Hamas zerschlägt Al-Qaida-Gegner

Die Hamas zerschlug am Freitag die Bedrohung durch eine bewaffnete Gruppe in Rafah, die Al Qaida angeschlossen ist. Dies tat die Hamas auf dieselbe Weise, auf die vor zwei Jahren auch die libanesische Regierung und deren Armee Terroristen niederschlugen, die unter der Schutzherrschaft der Al Qaida in einem Flüchtlingslager im Norden des Libanon operierten. Es scheint, die Hamasführung ist nicht besorgt über die Verurteilung der Vereinten Nationen infolge des Massakers an Mitgliedern einer Gruppierung, die noch extremer ist als die Hamas selbst…

Analyse von Avi Issacharoff und Amos Harel, Ha’aretz, 16.08.2009
Übersetzung von Daniela Marcus

Man erwartet auch nicht, dass sich irgendein Hamasmitglied dafür entschuldigt, eine Moschee angegriffen, 24 Menschen –darunter sechs unbewaffnete Zivilisten- getötet und 125 Menschen verletzt zu haben.

Das Massaker in Rafah lässt vermuten, dass die Hamas sehr besorgt über den Anstieg des Einflusses von ultra-extremistischen Gruppierungen ist. Über eine lange Zeit hinweg hat sich die Hamas zurückgehalten. Doch diese Gruppe, die in Rafah angegriffen wurde und die vor zwei Monaten den bizarren Versuch gemacht hatte, eine Position der israelischen Verteidigungsstreitkräfte mit Sprengstoff beladenen Pferden anzugreifen, hatte die von der Hamas gesetzte Grenze überschritten. Der Aufruf der Führer dieser Gruppe, ein islamisches Emirat im Gazastreifen zu errichten, forderte die Hamasherrschaft heraus, und die Antwort der Hamas darauf war brutal.

Verschiedene Gruppierungen haben im Gazastreifen über eine Reihe von Jahren hinweg operiert und in den meisten Fällen hat die Hamas dies ignoriert oder diese Gruppierungen für ihre eigenen Zwecke um sich versammelt. Eine Gruppierung, die Armee des Islam, schloss sich dem mächtigen Durmush-Clan an, der in der Mitte des Gazastreifens ansässig ist, und beteiligte sich an dem Überfall, der zur Entführung des israelischen Soldaten Gilad Shalit führte. Doch als der Clan die Hamas durch die Entführung des BBC-Korrespondenten Alan Johnston vor zwei Jahren in Schwierigkeiten brachte, entsandte die Hamas ihre Truppen und befreite den Gefangenen.

Die Aktivitäten der Gruppierungen gingen jedoch weiter. Im Jahr 2008 zerbombten sie 36 Internetcafés, brannten Institutionen nieder, die sie als christlich oder verbunden mit christlichen Organisationen betrachteten, und sie attackierten ausländische Schulen. In den meisten Fällen hielt sich die Hamas heraus.

Letzte Woche stritt die Hamas einen Bericht in Ha’aretz ab, nach dem sich Dutzende von ausländischen Terroristen den extremistischen Gruppierungen in Gaza angeschlossen hätten, indem sie über die Halbinsel Sinai in den Gazastreifen gelangt wären. Einige dieser Kämpfer waren laut Berichten Überlebende des Kampfes gegen die Amerikaner im Irak.

De facto haben die Gruppierungen Waffen in den Gazastreifen geschmuggelt und Trainingslager in den Ruinen der einstigen jüdischen Siedlungen von Gush Katif abgehalten. In einigen Fällen fuhr die Hamas damit fort, die Mitglieder der mit Al Qaida verbundenen Gruppierungen für ihre eigenen Zwecke einzusetzen. Letzten Monat zerbombten sie zum Beispiel in Gaza-Stadt das Geschäft des Neffen von Fatahführer Mohammed Dahlan und verletzten dabei Dutzende von Menschen. Gemäß Berichten aus dem Gazastreifen haben Hamas-Kommandeure lokale Allianzen zu den Führern der Extremisten geknüpft.

Doch während der Predigt in der Ibn-Taymiyah-Moschee in Rafah am Freitag machte Abd al-Latif Musa, einer der Führer der Gruppierung Dschunut Ansar Allah (Soldaten von Allahs Unterstützern), einen schwerwiegenden Fehler, als er vor laufenden Fernsehkameras „die Geburt eines islamischen Emirats in Gaza“ ausrief. Dies führte zu einem Angriff der Hamas und kostete Musa das Leben.

Selbst wenn es für den durchschnittlichen Außenstehenden nur wie unterschiedliche Schattierungen von Schwarz aussieht, so gibt es doch erhebliche ideologische Unterschiede zwischen Al-Qaida-Verbündeten und der Hamas. Die extremistischen Positionen der Al-Qaida-Verbündeten fanden Anhänger in der islamischen Salafi-Bewegung, die als radikalste Denkschule betrachtet wird und die sich ursprünglich für das Heraushalten aus politischen Angelegenheiten ausgesprochen hatte. Doch der offensichtliche Aufstieg von Al Qaida in Pakistan und Afghanistan hat die Salafis angespornt, sich nun mehr in die Politik einzumischen und dabei auch das Mittel des Terrors anzuwenden. Im Jahr 2007 gab es im Gazastreifen nur einige Dutzend von Mitgliedern in solchen extremistischen Gruppierungen. Inzwischen wir die Zahl auf mehrere Hundert geschätzt.

Einer der Gründe für die gestiegene Anziehungskraft dieser Gruppierungen ist die de-facto-Feuerpause, die zwischen Israel und der Hamas besteht. Auf Grund dieser Feuerpause betrachten einige Bewohner des Gazastreifens die Hamas als neutralisiert. Hamas benötigt diese Ruhe, um nach der Operation „Gegossenes Blei“ im letzten Winter ihre Stärke wieder herzustellen. Doch die extremistischen Gruppierungen sind nicht ohne Weiteres bereit, dies anzuerkennen.

Aus Israels Sicht dreht sich die Angelegenheit um den Einfluss von Hamas’ Einsatz von Gewalt (ähnlich wie sie die Hamas schon gegen die Fatah eingesetzt hatte): Wird dieser Einsatz von Gewalt die Legitimität der Hamas in Gaza untergraben? Was vor zwei oder drei Jahren noch als Widerspiegelung der Herrschaft der Mehrheit angesehen wurde, wird jetzt als ein Regime basierend auf Angst betrachtet.