Zum psychoanalytischen Verständnis von Faschismus und Antisemitismus

Bereits in den Jahren von 1920 – 1950 haben mehrere namhafte Psychoanalytiker, auch unter Bezugnahme auf Studien Sigmund Freuds, wegweisende psychoanalytische Theorien zum Antisemitismus publiziert. Zu nennen sind vor allem Bruno Bettelheim, Otto Fenichel, Ernst Simmel, Erik Homburger Erikson und Rudolf Loewenstein…

Von Roland Kaufhold

Alle genannten Psychoanalytiker waren Juden und erlebten das Schicksal der antisemitischen Verfolgung und Vertreibung am eigenen Leibe. Sie wuchsen in Europa auf und emigrierten in die USA – weil sie Juden waren. Dort, in ihrer zweiten Heimat, erlangten sie internationales Ansehen, Anerkennung. Ihre psychoanalytischen Beobachtungen und Erkenntnisse über den Antisemitismus gelangten in einem „Kulturtransfer“ (Bruno Bettelheim, 1987) von Europa in die USA – und Jahrzehnte später wieder zurück nach Europa. Der in Los Angeles lebende Psychoanalytiker David James Fisher, ein Analysand Rudolf Ekstein und Freund Bruno Bettelheims in dessen letzten Lebensjahren (Fisher 2003), analysiert die wichtigsten, in den USA publizierten theoretischen Studien dieser fünf Autoren zu einem psychoanalytischen Verständnis von Faschismus und Antisemitismus.

[English Version]

Zum psychoanalytischen Verständnis von Faschismus und Antisemitismus
Wahrnehmungen aus den 1940er Jahren: Otto Fenichel, Ernst Simmel, Erik Homburger Erikson, Rudolf Loewenstein und Bruno Bettelheim

In Erinnerung an Bruno Bettelheim

von David James Fisher (Los Angeles)

Der britische Historiker E. H. Carr behauptete, dass alle Geschichte zeitgenössische Geschichte sei. Kein Historiker könne seiner eigenen Gegenwart entkommen; jeder sehe die Vergangenheit unvermeidbar aus dieser Perspektive, das heißt mit den Ängsten und Wünschen der Gegenwart. Historiker dokumentieren und bewerten die Vergangenheit gebrochen durch die Zwänge ihrer aktuellen Lebenslagen (Carr 1963). An der 100-jährigen Geschichte der Psychoanalyse zeigen sich genau die von Carr erwähnten Probleme. Was ausgewählt oder ausgelassen, betont oder vernachlässigt, gestützt oder widerlegt wird, all dies fordert die aktuellen Interessen des Historikers heraus und wie er die Gegenwart bewusst oder unbewusst wahrnimmt. Auch kann die ideologische Zugehörigkeit des Historikers, vielleicht am besten als theoretische und methodologische Loyalitäten verstanden, nicht ausgeklammert werden, wenn es um die Art seines Zugangs zur Vergangenheit geht.

Freud hinterließ eine Reihe gehaltvoller Bemerkungen über den Antisemitismus und den deutschen Faschismus (vgl. Kaufhold, Wirth 2006). Als er von den Bücherverbrennungen der Nazis im Mai 1933 erfuhr, einschließlich der Vernichtung seiner eigenen Texte, bemerkte er: »Was wir für Fortschritte machen! Im Mittelalter hätten sie mich verbrannt, heutzutage begnügen sie sich damit, meine Bücher zu verbrennen« (Jones 1960, S. 218). Im Juni 1938, nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich, wurde der 82-jährige Freud genötigt, um ein Ausreisevisum zu erhalten, ein Dokument zu unterschreiben; er bat darum, einen Satz zu dem Affidavit hinzufügen zu dürfen: »Ich kann die Gestapo jedermann aufs beste empfehlen« (a. a. O. S. 268).

Freud nahm an, dass Antisemitismus und Kastrationsangst im unbewussten Gedankenprozess ganz eng miteinander verbunden seien: »Der Kastrationskomplex ist die tiefste unbewusste Wurzel des Antisemitismus; denn selbst Kindergarten-Buben hören, dass ein Jude etwas von seinem Penis abgeschnitten wurde – ein Stück seines Penis, denken sie – und das gibt ihnen das Recht, Juden zu verachten« (Freud 1909 (1999), S. 271).

Freud vermittelt uns einen energischen, aber ironischen Anti-Nazissmus. Er sah die Nazis als barbarisch an, verurteilte ihre politischen Maßnahmen und Ansichten als Ausdruck von Regression zu überholten mittelalterlichen Vorstellungen, die ein Wiederaufleben der alten Pogrommentalität bedeuteten. Es gibt allerdings keine durchgehaltene theoretische oder klinische Analyse des Antisemitismus bei Freud, lediglich unvollständige und abstrakte Vermutungen. Nie hat er ein systematisches Verständnis der modernen Potentiale zur Massenvernichtung in den deutschen und rassistischen Versionen des Antisemitismus ausgearbeitet. Auch blieb er im antisemitischen, faschistischen Wien, so lange er konnte in den mittleren und späten 1930er Jahren (vgl. Kaufhold, Wirth 2006). Letztlich hat Freud ein frühes oder durchdringendes Verständnis der Gefahren nicht erarbeitet, die der Faschismus für die westliche Zivilisation, für die demokratischen Formen der Regierung, für die humanistischen Werte und für die Zukunft der psychoanalytischen Bewegung selbst bedeutete.

Wir müssen uns der nächsten Generation von Psychoanalytikern zuwenden, einer jüngeren Gruppe, die fester in den Realitäten des 20. Jahrhunderts verankert war als Freud, die überwiegend, aber nicht ausschließlich, stärker politisiert und links orientiert war als er, und mehr Verständnis hatte für die kulturellen und sozio-ökonomischen Wurzeln sozialer Bewegungen und nationalistischer Strömungen, um die ersten psychoanalytischen Erkenntnisse des Faschismus und der Greueltaten des Antisemitismus gewinnen zu können.

Mein Aufsatz untersucht psychoanalytische Schriften zwischen 1940 und 1950, insbesondere Artikel und Bücher, die vor, während und unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg geschrieben wurden. Ich werde mich auf fünf europäische Analytiker konzentrieren, deren Leben und Orientierungen sich entscheidend durch ihre eigene Erfahrung des deutschen Faschismus veränderten. Bei der Untersuchung der Schriften von Otto Fenichel, Ernst Simmel, Erik H. Erikson, Rudolf Loewenstein und Bruno Bettelheim geht meine Studie davon aus, dass jeder von ihnen persönliches Elend, Trauma und Verfolgung erlitt, weil sie jüdische Psychoanalytiker und Intellektuelle waren, dass der faschistische Antisemitismus sie veranlasste, ihr Leben in Europa abzubrechen, und sie zwang, in die USA zu emigrieren.

Die diskutierten Schlüsseltexte umfassen drei Essays von Otto Fenichel (Fenichel 1940; 1946 (1993)), zwei Aufsätze von Ernst Simmel (Simmel 1932, 1946 (1993)) aus dem von Simmel herausgegebenen Band Antisemitism: A Social Disease; einige Aufsätze von Erik Homburger Erikson, alle vor der Veröffentlichung von Childhood and Society (1950) erschienen, einschließlich »Hitler’s Imagery and German Youth« (Erikson 1942) und vier kürzlich veröffentlichte Artikel über »Kriegserinnerungen« geschrieben zwischen 1940 und 1945 (Erikson 1940 (1987); 1942; 1945a; 1945b); Rudolph M. Loewensteins Christians and Jews: A Psychoanalytic Study (Loewenstein 1951 (1968)); und schließlich den imposanten Klassiker von Bruno Bettelheim über die Konzentrationslager Individual and Mass Behavior in Extreme Situations (Bettelheim 1943 (1979)); 1968 (1979), geschrieben zwischen 1940 und 1942, und dank der Intervention des Herausgebers Gordon Allport erstmals 1943 veröffentlicht in The Journal of Abnormal and Social Psychology (vgl. Kaufhold, 2001, S. 150-152).

Allport, ehemaliger Präsident der Amerikanischen Psychologischen Vereinigung und Harvard-Professor für Psychologie spielte eine bedeutsame, unterstützende Rolle in dieser Geschichte in den 1940er Jahren. Obgleich ein »nicht-analytischer« Psychologe, schrieb er das Vorwort zu Simmels Band über Antisemitismus. Erikson berichtet, dass er als Mitglied des Komitees für »National Morale« gemeinsam mit bekannten Persönlichkeiten wie Gregory Bateson, Kurt Lewin und Margret Mead daran wirkte, Informationen über den deutschen Faschismus zu koordinieren und zu interpretieren.

Trotz der anfänglichen Zurückweisungen durch psychiatrische und psychoanalytische Zeitschriften hatte Bettelheims Essay den größten Einfluss, hauptsächlich weil er dem in den USA weit verbreiteten Unglauben, dass es deutsche Konzentrationslager gebe, und dem generellen Unwillen auf Seiten der amerikanischen Regierung und Bevölkerung, die Realität der Nazi-Verbrechen anzuerkennen, entgegentrat. Sein Essay wurde anschließend in Dwight McDonalds Journal Politics 1944 wiederabgedruckt, und am Ende des Krieges machte ihn General Dwight Eisenhower zur Pflichtlektüre für die in Deutschland stationierten US-Militärregierungsoffiziere.

Um die Atmosphäre dieser frühesten psychoanalytischen Untersuchungen einzufangen, werde ich gelegentlich auf Erich Fromms klassischen Text Escape from Freedom (Fromm 1941 (1980)) zurückgreifen.

I. Wahrnehmung von Umweltfaktoren

Keiner dieser psychoanalytischen Texte argumentiert ausschließlich psychologisch. Ausnahmslos versuchen die Autoren, Umweltfaktoren zu integrieren.

Fenichel betonte die Wichtigkeit gewisser geschichtlicher Zusammenhänge, vor allem den politischen und wirtschaftlichen Kontext Deutschlands, um, zusätzlich zu den psychologischen Faktoren, den deutschen Faschismus zu erklären. Unter Anwendung der Schlüsselkonzepte marxistischer Soziologie, wie es während der 1920er und 30er Jahre in linkspolitischen europäischen Kreisen weithin üblich war, argumentierte Fenichel, dass der faschistische Antisemitismus ein überdeterminiertes geschichtliches Phänomen sei mit dem Autoritarismus und der Verschleierung von Klassenkonflikten als Hauptkomponenten. Antisemitismus lenke die revolutionären Tendenzen der Massen von der sozialen Rebellion ab, er entschärfe alle Anstrengungen zu radikalen Reformen, indem er sie in Feindseligkeit gegenüber Juden verwandele.

Gleichzeitig behielten Antisemiten einen unkritischen Respekt vor Autoritäten, Gesetz und Ordnung. Antisemitismus sei als Teil des internationalen Klassenkampfes zu verstehen. Fenichels zweiter Essay über Antisemitismus, nach Emigration und Ankunft in den USA geschrieben, enthält sich der marxistischen Sprache des ersten und gibt den psychologischen und intrapsychischen Prozessen mehr interpretierendes Gewicht.

Ernst Simmel war ein medizinisch gebildeter Psychoanalytiker, der 1920 das Berliner Psychoanalytische Institut mitgegründet hatte. Von 1927 bis 1931 leitete er Schloss Tegel, eine psychologische Klinik außerhalb Berlins, die sich die Aufgabe stellte, psychoanalytische Prinzipien bei der Behandlung von schweren mentalen Krankheiten anzuwenden. Nach der Machtübernahme der Nazis verließ Simmel Deutschland und kam 1934 nach Los Angeles, um dort ein internationales Zentrum für psychoanalytische Ausbildungskandidaten aufzubauen.

In Deutschland war Simmel ein aktiver überzeugter Sozialist, Präsident der Vereinigung sozialistischer Ärzte. Er verwendete die Zwischenkriegssprache der deutschen Sozialdemokratie, was direkte Bezüge auf den Klassenkampf, auf Aufrufe zur Sozialisierung des medizinischen Systems und der Heilkünste, sowie die explizite Unterstützung der Einführung allgemeiner Krankenversicherungen einschloss. Kein Blatt nahm er vor den Mund, um die Gefahren des Nationalsozialismus für das Gesundheitswesen zu demaskieren; er widersprach der brutalen Politik Hitlers und wies auf deren kriegstreibende, anti-soziale und atavistische Tendenzen hin. Mittels Massensuggestion denunziere Hitler seine Feinde, als existierten sie außerhalb der Gemeinschaft. Klar erkannte Simmel, dass diese ausgrenzende faschistische Politik im Mord enden könnte: »Diesmal ist es der Jude, der Marxist und der Dissident im Allgemeinen; er ist die Zielscheibe, in Wirklichkeit das Phantom, um Dampf von den aggressiven kannibalischen Trieben abzulassen.«

Es überrascht nicht, dass Erikson, der sich in seinen vor-psychoanalytischen Ursprüngen als Künstler und Erzieher betätigt hatte, kulturelle Determinanten in seiner Analyse des deutschen Nationalcharakters betonte.

Der liberale Loewenstein gründete seine Argumentation zum Antisemitismus auf die Behauptung einer dialektischen Beziehung zwischen Juden und Deutschen und auf den Nachweis der historischen Wurzeln der antijüdischen Stimmung im Christentum. Seine Analyse fokussierte das xenophobische, ökonomische, religiöse und kulturelle Fundament des Antisemitismus. Bettelheim gab seiner Argumentation dadurch Gestalt, dass er die unterschiedlichen Reaktionen auf die extrem traumatischen Konzentrationslagererlebnisse in Begriffen sozialer Schichtung herausarbeitete. Fromm als Freudo-Marxist verlieh seiner Diskussion der »Psychologie des Nazismus« Kontur, indem er darauf bestand, dass der Nazismus hauptsächlich ein wirtschaftliches und politisches Problem sei.

II. Daten

Fenichel stützte sich in seiner psychoanalytischen Faschismustheorie auf eine allgemein gehaltene Zusammenfassung antisemitischer Literatur. Seine primären Quellen gab er nicht an und zitierte Freud und Reik anhand von Sekundärliteratur. Simmels Daten entstammten hauptsächlich der Geschichte des Antisemitismus, insbesondere den Anklagen und Denunziationen gegen Juden; er bezog sich auf LeBon und Freud und die Literatur über Gruppenpsychologie, vermied allerdings auffälligerweise Bezüge auf Wilhelm Reichs Klassiker The Mass Psychology of Faschism von 1933. 

Erikson unternahm eine Textanalyse von Hitlers Mein Kampf, untersuchte einige Reden Hitlers und er hatte darüber hinaus Zugang zu Interviews mit deutschen Kriegsgefangenen. Loewenstein schöpfte aus seiner eigenen klinischen Arbeit mit antisemitischen Patienten, die er in Frankreich analysiert hatte; außerdem offerierte er eine psychoanalytische Interpretation typischer Beispiele antisemitischer Literatur. Fromms Basisdaten gingen aus einer Auswertung von Hitlers Mein Kampf und von Joseph Goebbels’ Roman Michael hervor.

Der Aufsatz Bettelheims entstand unmittelbar aus eigenen persönlichen Erfahrungen als Überlebender zweier Konzentrationslager, Dachau und Buchenwald, in den Jahren 1938–39. Er versicherte, Gefangenenreaktionen zusammengetragen zu haben aus Gesprächen mit schätzungsweise 600 Insassen in Dachau und 900 in Buchenwald (vgl. Kaufhold 1998, 2001). Seine Wahrnehmungen der Dynamiken von Anpassung und Desintegration wurden durch Dialoge in den Lagern mit zwei anderen Mithäftlingen, Dr. Alfred Fischer und Ernst Federn, zwei professionell ausgebildeten psychiatrischen Praktikern, vertieft (Federn 1988 (dt. 1999), Federn 1998, Kaufhold 1998).

III. Dynamische Formulierungen

Fenichels Analyse der antisemitischen Persönlichkeiten unterstrich den Abwehrprozess der Projektion, insbesondere einen Spaltungsmechanismus, bei dem feindselige Impulse verleugnet und externalisiert werden. Er konzentrierte sich auf die versteckte Bedeutung der Vorstellungen vom Juden als »mörderisch, dreckig und verdorben.« Weil es für ihre Anschuldigungen keine rationale oder statistische Rechtfertigung gab, sah er diese Verleumdungen als Produkte der antisemitischen Imagination an. Der Jude sei eine Projektion, ein Verdrängungsersatz für die mörderischen, dreckigen und wollüstigen Tendenzen, die in den Judenhassern verborgen seien. Der Antisemit sehe im Juden das, von dem er nicht wünsche, dass es ihm bewusst würde, insbesondere das, was unliebsam sei, wie seine eigene Aggressivität. Im Unbewussten des Randalierers symbolisiere der Jude seine eigenen unterdrückten Triebe, einschließlich der Bilder von Fremdheit, Boshaftigkeit und Hässlichkeit, die er in sich selbst verachte.
Für Fenichel haben die Wahrnehmungen vom Juden und die unbewussten Triebe ihre Fremdheit gemein.

Simmel vertrat die These, dass Antisemitismus eine Massenpsychose sei, einer paranoiden Form der Schizophrenie verwandt; er charakterisierte ihn als Krankheit, die die Triebe primitiven Hasses und der Zerstörungswut freisetze, letztendlich mit dem Ziel, die Juden zu massakrieren. Antisemiten würden von einem Realitätsverlust, einem Ich-Verlust und einer Konversion illusionärer Ideen in Wahnvorstellungen getrieben. Der Antisemitismus werde genährt durch die Kräfte der Projektion und Verleugnung, die alle aus einer besonders häufig im Massengeist auftretenden Ich-Spaltung herrührten.

Simmels phänomenologische Beschreibung ähnelt auffällig dem heutigen Verständnis der extremen Borderline-Pathologie; doch 1946 verwandte er diesen Terminus nicht. Der antisemitische Gruppengeist, obwohl er auf Situationen mit einem unreifen, hochgradig desintegrierten Ich reagiere, schütze den einzelnen Antisemiten davor, verrückt zu werden. Antisemiten wüssten nicht, dass sie krank seien, und sie suchten nicht nach therapeutischer Behandlung. Der Krankheitsgewinn ergebe sich aus Ichaufblähung, Überlegenheitsgefühl und der Überwindung sozialer Entfremdung durch die Zugehörigkeit zu einer angeblich wahren, geistigen Gemeinschaft, wie Volk, Nation oder Nazi-Partei. Dank der tödlichen Macht seiner Projektionsmechanismen könne der moderne Massen-Antisemitismus seine Vorstellungen vom Jüdischen, Fremden oder Teuflischen auf jeden anderen absoluten Feind verlagern. Gleichermaßen sei eine Projektion eine Strategie, um den fürchterlichen Feind im Innern auszustoßen.

Durch die Analyse der Darstellungen von Hitlers Kindheit bot Erikson eine psychoanalytische Entwicklungsperspektive, die von August Aichhorns Studie Wayward Youth (dt.: Verwahrloste Jugend, 1925) beeinflusst war. Hitlers Persönlichkeit und Weltvision rührten von einer gehemmten, genauer delinquenten Adoleszenz her. Die Charakterstruktur des Führers verbliebe die eines reue- und kompromisslosen Jugendlichen, eines Menschen, der der Erwachsenenwelt niemals nachgebe. Nachdem er in Kunst, Ausbildung und Beruf versagt hatte, habe Hitler gelernt, sein eigenes Scheitern und das seiner Elterngeneration auszunützen. Erikson sah Hitlers Vision eines Tausendjährigen Reiches als eine jugendliche Größenfantasie an. Hitlers hysterische Sprachtiraden kämen beim Massenpublikum an, weil sie tiefsitzende Ressentiments und kriminelle Losungen ansprächen. Erikson diagnostizierte Hitler als eine schwer gestörte Persönlichkeit, allerdings eine, die mit hoher Spannkraft und einer Fähigkeit ausgestattet sei, ihre Symptomatik auszunutzen. »Er [Hitler] hat gefährliche Borderlinezüge. Aber er weiß, wie man sich der Grenze annähert; weiß, den Anschein zu geben, als ob er sie überschritte und dann zu seiner atemlosen Zuhörerschaft zurückzukehren.

«Die Nazi-Ideologie reflektiere die Projektionen eines jugendlichen Straftäters und gestalte sie aus, daher die Arroganz, Hinterlistigkeit, Wut, Gewalt, die asozialen Ziele und Dominanzgelüste. Hitlers Bilderwelt habe bei einem Großteil der deutschen Gesellschaft wegen der Affinität seiner Familienerfahrungen zu der Erziehung von Millionen anderer demoralisierter Deutscher Anklang gefunden. Erikson schrieb Hitlers große Popularität teilweise der politischen Unreife des deutschen Volkes zu, der deutschen Anfälligkeit für emotionale und theatralische Ansprachen, einem nationalen Masochismus und einem paranoiden Misstrauen gegenüber allen demokratischen Formen des Regierens und Denkens (vgl. auch Federn 1998).

Die Nazi-Ideologie sei eine unausgegorene und irrationale Mischung sozialer Ideen, grandioser Ideale und von Suggestivmacht über die deutschen Volksmassen. Sie erzeuge einen hypnotischen Effekt, der morbid und unheimlich sei. Erikson zufolge schufen die deutschen Antisemiten eine vereinfachende Schwarz-Weiß-Dichotomie, die phobische Vermeidung alles Schwarzen offenbare und den Wunsch, es zu vernichten. Durch die Beschreibung des Juden als klein, schwarz und behaart, sei das positive Gegenbild des Ariers entstanden: groß, aufrecht, hell, soldatisch sauber. Erikson bemerkte auch das Wirken von Projektion in Hitlers Antisemitismus, insbesondere die Externalisierung deutscher Schwächen.

Im Rahmen seiner Diskussion der Geschichte der christlichen Ambivalenz gegenüber den Juden betonte Loewenstein die ödipale Dynamik, um den anhaltenden Antisemitismus zu erklären. Der alte Konflikt zwischen Christen und Juden repräsentiere den Kampf zwischen einer jungen und einer alten Religion, einer Religion, die für die Söhne, gegenüber einer Religion, die für das Gesetz und die Dominanz der Väter stehe.

Für den Antisemiten werde der Jude zum Sündenbock seiner eigenen unterdrückten sadistischen und masochistischen Vorstellungen. Der Jude, wie die reale Vaterimago des Antisemiten, werde gehasst, geliebt und gefürchtet. Hitler habe versucht, das Über-Ich zu beseitigen, indem er alle moralischen Werte, ausgenommen die der Herrenrasse und des Führers, außer Kraft setzte (vgl. hierzu Federn 1998).

Bettelheim hielt die bestehende psychologische Literatur für konzeptuell unzureichend, um die fragmentierenden Wirkungen der Konzentrationslager auf ihre Opfer zu erfassen. Beginnend mit seinem Transport in das Lager, fragte sich Bettelheim, nachdem er eine Bayonettwunde und einen schweren Schlag auf den Kopf erhalten hatte, die ganze Zeit, »ob ein Mensch so viel ertragen könne, ohne Selbstmord zu begehen oder verrückt zu werden.« Er prägte den Begriff »Extremsituation«, um ein traumatisches Umfeld zu beschreiben, das das Individuum an eine äußerste Grenze treibe (vgl. Kaufhold 2001, S. 150-152, 199f, 217-222, 158-164, 253-262). Die Lager dehumanisierten und bedrohten die Persönlichkeit mit Desintegration als Folge der tiefgreifenden und dauerhaften traumatischen Effekte des Alltagslebens an solch brutalen und brutalisierenden Stätten. Er definierte eine Extremsituation als eine Situation strikter Überwachung und Disziplin seitens der Gefängniswächter, gekennzeichnet durch Qual, Terror und Überarbeitung in sinnlosen und monotonen Beschäftigungen. Die Gefangenen seien in unpassende Kleidung gesteckt worden, hätten unter dem Fehlen medizinischer Pflege gelitten und seien vorsätzlich verwirrt worden, weil sie nicht gewusst hätten, warum sie gefangen worden seien oder wie lange die Gefangenschaft dauern würde. Diese massive Angst und das wiederholte Trauma hätten die Gefangenen in eine psychologische und existentielle Position der Überwältigung gebracht, die sie hilflos, passiv und vollständig dem beliebigen Willen der Wächter ergeben gemacht habe.

Bettelheim betonte, dass das sadistische Nazisystem Methoden entwickelt habe, um ehemals freie Bürger in Sklaven zu verwandeln. Das Leben in Konzentrationslagern habe die Selbstachtung, das Selbstgefühl und die Integrität der Insassen nachhaltig verletzt (vgl. Federn 1998).

Bettelheim entdeckte eine Reihe von Abwehrmechanismen, die die Gefangenen anwandten, um eine totale Auflösung ihrer Persönlichkeit zu verhindern; Versuche des Einzelnen, einen Rest von Autonomie zu sichern und sich vor einer totalen Desintegration seines Verstandes und seiner Wertesysteme zu schützen. Auch beobachtete er eine Distanziertheit bei den Gefangenen, eine defensive Notwendigkeit, ihre Emotionen zu unterdrücken und sich in Subjekte und Objekte zu spalten (Kaufhold, 2001, S. 69f., 199f., 206f., 217-222, 233-251). Verzweifelt hätten sie versucht, ihr Selbstbild als freie Subjekte aus der Zeit vor dem Lager aufrecht zu erhalten. Viele seien aufgrund von Wirklichkeitsverlust zu der Überzeugung gekommen, dass dieses schreckliche Erleben ihnen als Objekten, als Sachen, nicht als realen Personen widerfahren sei. Viele Gefangenen hätten sich geweigert, ihre Gedanken und Gefühle über die unmenschlichen Erfahrungen in den Lagern mitzuteilen, und hätten stattdessen banale oder verzerrte Emotionen geäußert. Insassen machten ihrem Hass auf die SS in Form von Racheträumen Luft. Tagträume seien ein weitverbreitetes Phänomen gewesen.

Die makaberste Abwehr habe sich aus einer Regression in ein kindliches Stadium ergeben. Weil das Lagererlebnis so viel anhaltenden und vernichtenden Terror erzeugte, weil die Insassen abhängig und verletzlich waren, weil die Gruppendynamik schädlich auf ihre Selbstachtung und ihre Selbstwahrnehmung der Gefangenen wirkte, konnten sie infantilisiert werden. Im Zusammenhang der Erforschung der Variante von Abwehr, die als Identifikation mit dem Aggressor bekannt ist, sprach Bettelheim – wie auch Ernst Federn (1998) – von einer Identifikation mit den Folterern. Das habe sich daran gezeigt, dass die Gefangenen die Einstellungen und Verhaltensweisen der SS nachgeahmt hätten.

Es habe auch die jüdischen Gefangenen betroffen, die anderen jüdischen Gefangenen Schmerzen zufügten, die Kleidung der SS und deren Freizeitbeschäftigungen imitierten, was so weit gegangen sei, dass sie die Rassen- und Verschwörungstheorien über die Juden übernommen hätten. Die Identifikation mit den Folterern habe sich abwehrmäßig aus der Einnahme einer kindlichen Haltung bei den Gefangenen gegenüber der SS ergeben, die zu Projektionsobjekten geworden seien, als wären sie Figuren eines allmächtigen Vatersurrogats mit sowohl intensiver positiver wie negativer Übertragung.

IV. Die Ambivalenz gegenüber ihrem eigenen Judentum

Simmels Abhandlung über Antisemitismus überging im wesentlichen eine Diskussion über jüdische Charakterzüge. In seiner »Einleitung« deutete er an, dass »der Frage, ob es unbewusste Tendenzen in der jüdischen Persönlichkeit gibt, die unbewussten Tendenzen in der antisemitischen Persönlichkeit korrespondieren, mehr Beachtung beigemessen werden sollte…«. (Simmel 1946 (1993)) Fenichel betonte die historische Rolle der Juden als Sündenbock in Deutschland, die jüdische Position als verfolgte Minderheit, ihre Schutzlosigkeit in einem oft feindseligen Umfeld, ihre kulturelle und sprachliche Verschiedenheit und vor allem die Existenz einer »Psychologie der Juden«, die sich von Jahrhunderten der Gettoisierung herleitete.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf den mittleren Namen in Erik Homburger Eriksons Namengebung hinweisen, des Autors von Hitler’s Imagery and German Youth. Die ersten sieben Veröffentlichungen von 1930 bis 1938 waren mit Erik Homburger unterschrieben. Heute kennen wir ihn als Erik H. Erikson.

In einem Abschnitt seines Essays mit der Überschrift »Jude« gab Erikson eine Reihe von Gründen an, warum Juden die logischen und brauchbaren Opfer des deutschen Antisemitismus geworden seien: sie seien für eine unbegrenzte Anzahl von Projektionen der Schlechtigkeit und der Schwärze verfügbar. Als Ergebnis von Jahrhunderten der Wanderschaft und Zerstreuung diskutierte Erikson das Überleben von »zwei jüdischen Typen«: dem Gettojuden, oder in seinen Worten, »dem orthodoxen, einflusslosen, anachronistischen Typ,« unfähig sich an die sich wandelnde Umwelt oder Zeit anzupassen, und dem »erfolgreichen Typ,« der sich ständig den Veränderungen anpasse, indem er Geschick im Warenhandel und Cleverness entwickle oder führende Positionen in Kunst, Wissenschaft, und Kultur erreiche. In dieser Stereotypisierung der Juden in zwei Typen klingt Eriksons abschätzige, hochambivalente Wahrnehmung seiner eigenen jüdischen Identität an.

Erikson behauptete, dass der jüdische Relativismus leicht in »Nihilismus« übergehen könne, dass Einsicht verwendet werden könne, um die absolute Gültigkeit der Mehrheit zu entwerten. Meine eigene Vermutung ist, dass in diesen Passagen Eriksons Ambivalenz bezüglich seines eigenen Judentums, seine Scham, seine Schuld und sein möglicher Selbsthass als Jude zum Ausdruck kommen, wie auch seine grundlegende Ablehnung des Judentums. Der zukünftige Theoretiker der Identität hatte Schwierigkeiten, seine eigene jüdische Mutter und seinen jüdischen Stiefvater Homburger anzuerkennen und sich mit ihnen zu identifizieren. Zu kosmopolitisch und zu intellektuell, um Gettojude zu werden, konnte Erikson auf der anderen Seite die Unsicherheiten, die in einer Ära psychologischen Wissens und der ethischen Werte aus dem »jüdischen Relativismus « resultierten, nicht akzeptieren. Später wird Erikson für eine auf Religion gegründete Ethik optieren, die sich zum Beispiel in seiner Zuneigung zu Luther und gewissen Idealen des Christentums und dann in seinem Eintreten für die gewaltlose Ideologie Gandhis niederschlägt. Ambivalente Passagen über jüdische Genies der Moderne, Marx, Freud und Einstein, lassen sich auch in seinem Buch Childhood und Society finden.

Das abschließende Kapitel von Loewensteins Monographie widmet sich »Jüdischen Charakterzügen«. Er identifiziert sich eindeutig mit Freuds Atheismus, seinen wissenschaftlichen Bestrebungen und seinem Säkularismus. Kulturen schritten voran, wenn Religion eine weniger bedeutende Rolle im Leben einer gegebenen Gesellschaft spiele. Religionen beeinflussten Kulturen in überwiegend negativer Weise. Loewenstein wurde veranlasst, diese Studie zu schreiben wegen seiner Ausgrenzung aus dem geliebten Frankreich, weil er Jude war. »Obgleich im russischen Polen vor 1914 geboren, hatte sich [der Autor] für viele Jahre vollkommen mit Frankreich identifiziert, um sich dann plötzlich moralisch von seinem Gastland verstoßen zu sehen, weil er Jude war.« Loewenstein, der in Anspruch nahm, »objektiv und unparteiisch« zu sein, argumentierte, dass er die Frage der jüdischen Charaktertypologie prüfe, weder um die Opfer des Antisemitismus herabzuwürdigen noch um sie anzugreifen, sondern um herauszufinden, ob es etwas in der »jüdischen Persönlichkeit gebe, das Konflikt und das Vorwiegen von Feindseligkeit gegen die Juden provoziere.«

Unfähig seiner Vorgabe gerecht zu werden, ist Loewensteins Kapitel über die Juden verunglimpfend, übergeneralisierend und voreingenommen gegenüber Juden, fast zu dem Grade, dass der Autor eine Vielzahl der antisemitischen Stereotype akzeptiert. Er nimmt die Existenz einer universellen jüdischen Persönlichkeit an und konstruiert ein unvorteilhaftes Porträt von miserablen und verschwenderischen Juden; von überängstlichen jüdischen Müttern; von jüdischem Abscheu vor körperlicher Gewalt; von jüdischer Unterwürfigkeit und Mangel an Kampfgeist; von jüdischem Verlangen, den übermächtigen Feind zu besänftigen. Die zionistische Lösung nach der Gründung eines unabhängigen Staates Israel zurückweisend prophezeite Löwenstein die möglichen Gefahren einer israelischen Identifikation mit den Angreifern auf Seiten der Israelis, die sich im extremen Nationalismus und in Feindschaft gegenüber Arabern ausdrücken könnte. Kurz, Loewenstein präsentiert ein Gruppenbild eines infantilisierten, unreifen und verletzten Volkes, das durch die Jahrhunderte antisemitischer Verfolgung schwer beschädigt worden sei.

Auch Bettelheim hat gemischte Gefühle über sein Judentum geäußert. In seinem Essay »Befreiung vom Getto-Denken« (Bettelheim 1990), obgleich angeblich als »Jude für Mitjuden« geschrieben, artikulierte er das säkulare jüdische Erbe der Aufklärung und des liberalen Humanismus des 19. Jahrhunderts, das in der Tradition des Mitgefühls für andere, dem Schutz der demokratischen Freiheiten und den Menschenrechten der Individuen begründet war. Seine Bindungen an seine jüdischen Wurzeln bestanden in einem Sinn für Solidarität mit »allen Anderen, die besonders verfolgt wurden.« Bettelheim verurteilte das »Getto-Denken« als fatalen Fehler, es sei anachronistisch, engstirnig, nationalistisch und selbstgerecht, es verewige die Geschichte der jüdischen Passivität, des Unterlassens von Widerstand gegenüber Ungerechtigkeit oder von Revolte gegen Unterdrückung es bewirke eine Unempfindlichkeit gegenüber der Entwürdigung durch den Unterdrücker, es beruhe auf Abwehr durch Vermeidung, Verleugnung, Verschiebung und das Verlangen, sich bei seinen moralischen oder Todfeinden einzuschmeicheln. Getto-Denken reflektiere wesentlich eine innere Resignation gegenüber dem Leben (vgl. Kaufhold, 2001, S. 220-222).

Bettelheim mahnte sein Post-Holocaust-Publikum, sich bewusst zu sein, dass es keinen wirklichen Seelenfrieden, keinen wirklichen Schutz geben werde, solange sie nicht verstanden hätten, wie sechs Millionen Juden sterben konnten fast ganz ohne Widerstand. Es könne keine Unschuld geben angesichts dieser Massenschlachtung. Seine feste Überzeugung, dass Juden nicht hätten hilflos oder impotent sein müssen, unterstrich Bettelheim durch Hinweis auf den erfolgreichen Widerstand von Juden während des 2. Weltkrieges und lobte jene »Juden, die das Getto im Innern abgeschüttelt hatten.« Es sei nichts Edles dabei gewesen, sich dem Schwert oder der Gaskammer passiv zu ergeben, nur Erniedrigung, nur Verwandlung eines menschlichen Wesens in ein entwürdigtes Ding.

Bettelheim scheint, wie seine anderen psychoanalytischen Kollegen, in eine eigene Form reduktionistischen Denkens zu geraten, seine eigene Karikatur vom gettoisierten Juden, das er dem Ideal vom emanzipierten  Juden gegenüberstellt. Gewiss war er sich der Doppelbindung des jüdischen Überlebenden bewusst und mahnte andere Juden, die Möglichkeiten eines aktiven, demokratischen Widerstands gegen den Nazismus und andere totalitäre Bedrohungen lebendig zu halten durch die Bildung »unabhängiger, reifer und selbständiger Personen«, die fähig seien zu Gruppenwiderstand und Selbstverteidigung gegen das Nazi-System.

Gegen Ende seines Lebens jedenfalls blieb Bettelheim ein entfremdeter, heimatloser, aufgeklärter jüdischer Intellektueller. Er konnte weder eine Verbindung mit den Getto-Juden und deren Nachkommen eingehen noch sich mit den israelischen Juden zusammentun, die die ideologische und praktische Verpflichtung auf sich genommen hatten zurückzuschlagen. Schmerzlicherweise blieb Bettelheim ein Jude, der sich auf dem Mittelweg einfand, »dazwischen nirgendwo wirklich zuhause. Solche Menschen, wie der Autor, sind innerlich zerrissen« (Bettelheim 1962 (1990)) (vgl. Kaufhold, 1994, 2001, 2003a, 2003b).

V. Zusammenfassung

Die psychoanalytischen Schriften zu Faschismus und Antisemitismus aus den 40er Jahre spiegeln die Stärken und die Grenzen des Forschungsstands dieser Zeit wieder. Freuds Einfluss und das Erbe der europäischen Aufklärung sind deutlich erkennbar. Die theoretischen Kernideen basieren auf der Triebtheorie, Freuds Strukturmodell mit besonderer Betonung der Über-Ich Konflikte, der Ich-Spaltung und der Möglichkeit der Austilgung des Über-Ichs. Einige Denker sahen den deutschen Antisemitismus als einen weiteren Abkömmling der ödipalen Dynamik an und sie verwendeten Techniken der Ich-Psychologie, um ihre Thesen zu veranschaulichen. Erikson nahm einiges vom psychoanalytischen Entwicklungsdenken über delinquente Adoleszenz in seine Texte auf. Die Literatur betont überwiegend die pathologischen Aspekte des Antisemitismus, während sie die geschickte Verwendung für Propaganda und Massenpsychologie durch die faschistischen Führer vernachlässigt. Diese psychoanalytischen Denker hoben als Schlüsselmechanismen, die im Antisemitismus wirksam seien, die Ich-Spaltung, paranoide Projektionen, sado-masochistische Triebe und primitive Reste ödipaler Dynamiken, einschließlich der Identifikation mit den Folterern, hervor.

In ihren Texten zeigt sich der Einfluss des Kontexts, insbesondere der europäischen Politik und Kultur der 1930er Jahre und des 2. Weltkriegs. Fenichel und Simmel schreiben in Europa deutlich andere Essays über Antisemitismus als später nach der Emigration nach Amerika. Die Letzteren tragen Merkmale der Entpolitisierung und Entradikalisierung, möglicherweise ein Ausdruck des Wunsches, Sicherheit zu erlangen und nicht als subversiv oder bedrohlich vom amerikanischen Publikum wahrgenommen zu werden (vgl. Fallend & Reichmayr 1992). Marxistische sozio-ökonomische Analysen machten psychoanalytischen Interpretationen von Vorurteilen Platz. Die Klassenanalyse wurde durch psychodynamische Perspektiven auf die Rasse ersetzt. Wir beobachten einen politischen Wandel vom explizit sozialistischen Internationalismus in Europa zu einem Eintreten für friedliche Reformen und Erziehungsanliegen in Amerika. Anstelle von Marx und den Klassikern des europäischen Marxismus wird nun Franklin D. Roosevelt zitiert. Alle diese Denker, vielleicht mit Ausnahme von Erikson, hielten an einem Pessimismus fest im Hinblick auf das destruktive Potential des Individuums und den entsetzlichen Barbarismus, der der Massenpsychologie inhärent sei.

Einige der Schriften arbeiten explizit auf eine Schwächung religiöser Impulse hin, versuchen das Christentum zu humanisieren und drängen die Christen, sich ihrer Geschichte der psychologischen und kulturellen Ambivalenz gegenüber Juden bewusst zu werden. All diese Arbeiten wurden verfasst, um Akademiker, Staatsmänner, regierende Eliten und Kliniker zu bilden und zu beeinflussen, sowie auch auf Mütter und die Wege der Kindererziehung einzuwirken. Im Fall Eriksons gibt es solide Belege dafür, dass er direkt auf die amerikanische Regierung bei der Gestaltung einer Anti-Nazi-Propaganda während des Krieges und der Pläne für die »Amerikanisierung« Nachkriegsdeutschlands nach Hitlers Niederlage Einfluss ausübte. Mit Adorno und anderen Denkern der Frankfurter Schule richteten die Psychoanalytiker, nachdem die Drohung des Faschismus abgenommen hatte, ihre Aufmerksamkeit auf die Entzifferung der unterschwelligen Aspekte der Propaganda, auf die Demaskierung des Autoritarismus, auf die Formulierung einer Kritik an der Konsumgesellschaft, einer Gesellschaft des politischen Konsenses und konventioneller Werte (Adorno 1993; 1951 (1978); 1950 (1973); 1944 (1969)).

Das Thema des Judentums dieser analytischen Denker, insbesondere ihre Ambivalenz gegenüber ihrem eigenen Judentum, zieht sich durch die gesamte Literatur als latenter Subtext. Alle unsere Autoren kamen ursprünglich aus assimiliertem, säkularisiertem und kultiviertem Mittel- oder obere-Mittelklassen-Milieu. Manche von ihnen erreichten die Assimilation durch den Erziehungsprozess, manche durch die psychoanalytische Ausbildung. Als Analytiker und psychoanalytische Kulturkritiker waren sie alle den Prinzipien der Gerechtigkeit, des universell Guten und den Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution verpflichtet, all dem, was die Juden emanzipiert hatte. Sie alle opponierten gegen die Gettomentalität und verwarfen sie, weil sie engstirnig und intolerant sei, und ihr psychologisch wie soziologisch die Berührung mit den modernen Realitäten und modernem wissenschaftlichen Fortschritt fehle. Die Einhaltung jüdischer Gebräuche und Rituale spielte keine bedeutsame Rolle in ihrem Leben in Europa vor dem Faschismus, auch nicht im Exil in den Vereinigten Staaten. Doch weil sie Juden waren, wurden sie verfolgt und in gefährliche, potentiell mörderische Situationen gebracht. Keiner optierte für eine Rückkehr ins Getto noch für den Umzug nach Israel oder für eine ideologische Verpflichtung zum Zionismus. Viele fanden sich in einer unlösbaren Doppelbindung, die besonders fühlbar für einen Überlebenden der Lager wurde, wie Bettelheim: sie waren Juden ohne bedeutsame Verbindung zu jüdischen Gemeinschaften oder Traditionen; sie sozialisierten sich mit anderen Juden in ihren psychoanalytischen Gesellschaften an der Universität und ihren klinischen Praxen.

Freilich bedurfte es für sie einer Bewältigung des Antisemitismus, des Holocaust und des Potentials in ihrem neuen Heimatland. Alle blieben innerlich ambivalent gegenüber ihrem Judentum und externalisierten oftmals ihre Negativität und Feindseligkeit gegenüber sich selbst als Juden, indem sie ein eher abwertendes, karikiertes oder wesenhaftes Porträt vom osteuropäischen Getto-Juden zeichneten. Obwohl sie die projektiven Mechanismen bei Antisemiten wahrnahmen, konnten diese Analytiker ihrerseits projizieren und taten es. Obgleich sie kritisch gegenüber den autoritären Tendenzen im Faschismus und in antisemitischen Massenbewegungen waren, konnten sich die meisten dieser zentraleuropäischen Juden in deutlich autoritären Formen verhalten und taten es. In unterschiedlichen Graden und Tönung strahlten sie Arroganz, Überlegenheitsgefühl, Elitarismus und Geringschätzung aus und weigerten sich, demokratische Kooperation und Dialoge mit ihren amerikanischen psychoanalytischen Kollegen zu tolerieren. Viele ihrer Kollegen betrachteten sie verächtlich als schlecht gebildete, osteuropäische gettoisierte Juden ohne ein tieferes Verständnis der Freudschen Psychoanalyse oder der europäischen Kultur.

Inzwischen wissen wir, dass Autoritarismus nicht nur unter Rechten, Faschisten oder antisemitischen Persönlichkeiten zu finden ist, sondern ebenso in Charakterstrukturen auf der Linken und in Institutionen und dem Kern der psychoanalytischen Bewegung selbst. Viele dieser Denker verschoben ihre internationalistischen und kosmopolitischen Ideen vom Sozialismus auf hohe Erwartungen an die psychoanalytischen Sache, die sie als eine internationale Bewegung betrachteten, nicht bloß als ein therapeutisches Verfahren. Sie alle verkörperten eine ausgeprägt moderne jüdische Tradition der Selbstprüfung, der Introspektion, der Rationalität und eine Leidenschaft für universelles Theoretisieren mit variierender Anerkennung der Relativität der Werte. Obgleich sie sich assimiliert und viel von den Formen des jüdischen Glaubens, der Traditionen und Kultur abgelegt hatten, entkam keiner der Doppelbindung, als Jude wahrgenommen zu werden. Das Thema der Transformation dieser Ambivalenz ihres Judentums in die Struktur und Organisation der lokalen psychoanalytischen Institute und nationalen Vereinigungen bedarf weiterer Forschung und Aufklärung. Sie könnten einen Schlüssel zu den Ursprüngen und der Nachhaltigkeit von Konservativismus, Autoritarismus und Elitarismus liefern, die diese Institutionen weiterhin charakterisieren (vgl. Fallend & Reichmayr, 1992).

fisherdjDavid James Fisher ist Kulturhistoriker und praktizierender Psychoanalytiker in Los Angeles. Er ist Professor für klinische Psychiatrie an der UCLA School of Medicine, Senior Faculty Member des Psychoanalytischen Instituts in Los Angeles sowie Trainer und Supervisor am Institute of Contemporary Psychoanalysis.

Diese Studie wurde David James Fisher Buch „Psychoanalytische Kulturkritik und die Seele des Menschen. Essays über Bruno Bettelheim unter Mitarbeit von Roland Kaufhold et. al., Gießen 2003 (Psychosozial-Verlag), S. 133-158 entnommen und von Roland Kaufhold für diese haGalil-Veröffentlichung gekürzt und eingeleitet. Wir danken dem Psychosozial Verlag und seinem Inhaber Prof. Dr. Hans-Jürgen Wirth für die freundliche Abdruckgenehmigung, sowie Herrn Roland Kaufhold für seine Bemühungen. [Blick ins Buch / Bestellen?]

[English Version]

Literatur
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8 Kommentare zu “Zum psychoanalytischen Verständnis von Faschismus und Antisemitismus

  1. Sehr geehrter Herr Prof. Dr. med. Alfred Drees,
     
    Ihre Hypothesen sind einfach unfassbar. Allein es fehlt mir an der nötigen Zeit Sie aufzuklären.
     
    Nur Eines, weil Sie sich hier sozusagen legitimierend als Freudianer ausgeben: Lesen Sie mal kurz Ihre hier veröffentlichte Einlassung und hinterfragen Sie diese in Bezug auf Struktur und Kernaussage.
     
    Vielleicht erkennen Sie es selbst.
     
    Das wars.
     
    PS: Ihre Hypothese ist keineswegs ungewöhnlich, sondern, leider, nur allzu weit verbreitet.
     


  2. Israel auf dem Weg zu seiner Vertreibung
    Die Geschichte der Juden ist eine jahrtausendalte Vertreibung von Ägyptern, Persern und Römern aus ihrem Heimatland und daran anschließend eine mörderisch-grausame Ausrottung und Vertreibung aus zahlreichen Ländern Europas.

    Ich bin ein Deutscher, der die Errichtung des heutigen Israel entlastend und zum Teil mit Bewunderung erlebt hat. Da mein Vater als Kommunist im KZ war, fühlte ich mich vom Beginn an auf der Seite der Nazigegner und erlebte die bis heute zum Teil noch vorherrschende, wenn auch zurückgehaltene Judenfeindschaft der Deutschen.

    Seit einigen Jahren wurde in mir jedoch Kritik wach, über die brutale Vertreibungspolitik Israels gegen die Palästinenser. Wie kann ein Volk, dass so grosse Erfahrungen mit Ausrottungen und Vertreibungen erlebt hat, das Gleiche mit einem anderen Volk praktizieren? Verblüffend erlebte ich auf einem Kongress in Israel den lärmenden Anspruch orthodoxer Juden.

    Dagegen entwickelten sich in mir Einsichten in die vielfältigen Leistungen von Juden im Ausland. Für mich wurden vor allem Heine, Freud und Einstein zum Symbol dieser Entwicklungs-Koryphäen. Als Arzt erfuhr ich von zahlreichen erfolgreichen jüdischen Mediziner in Deutschland. Darüberhinaus enthält die Geschichte eine Vielzahl von progressiven jüdischen Wissenschaftlern, Philosophen und Künstlern.

    Damit komme ich zu meiner ungewöhnlichen Hypothese: Könnte es sein, dass immer dann, wenn ein Volk keine Heimat mehr hat, besonders kreative Einzelleistungen in der Emigration vollbringt, wenn es von ausgeprägten sozio-kulturellen und religiösen Werten zusammengehalten wird? Dann könnte man von einem dialektischen Prozess sprechen, in dem die kreative Leistungen als Synthese die Vertreibung als Antithese enthält.

    Dann könnte die heutige Vertreibungspolitik Israels, die inzwischen weltweit auf Ablehnung stößt, in absehbare Zeit zu einer erneuten Vertreibung der Juden aus Israel führen. Dann wäre die heutige Politik Israels getragen von dem unbewusstem Wunsch vertrieben zu werden, um erneut weltweit Kreativität zu entfalten und Humanität zu vertreten.



    Prof. Dr. med. Alfred Drees
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