Von T.A. nach L.A. und zurück

Die wunderbare Welt der alten Busstation in Tel-Aviv…

Von Benjamin Rosendahl

Haiti Jored ba Tachana Ha-Jeshana…

„Ich bin dann in der alten Busstation ausgestiegen
Dort war die Zeit stehengeblieben
Ob Sonnenschein oder Regen
Sie ist immer eine andere Welt gewesen“

(Teapacks: „Ha Tachana ha-Jeshana“/ “die alte Busstation”, Text frei von mir übersetzt)

Hektik

Tel-Aviv ist eine Stadt, die nie schläft, die nie ruht. Wenn ich in meiner Wohnung sitze, höre ich rund um die Uhr die Aktivitäten: Schreiende Händler, Handys, hupende Autos, Motivationsmusik vom Fitnesscenter, und Diskussionen, Debatten, die nie enden, bis spät in die Nacht.

Auch selbst habe ich den pulsierenden Lifestyle verinnerlicht, laufe von einem Ort zum anderen, bin ungeduldig, ständig am Kaffeetrinken, ständig am Diskutieren, ständig – das Tel-Aviver Leben leben. Hier, wo man bis in die Nacht arbeitet und sich dann um 1 Uhr nachts auf einen Kaffee mit Freunden trifft (der für 9 Uhr früh geplant war). Hier, wo einem am Tag die Sonne auf den Kopf brennt und die Hitze auch in der Nacht nicht nachlässt. Wo es nie ruhig wird.

Chalas. Genug. Ich brauche etwas Erholung – auf zur alten Busstation. Zur „Tachana ha-Jeshana.“

Die alte Busstation

Die „Tachana ha-Jeshana“ war wirklich so wie im Lied von Teapacks – eine andere Welt. Es war die einzige Hauptbusstation in Tel-Aviv: Man wartete unter freiem Himmel auf die Busse, während man gemütlich Shesh-Besh (Backgammon) spielte, im Straßencafé an der Busstation Wasserpfeife rauchte oder Sachleb trank. Zeit spielte hier –im Gegensatz zum Rest Tel-Avivs- nie eine Rolle. Bus verpasst? Der nächste wird schon kommen.

Die Einwohner der Gegend waren die Peripherie Israels – Juden aus Nordafrika und dem Nahen Osten, deren Kultur dem Establishment, den europäischen Juden, immer fremd war. Nur von der „Tachana ha-Jeshana“ konnte man die Musik des Nahen Ostens hören, die Gewürze aus Ägypten und Yemen riechen – und die Spezialitäten essen. Und alles mit viel Ruhe und Geduld.

Ruhe…

Ich atme tief ein. Nur zehn Minuten bin ich zu Fuß gegangen, aber in einer ganz anderen Welt angekommen. Egal, was ich essen oder trinken werde – es wird nicht im Stehen, sondern im Sitzen sein. Meine Uhr werde ich nicht einmal im Augenwinkel betrachten. Und das Handy: Es soll klingen. Ohne mich. Ahh, endlich angekommen. „Ein Milchkaffee, bitte…“

Die alte und die neue Busstation

Inzwischen hat sich einiges geändert: Busse halten schon seit langem hier nicht mehr. Stattdessen gibt es eine neue Zentralbusstation – innerhalb eines monströsen sechsstöckigen Gebäudes, wo es genauso hektisch wie überall in Tel-Aviv zugeht: Techno-Musik aus den Geschäften, lautes Geschreie und Gedränge: Ja nicht den Bus verpassen.

Eines ist doch geblieben: Die Ruhe und Geduld der „Tachana ha-Jeshana“. Denn obwohl es die Busstation nicht mehr gibt – die Cafes und kleinen Läden sind geblieben. Hier ist die Zeit immer noch stehengeblieben, es wird immer noch im Sitzen getrunken, und Zeitdruck ist ein Fremdwort. Eine andere Welt…

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„Die Rechnung bitte…“

Die Sonne geht langsam unter. Ich muss zurück in die wahre Welt, ins hektische Tel-Aviv. Den Kaffee sippe ich noch schnell zu Ende. Ein letzter tiefer Atemzug.

Früher, da bin ich immer an der „Tachana ha-Jeshana“ ausgestiegen:

Haiti Jored ba Tachana Ha-Jeshana…

Erschienen bei: Zeitjung v. 27.11.2009

http://www.youtube.com/watch?v=X_ZTR5_N4Wg