem der in den 1950er und 1960er Jahren in Deutschland vorherrschenden medizinisch-psychiatrischen Ideologie über die ausschließlich endogene Ursache der Psychose für ein „Wiedergutmachungsverfahren“ widersprochen werden sollte.[03] Max Horkheimer führte aus: „Sehr verehrter, lieber Herr Bettelheim! Heute komme ich mit einer großen Bitte: Ich brauche Ihre Hilfe in einem besonders krassen Nachspiel zur Geschichte der Konzentrationslager. Es ist mir so, als hätte ich Ihnen sogar schon einmal davon gesprochen, jetzt aber kann ein entschiedenes Wort von Ihnen unendlich viel Gutes wirken. (…) Das Gericht, das im Grunde wohlwollend ist, würde die Grundlage dafür [Wiedergutmachungsrente] als gegeben ansehen, wenn A.s Geisteskrankheit mit den Ereignissen im Konzentrationslager in Verbindung gebracht werden könnte. Ja selbst, wenn anerkannt werden könnte, daß diese Ereignisse auch nur in irgendeiner Weise für den Zeitpunkt des vollen Ausbruchs der Krankheit im Jahre 1952 bedeutungsvoll waren. (…) Daß dem Gericht die Möglichkeit fehlt, ein günstiges Urteil zu sprechen, liegt einzig an dem Verhalten der medizinischen Gutachter. (…) Beide [Gutachter] haben sich auf Grund der Theorie von der endogenen Entstehung der Schizophrenie gegen eine Verbindung der Krankheit mit den Ereignissen erklärt. (…) (Horkheimer, 1988, S. 424-426).

Bettelheim bat um weitergehende Informationen; am 8.10.1958 verfasste Bettelheim eine neunseitige Expertise (Horkheimer, 1988, S. 431).

Am 16.7.1958 antwortete ihm Horkheimer: „Mein Dank kommt spät, aber ich darf Ihnen sagen, dass seit langer Zeit mir wenige Briefe eine so tiefe Freude verursacht haben wie Ihrer. ich kann kaum ausdrücken, wie glücklich ich bin, dass Sie mich in der Sache S., die ich zu meiner gemacht habe, nicht allein lassen wollen. (…) Es kommt darauf an, darzutun, daß nach Ansicht namhafter amerikanischer Psychiater eine exogene Verursachung der Schizophrenie durchaus im Bereich der Möglichkeit liegt. Die Argumentation der hiesigen Ärzte bestreitet dies und beharrt auf der traditionellen Theorie. Der Beweisgang dabei erscheint mir als keineswegs zwingend, ja, als höchst einseitig. (…) Rasch wird der Schluß gezogen, dass die Verweisung von der Schule als Jüdin, die Einpferchung ins Ghetto, der Verlust des Eigentums, der Hunger und die entsetzlichen Ereignisse im Lager an der Psychose nicht Schuld seien.“ (Horkheimer, 1988, S. 426-429).

Das tragische Ende dieser Geschichte ist wohl „typisch deutsch“. Nach jahrelangem Gerichtsprozess wurde die von dem Rechtsanwalt Erich Cohn-Bendit (dem Vater Daniel Cohn-Bendits, R.K.) vertretene Klage gegen das Land Rheinland-Pfalz in zweiter Instanz abgewiesen. „Auf Initiative von Max Horkheimer beim Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz wurde daraufhin als Härteausgleich eine monatliche Rente von DM 250,- bewilligt. Diese Rente wurde dann zuletzt vom Landeswohlfahrtsverband Hessen als Kostenbeitrag für die psychiatrische Unterbringung vereinnahmt“ (Horkheimer, 1988, S. 431).

1955, dies sei noch nachgetragen, wurde Bettelheims englischsprachige Studie „Individual Autonomy and Mass Controls“ in dem von Theodor W. Adorno sowie Walter Dirks herausgegebenem Band „Sociologica“ aufgenommen; sie wurde für das deutschsprachige Publikum nicht übersetzt.

Sechs Jahre nach Übernahme der Leitung der Sonia Shankman Orthogenic School, im Jahre 1950, publizierte Bettelheim mit „Liebe allein genügt nicht“ sein erstes Buch; es wurde erst 1971 ins Deutsche übersetzt. Die Prägnanz seines Buchtitels und seiner pädagogischen Beschreibungen sowie das Ausmaß seines Einfühlungsvermögens trugen dazu bei, dass dieses Werk hierzulande bis heute als ein „Klassiker“ einer psychoanalytisch orientierten Pädagogik gilt. Hierbei sollte man sich in Erinnerung rufen, dass allein der Begriff der Psychoanalytischen Pädagogik seit deren  Vertreibung bzw. Auslöschung durch den Nationalsozialismus im deutschsprachigen Raum bis Mitte der 1960er Jahre vollständig unbekannt war (s. Kaufhold, 2001, S. 21-50, 2002a, 2003b).

Fünf Jahre später folgte mit dem Band „So können sie nicht leben“ (Bettelheim, 1955, dt. 1973) eine Fortschreibung seiner gemeinsam mit seinen MitarbeiterInnen gewonnenen milieutherapeutischen Erfahrungen. Bettelheim befindet sich noch in einer „Erprobungsphase“. Er stellt die Prinzipien seiner milieutherapeutischen Konzeption sowie seine entwicklungspsychologischen Prämissen vor und zeigt ihre pädagogischen Anwendungsfelder auf. Einige Zwischenüberschriften aus „Liebe allein genügt nicht“ mögen die Breite der pädagogischen Themen dieses Buches illustrieren: „Vom Traum zum Wachen“, „Die Zwischen­zeiten“, „Nahrung: das hervorragende Mittel zur Sozialisierung“, „Allein und in der Grup­pe“, „Im Badezimmer“ und „Schlafenszeiten“. Als Pädagoge vermag man in diesem Text vielfältige praxisrelevante Anregun­gen zu fin­den (vgl. Gerspach, 1994, .

In dieser Anfangsphase orientiert sich Bettelheim, die Loyalität zu Freud wahrend, sowohl inhaltlich als auch von der Diktion her im Rahmen „traditioneller“ psychoanalytischer Denkmodelle. Es ist eine Phase, in der er, die Lagererfahrungen sowie die Vertreibung aus seiner Wiener Heimat verarbeitend, sich schrittweise eine neue Basis, eine zweite Heimat aufzubauen versucht. Seine spürbare Loyalität zu seinen Wiener Wurzeln, zu Aichhorn, Anna Freud und Bernfeld, spiegelt sich in seinen Konzeptionen wider.

1954 (dt. 1955) weitete Bettelheim mit seiner anthropologischen Studie Symbolische Wunden seine wissenschaftliche Perspektive aus. Er verließ erstmals sein vertrautes milieutherapeutisches Terrain, ging „zu Freud zurück“. Bettelheim analysiert Initiationsriten von Urgesellschaften und beurteilt diese im Kontext eigener Beobachtungen in seiner Schule wie auch der relevanten ethnologischen Literatur. Bettelheim postuliert u.a. die Existenz eines Gebärneides des Mannes (vgl. Reich, 1994b). Für seine Anerkennung innerhalb der amerikanischen psychoanalytischen Zunft – Bettelheim war bekanntlich ein „Laienanalytiker“ – dürfte sich diese „Grenzüberschreitung“ nicht zwingend als vorteilhaft erwiesen haben.

1960 (dt. 1964) veröffentlichte der seinerzeit 57-jähriger Bettelheim die sozialpsychologische Studie Aufstand gegen die Masse. Er vereinigt hierin sieben Studien zur Krise des Individuums in der modernen Massengesellschaft. Ganz im Geiste der Freudschen kulturkritischen Schriften, in Erinnerung an seine Erfahrungen im nationalsozialistischen Staat, spricht Bettelheim in seiner Einleitung von „der Erörterung des Unbehagens an unserer Zivilisation“ (Bettelheim, 1964, S. 8 ) und sucht, als Reaktion auf dieses Unbehagen, für das Individuum in der heutigen Industriegesellschaft nach einer „völlig andersartigen Sicherheit (…), einer Sicherheit, die auf einem guten Leben beruht“ (ebd.). Bettelheim verwendet bereits den für ihn kennzeichnenden Stil, wenn er empfiehlt:

„Wenn dieses Kunststück fertiggebracht werden soll, dürfen Herz und Vernunft nicht länger voneinander getrennt bleiben. Arbeit und Kunst, Familie und Gesellschaft dürfen sich nicht mehr unabhängig voneinander entwickeln. Wir können uns nicht mehr mit einem Leben zufriedengeben, in dem die Argumente des Herzens der Vernunft fremd sind. Unser Herz muss die Welt der Vernunft kennen, und die Vernunft muss sich von einem wissenden Herzen leiten lassen“ (Bettelheim, 1964, S. 8).

In dem einführenden Kapitel versucht Bettelheim sein Verständnis bzgl. der Möglichkeiten und Grenzen der Psychoanalyse zu bestimmen. Man spürt, dass Bettelheim über seine bisherige Tätigkeit in seiner neuen amerikanischen Heimat nachsinnt und neue Aufgaben, Perspektiven sucht. Es ist zugleich ein sehr persönliches Buch, in dem er einige autobiographische Erfahrungen im Interesse eines geruhsamen Erkenntnisprozesses entfaltet. Bettelheim stellt offen seine schrittweise vollzogene Kritik einiger „traditioneller“ psychoanalytischer Konzepte  vor.

Ich möchte einige Passagen aus „Aufstand gegen die Masse“ wiedergeben: In der Mitte seines fünften Lebensjahrzehntes stehend, sinnt Bettelheim über seine Jugend in Wien, die „Welt meiner Eltern“ (Bettelheim, 1964, S. 42) nach. Er beschreibt seine „Suche nach Gewissheit“ (S. 12) angesichts einer sich radikal verändernden Welt sowie seine eigene Position in der kleinen Gruppe der psychoanalytisch-pädagogischen Pioniere Wiens. Er habe sich in seiner Jugend weder vorbehaltlos der sozialistischen Richtung – die von Siegfried Bernfeld sowie seinen Freunden Reich und Fenichel verkörpert wurde –, anzuschließen, hierin innere Sicherheit zu finden vermocht, noch denjenigen, die „sich in eine private Welt der Kunst, der Wissenschaft oder der Bohème“ (S. 13) zurückzogen:

„So sehr auch ich gewünscht hätte, in Gewissheit zu leben, fühlte ich mich doch außerstande, mich einer der beiden Seiten anzuschließen. Beide besaßen zu verschiedenen Zeiten eine gewisse Anziehungskraft auf mich, aber meistens glaubte ich doch, dass jede für sich nichts zu bieten habe. (…) Hin und wieder versuchte auch ich dem Problem zu entgehen, indem ich die Flucht ins Privatisieren antrat, wenn dieser Begriff auch damals noch unbekannt war. Ich verlegte mich auf eine Beschäftigung mit Literatur und Kunst und ein wenig auch mit Musik, während ich gleichzeitig enge Freundschaften pflegte. Für Kunst und Literatur hatte ich mich zwar schon eher interessiert als für Psychoanalyse und soziale Probleme, aber sie erwiesen sich als unbefriedigend, weil sie keine Antwort auf meine bohrende Frage nach dem besseren Menschen in einer besseren Gesellschaft gaben. Aber noch war ich nicht bereit, mich von ihnen zu trennen“ (S. 13f.).

Bettelheim zeichnet sein inneres Ringen im Wien der 1920er und 30er Jahre nach, welches ihn schrittweise zur Psychoanalyse – als Methode der Selbstreflexion und radikalen Selbsterkenntnis (vgl. Gottschalch, 2003) – führte:

„So wandte ich mich denn schließlich der Psychoanalyse mit größeren Erwartungen zu als der politischen Reform. (…) Ich wandte mich der Psychoanalyse teils aus persönlichen Gründen und teils deshalb zu, weil ich eine Lösung von Problemen suchte, die mir selbst Schwierigkeiten machten. Ich hatte im Anfang nicht die Absicht, die Psychoanalyse zu meinem Beruf zu machen, wenn ich auch erwartete, durch sie außer persönlichem Nutzen auch ein tieferes Verständnis der theoretischen, sozialen, philosophischen und ästhetischen Probleme zu gewinnen“ (S. 16).

Bettelheim beschreibt sein ambivalentes Verhältnis zur Psychoanalyse. In Folge einer schweren inneren Krise etwa im Jahre 1928, Schwierigkeiten in seiner Ehe sowie „der unmittelbaren Probleme, die durch meine depressiven Neigungen geschaffen wurden und die mein Handeln blockierten“ (Bettelheim, 1990, S. 119), suchte er Hilfe bei einem Analytiker – bei Richard Sterba, einem der ganz wenigen nicht-jüdischen Psychoanalytiker Wiens; dieser emigrierte 1938 gemeinsam mit Editha Sterba – obwohl sie nicht persönlich durch die Nazis bedroht waren – , aus Solidarität mit seinen jüdischen Kollegen über die Schweiz in die USA.

Bettelheim konstatiert, mit einem verhalten – resignativen Unterton:

„Trotzdem zweifelte ich bis zu meiner Inhaftierung nicht am Wert der Psychoanalyse im allgemeinen und meiner eigenen im besonderen. Ich war überzeugt, dass die Psychoanalyse in meinem Fall erreicht hatte, was mit ihr zu erreichen war. So hatte ich mich denn wohl oder übel damit abgefunden, als der Mensch zu leben, der ich war, und versuchte Gefallen daran zu finden“ (S. 18).

Bettelheim hat seine Inhaftierung in Dachau und Buchenwald immer als das furchtbarste, prägendste Trauma seines Lebens bezeichnet. Diese verstörenden Erfahrungen, die unzweifelhaft maßgeblich zu seinem tragischen Freitod beitrugen

(vgl. Kaufhold, 2001, S. 229-262, Fisher, 2003), stärkten seine Zweifel an dem umfassenden Nutzen der Psychoanalyse: Im Konzentrationslager wurde ihm die Erfahrung aufgenötigt, welchen mächtigen Einfluss äußere Lebensumstände auf die psychische Struktur des Einzelnen haben. Wenn er im Lager überleben wollte, musste er sich diesen radikal veränderten Lebensumständen in sehr weitgehender Weise anpassen (vgl. Federn, 1999, Kaufhold, 1999, 2001, 2003a):

„Meine Erlebnisse im Lager zeigten mir, ich möchte fast sagen, innerhalb weniger Tage, dass ich viel zu weit gegangen war, als ich glaubte, nur Veränderungen im Menschen könnten Veränderungen in der Gesellschaft hervorbringen. Ich musste einsehen, dass die Umwelt den Menschen in seiner Persönlichkeit sozusagen umkrempeln kann, und zwar nicht nur das kleine Kind, sondern auch den reifen Erwachsenen. (…) Die Psychoanalyse, wie ich sie kannte, war mir bei dieser überaus wichtigen Entscheidung keinerlei Hilfe. Das Erstaunlichste ist, dass die Psychoanalyse keinerlei Antwort auf die Frage hatte, wie ich die Lagerhaft überleben, und zwar halbwegs anständig überleben konnte (Bettelheim, 1964, S. 22).

Zwei Jahre später, 1962, erschienen Bettelheims „Gespräche mit Müttern“. Er versuchte nun, anhand der Protokolle seiner Gespräche mit Müttern gesunder Kinder, seine klinischen Erfahrungen auf eine allgemeinpädagogische Perspektive zu übertragen. Derartige Bemühungen können heute als ein „klassisches“ Feld einer Psychoanalyt­ischen Pädago­gik gelten, welche in Form von Erziehungsberatungsstellen sowie Balintgruppen eine Fortsetzung gefunden haben. Bettelheim möchte seinen Gesprächspartnern keine pädagogischen Ratschläge geben, sondern ihnen dabei behilflich sein, ihre „Grundeinstellung (…) gegenü­ber sich selbst als Eltern, gegenüber ihren Kindern und gegenüber Kinder­erziehung zu ver­ändern“ (Bettelheim, 1962, S. 13).

Nachdem Bettelheim Anfang der 1950er Jahre erstmals versuchsweise einige autistische Kinder in die Orthogenic School aufgenommen hatte ermöglichte es ihm die finanzielle Unterstützung der „Ford Foundation“, sich von 1956–1962 in der Orthogenic School auf die Untersuchung und Behandlung des frühkindlichen Autismus zu konzentrieren. Zusätzlich angeregt wurde er hierbei durch die Aufnahme eines Kindes, dessen Lebensgeschichte ihn eindringlich an seine Erfahrungen in den deutschen Konzentrationslagern erinnerte (Bettelheim, 1977, S. 7, S. 469–473, S. 490–494). 1967 (dt. 1977) publizierte Bettelheim sein vielleicht bedeutsamstes Werk: „Die Geburt des Selbs­t. The empty fortress.

Dieses von dem – kürzlich leider verstorbenen – Psychoanalytiker Jochen Stork herausgegebene und eingeleitete Werk hat in Deutschland, in auffallendem Gegensatz etwa zu Frankreich, nur wenig Rezeption gefunden bzw. ist wenig verstanden worden. Stork (1977) hat in seiner Einleitung in für mich überzeugender Weise formuliert: „Es ist ein Erlebnis, einem Buch zu begegnen, das in allen Teilen wahr ist und eine solche Humanität auss­trahlt“ (Stork, 1977, S. XII). Bettelheim insistiert darauf – obwohl er auch genetische Anteile bei der Entstehung des Autismus nicht in Abrede stellt – dass der frühkind­liche Autismus, ganz im Gegensatz zu der vorherrschenden psychiatrischen Lehrmeinung, keine unhe­ilbare organis­che Krankh­eit sei, sondern durch eine milieu­thera­peutische Betre­uung gebess­ert wer­den könne.

Über seine biographischen Motive für eine so schwierige und zeitaufwendige Arbeit wie die mit autistischen Kindern merkt Bettelheim an:

„Ich habe bereits gesagt, dass es häufig die Introspektion, die sehr persönliche Erfahrung ist, die zur Beobachtung und Forschung motiviert. Ein `Experiment´ wie die Behandlung autistischer Kinder beginnt nicht zufällig. Neben den vielen `wissenschaftlichen´ Gründen, die eine Untersuchung dieser einschneidenden Entwicklungshemmung so wichtig machen, entsprang mein Interesse auch einer persönlichen Neigung. Was mich als erstes verwirrte und mein Interesse für diese Kinder weckte, war die Tatsache, dass sie offenbar der Menschheit und der Gesellschaft vorsätzlich den Rücken kehren. Wenn ihre Erfahrung der Wirklichkeit dazu führte, dass sie diese völlig ablehnen, lag hier eine sehr wichtige Erkenntnis in bezug auf diese Wirklichkeit oder auf den Teil dieser Wirklichkeit, der jene Ablehnung auslöste“ (Bettelheim, 1977, S. 6).

Er erinnert an seine ersten „tastenden Bemühungen“ mit den adoptierten autistischen Mädchen in den Jahren 1931/32–1938, welche durch seine Verschleppung nach Dachau jäh abgebrochen wurden (s.o.), und stellt erneut eine Verbindung zu seinen Konzentrationslagererfahrungen her: Diese Extremerfahrung (sowie sein Leiden an der nur sehr begrenzten Wirksamkeit einer Arbeit mit autistischen Kindern im Rahmen einer familiären Behandlung, s.o.) „veranlasste (…) mich, mit – so hoffe ich – mehr Einsicht und größerem Einfühlungsvermögen meine frühere Aufgabe wieder in Angriff zu nehmen: die Aufgabe, ein Milieu zu schaffen, das der Wiederherstellung der Persönlichkeit dienlich sein könnte. (…) Seither ist es die Aufgabe meines Lebens gewesen, diese besondere Umgebung zu verbessern“ (Bettelheim, 1977, S. 9f., Hervorhebung R. K.). Gerade seine Arbeit mit autistischen Kindern hat Bettelheim mit äußerster Entschlossenheit und Unbeirrbarkeit vorangetrieben und sich durch keine Widrigkeiten oder gesellschaftlichen Feindschaften hiervon abhalten lassen (vgl. Aichhorn, 2003, Kaufhold, 2002a, 2003b, Maas, 2003).

In drei jeweils etwa 100 Seiten umfassenden Einzelfall­studien beschreibt Bettelheim in einer ver­ständlich­en, poe­tisch­en, gelegentlich lei­denschaftlichen und von starker Einfüh­lung in die subjek­tive Welt­sicht autistischer Kinder geprägten Sprache die jeweils mehrere Behandlungsjahre umfassende Entwickl­ung von drei autis­tischen Kindern.

Bettelheims Intention ist es, den Leser über seine gelegentlich dramatische Diktion an dem Prozess der Heilung teilnehmen zu lassen. Kern seiner Arbeit sei „nicht ein besonderes Wissen oder ein bestimmtes Verfahren, son­dern eine innere Einstellung zum Leben und zu den Menschen, die in den Le­benskampf ebenso verwickelt sind wie wir“ (Bettelheim, 1977, S. 13). Man vermag dem von seiner Umwelt entfr­emde­ten autistischen Kind nur dabei behilf­lich zu sein, „aus seiner Hölle heraufzu­steigen, wenn man zu ihm zu­nächst einm­al, in welchem Maße auch immer, hinabge­stie­gen ist“ ( S. 12). Vor übereil­tem päda­gogischen Handeln warnend, fügt Bettelheim hinzu:

„Bis zu einem gewi­ssen Grad bedeutet das immer einen Ab­stieg in die eigene Höl­le, ganz gleich, wie weit man diese hinter sich gelassen hat. Und bis zu einem gewissen Grad wird diese Kon­frontation, bei der man sich dem anderen anbietet, zur Konfrontation mit sich selbst“ (Bettelheim, 1977, S. 13).

Dennoch, nachdrücklich fordert Bettelheim: „Wir müssen dem Kind vor Augen führen, dass wir die ganze Sache – sogar in dieser seiner Hölle – gemeinsam in Angriff nehmen, denn allein ist es dazu nicht in der Lage“ (Bettelheim, 1977, S. 13).

Bettelheim legt in seinem Buch keine stringente Theorie vor, sondern versammelt eine große Anzahl von klinischen Beobachtungen, Hypothesen und Interpretationen. Wir erfahren viel und detailliertes über die Ängste, die Einsamkeit, die destruktiven Episoden dieser Kinder.

Stork thematisiert auch die „Anfeindungen (…), die wohl allen widerfahren, die sich mit diesen Themen beschäftigen“ und fügt hinzu: „Dass dieses in einer solch grausamen Weise erst nach seinem Tod geschah, als Reaktion auf seinen freiwilligen Schritt aus dem Leben, enthält eine erschütternde Tragik“ (Stork, 1994, S. 224, s. Stork, 1977, S. X).

1969 (dt. 1971) veröffentlichte Bettelheim seine Kibbuz-Studie „Die Kinder der Zukunft“ (engl.: “The children of the dream“). Hierin behandelt er aus historischer und empirischer Perspektive die Erziehungsform der Kollektiverziehung, wie sie in israelischen (seinerzeit: palästinensischen) Kibbuzim ab etwa 1913 realisiert wurde. Bettelheims persönlicher Hintergrund für die Abfassung dieser Studie bildeten seine eigenen Erfahrungen mit der Milieutherapie in den USA, seine Biographie als vertriebener Jude wie auch seine Erinnerungen an sein Wiener Engagement in der Jugendbewegung.

Bettelheims Studie erwuchs aus einem siebenwöchigen Studienaufenthalt in verschiedenen israelischen Kibbuzim, vor allem in „Atid“ (Synonym für den Kibbuz Ramat Yohanan), im Jahre 1964. Die Erfahrungen in Israel scheinen Bettelheim innerlich aufgewühlt zu haben – er publizierte sie erst fünf Jahre später.

Sein Buch, anfangs wohl nur für ein kleines Fachpublikum gedacht, fand unerwartetes Interesse: Von der aufbegehrenden, von utopischen Entwürfen inspirierten Studentenbewegung wurde die Kibbuzerziehung, so wie sie Bettelheim in „Die Kinder der Zukunft“  dokumentierte und analysierte, rasch als ein „Alternativmodell“ zu herkömmlichen Formen der „repressiven“, „sexualfeindlichen“ Kindererziehung idealisiert (vgl. Heinsohn, 1994). In Israel selbst hingegen entfachte es z. T. heftigste Kritik und Ablehnung (vgl. Edelist, 2003, Kaufhold, 2001, S. 185-192).

Bettelheim stellt hierin vorherrschende pädagogisch-psychoanalytische Grundannahmen – etwa bzgl. der entscheidenden Bedeutung der Eltern bzw. Mütter für das Aufwachsen von Säuglingen und Kleinkindern – in Frage bzw. modifiziert diese. So betrachtet er die frühe Trennung von Säuglingen von ihren Eltern nicht zwingend als schädlich. Das Aufwachsen in einer Gruppe von Gleichaltrigen sowie die gewährleistete Kontinuität der Zuwendung wirke sich keineswegs traumatisierend aus, sondern ermögliche das Heranwachsen einer wirklich neuen Generation.

Viele Kibbuz-Kinder verfügten über ein erstaunlich stabiles Identitätsgefühl, welches vor allem durch ein „kollektive(s) Über-Ich“ (ebd., S. 124) geprägt zu sein schien. Auffallend war für Bettelheim, dass diese israelischen Jugendlichen in sehr viel geringerem Maße unter neurotischen Schwierigkeiten litten als noch ihre Eltern – und erst recht als amerikanische Jugendliche. Andererseits glaubt Bettelheim eine Tendenz hin zur Konformität, eine gewisse emotionale Verflachung bei diesen israelischen Jugendlichen feststellen zu können (ebd., S. 263). Die Vorteile der israelischen Form der Gemeinschaftserziehung scheinen für Bettelheim jedoch zu überwiegen: „Mein Besuch überzeugte mich davon, dass dieses Erziehungssystem ebenso lebensfähig ist wie viele andere.“ (Bettelheim, 1971, S. 267).

Bettelheim hebt hervor: „Andererseits war ich tief beeindruckt von der rührenden Pflege, die die Kubbuzniks geistig zurückgebliebenen oder hirngeschädigten Kindern angedeihen lassen. Lehrer wie Metapelets nehmen alle erdenkliche Rücksicht und tun ihr möglichstes, um eine Einordnung dieser Kinder in das Kibbuzleben zu ermöglichen. (…) Ich möchte das ganz besonders hervorheben, weil es wirklich beeindruckend war, zu beobachten, wie liebevoll sie diese geschädigten Kinder und Erwachsenen in ihre Gemeinschaft aufnahmen“ (S. 250f.).

In Israel hatte Bettelheims Buch seinerzeit – verstärkt noch durch seine Unterstützung von Hannah Arendts Buch über den Eichmann-Prozess Anfang der 1960er Jahre – z. T. heftige Auseinandersetzungen hervorgerufen (Sutton, 1996, S. 457-478, Kaufhold, 1996, Krummacher, 1964).

Dass sich diese – aus israelischer Perspektive sehr verständliche – Aufregung um Bettelheims vorsichtiger Kritik an einzelnen Aspekten der Kibbuzerziehung heute in Israel gelegt hat, glaube ich nicht nur einigen neueren Publikationen aus Israel über Bettelheims damaligem Studienaufenthalt entnommen zu haben; es entspricht auch meinen eigenen Erfahrungen: Im Rahmen der traditionsreichen Beziehungen zwischen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und ihrer israelischen Partnerorganisation Histadrut Hamorim referierte ich Ende der 1990er Jahre in Israel  über Bettelheim. Unsere israelischen Kollegen, u.a. Dr. Zvi Karniel (Kibbuz Ramat Yohanan) und Dr. Avraham Rocheli – die beide Bettelheim seinerzeit in Israel erlebt hatten -, waren sehr fasziniert von Bettelheim und betonten, dass Bettelheim heute in Israel weitgehend anerkannt sei. In diesem Eindruck hat mich auch der Film über die Kibbuzerziehung bestärkt, der seinerzeit auf Anregung Bettelheims gedreht wurde und dessen Kommentar er selbst sprach.

Vier Jahre nach Erscheinen seiner Kibbuz-Studie, 1973, leitete Bettelheim auf Einladung eines ehemaligen Schülers in Israel noch einmal für drei Monate ein Seminar für Lehrerbildung. Er wurde herzlich empfangen. In einem Brief vom Januar 1973 an seine langjährige Lektorin Ruth Marquis schrieb er: „Israel ist aufregend, spannend, verwirrend und überwältigend wie das erste Mal. (…) Vieles hat sich verändert, und nicht immer zum Guten, obwohl es den Leuten viel besser geht als vorher. Ich habe noch einmal einen Tag in Ramat Yohanan verbracht, und ich glaube immer noch, dass der Kibbuz das Aufregendste in diesem Land ist“ (Sutton, 1996, S. 516). Bettelheim hatte endlich seinen so sehnlich erwünschten Frieden mit Israel gefunden.

Ich möchte an dieser Stelle zur Veranschaulichung von Bettelheims häufig Kontroversen auslösender Arbeitsmethode eine kleine Erinnerung wiedergeben, die von dem aus Deutschland gebürtigen amerikanischen Psychoanalytiker Peter Loewenberg stammt; dieser stand mit Bettelheim in freundschaftlichem Kontakt. In seinem Erinnerungstext „Der sozialpsychologisch-psychoanalytische Beitrag Bruno Bettelheims“ (Loewenberg, 2003) hat Loewenberg einige Kontroversen beschrieben, die Bettelheim auch in den USA immer wieder – bewusst! – evozierte, um seine eigene Position zu verdeutlichen und um trügerische Illusionen zu entlarven (vgl. Jost, 2003). Loewenberg führt aus:

„Unter den Stunden mit Bruno, die mir am deutlichsten in Erinnerung geblieben sind, waren jene, die ich in den UCLA Seminaren über Psycho-Geschichte und über Europäische Geschichte verbrachte, in denen er mit den Studenten sprach. Ob man ihm zustimmte oder nicht  – und ich tat es häufig nicht: eine intellektuelle Auseinandersetzung mit Bettelheim hinterließ bei mir immer die Erfahrung, ein neues Stück der Wirklichkeit erkannt und errungen zu haben. Er hatte eine machtvolle Art, auf kleingeistigen Fachjargon zu verzichten und gelangte dadurch zu Wahrheiten. Er stellt auch solch liberale Glaubenssätze wie Schulen als soziale Reformmittel zu gebrauchen oder die sentimentale Geisteshaltung Anne Franks in Frage.

Er wusste, wie man eine andere Seite, einen alternativen Blick darstellen und damit Reflexion und ein erweitertes Verständnis erzwingen kann (Loewenburg, 2003, S. 241).

1974, unmittelbar nach seinem schmerzhaften  Abschied von der Orthogenic School, schloss Bettelheim seine Studien zur Milieutherapie mit dem lange geplanten, voluminösen Werk „Der Weg aus dem Labyrinth. Leben lernen als Therapie“ (Bettelheim, 1974/dt. 1975) ab (vgl. Langhanky, 2003, Kaufhold, 2001, S. 192-196). Im ersten Kapitel stellt Bettelheim „Die Idee des psychiatrischen Krankenhauses“ vor; der zweite Abschnitt handelt vom Leben sowie der räumlichen Ausgestaltung der Orthogenic School; es folgen Reflexionen zur „Schaffung des therapeutischen Milieus“; den Abschluss bilden Gedanken über die Auswahl der Mitarbeiter sowie deren Motivationen und Kompetenzen.

Bettelheim eröffnet seine Studie mit einer Anklage gegen die lebensunwürdigen Zustände, in denen viele psychisch kranke Menschen leben müssen:

„Unsere Anstalten für Geisteskranke sind beschämende, eitrige Wunden der Gesellschaft, die ab und zu schockartig in das Bewusstsein der Öffentlichkeit einbrechen und schnell wieder vergessen werden, bevor sie unser Gewissen ernsthaft beunruhigen“ (Bettelheim, 1975, S. 9).

Bettelheim wendet seine Empörung jedoch in einer für ihn kennzeichnenden Weise sogleich in eine konstruktive Deutung über die menschliche Ambivalenz:

„Das alles kann nur mit der Zwiespältigkeit unserer Einstellung zu Geistesgestörten erklärt werden, deren Wurzel in unserer eigenen Angst vor der Geisteskrankheit liegt. Wir wollen, dass der geistig oder seelisch gestörte Mensch human behandelt wird, aber wir wollen auch, dass der Friede unserer Seele nicht durch Gedanken an psychische Krankheiten gestört wird. Die Art, in der solche Menschen zu existieren gezwungen sind, erschüttert uns. Wir können nicht so gut schlafen, wenn wir an ihr Schicksal denken, denn unsere Träume sind ihren Handlungen zu ähnlich“ (ebd.).

Es folgen Reflexionen zu der Bedeutung von „stummen Botschaften“ für die Behandlung. Bettelheim betont:

„Je gestörter ein Mensch ist, um so weniger glaubt er, was wir sagen, um so mißtrauischer ist er gegen das, was wir tun. (…) Da der Patient weiß, er lügt, um seine wahren Gefühle zu verbergen, ist er um so mehr davon überzeugt, dass er dem, was jemand anderes sagt, nicht wirklich trauen darf. Eher traut er unseren Handlungen und unserer Art, mit ihnen umzugehen. Am ehesten aber glaubt er dem, was er selbst mit eigenen Augen, durch Berührungen und vor allem durch eigenes Tun erlebt“ (Bettelheim, 1975, S. 105).

Bettelheim präzisiert die besonderen Anforderungen, die an die Mitarbeiter eines milieut­herapeu­tisch arbeitenden Projekts gestellt werden. Es wird spürb­ar, welche Härten diese auf sich nehmen müssen, wobei die Belastungen und Gefahren ihrer Tätigkeit von Bettelheim offen themati­siert werden. Zugleich zeigt Bettelheim jedoch auch auf, welchen bedeutsamen persönlichen Gewinn diese aus einer derart anstrengenden und belastenden Tä­tig­keit zu ziehen vermögen:

„Die erfolgreichsten Betreuer waren (…) diejenigen, die von Anfang an spürten, dass ihnen die Arbeit eine einzigartige Gelegenheit bot, einige ihrer eigenen Probleme zu lösen. Diese wussten, dass sie gezwungen sein würden, etwas in sich selbst durchzuarbeiten, um für ihre Patienten von größerem Nutzen zu sein. Der sicherste Hinweis auf die Eignung waren der tiefe Wunsch, persönliche Autonomie zu erreichen, und die Erkenntnis, dass dies möglich ist, indem man seine persönlichen Schwierigkeiten löst. Derjenige Mitarbeiter, der sich am ehrlichsten bemühte, sich selbst gegenüber wahrhaftig zu sein (…) war stets am besten geeignet, die gleichen Fähigkeiten bei den Patienten zu entwickeln“ (Bettelheim, 1975, S. 275f.).

Und Bettelheim fügt an einer anderen Stelle hinzu:

„Im Laufe der Jahre kamen wir zu dem Ergebnis, dass jeder Mitarbeiter, der wirklich erfolgreich schwerstgestörten Patienten helfen konnte, Erfahrungen hinter sich hatte, die aus irgendeinem Grund diese Art Arbeit für ihn so anziehend machte, dass er die damit verbundenen extremen Härten akzeptieren konnte. Wo andere vielleicht versagt hätten, konnte er helfen“ (Bettelheim, 1975, S. 15).

In seiner schmerzhaften, ihn zutiefst verunsichernden Abschiedsphase von der Orthogenic School – seinem Lebenswerk, welches seinem Leben „nach Dachau und Buchenwald“ einen existentiellen Sinn verliehen und zugleich das Phantasma seiner Überlebensschuld gemildert hatte (vgl. Kaufhold, 2001, S. 229-252, S. 262, Seevak-Sanders, 1993) – hatte Bettelheim, im Gegensatz zu seinen früheren Prinzipien, einem Fernsehteam des französischen Journalisten Daniel Karlin eine Dreherlaubnis für Aufnahmen in der Orthogenic School erteilt. Dessen vier Filme wurden seinerzeit im französischen Fernsehen zur besten Sendezeit ausgestrahlt und erregten (Stork, 1994, S. 225) in der französischen Öffentlichkeit großes Aufsehen. 1975 erschienen die verschriftlichten Gespräche zwischen Bettelheim, Karlin sowie einigen Patienten der Orthogenic School unter dem Titel „Liebe als Therapie“ (Bettelheim/Karlin 1975, dt. 1983). Wegen seiner Verständlichkeit und Sprachkraft ist dieses Büchlein dazu geeignet, auch interessierten Laien ein gewisses Verständnis für das Leben in der Orthogenic School zu vermitteln.

Bettelheims Entschluss, die Dreharbeiten zuzulassen, erlaubt erneut einen tiefen Einblick in seine durch seine tragische Biographie geprägte Arbeitsweise: Karlin, ein junger, talentierter Intellektueller, gehörte seinerzeit der Kommunistischen Partei Frankreichs an; er war Jude und das Enkelkind eines Deportierten. Als Karlin 1973 bei ihm um die Dreherlaubnis anfragte lehrte Bettelheim in Jerusalem (s.o.). Bettelheim sagte spontan zu. In seinem Nachwort zu ihrem Buch stellt Bettelheim seinen schwierigen, ihn existentiell berührenden Entscheidungsprozess dar:
„Fast ein Leben lang, fast dreißig Jahre lang, war die Schule der Mittelpunkt meines Daseins gewesen. Emotional fiel es mir schwer, sie zu verlassen. Als ich mit Daniel Karlin am Telefon sprach, kam mir plötzlich der Gedanke, dass eine Aufzeichnung meines Lebenswerkes, wie er sie vorhatte, diesem eine gewisse Kontinuität geben würde, und das erschien mir damals sehr verlockend. Ich stimmte rasch zu, weil ich wusste, wenn ich länger darüber nachdenken würde, würde ich nein sagen, wie ich es bisher immer getan hatte. Dass ich gegen meine gewohnten Überzeugungen verstieß, hängt auch damit zusammen, dass das Leben in Israel in mir wieder die Erinnerung an den Holocaust wachgerufen hatte, daran, wie er mein `erstes´ Leben ausgelöscht hatte, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Eine Wiederholung dieser Vernichtung dadurch zu unterbinden, dass ich eine visuelle Aufzeichnung meiner Arbeit durch einen Menschen erlaubte, der mir in seiner Haltung so aufrichtig zu sein schien, wie es nur möglich ist, schien mir auf einmal ein sehr verlockendes Ziel zu sein“ (Bettelheim/Karin, 1983, S. 241).

Ergänzend sei angemerkt, dass Karlin 16 Jahre später, unmittelbar vor Bettelheims Freitod, ein erschütterndes Interview mit Bettelheim veröffentlichte, in welchem dieser die Motive für seinen Freitod darlegte (Karlin, 1994).

Kinder brau­chen Märchen (1976/dt. 1977) wurde Bettelheims erfolgreichstes und populärstes Buch, welches ihm weltweit Ansehen verlieh. In ihm entfaltet er „als Erzieher und Therapeut“ (Bettelheim, 1977, S. 10) den erzie­herischen Sinn von Märchen. Es ist in einer lebendigen, allgemeinverständlichen Sprache verfasst, mit welcher er die Herzen der Leser unmittelbar ansprach. Aufgrund seines stilistischen Talents wurde Bettelheim nun auch in literaturwissenschaftlichen Kreisen intensiv rezipiert. Sein Märchenbuch wurde in den USA mit zwei Literaturpreisen – dem „National Book Award“ und dem „Book Circle Award“ – ausgezeichnet.


Bruno Bettelheim (l.), Dr. Peter Dettmering (m.) und Dr. Ottokar Graf von Wittgenstein (r.) auf dem 1985 von Prof. Jochen Stork
veranstalteten Symposium „Das Märchen – ein Märchen?“
© Psychosozial Verlag, Roland Kaufhold, Prof. Dr. Dr. Jochen Stork

In Märchen, führt Bettelheim aus, gehe es immer „um universelle menschliche Probleme“ (Bettelheim, 1977, S. 12); sie sprechen mittels der Kontrastie­rung in „gute“ und „böse“ Märchenfigu­ren „alle Ebenen der mensch­lichen Persönlichkeit gleichzeitig an“ (ebd., S. 11f.), so dass sie das noch unentwickelte Kind genauso wie den Erwachsenen erreichen. In Märchen kommen die schweren inneren Spannun­gen und Schwierigkeiten des Kindes so zum Ausdruck, dass es diese unbewusst ver­steht – und zugleich ein Beispiel dafür angeboten be­kommt, „wie bedrückende Schwierigkeiten vorübergehend oder dauer­haft gelöst werden können“ (ebd., S. 12). Indem das Kind als Reaktion auf seine unbewussten Spannungen über entsprechende Elemente aus Märchen „nachgrübelt, sie neu zusammen­setzt und darüber phanta­siert“ (ebd., S. 13), formt es unbewusste Inhalte zu bewussten Phantasien. Diese er­möglichen es ihm, sich mit diesen, für seine jetzige Si­tua­tion so bedeutsamen Inhalten auseinanderzu­setzen.

Aus biographischer Perspektive scheint es mir so, dass Bettelheim mit diesem anrührenden Buch an seine Wiener Kindheit anzuknüpfen, zu ihr zurückzukehren versucht. Er schlägt eine Brücke zwischen seinem „zweiten Leben“ in den USA und seinem „ersten Leben“ in Wien, aus dem ihn die Nazis vertrieben hatten. Es war der Versuch eines „Entwurzelten“, die Wunden des Holocaust zu lindern, die verbrecherische Vergangenheit sowohl individuell als auch gesellschaftlich zu „bearbeiten“.

Erziehung zum Überleben. Zur Psychologie der Extremsituation“ (1979, dt. 1980) ist eine vielgelesene Aufsatzsammlung, deren Themenspektrum von den aus Bettelheims Lagererfahrungen erwachsenen Studien zu einer Psychologie der Extremsituation (vgl. Federn, 1999a, Kaufhold, 2001, S. 68f., S.199-201, S. 253-262, Reich, 1993a, 1994a) bis hin zu allgemeinpädagogischen Fragestellungen reicht. Das Buch enthält auch seine 1942 verfasste, im Oktober 1943 publizierte Studie „Individuelles und Massenverhalten in Extremsituationen“ sowie seinen 1956 veröffentlichten Aufsatz Schizophrenie als Reaktion auf Extremsituationen“, mit welchem er seine eigenen Lagererfahrungen mit seiner Theorie des Autismus unmittelbar miteinander verknüpfte.

In dem Beitrag „Unbewusste Beiträge zur eigenen Vernichtung“ (Bettelheim, 1980, S. 247–251) versucht Bettelheim leidenschaftlich gegen alle bewussten und unbewussten Versuchungen „anzuschreiben“, sich von den Folgewirkungen der Destruktion, der er und schrecklich viele Andere wehrlos ausgesetzt waren, überwältigen zu lassen. Bettelheim versucht herauszufinden, welche Beziehung wir heute zwischen unserer eigenen Person und den Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen herzustellen vermögen. Er führt aus:

„Als ich den Aufsatz `Individuelles und Massenverhalten in Extremsituationen´ schrieb und veröffentlichte, wollte ich damit eine weiter verbreitete Kenntnis fördern – nicht so sehr der abscheulichen Misshandlungen von Insassen der deutschen Konzentrationslager, sondern vielmehr der Gründe, die zu dieser Behandlung führten. (…) Übereinstimmend mit dem, was oben gesagt wurde, war das Schreiben des besagten Aufsatzes ein Versuch, etwas mit meiner Erfahrung anzufangen. (…) Dazuhin war das Schreiben über diese Dinge auch unbewusst ein Versuch, meine Erlebnisse dadurch beiseite zu legen, dass ich mich von ihnen distanzierte und intellektuelle Herrschaft über sie gewann. Dazu war jedoch mehr nötig als ein bloßer Erlebnisbericht. Es erforderte ein umfassendes Integrationsbemühen, das, was mir und vielen anderen zugestoßen war, einigermaßen zu verstehen und meine Leser zum Handeln anzustacheln in Richtung darauf, die Wiederholung dieser Geschehnisse zu verhindern“ (Bettelheim, 1980, S. 247–249).

1981 (dt. 1982) publizierte Bettelheim gemeinsam mit seiner langjährigen Kollegin Karen Zelan „Kinder brauchen Bücher: Lesen lernen durch Faszination“. Es ist eine psychologische Studie zu den in den USA seinerzeit vorherrschenden Lesefibeln sowie zugleich ein Versuch, seine bereits an der Orthogenic School erworbenen Erfahrungen zu einem psychodynamischen, den Beziehungsaspekt des Lernens berücksichtigenden Verständnis von Leseschwierigkeiten auf Schulanfänger zu übertragen (s. Mauthe-Schonig, 1996, Kaufhold, 2001, S. 201f., S. 224-228). Inhaltlich schließt Bettelheim an sein Märchenbuch an.

Welche Rahmenbedingungen und pädagogischen Methoden wirken sich vorteilhaft auf den Leselernprozess von Schulneulingen aus? Bettelheim hebt die Vorbildfunktion der Lehrers, der Eltern hervor: Kinder werden am ehesten zum Lesen motiviert, wenn sie erleben, dass das Lesen für Erwachsene, insbesondere für ihre Eltern, wirklich bedeutungsvoll ist.

Mit seinem kraftvollen, ganz von Freuds skeptisch-radikaler Kulturkritik durchdrungenem Essay „Freud und die Seele des Menschen“ (Bettelheim, 1979, dt. 1980) geht Bettelheim noch einmal „zurück zu Freud“: Der 1939 in die USA emigrierte Bettelheim weist an­hand zahlreic­her Beispiele die durch Übersetzungsfehler begün­stig­ten groben Verfälschu­ngen des humanistisch-aufklärerischen Gehalts der Freu­dschen Lehre in den USA nach. Ger­ade Freuds poetische Spra­che – für Bettelheim in seinen eigenen Wer­ken ein Vorbild – ermöglicht es dem Leser, sich nicht nur intellektuell, sondern auch emotional auf die Psy­choanalyse einz­ulas­sen. Bettelheim betont:

„Nur wenn man Freuds Schriften auf beiden Ebenen (auf der bewussten wie auch der unbe­wussten Ebene, R. K.) begreift, ist es möglich, sie ganz und gar zu erfassen, in all ihrer Subtilität und Fülle, und das ist entscheidend für ein richtiges Ver­ständnis der Psychoanalyse“ (Bettelheim, 1980, S. 20).

Bettelheim, der Freuds Konzept des Todestriebes – auch noch in seinem letzten Gespräch mit seinem engen Freund und Kollegen Rudolf Ekstein http://www.hagalil.com/2008/12/ekstein.htm (Bettelheim/Ekstein 1994, Ekstein, 1994) – stets vehement verteidigt hat, führt aus:

Foto: Rudolf Ekstein, © Psychosozial Verlag & Roland Kaufhold

„Die Tatsache, dass wir uns der tra­gischen Grenzen gewahr sind, die unserem Dasein durch uns­ere Ster­blichkeit und unsere zerstörerische Natur gesetzt sind, veranlasst uns dazu, uns zu wünschen, dass wir nach uns das Leben weitergehen sehen. Die Kenntnis der dunklen Seiten des Lebens macht uns eindringlich bewusst, wie notwendig es ist, dass wir denen, die wir lieben, und denen, die nach uns kommen – nicht nur unseren eigenen Kindern, sondern der nächsten Generation ins­gesamt –, ein besseres Leben sichern. (…) Die Liebe zu anderen – das Wirken des ewigen Eros – findet ihren Ausdruck in den Be­zie­hungen, die wir mit denen gestalten, die uns wichtig sind, wie auch in dem, was wir unterneh­men, um ihnen ein besseres Leben, eine bessere Welt zu schaffen. Das Ziel ist nicht ein unmögliches Utop­ia, wo es kein Unbehagen in der Kultur mehr gibt, sondern eine Kultur, die immer mehr den Preis des Unbehagens rechtfertigt, den wir für die Vorteile zahlen, die sie uns gewährt. Ein gutes Leben ist Freuds Ansicht nach ein Leben, das sinnvoll ist durch die dauerhaften, uns aufrechterhaltenden, wechselseitig befrie­digenden Beziehungen, die wir mit denen, die wir lieben, aufzubauen vermö­gen, und durch die Befriedigung, die wir aus dem Wissen ziehen, dass wir eine Arbeit tun, die uns und anderen zu einem besseren Leben verhilft. Ein gutes Leben leugnet weder seine realen und oft schmerzh­aften Schwierig­keiten noch die dunklen Seiten unserer Psyche; es ist vielmehr ein Leben, das es unseren Nöten nicht gestattet, uns in Ver­zweiflung zu stürzen, und das es unseren dunklen Trieben nicht er­laubt, uns in ihre chaotische und oft zerstörerische Bahn zu ziehen“ (1980, S. 124f.).

Zu der Resonanz, welche dieser »jewel of an essay« (Fisher, 2003) hervorgerufen hat, bemerkte Bettelheim 1987 auf der österreichischen Konferenz „Vertriebene Vernunft“:

„Es hat mir große Freude bereitet, dass zum Beispiel zwei Nobelpreisgewinner – (…) und außerdem der Mathematiker, der derzeit den Newtonien Lehrstuhl für Mathematik innehat – mir spontan geschrieben haben, dass meine Darlegung, was Freud wirklich gemeint hat, ihnen zum ersten Male erlaubte zu verstehen, wie groß die Bedeutung der Freudschen Lehre für unsere gesamte Kultur ist. Das kann man wohl auch als einen kleinen Beitrag der Emigration zum Verständnis der Psychoanalyse in Amerika betrachten“ (Bettelheim, 1988, S. 220).

84-jährig veröffentlichte Bettelheim mit „Ein Leben für Kinder. Erziehung in unserer Zeit sein pädagogisches „Alterswerk“ (Bettelheim, 1987, dt. 1987). In 29 glänzend formulierten Essays schreibt Bettelheim über Schulleistungen und Disziplin, die Sinnlosigkeit von Strafen und Motive von Kindern, über Empathie und über die Notwendigkeit für den Pädagogen, seine eigene Lebensgeschichte zu erforschen. Einen weiteren Schwerpunkt bilden anthropologisch, entwicklungspsychologisch und psychoanalytisch fundierte Reflexionen über die Entwicklung von Identität, veranschaulicht am kindlichen Spiel und Sport. Abschließend analysiert Bettelheim, nicht frei von nostalgischem Unterton, die im Verlauf der letzten Jahrhunderte wechselnden Aufgaben und Funktionen der Familie sowie die Rolle des seinen Platz suchenden Kindes. Man spürt, dass Bettelheim nun seinen Platz gefunden hat, sich nicht mehr in heftige Auseinandersetzungen verwickeln lässt (vgl. Kaufhold, 2001, S. 205-212, Gottschalch, 2003).

Bettelheim betont, dass die Taten des Erwachsenen entscheidend sind und nicht seine Worte. Das Kind spürt, wenn seine Eltern sich mit ihm beschäftigen und wirkliches Interesse an ihm haben – was sie hierbei für Motive vorschieben, ist letztend­lich belanglos. Wenn sie dagegen pädagogisch auf ihr Kind einwir­ken wollen, oder auch überängstlich sind, so spürt es nur diese Angst (die es verunsichert) und die Ablehnung seiner persönlichen Weltsicht und damit seiner Person.

In dem bedrückend-aktuellen Essay `Wenn Eltern aus ihrem Leben erzählen´ entfaltet der Holocaust-Überlebende noch einmal die scheinbar ausweglose Aufgabe des Überlebenden, seine eigenen traumatischen Erfahrungen in angemessener Weise an seine Kinder und Enkel weiterzugeben. Sein Kind spürt, dass etwas zwischen ihm und seinen Eltern steht, so dass es hierdurch unruhig und unsicher wird. Bettelheim merkt an:

`Wenn die Eltern, um ihr Kind zu schützen, mit ihm nicht über den Holo­caust reden – über dessen Bedeutung kein Kind eines Überlebenden völlig ahnungslos ist -, interpretiert das Kind dieses Schweigen dahin­gehend, dass seine Eltern es vor der wichtigsten Periode ihres Lebens auss­chließen wollen – und es wird sich wundern und sich den Kopf darü­ber zerbrechen. (…) So schweigen die Eltern über einen wichtigen Teil ihrer Vergangenheit, um ihr Kind zu schützen, während das Kind wahrscheinlich meint, sie hielten es dieses Vertrau­ens nicht für würdig. Um sich dafür zu rächen, versucht es dann vielleicht seinerseits, wichtige Aspekte seines Lebens vor ihnen geheimzuhalten“ (Bettelheim, 1987, S. 155).

Wenn sie dagegen mit ihrem Kind über ihre furcht­baren Erlebnisse sprechen, wird dem Kind auf jeden Fall bewusst werden, wie viel besser es ihm im Leben geht – so glaubt es viel­leicht, seine Eltern hierfür entschädigen zu müssen, was unmöglich ist. Wenn es seine Eltern betrübt, bekommt es ein schlechtes Gewissen. Wenn sie ihrem Kind zu einem falschen Zeitpunkt von ihren Erlebnissen erzählen, glaubt das Kind durch seine egozentrischen Weltsicht vielleicht sogar, sie seien neidisch auf sein gutes Leben oder wollten es für schlec­htes Benehmen mit diesen schlimmen Erzählungen bestrafen.

In weiteren Essays betont Bettelheim die Dualität der menschlichen und animalischen Natur. Es sei schädlich, die kindlichen Aggressionen zu unterdrücken und mit Schuld zu beladen. Durch ein aggressionsfeindliches, repressives Über-Ich werden die destruktiven Kräfte der Kinder nur verdrängt, ins Unbewusste zurückgestoßen, so dass sie durch ihre Anhäufung um so gefährlicher, zerstörerischer und unkontrollierbarer wirken. Es sei wich­tig, dass Kinder ihre Aggressionen symbolisch ausag­ieren dürfen, ein Ventil für sie finden.

Unmittelbar vor seinem tragischen Freitod am 13. März 1990 erlebte Bettelheim noch das Erscheinen seiner letzten, sehr persönlich gehaltenen Studie „Themen meines Lebens. Essays über Psychoanalyse, Kindererziehung und das jüdische Schicksal“ – sein Vermächtnis. In diesem stark autobiographisch getönten Essayband spiegelt sich noch einmal die Breite seines pädagogischen und wissenschaft­lichen Engagements wieder. Hierin findet sich der bereits im autobiographischen Teil dieser Studie erwähnte anrührende Essay „Wie ich zur Psychoanalyse kam“, in dem er seine Eifersucht auf Otto Fenichel analysiert, welche ihn „für ewig“ an die Psychoanalyse binden sollte. Im gleichen Essay erinnert Bettelheim an sein erstes Treffen mit einem psychotischen Jungen namens Fränzchen, welchen er wohl 1929 während seiner eigenen Analyse bei Richard Sterba im Wartezimmer von Editha Sterba traf. Dieser weckte in ihm sein Interesse für die kindliche Psychose und lehrte ihn zugleich, die Zeitlosigkeit des Unbewussten zu respektieren. In dem Kapitel „Zwei Freud-Porträts“ kritisiert Bettelheim vehement die Freud-Biographie von Ernest Jones; ganz im Gegensatz zur schmalen Freud-Biographie von Erich Fromm. Es finden sich anrührend-nostalgische Erinnerungen an „sein“ Wien, wie auch an die ihn am nachhaltigsten prägenden Bücher seiner Jugend.

Besonderer Erwähnung verdient das abschließende Kapitel „Über Juden und die Lager“. Er erinnert sich eines Besuchs in Dachau, welchen er bereits 1955 unternahm. In eindrücklicher, moralfreier Weise entfaltet er seine zutiefst ambivalenten Gefühle und Erfahrungen bei seiner Begegnung mit Deutschen sowie bei seinem Wiedertreffen mit Dachau, dem Ort seiner systematischen Entwürdigung durch die deutschen Nazis. Die Vergangenheit kann jedoch nicht konserviert, aus dem Strom der Geschichte herausgenommen werden: „Also war das eine Lektion, die ich lernte: dass man kein Mahnmal der Verkommenheit eines Systems errichten kann, indem man die Gräber seiner Opfer sorgfältig pflegt (…) Dem, was man selbst erlitten hat und andere ebenfalls, kann nur abgeholfen werden, indem man lebt und handelt“ (1990, S. 258, Hervorhebung R. K.). Bereits 1955 formuliert Bettelheim:

„Mit aller Kraft wendet sich das heutige Deutschland von der Vergangen­heit ab und widmet sich wie besessen dem Aufbau der Gegenwart und Zu­kunft. Ja, die Deutschen tun es mit dem Willen und einer Kraft, als müss­ten sie die Vergangenheit einschließlich Dachaus verdecken, verges­sen und ungeschehen machen. Bis jetzt offenbart sich nur wilde Aktivi­tät. Wird sie in eine bessere Zukunft führen?“ (Bettelheim, 1990, S. 260)

In dem abschließenden Essay „Befreiung vom Gettodenken“ setzt sich der Jude Bettelheim noch einmal mit der oft gestellten Frage auseinander: Warum haben sich scheinbar so wenig Juden gegen ihre so eigenen Vernichtung gewehrt? Bettelheim versucht dies mit dem traditionellen „Gettodenken“ zu er­klären: Die jahrhundertelange Einschließung in Gettos habe zu Träg­heit geführt, das Festhalten am gewohnten alltäglichen Lebensablauf, an religiösen Ritualen, Berufsausübung und Besitzstand schien in einer unsicheren Welt Sicherheit zu bieten.

Bettelheim sieht das „Gettodenken“ keineswegs auf die Juden beschränkt. Er warnt: „Wenn wir nicht aufpassen, wird sich die abendländische Welt der Weißen, die bereits eine Minorität der Menschheit darstellt, mit Hilfe der sogenannten Abschreckung in ihrem eigenen Getto einmauern. Viele denken daran, sich hinter einem derartigen Schutzgürtel – der auch einengt – in ihre Bunker zurückzuziehen. Wie den Juden, die im Osten selbst nach der Ankunft der Nazis in ihren Gettos blieben, scheint auch uns nur wichtig zu sein, dass die Geschäfte in unserem großen Shtetl florieren, und die übrige Welt ist uns gleichgültig“ (S. 290).

Einige Monate später, am 13. März 1990, fand man Bettelheim in seiner Wohnung tot auf. Die Art seines Selbstmords – er hatte sich eine Plastiktüte über den Kopf gezogen – symbolisierte einen Zustand der Einsamkeit, aus dem Bettelheim die Kinder seiner Orthogenic School zu befreien versucht hatte.

Über die Gründe für diesen letzten Schritt hat sich Bettelheim geäußert, und es ist hinreichend hierüber geschrieben worden (in Kaufhold, 1994, 2001, Fisher, 2003).

Was uns bleibt, ist, ihn als Teil seines Lebens zu respektieren.

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Diese Studie ist zuvor in der Zeitschrift Kinderanalyse, 11. Jg.,  H. 3/2003, S. 218 – 253 erschienen und wurde von Roland Kaufhold für haGalil überarbeitet. Wir danken der Redaktion, Frau Heidi Zimmermann-Günter sowie dem Verlag Klett-Cotta herzlich für die freundlich erteilte Nachdruckgenehmigung.

Von Roland Kaufhold sind anlässlich des 20. Todestages Bruno Bettelheims soeben folgende Beiträge in Zeitschriften erschienen:

Roland Kaufhold: Vor 20 Jahren starb Bruno Bettelheim, in: Tribüne Heft 193, 49. Jg., Nr. 1/2010, S. 62-66.
Roland Kaufhold: Ein streitbarer Psychoanalytiker und Pädagoge. Vor 20 Jahren starb Bruno Bettelheim, in: Jüdische Allgemeine, 11. März 2010.

Dokument online:
Ausbürgerungsantrag der Geheimen Staatspolizei gegen Bruno Bettelheim
Quelle: Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, Archivband R 99893 (Ausbürgerungen, 200. Liste). Wir danken für die Genehmigung zur Veröffentlichung, sowie bei Herrn Andreas Peglau, Berlin, für den Hinweis auf das Dokument.

  1. In den „Geheimen Rundbriefen“ von Fenichel ist nachzulesen, wie dieser die Bedeutung von Bettelheims erster Konzentrationslagerstudie „Individual and Mass Behavior in Extreme Situations“ (1942) – die erste psychologische Studie zu den deutschen Konzentrationslagern – bereits im Jahre 1945 (!) erkannte. Fenichel bemerkte „about a very interesting paper by Bettelheim“: „The author’s conclusion is: What thus happens in an extreme fashion to the prisoners in concentration camps, also, in a somewhat less exaggerated form, happens to the inhabitants of the great concentration camp called Greater Germany.“ Und Fenichel fügte hinzu: „I should like to add that Bettelheim’s paper is not only moving because of its contents but is an excellent piece of psychological work, very stimulating, and in need of discussion by `sociologically oriented analysts´“ (Reichmayr/Mühlleitner 1998, Bd. I, S. 143f.). []
  2. Diese Briefe waren z.T. auf englisch verfasst und wurden für die Buchpublikation sowohl im Original als auch, anschließend, in einer deutschsprachigen Übersetzung dokumentiert. []
  3. Der Arzt und Therapeut Christian Pross hatte hierzu in seinem Klassiker „Kleinkrieg gegen die Opfer“ ausgeführt: „In den gutachterlichen Beurteilungen vieler sog. deutscher Sachverständiger, Amtsärzte und Medizinaldezernenten … kommt den ärztlich feststellbaren Befunden ‚keine Überzeugungskraft‘ zu, und falls die schwerwiegenden Gesundheitsschäden sich vorwiegend im seelisch-nervösen Bereich befinden, fehlt ihnen ‚die organische Würde‘, wie in einem deutschen Gegengutachten wörtlich geschrieben steht. Tatsächlich lesen sich manche gutachterlichen Urteile solcher ‚Sachverständigen‘ wie Schreibübungen ehemaliger KZ-Wächter, und nicht wenige von ihnen waren höchstwahrscheinlich einst Nazis oder sind es im Innern noch immer. … Auch in den Wiedergutmachungsverfahren und noch heute befinden sich die von tiefem Leid und innerem Leiden so hart Betroffenen auf der Opferseite. Für ihr Leid und Leiden nach dem Überleben im KZ oder im verborgenen Keller eines polnischen Bauernhauses haben die von Pross und mir genannten sog. Sachverständigen kein Verständnis, des öfteren allerdings Hohn und Spott. Daß die Überlebenden – den Tod der eigenen Eltern, den Verfolgungstod ihrer Kinder, der Geschwister, fast aller Freunde und nahen Menschen ständig im Bewußtsein, nach dem Verlust ihrer sozialen und wirtschaftlichen Position, ihrer ehemaligen Wirkungsstätte und ihres damit verbundenen inneren Seins -, daß sie leiden, zumeist ein ganzes Leben lang, ist jenen ‚Sachverständigen‘ nicht beizubringen. Daß die Schrecken der Lager lebenslang nachwirken, bestreiten sie“ (nach van Gelder, 2000)
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3 Kommentare zu “Bruno Bettelheim (1903 – 2003): Frühe biographische Wurzeln in Wien und sein psychoanalytisch – pädagogisches Werk

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