Eine judenfreundliche Stimme aus Bayern: Ignaz v. Döllinger (1881)

Bayern, jener Landstrich im Herzen Europas, für dessen Bevölkerung Xenophobie und Antisemitismus bis in die Gegenwart ein anscheinend unüberwindliches Problem darstellen, brachte immer wieder auch Persönlichkeiten hervor, die so ganz und gar nicht in dieses intolerante Umfeld passen wollten…

Von Robert Schlickewitz

Ein solcher Einleitungssatz mag in den Ohren eines Bayern schmerzlich klingen, nichtsdestotrotz ist er angebracht und berechtigt, wie jeder Kenner der Minderheitengeschichte des Freistaates bestätigen wird. Zu den herausragenden bayerischen Frauen und Männern also, deren erste Karriereschritte in vielen Fällen nicht erahnen ließen, dass es sich bei ihnen um Ausnahmeerscheinungen in der so passiv gleichgültigen, geistig trägen, devot obrigkeits- und kirchenhörigen, uniform denkenden und sich am liebsten meinungskonform äußernden Masse der Angehörigen dieses süddeutschen Stammes handelte, zählt der Theologe und Historiker (Johann Joseph) Ignaz (von) Döllinger.

Bamberg, dessen Geburtsstadt, war ab der Kreuzfahrerzeit bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts immer wieder Schauplatz von Judenbekehrungen, Judenverfolgungen, Judenverbrennungen und Judenvertreibungen gewesen. Kein idealer Hintergrund für jemanden, noch dazu jemanden in hoher Position, der später einmal ein differenzierteres Bild jener Minderheit entwickeln sollte.

Döllinger entstammte einer angesehenen Medizinerfamilie und verbrachte seine Kindheit im mainfränkischen Würzburg. Ab 1816 studierte er Geschichte, Philologie, Naturwissenschaften und Theologie. 1822 erfolgte seine Priesterweihe und bereits 1823 lehrte er selbst Kirchengeschichte und Kirchenrecht am Aschaffenburger Lyzeum. Von 1826 an, inzwischen als Professor an der neu gegründeten Münchner Universität hielt er Vorlesungen zu Dogmatik und neutestamentlicher Exegese. In jenen Jahren, genauer, seit 1825, wurde Bayern von König Ludwig I. regiert, der für eine gewisse kulturelle Öffnung des bäuerlich-provinziellen, abseits bedeutenderer Handelswege gelegenen und in intellektueller Hinsicht ‚zurückgebliebenen‘ Bayern sorgte.

So griff man, vor allem in München, u. a. die Gedanken einer romantischen Erneuerungsbewegung in der katholischen Kirche, die in Frankreich aufgekommen waren, begierig auf. Um den Koblenzer Publizisten Görres bildete sich bald ein Kreis katholischer Gelehrter, dem Döllinger nahe stand. Diese Umgebung regte ihn denn auch an, sich zusätzlich der Politik zuzuwenden.

Bereits zuvor hatte der Professor im Priesterstand eine rege publizistische Tätigkeit entwickelt, hatte er Aufsätze in „Eos“ und in den „Historisch-politischen Blättern“ veröffentlicht und gewichtige Werke zu Kirchen- und Konfessionsgeschichte verfasst. In diesen Schriften offenbarte er einen streng kirchlichen (katholischen), dem Protestantismus gegenüber höchst kritischen Standpunkt und er vertrat die These von der Freiheit der Kirche gegenüber dem Staat.

In Rom hatte derweil Pius IX. (Pio nono), der umstrittenste Papst des 19. Jahrhunderts (der Theologe Küng nennt ihn nicht umsonst „antiliberal“ und „antisemitisch“), sein Pontifikat angetreten. Die großen Hoffnungen, die reformfreudige Kräfte in Europa anfänglich in ihn gesetzt hatten, waren rasch verflogen, als der Kirchenfürst nach den Ereignissen von 1848 sich zu einem Ultrareaktionär entwickelte und begann das Rad der Geschichte zurückzudrehen.

Just jenes Revolutionsjahr 1848 sah Döllinger als Abgeordneten in die Frankfurter Nationalversammlung einziehen. Gleichzeitig stand der Gelehrte der deutschen Bischofskonferenz beratend zur Seite.

Jedoch stießen mit der Zeit einige von seinen Thesen in Rom auf den Widerstand von einflussreichen jesuitischen Theologen, die ihn als „unzuverlässig“ denunzierten.

Das jeder Logik und dem gesunden Menschenverstand widersprechende Dogma von der „Unbefleckten Empfängnis Mariens“ dieses Papstes, das in keiner Offenbarung oder Überlieferung der Kirche auftaucht, befremdete eine ganze Reihe deutscher Theologen, darunter Döllinger. Konsequent riet die Münchener Theologische Fakultät in Gutachten dem Vatikan von der Verkündigung dieses für alle Katholiken verbindlichen Glaubenssatzes ab – ohne Erfolg.

Noch stärkeren Widerstand erweckte in Döllinger die lange diskutierte und schließlich ebenfalls durchgesetzte Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit, die er publizistisch unter einem Pseudonym bekämpfte und vor der er auch offen warnte („Uns ist die katholische Kirche keineswegs identisch mit dem Papismus, und so sind wir, ungeachtet der äußeren kirchlichen Gemeinschaft, doch innerlich und tief geschieden, von denen, deren kirchliches Ideal ein universales, von einem einzigen Monarchen geistlich und womöglich auch leiblich beherrschtes Reich ist, ein Reich des Zwanges und des Druckes.“).

Die Kirche, damals wie heute nicht in der Lage eine innere Opposition zu dulden, revanchierte sich 1871 mit der Exkommunikation Döllingers.

Äußerlich respektierte dieser die Strafe, indem er nicht mehr als Priester wirkte, jedoch setzte er seine akademischen Tätigkeiten fort und wurde vom Bayernkönig Ludwig II. auch noch demonstrativ zum Rektor der Münchner Universität und zum Vorsitzenden der Königlichen Akademie der Wissenschaften in München berufen.

In seinen nun folgenden wissenschaftlichen Arbeiten – bereits zuvor hatte er sich mit den Urkundenfälschungen des Mittelalters beschäftigt (welche bei der Machtentfaltung der Päpste lange Zeit eine große Rolle gespielt hatten) – setzte er sich mit den kirchlichen Irrwegen und den Quellen des Lebens der alten Kirche auseinander.

An der Entstehung der altkatholischen Kirche in Bayern hatte Döllinger bedeutenden Anteil, wobei er ihr, gemäß der Auskunft katholischer bzw. dem Vatikan nahestehender Historiker nicht, gemäß den Angaben der Altkatholischen sehr wohl, angehörte.

Der Kirchenhistoriker gilt darüberhinaus heute als ein Pionier der ökumenischen Arbeit; ihm gebührt der Verdienst, orthodoxe, anglikanische, evangelische und alt-katholische Teilnehmer bei den „Bonner Unionskonferenzen“, 1874 und 1875 an einem Tisch versammelt zu haben.

Die Universitäten Wien, Marburg, Oxford und Edinburgh würdigten seine Verdienste jeweils mit der Verleihung ihrer Ehrendoktorhüte.

Als Döllinger mit der Kirche unversöhnt 1890 starb, hatte er fünf Päpste sowie vier bayerische Könige überlebt und ein beachtliches publizistisches Werk hinterlassen – jedoch bedauerlicherweise keine ‚Breitenwirkung‘ erzielen können. Erst ein Jahrhundert später fand er in seinem fränkischen Landsmann Karlheinz Deschner einen würdigen Nachfolger in Sachen kirchenkritischer Geschichtsschreibung.

Die katholische Kirche hat die Exkommunikation Döllingers übrigens bis heute nicht aufgehoben, lediglich sich zu einer späten formellen Rehabilitierung anlässlich ihres 2. Vatikanischen Konzils durchzuringen vermocht.

Am 25. Juli 1881 hielt Döllinger anlässlich einer Festsitzung der Münchner Akademie zum Geburtstag des Bayernkönigs Ludwig II. eine Rede, die später in einem Sammelband veröffentlicht wurde. Die Ausführungen des bayerischen Franken sind heute noch von Interesse, weil sie den Standpunkt einer aufgeklärten christlichen Elite in Deutschland zu Juden und Judenmission in einer Zeit anwachsenden bürgerlichen, klerikalen und intellektuellen Antijudaismus‘ sowie aufkommenden Antisemitismus‘ (somit in einer durchaus mit der heutigen vergleichbaren Zeit) wiedergeben.

Es sei diesbezüglich auf die von Einsicht und Erkenntnis zeugenden Ausführungen dieses Nestors der bayerischen Historiographie hingewiesen, die eine ganz und gar unübliche, weil offene, Kritik am kirchlichen Antijudaismus und mehr noch, am Selbstverständnis des römischen Papsttums enthalten. Zwar weist Döllingers Geschichtsbild vom jüdischen Volk auch eine Reihe von Fehlern bzw. Fehleinschätzungen (u. a. sein, wenn auch relativiertes, Festhalten an der jüdischen Schuld am Tod des christlichen Messias) auf und zuweilen klingt er sogar selbst wie ein Judenmissionar, dennoch verdient der gute Wille dieses Außenseiters seiner Ära und Umgebung unsere Anerkennung. Denn manche seiner Ansichten und seine Haltung der Kirche gegenüber haben etwas zeitlos Aktuelles an sich.

So wird der sensibilisierte zeitgenössische Leser etwa bei dem vom Katholizismus für sich vereinnahmten und von Döllinger kritisch ausgeweideten Begriff „Wahrheit“ unwillkürlich an den bayerischen Papst Benedikt XVI. erinnert, der bekanntlich dieses Wort wie eine Keule („Wahrheitskeule“) gebraucht. Nicht minder von bleibendem Interesse ist die Döllingersche Übersetzung des lateinischen Karfreitagsfürbittenwortes “perfidus“ – besonders im Vergleich zu den bemüht verharmlosenden Auslegungsversuchen moderner katholischer Kleriker. Ferner verdeutlichen manche Passagen dieses Vortrags plakativ den Vorbildcharakter der Kirche für die deutschen Nationalsozialisten ein halbes Jahrhundert später, etwa bei der judenfeindlichen Propaganda oder bei der Rechtfertigung für die Verfolgung der Juden. Döllinger zerstreut zudem mit anschaulichen Gegenbelegen alte christliche Vorurteile Juden gegenüber, er zeigt ehrliche Anteilnahme am Schicksal der Juden in Europa und er lässt erkennen, dass ihn diese Seite seines christlichen Erbes aufrichtig beschämt. Vor allem aber belegt er anhand zahlreicher Beispiele die ungeheure Schuld der Kirche an Judenhass und Judenmord seit dem Mittelalter.

Besonders bayerischen (beamteten!) Historikern von heute sei die Lektüre dieser Rede empfohlen und es sei ihnen geraten Döllingers keine falschen Rücksichten kennende Offenheit nachzuahmen. Denn gerade die bayerische Geschichtsschreibung der Jahre seit 1945 steht im Ruf, sich in puncto Ehrlichkeit und Bereitschaft zu echter Aufklärung mit der Lügenhistoriografie der alten Sowjet Union messen zu können. In beiden Fällen galt (bzw. gilt) es um der Aufrechterhaltung des sog. „schönen Scheines“ willen, jedwedes ‚störende Beiwerk‘ zu unterdrücken, und in beiden Fällen regierte entschieden zu lange jeweils eine einzige Partei.

„Die Juden in Europa

Die Akademie begeht heute, vorausgreifend, das Geburtsfest ihres königlichen Herrn und huldreichen Beschützers. Ein solcher Festtag ist zunächst den einfachsten, reinsten, erhebendsten Gefühlen geweiht: Liebe, Verehrung, Dankbarkeit. Dann aber ist er auch ein Zeitpunkt, in welchem wir uns gerne den Monarchen vergegenwärtigen, wie er, prüfend und sinnend, die Angelegenheiten seines Volkes, den Zustand Deutschlands erwägt, die bedeutungsvollen Ereignisse des Tages, ihre Tragweite sorglich bedenkend, vor seinem Geistesauge vorüberziehen läßt. Und so lenken sich unwillkürlich unsere Gedanken auf die jüngsten Begebenheiten, auf die ernsten Probleme, welche so laut und gebieterisch sich vordrängen.

Nicht der geringsten Fragen eine ist die semitische, die seit einigen Jahren schon Deutschland bewegt. Schroff stehen die Parteien sich gegenüber, und wie es im 13. Jahrhundert hieß: „Hie Welf, hie Waibling,“ so tönt es heute durch Deutschlands Gauen: Hie Semit und Semitenfreund, hie Antisemit. Mit nicht geringer Verwunderung haben wir wahrgenommen, daß gerade in der Hauptstadt des Reiches der Streit so heftig entbrannt ist, selbst unter denen, die zur Aristokratie des Geistes gehören. Ist nun auch der Süden Deutschlands bis jetzt weit weniger als der Norden in die Bewegung hineingezogen, so sind doch die dort sich regenden Triebfedern auch in unserer Nähe nicht ohne Kraft. In unseren Tagen darf die Wissenschaft nicht mehr, wie dieß früher geschah, sich selbstgenügsam vom großen Markte des Lebens entfernt halten; vielmehr hat sie die stärksten Gründe, sich mit ihren besten Früchten an der Lösung der unserer Zeit und Nation gestellten Aufgaben zu betheiligen, um mit allen social erhellenden und belebenden Kräften, empfangend und gebend, sich zu verbinden.

So sei denn eine der Spenden, welche die Akademie heute am Festtag ihres königlichen Beschützers, darbringt, ein Versuch, zu zeigen, wie diese Dinge so geworden, wie der Knoten, dessen Lösung heute Niemand anzugehen vermag, allmälig sich verschlungen hat, und wie die Lebenslehrerin Geschichte drohenden neuen Verirrungen den warnenden Spiegel vormals begangener Mißgriffe entgegenhält.

Das Schicksal des jüdischen Volkes ist vielleicht das erschütterndste Drama der Weltgeschichte.

Wenn die griechischen Tragiker vorzugsweise die „Hybris“, den übermüthigen Mißbrauch der Gewalt, als das dunkle, die Menschen in’s Verderben ziehende Verhängniß darzustellen pflegen, so tritt uns in den Schicksalen dieses Volkes eine, ich möchte sagen, mittelalterliche Hybris, als der schwer auf ihm lastende Fluch entgegen – eine Hybris, gemischt aus religiösem Fanatismus, gemeiner Habgier und instinctartiger Racenabneigung. Sie war das Ergebniß jenes sittlichen und intellectuellen Gebrechens, welches viele Jahrhunderte lang auf den Höhen der Menschheit, wie unten in der Menge, gleichmäßig geherrscht hat, zum Theil noch in weiten Kreisen vorhanden ist, wenn auch jetzt durch Sitte, Furcht und öffentliche Meinung gebändigt. Dieses Gebrechen war und ist, kurz ausgedrückt, der Mangel des Gerechtigkeitssinnes.

Wir kennen sie, jene Mächte und ihre Werkzeuge, welche auch noch heute noch in allen ersinnlichen Wendungen und Verhüllungen stets den einen Gedanken wiederholen: wir allein sind im Besitz der vollen, Rettung bringenden Wahrheit, und darum muß uns auch Alles gewährt werden und Alles uns erlaubt sein, was zur Verbreitung und Geltendmachung dieser Wahrheit nothwendig oder dienlich ist. Wo dieses Princip herrscht, wie es denn in dem ganzen Jahrtausend von 500 bis 1500 herrschte und heute noch von denen vertreten wird, welche die mittelalterliche Weltanschauung festhalten, da muß selbst der Begriff der Gerechtigkeit als verdammlicher Wahn erscheinen – jener Gerechtigkeit nämlich, welche den Menschen nach seiner Erziehung, seinen Neigungen und Vorurtheilen zu verstehen, sich in seinen Gedanken- und Sympathienkreis zu versetzen und ihm demgemäß zu behandeln, zu entschuldigen, sein Abweichen von unseren Bahnen des Denkens, Glaubens und Handelns zu ertragen, sein Recht der Selbstbestimmung zu achten vermag. Die christliche Religion hat diese Gerechtigkeit zusammengefaßt in dem Gebote der Nächstenliebe nach dem Maße der Selbstliebe; aber in fast unabsehbarem Umfang ist von den Herrschenden wie von der Masse, von den Lehrern wie von den Zöglingen, von Wissenden und Unwissenden, dieses höchste Gebot nicht verstanden, ignorirt, übertreten worden.

Wie es jetzt in der Gegenwart damit stehe, das zu sagen ist nicht meine Aufgabe.

Das aber ist leicht zu erkennen, daß eine Nation um so viel höher steht als Trägerin der Cultur, je größer in ihr die Zahl der von dieser höheren Gerechtigkeit durchdrungenen Personen ist und je besser ihre Institutionen dieselbe zu schirmen und zu bethätigen geeignet sind. Wo die Wechselbeziehungen der Menschen zu einander das religiöse Gebiet berühren, da pflegt man den Mangel der hier erörterten Tugend Fanatismus zu nennen, und es hat Zeiten gegeben, in denen auch die besten Männer und die edelsten Charaktere fanatisch dachten und handelten, so daß nunmehr für uns die Nothwendigkeit sich ergibt, in dem Weltgericht der Geschichte, die Wohltat jener Gerechtigkeit gerade auch ihnen angedeihen zu lassen, ihnen, welche sie selber im Leben verläugnet und ihren Mitmenschen versagt haben!

Schon vor der Zerstörung ihrer Hauptstadt und ihres Nationalheiligthums waren die Juden das wohl am weitesten verbreitete aller Völker, und wenn Strabo sagte, man könne nicht einen Ort in der Welt finden, der nicht Juden beherberge und nicht in ihrer Gewalt sei, so reichte diese Welt über die Länder um das Mittelmeer herum und in Asien bis ins persisch-parthische Reich hinein. Durch massenhafte Wegführungen, durch halb freie, halb erzwungene Colonisation, durch Kriege und Sklavenhandel, allmälig auch durch ihren immer mehr auf Handelsgeschäfte sich richtenden Unternehmungsgeist, waren sie eine Diaspora geworden, welche, zahlreich besonders in den Seestädten, meist griechisch redend und vielfach von griechischer Bildung durchdrungen, doch überall fest zusammenhielt und ihr eigenes Gemeindeleben sich bewahrte. Gleich den anderen Bewohnern des Reiches genossen sie die Wohltat des römischen Rechtsschutzes. Von den Kaisern wurden sie im Ganzen mehr geschützt, selbst bevorzugt, als mißhandelt; ihre Vorsteher erfreuten sich selbst einzelner Vorrechte. Enge sich aneinander schließend und einander helfend und fördernd, waren sie auf allen Erwerbsgebieten überlegene Mitbewerber, daher gehaßt. Wenn ihre Beschneidung, ihre Sabbathfeier, ihre Speisegesetze und ihre scheue Absonderung vielfach Spott und Verachtung erregten, so lag doch auch in ihrem Cultus des einen, bildlosen, rein geistigen Gottes für den polytheistisch übersättigten Heiden eine mächtige Anziehungskraft. Feinde sind sie der Götter wie der Menschen! – so lautete häufig das Urtheil der heidnischen Volksmassen über das ihnen unbegreifliche Wesen dieser Nation. Um die Zeit des römisch-jüdischen Krieges fielen sie nicht selten zu Tausenden als Opfer heidnischer Volkswuth.

Sie hatten schon wieder einen Mittelpunkt und ein Oberhaupt; in dem Städtchen Jamnia in Palästina hatte ein Synedrium sich gebildet, dessen Vorsitzer als Patriarch der ganzen Nation geehrt und anerkannt ward. So hatte man zugleich einen obersten Gerichtshof und eine Hochschule.

Aber gerade damals und in Folge des gewaltigen, durch die letzten Kriege gesteigerten Zelothenthums zog sich der Judaismus krampfhaft in sich zusammen; die pharisäische Denk- und Anschauungsweise wurde ausschließlich herrschend, stieß alles Fremdartige, wie Hellenismus und Essäismus, aus; der Talmud, der sich, alle Glieder fest verbunden haltend, wie ein eiserner Reif um die Nation legte, vollendete die Abschließung um so sicherer, als römische Gesetze Personen, die nicht jüdischer Geburt waren, zu beschneiden untersagten.

Indessen die Lebensfrage war: wie jene, welche die Zukunft in ihrem Schooße trugen – die Christen – sich zu den Juden stellen würden. Die älteste Kirche blieb hierin dem Beispiel und Wort ihres Meisters und der Lehre der Apostel getreu. Sie glaubte also und lehrte: Erstens, der Tod Christi, den die Häupter der Juden und ein Theil des Volkes verschuldet, ist keineswegs eine auf der ganzen Nation fort und fort lastende Schuld; vielmehr hat Christus selbst für seine Kreuziger um Verzeihung gebetet und dieses Gebet ist erhört worden, wie denn auch Petrus, gleich seinem Meister, ihr Vergehen mit ihrer Unwissenheit entschuldigt. Zweitens, das Volk ist keineswegs von Gott verstoßen, wenn auch seine Zerstreuung, der Untergang seines Staatswesens, seines Tempels und seiner Hauptstadt, als Strafe anzusehen ist. Israel bleibt das auserwählte Volk, da Gott seine Wahl und Verheißung nicht zurücknimmt. Einst, wenn die Fülle der Heiden eingegangen, wird auch Israels Fülle gläubig, und mit den Gläubigen aus dem Heidenthum eine einträchtige Gemeinschaft werden. Von dieser aus dem Neuen Testament geschöpften Anschauung ausgehend, mahnten die weisesten und angesehensten unter den Kirchenlehrern: das jüdische Volk sei ein zeitweilig verirrter Bruder, der früher oder später in’s Vaterhaus zurückkehren werde, immer aber der Träger unwiderruflicher Verheißungen sei und bleibe. Damit sei den Christen gegen das Volk, welchem Christus und die Apostel angehört, ohne sich von demselben trennen zu wollen, die Pflicht der duldsamen, geduldig harrenden Liebe vorgezeichnet. Der gelehrteste und geistvollste der älteren Väter, Origenes, erklärte: Sie sind und bleiben unsere Brüder, die nur später mit uns sich vereinigen werden, dann nämlich, wenn wir durch unseren Glauben und unser Leben sie zum Wettstreit mit uns erweckt haben. Selbst noch Augustin sprach es öfters aus: In den Herzen der Christen lebt die Zuversicht und sie äußern sie fortwährend, daß die Söhne der heutigen Juden einmal mit den Christen in einem Glauben verschmelzen werden. Diese Sinnesweise der ältesten Kirche schwand jedoch, als das Christenthum römische Staatsreligion geworden war, und das römische Heidenthum in Masse, mit seinem Haß und seiner Verachtung der Juden, theils willig, theils gedrängt und gezwungen, sich zum Christenthum bekannt hatte. Schon verboten die Synoden mit einem Juden zu essen, und der, noch ungetauft zum Bischof von Mailand erhobene Ambrosius nannte die Verbrennung einer Synagoge in Rom durch den Pöbel ein gottgefälliges Werk und schalt den Wiederaufbau heischenden Kaiser Maximus einen Juden. Der Ton in den Schriften der Christen wird nun, mit seltenen Ausnahmen, feindseliger, der Brudername verschwindet; nicht mehr mit Unkenntniß, sondern mit böswilliger Verhärtung wird ihr Fernbleiben von der Kirche erklärt. Die Hoffnung einer künftigen Vereinigung wird zwar festgehalten, aber man verlegt sie gleichsam in den entlegensten Winkel der Zukunft, in die letzten Tage vor der Endkatastrophe und dem Weltgericht. Es nahm sich aus, als ob man das Zusammenleben mit Israel in einer einzigen Gemeinschaft, in welcher dann freilich Israel, nach der biblischen Lehre wieder in seinen angestammten Primat eintreten würde, als eine lästige und verdrießliche Sache gern auf wenige Tage oder Monate beschränkt hätte.

Die christlichen Kaiser hatten in ihren Gesetzen an den Rechten und Freiheiten der Juden nichts wesentliches geändert, bis Theodosius II. sie im Jahre 439 von allen Aemtern, auch den städtischen, ausschloß, was dann für ihre Stellung wie im oströmischen Reiche so auch in Europa maßgebend wurde, da das Gesetz in Justinian’s Codex überging.

Im Abendlande begegnen wir Ende des 6. Jahrhunderts den ersten Zwangsbekehrungen im fränkischen Reiche: Avitus in Clermont und die Könige Chilperich und Dagobert gaben das Beispiel. Es ward bald im spanischen Westgothenreiche im großen Stil nachgeahmt. Hier, wo die Bischöfe den Staat beherrschten, ließ König Sisebut im Jahre 612 den Juden nur die Wahl auszuwandern oder sich taufen zu lassen. Viele wählten das letztere, kehrten aber später zum Judenthum zurück, und nun begann eine Reihe von Gewaltmaßregeln, um die getauften wider ihren Willen in der Kirche festzuhalten und ihren Rückfall zu rächen – so verordnete es ein Decret der Nationalsynode von Toledo -, ein verhängnißvoller Beschluß, der mehr Blut und Thränen gekostet hat, als irgend ein Gesetz des heidnischen Alterthums, denn er diente als Regel für unzählige Thaten der Folgezeit.

Im Frankenreiche bewegten sich längere Zeit hindurch die Verordnungen der bischöflichen Concilien wesentlich innerhalb des von den Kaisern gezogenen Kreises. Man verbot den Juden die Ehe mit Christen, den Besitz und Verkauf christlicher Sklaven, das Richteramt über Christen; auch das Zusammenspeisen von Juden und Christen und der Gebrauch eines israelitischen Arztes wurden untersagt. Bittere Feindschaft gegen das Volk athmen im fränkischen Reiche zuerst die Schriften der Erzbischöfe Agobert und Amolo von Lyon um das Jahr 848; der letztere empfahl Sisebut’s Handlung als eine gottgefällige und nachahmenswerthe – ein böses Zeichen kommender Dinge. Indessen zeigen diese Schriften auch: einmal, daß damals von einer wucherischen Aussaugung der Christen durch die Juden noch nicht die Rede war, und dann, daß der Kaiser, die Staatsbeamten und selbst das Landvolk den Juden wohlwollten und die Staatsgewalt sie noch schützte.

Aber mit dem Ausgang des elften Jahrhunderts trat eine für Christen wie für Juden und Heiden verhängnißvolle Wendung ein. Die höchste Autorität in der abendländischen Welt hatte das Princip der Religionskriege verkündet, und das Mittel gefunden, sie zu nähren und stets wieder hervorzurufen. Es war ein sündetilgendes und heilbringendes Werk geworden, nichtchristliche Völker zu bekriegen, Heiden und Ungläubige zum Glauben zu zwingen, die Widerstrebenden zu berauben und zu vertilgen; da mußte unvermeidlich auch die Lage des israelitischen Volkes weit schlimmer als früher sich gestalten, und wenn Europa auch im Großen und Ganzen stetige Fortschritte in der Bildung geordneter Staatswesen machte, dem Judenvolke kamen diese Fortschritte nicht zu Statten, vielmehr brachte jedes Jahrhundert vor der Reformation eine Steigerung seines Elends. Denn der Israelit war in den Augen der damaligen Christen schlimmer als ein Ungläubiger; er hieß in der officiellen Kirchensprache perfidus, das heißt ein Mensch, der weder Treue noch Glauben verdient. Oremus et pro perfidis Judaeis, heißt es in der Charfreitags-Liturgie, und alle Theologen und Canonisten jener Zeit bedienen sich dieses Ausdrucks. Der Jude sollte gemieden werden wie ein Pestkranker, dessen Hauch schon ansteckt, wie ein gefährlicher Verführer, dessen Rede das Gift des Zweifels und Unglaubens birgt. Den Laien war verboten, von Religion auch nur ein Wort mit ihm zu sprechen.

Als daher die Schaaren der Kreuzfahrer zum Kriege gegen die Muhammedaner in Asien auszogen, erschlugen sie zuerst die Juden in der Heimath und plünderten ihre Häuser. Und das Königreich Jerusalem begann sein Dasein damit, daß die dort lebenden Israeliten zusammt ihren Synagogen verbrannt wurden.

Das waren Thaten fanatischer, zuchtloser Banden. Aber auch für Fürsten und Völker, für Priester und Laien, waren natürlich die Aussprüche der Päpste und der Concilien über Rechte und Pflichten der Christen gegen die Juden maßgebend.

Früher hatten sich die römischen Bischöfe mit den Juden nicht befaßt; ihre Briefe und Verfügungen in den ersten sechs Jahrhunderten enthalten nichts über sie, die Kaiser-Gesetze scheinen ihnen genügt zu haben. Gregor der Große schützte die Juden unermüdlich gegen die in Unteritalien häufigen Gewaltthätigkeiten, verbot sie zum Christenthum zu zwingen; aber indem er ihren Uebertritt durch gewährte Vortheile erkaufte, stellte er den bedenklichen und bei späteren Zwangsbekehrungen oft angerufenen Satz auf: die Kirche gewinne damit, wenn auch nicht die erkauften selbst, doch gewiß ihre Kinder.

Von da an schweigen die Päpste fast drei Jahrhunderte lang über das Judenvolk. Seit der Mitte des 9. Jahrhunderts vollzog sich die erste mächtige Erhebung des Papstthums durch Pseudo-Isidor, Nikolaus I. und seine nächsten Nachfolger. Als nun Stephan VI. (885-891) das lange Schweigen brach, war bereits in Rom eine höchst feindselige Stimmung an die Stelle der früheren Milde getreten. In tödtliche Angst, schrieb der Papst dem Erzbischof von Narbonne, habe ihn die Kunde versetzt, daß dort die Juden, diese Gottesfeinde, durch königliche Verleihung Grundeigenthum (Allod) besäßen, und daß Christen mit diesen Hunden zusammenwohnten und ihnen noch Dienste leisteten, da ihnen doch zur Strafe für den Tod Christi alle von Gott selbst beschworenen Gewährungen und Verheißungen genommen worden.

Damit war die Losung gegeben, die neue Bahn betreten, auf der man nun weiter schritt. Wohl gelang es den Juden nicht selten päpstliche Schutzbriefe zu erwirken. Das Verbot, sie zur Taufe zu zwingen, zu berauben und todtzuschlagen, ward öfters erneuert; aber während sonst, auch in geringfügigen Dingen, Bann, Interdict, Vervehmung und andere drastische Mittel angedroht und verhängt wurden, blieb es in diesen Bullen bei der allgemeinen Mahnung; die Pönalsanction fehlte. (Eine Ausnahme macht die Bulle Innozenz‘ IV. von 1247.) Die Könige und der hohe Adel gaben überall das Beispiel gesetzloser Unterdrückung, Mißhandlung, Ausplünderung der Juden, und es findet sich nicht, daß die Päpste dieß ihnen etwa verwiesen oder der gequälten sich gegen sie angenommen hätten. Im Gegentheil, als Philipp August die französische Juden beraubte und verbannte, erklärte Cölestin III., der König habe dieß gethan von göttlichem Eifer entbrannt. Und wenn ein geistlicher Fürst, um völlig sicher zu sein, zur Vertreibung der Juden sich die päpstliche Ermächtigung erbat, so ward sie ihm bereitwillig ertheilt. Die Erklärung Innocenz‘ III., daß das ganze Volk seiner Schuld wegen zu immerwährender Sklaverei von Gott bestimmt sei, wurde die stets angerufene Magna Charta für alle, denen nach dem Besitz der Juden und ihres Erwerbs gelüstete; nach ihr handelten Fürsten und Völker. Ihr Eindruck wurde auch nicht dadurch gemildert, daß die Päpste ihre gelegentlichen Schutzbriefe lediglich auf das Prophetenwort von dem überbleibenden Reste stützten, der in der letzten Weltpredigt bekehrt werden sollte. – Ein solches Bruchstück des Judenthums werde, meinte man, wo nicht in Europa, doch jedenfalls in Asien immerhin sich erhalten.

Die folgenden Päpste hielten an den Grundsätzen und Forderungen Innocenz‘ III. fest. Bauten die Juden sich eine neue Synagoge, so mußte sie niedergerissen werden; nur die alten durften sie ausbessern. Kein Jude darf gegen einen Christen Zeuge sein, das Tragen des Abzeichens, des Hutes oder des gelben Tuches, sollten die Bischöfe mit allen Zwangsmitteln durchsetzen. Dieses Gesetz des Abzeichens war besonders hart und grausam; denn bei den häufigen Meutereien und Tumulten in den Städten fielen die Juden um so leichter in die Hände der Wüthenden, die sie auf den ersten Blick erkannten, und auf Wanderungen wurden sie unentrinnbar die Beute der zahlreichen Strauchritter und Strolche, die natürlich jeden Juden für vogelfrei hielten. In Spanien war daher den Juden erlaubt worden, auf Reisen beliebige Kleider zu tragen, was jedoch bald wieder zurückgenommen wurde.

Vorzüglich Eugen IV., der die von Martin V. gemachten humanen Zugeständnisse wieder umstieß, verschärfte die ohnehin schon erbarmungslose kirchliche Gesetzgebung, so daß man fragen mußte, wie denn, wenn das alles genau eingehalten ward, diese Menschen ihr elendes Dasein noch fristen konnten.

Was die Päpste etwa unerwähnt ließen, das ergänzten die Concilien der einzelnen Länder; sie verboten z.B., daß ein Christ einem Juden ein Haus vermiethe oder verkaufe, daß er Wein von ihm kaufe. Zu all dem kamen noch die oft erneuerten Befehle, alle Exemplare des Talmud und die Erläuterungsschriften über ihn, also den weitaus größten Theil der jüdischen Literatur, zu verbrennen – wegen der dem Christenthum feindlichen Stellen, die sich darin finden sollten –, woraus dann wieder Quälereien, Verfolgungen, Einkerkerungen in Fülle sich ergaben. Es schien, als ob die Mächtigen der Erde für das gepeinigte Volk nur Steine statt des Brodes und auf ihre Bitten und Fragen keine Antwort hätten, als die, welche die Ahnen dieses Volkes einmal ihrem Tyrannen Herodes gegeben: als er sie fragte, was er denn für sie thun solle, hatten sie ihm zugerufen, er solle sich aufhängen!

Die neue Theorie von dem Sklavenstande der Juden ward nun auch von den Theologen und Canonisten adoptirt und ausgebildet. Thomas von Aquin, dessen Lehren in der ganzen römischen Kirche als unantastbar gelten, entschied: die Fürsten könnten über das Vermögen dieser zu ewiger Knechtschaft verurtheilten Menschen ebenso verfügen, wie über seine Güter. Eine lange Reihe von Canonisten baute auf denselben Grund die Behauptung die Fürsten und Herren könnten den Juden ihre Söhne und Töchter mit Gewalt wegnehmen und sie taufen lassen (Die Glosse … mißbilligt zwar dieses gewaltsame Taufen der Judenkinder, aber nur wenn es indistincte geschieht, und insofern als, wenn es ganz allgemein geschähe, es bald keine Juden mehr geben würde, während doch ein Rest zur Erfüllung der Weissagungen fortbestehen müsse.).

Daß ein getauftes Judenkind dem Vater nicht gelassen werden sollte, wurde allgemein gelehrt und besteht noch immer als kirchliche Forderung. Die Fürsten hatten inzwischen die päpstliche Lehre von der gottgewollten ewigen Sklaverei der Juden begierig ergriffen und Kaiser Friedrich II. baute darauf den Anspruch, daß alle Juden ihm als Kaiser zugehörig seien, nach der damaligen Logik, daß das Herrenrecht über sie von den alten römischen Kaisern auf ihn, als den Nachfolger, übergegangen sei. Sein Sohn Konrad IV. gebrauchte bereits den Ausdruck: „Knechte unserer Kammer“, und der Schwabenspiegel wußte, daß „König Titus sie zu eigen gegeben habe in des Reiches Kammer“. König Albrecht verlangte sogar von König Philipp von Frankreich die Auslieferung der französischen Juden, und später sagten die Juden selber in einer Denkschrift an den Rath von Regensburg: Sie gehörten dem Kaiser, damit er sie vor gänzlicher Ausrottung durch die Christen bewahre, und sie zum Andenken an das Leiden Christi erhalte. Seit dem 14. Jahrhundert wird diese Kammerknechtschaft als vollständige Sklaverei gedeutet und gehandhabt. „Ihr gehört“, sagt Kaiser Karl IV. in einer Urkunde den Juden, „uns und dem Reiche mit Leib und Gut an, wir mögen damit schaffen, thun und handeln, was wir wollen und was uns gutdünkt.“ In der That gingen die Juden, wie eine Waare häufig aus einer Hand in die andere; der Kaiser erklärte bald da, bald dort ihre Schuldforderungen für getilgt und ließ sich dafür eine hohe Geldsumme, gewöhnlich dreißig vom Hundert, für seine Kammer zahlen.

Der Schutz, den Kaiser und Reich den Kammerknechten gewähren sollten, war häufig illusorisch, selbst dann, wenn man ihnen Privilegien verlieh; Thatsächlich blieben sie rechtlos. Nur wo der Eigennutz gebot, die doch vielfach brauchbaren und einträglichen Menschen nicht völlig zu Grunde richten zu lassen, griffen die Regierungen ein. Sonst war, vom Kaiser herab durch alle Stände bis zum Pöbel, Jedermanns Hand wider sie. Häufig war ihnen auch der Schutz nur auf eine bestimmte Zeit zugesichert, nach deren Ablauf sie so gut wie vogelfrei waren, wenn sie nicht sogleich eine Erneuerung des Schutzbriefes mit viel Geld erkauften. Sie wurden benützt wie Schwämme, die man sich vollsaugen ließ, um sie dann auszudrücken. Was im Jahre 1390 vorging, verdient zu steter Warnung im Gedächtnis der Deutschen aufbewahrt zu werden: König, Fürsten, Adel und Städte waren durch langen Bürgerkrieg gleichmäßig verschuldet; da befolgte man das von Frankreich bereits gegebene Beispiel. Auf dem Reichstag zu Nürnberg wurden alle Judenschulden im Reiche niedergeschlagen, wofür die Schuldner fünfzehn Procent an die königliche Casse zahlten. Dabei gewannen z. B. der Herzog von Bayern, der Graf von Oettingen, die Stadt Regensburg je 100 000 Goldgulden.

Hatte einmal ein Fürst den Juden seines Landes oder auch dem einen oder anderen sich günstig gezeigt, etwa durch Verleihung eines Grundstückes oder eines Amtes, so erschien sofort ein päpstlicher Mahn- und Strafbrief, mit der Erinnerung, daß nie ein Sohn der Magd einem Sohne der Freien vorgezogen werden dürfe. Päpstliche Cardinal-Legaten ließen auf Concilien – wie zu Wien 1267 – verfügen, daß kein Jude in einem Badehause, einem Wirtshaus, einer Herberge zuzulassen sei, daß kein Christ Fleisch von einem Juden kaufen dürfe, weil er sonst leicht von diesem tückisch vergiftet werden könne. Die Synode von Salamanca im Jahre 1335 erklärte, Aerzte mosaischen Glaubens böten nur darum ihre Dienste an, weil sie das christliche Volk – also die Bevölkerung von ganz Europa – nach Kräften ausrotten wollten.

So wurden Haß und Abscheu gesäet und Massenmord geerntet. Gewöhnt an die Vorstellung, daß jeder Jude der geborne Feind und Schuldiger der Christen sei, hielten die Völker in einer Zeit, die ohnehin mit Vorliebe, ja mit Begier, das Gräßliche und Unnatürliche gläubig ergriff, die Juden jedes Verbrechens, auch des unwahrscheinlichsten oder unmöglichen, für fähig. Seit dem 12. Jahrhundert ging die Sage, die Juden bedürften Christenblut, die einen meinten: zu ihrer Osterfeier, die anderen: als Heilmittel gegen ein geheimes Erbübel; deshalb ermordeten sie jährlich eine Knaben. Daneben wollte man auch wissen, daß sie jährlich einen Christen, dem Erlöser zum Hohne, kreuzigten.

Ward irgendwo ein Leichnam, an dem sich Gewaltspuren zeigten, ein todtes Kind gefunden, so mußte ein Jude der Mörder sein; meist nahm man dabei ein von mehreren gemeinschaftlich begangenes Verbrechen an, und die Folter wurde so lange fortgesetzt, bis sie Geständnisse lieferte. Dann folgten grauenhafte Hinrichtungen und in vielen Fällen ein massenhaftes Erwürgen der ganzen jüdischen Bevölkerung in Stadt und Land. An ein geordnetes , unbefangenes Justizverfahren war nicht zu denken. Die Richter oder Behörden zitterten selber von der Wuth des zum voraus überzeugten Volkes; denn die Präsumtion stand fest, daß von jedem Glied dieses Mördervolkes die verruchtesten Thaten zu erwarten seien. Zuweilen war es auch ein Christusbild, welches ein Jude mit einem Messer gestochen oder verstümmelt haben sollte, was das Signal zu einem Blutbad wurde. Seit dem Jahre 1290 kamen die Gerüchte von mißhandelten und wunderbar blutenden Hostien hinzu. Von Paris, wo der erste Fall sich zugetragen, verbreitete sich die neue Mähre über die benachbarten Länder; bald wollte man auch anderwärts ein derartiges Heiligthum besitzen, und nun schien es, als ob die Juden, von einem dämonischen Wahnsinn ergriffen, ein kirchliches Dogma zugleich glaubten und nicht glaubten und ein unbezwingliches Verlangen nach einem qualvollen Tode trügen – so häufig wurden diese angeblichen Frevel an ihnen gerächt.

In London wurden die Juden ermordet, weil sie die große Stadt mit griechischem Feuer hätten verbrennen wollen.

Die große Pest, welche 1348 ganz Europa durchzog und entvölkerte, konnte, das wußte man gleich, nur von den Juden herrühren. Die Thatsache, daß das nüchtern und mäßig lebende Volk weit weniger davon betroffen wurde als die Christen, erhob die Vermuthung zur Gewißheit. Sie hatten allenthalben, in Folge einer großen Verschwörung, an der auch die Leprosenhäuser Theil genommen, die Brunnen und Quellen, selbst die Flüße vergiftet.

In Zofingen wollte man wirklich Gift in einem Brunnen gefunden haben. Auf der Tortur bekannten einige Juden und Aussätzige sich zur That. Nun brach ein Sturm des Fanatismus, der bestialischen Rachsucht und der gemeinen Habgier los, wie ihn Europa nie vorher und nie nachher gesehen hat. Die Opfer zählten in einzelnen Städten nach Tausenden. Viele kamen durch Selbstmord der Pöbelwuth zuvor. Vergeblich erklärte Papst Clemens VI. in zwei Bullen die Juden für unschuldig. Ein Asyl fanden die durch schnelle Flucht geretteten nur in dem fernen Lithauen.

Doch nicht bloß um der Religion und des angedichteten Verbrechens willen richtete sich der Volkshaß gegen die Juden; es kam noch ein drittes, eben so stark oder stärker wirkendes Motiv hinzu. Die Juden liehen Geld auf Zinsen, sie waren Wucherer; sie trieben ein zwar unentbehrliches, aber gleichwohl sündhaftes Gewerbe, und saugten, so hieß es, die Christen aus. Die Beschuldigung war nicht unwahr und doch ungerecht.

Päpste und Concilien haben einstimmig, auf unrichtige Auslegung der Stelle bei Lukas 6, 35 gestützt, seit dem Ende des achten Jahrhunderts in fortwährend sich steigernder Strenge alles Zinsnehmen von geliehenem Capital, in welcher Form es auch geschehe, verdammt und mit Kirchenstrafen belegt. In der alten Kirche hatte man nur den Geistlichen das Zinsnehmen verboten. Aber bei dem wachsenden Einfluß des päpstlichen Stuhles ward das Verbot auch auf die Laien ausgedehnt.

Man unterschied nicht etwa zwischen Zins und Wucher, sondern jedes Bedingen oder Nehmen auch des geringsten über das dargeliehene Capital hinausgehenden Betrages war durch die Päpste und Concilien verboten – ein Verbot, von welchem, wie Alexander III. im Jahre 1179 erklärte, nie dispensirt werden konnte. Dazu fügte Clemens V. auf dem Concil zu Vienne, 1311, die Entscheidung, es sei Ketzerei, zu behaupten, daß das Zinsennehmen nicht Sünde sei.

Damit waren nun allem Verkehr und Handel unerträgliche Fesseln angelegt; hatte doch Papst Gregor IX. selbst die Geldvorschüsse mit Zinsenbedingung, deren der Seehandel bedurfte, für verdammlichen Wucher erklärt.

Die Kirche hatte sich damit in Widerspruch mit der Natur der Dinge, mit den unabweisbaren Bedürfnissen des bürgerlichen Lebens gesetzt; sie konnte wohl den ihrigen verbieten Zinsen zu nehmen, aber sie konnte ihnen nicht befehlen oder sie zwingen, ihr Geld ohne Zinsen auszuleihen. Bei dem allgemeinen Mangel an baarem Geld in einer Zeit, in welcher der Vorrath an Gold und Silber in beständiger Abnahme begriffen war, ein Ersatzmittel noch nicht existierte, kamen Alle von den Höchsten bis herab zu den Niedrigsten, sehr häufig in die Lage, Geld entleihen zu müssen, und da den Christen der Geldhandel so strenge verboten war und nur geheim, unter mancherlei Geschäftsformen verhüllt oder auf Umwegen, von ihnen betrieben werden konnte, so traten die Juden hier ein, denen andere Erwerbszweige und Lebensstellungen verschlossen waren.

Ein arbeitsames Volk waren die Juden immer. So lange sie einen eigenen Staat bildeten, waren Feldbau, Gartenbau und Handwerk ihre vorherrschende Beschäftigung. Unter ihren Händen war Palästina eines der am besten bebauten und fruchtbarsten Länder der Erde geworden. War doch auch das Mosaische Gesetz auf die Bodencultur, auf die Förderung von Getreide, Wein- und Oelbau gerichtet. Auch in den ersten Jahrhunderten nach Christus und nach der Zerstreuung des Volkes blieb dieses seinen alten Sitten getreu. Josephus rühmt noch im Anfang des zweiten Jahrhunderts den Fleiß seiner Volksgenossen in Handwerk und Feldbau.

In der römischen Literatur und den Gesetzen der Kaiser findet sich keine Spur, daß die Juden dem Schacher und Kleinhandel sich ergeben hätten oder überhaupt ein Kaufmannsvolk geworden wären. Die zahlreichen in Rom lebenden Juden scheinen arm gewesen zu sein. Auch die gewaltigen und äußerst blutigen Empörungen der Juden in Aegypten, Cyrene und auf den Inseln zeigen, daß sie keine Handel oder Trödel treibende Bevölkerung bildeten, denn diese pflegt nicht zu den Waffen zu greifen, Noch bis ins 10. Jahrhundert hinein hatten sie in Spanien und Süd-Frankreich, auch in Deutschland eine seßhafte Bevölkerung gebildet; diese Lage war aber durch die Feindschaft der Kirche und des Volkes unhaltbar geworden. Seit dem Aufblühen der italienischen See- und Handelsstädte, mit ihren Flotten, waren sie auch von dem Zwischenhandel zwischen dem Westen und dem Orient weggedrängt worden. Das Zunftwesen und die Untersagung des Verkehrs gestatteten ihnen nicht, ein Handwerk zu treiben. Ebenso wenig konnten sie vom Feldbau leben, da ihnen Bodenbesitz fast allenthalben verwehrt war.

Der Cardinal Jakob von Vitry, der den Orient gut kannte, bemerkte um das Jahr 1244: unter den Muhammedanern trieben die Juden Handarbeit, freilich seien es nur die niedrigen und mißachteten Gewerbe, die sie trieben, unter den Christen aber lebten sie vom Zinsgeschäft. Da drängt sich der Gedanke auf, welch eine Wohltat es für die Welt, die christliche und die jüdische, hätte werden können, wenn damals ein Cardinal oder ein Papst über diesen Contrast zwischen den Juden unter dem Koran und den Juden unter dem Kreuz nachgedacht, und die so nahe liegenden praktischen Schlüsse daraus gezogen hätte!

So war denn auch der ärztliche Beruf den Juden in der Regel verschlossen, obgleich sie in muhammedanischen Ländern gerade in der Medicin sich hohen Ruf erwarben; denn die Concilien verboten den Kranken, bei Strafe des Bannes, von einem jüdischen Arzt Arznei zu nehmen, da es, wie sie sagten, besser sei zu sterben als von einem Ungläubigen sich heilen zu lassen. Von allen Schulen, höheren und niederen, waren sie ohnehin ausgeschlossen. Wer Wissenstrieb empfand, mußte Rabbiner werden, und wenn einmal, als seltenste Ausnahme, ein Fürst wie Alfons X. von Castilien sich jüdische Mathematiker und Astronomen bediente, so war die Bildung dieser Männer dort, wo der Koran herrschte, erworben.

Von Fremden Zins zu nehmen hatte den Juden ihr Gesetz gestattet, und das angebliche Verbot Christi, meinte man anfänglich auf beiden Seiten, könne doch für die Juden nicht verbindlich sein. Das änderte sich aber seit Innocenz III. Denn jetzt, Ende des 12. Jahrhunderts, lehrten Theologen und Canonisten, sowohl nach dem natürlichen als nach dem göttlichen Recht Alten und Neuen Testaments sei das Zinsnehmen verboten und Sünde. Innocenz III. verordnete daher, die Juden sollten zur Rückgabe erhobener Zinsen gezwungen werden, und er führte deßhalb ein früher nicht angewandtes Mittel ein: die Christen sollten nämlich, durch den Kirchenbann genöthigt, jeden Verkehr mit den die Rückzahlung weigernden Juden abbrechen. Das hieß, wenn es beharrlich durchgeführt ward, sie dem Hungertod überliefern. Daraus entstanden nun arge Verwirrungen und Conflicte mannigfacher Art. Die Bischöfe, denen die Verhängung des Bannes oblag, wollten vielfach Ernst damit machen, und Synoden, z. B. die von Avignon im Jahre 1209, forderten sie dazu auf. Die Fürsten dagegen, in deren Interesse und als deren Knechte die Juden das Zinsgeschäft betrieben, schützten diese oder nahmen nicht selten kurzweg das ganze Vermögen des Juden, als durch Zinsen erworben, für sich weg, oder zwangen auch die christlichen Schuldner rückständige Zinsen an ihre Casse zu entrichten.

Ueberhaupt war die Verwirrung, in welche die Hierarchie mit ihrem Zinsverbot sich, den Clerus und die Laien gestürzt hatte, bodenlos; die Canonisten quälten sich, Distinctionen zu erfinden und Auswege aus dem Labyrinth zu suchen. In unzähligen Fällen war man den thatsächlichen Zuständen gegenüber rathlos oder opferte das Princip auf, welches gleichwohl in der Theorie Niemand, bei Todesstrafe, antasten durfte. Den Christen hätte folgerichtigerweise auch das Entlehnen auf Zinsen verboten werden müssen, da sie hiemit die Juden zur Sünde verlockten. Allein Päpste, Bischöfe, Clerus waren selbst häufig in der Lage, zu Anleihen greifen und Zinsen zahlen zu müssen; war doch die ganze Organisation der Curie, die Verwaltung des Beneficienwesens, die Besteuerung des Clerus durch die Päpste, dazu angethan, Bischöfe, Geistliche, Klöster und Stifte den jüdischen Capitalisten zinsbar zu machen. So lehrten denn die Canonisten: die Juden seien doch einmal verloren, so daß es auf eine Anzahl Sünden mehr oder weniger nicht ankomme; die entlehnenden Christen aber entschuldige der Nothstand.

Allerdings waren die von den Juden geforderten Zinsen überaus hoch und oft unerschwinglich; dieß lag aber an dem damaligen Geldwerth, dem Münzmangel, und vor allem an den erdrückenden Abgaben, welche die Juden den Fürsten und den städtischen Behörden entrichten mußten. Die Caorfiner und die italienischen Bankherren stellten ihre Zinsforderungen ebenso hoch als die Juden, und wo sie den Geldhandel in die Hände bekamen, da wünschte man sich, wie z. B. in Paris im Anfange des vierzehnten Jahrhunderts, die Juden zurück; denn deren Wirksamkeit als Vermittler des Geldverkehrs war im Ganzen genommen vielfach eine wohltätige und damals unersetzliche; sie leisteten in den nördlichen Ländern und in Spanien, was in Italien die von den Päpsten und Bischöfen theils begünstigten, theils schweigend geduldeten und häufig gebrauchten Bankiersgesellschaften der sogenannten Lombarden, der Geldhändler von Asti, Siena, Florenz und anderen Städten, besorgten, – wie wenn auch Lombarden und Juden in Frankreich und England einander zeitweise Concurrenz machten. Kaiser Ludwig’s Sohn, Ludwig der Brandenburger, erließ im Jahre 1352 eine öffentliche Einladung an die Juden, sich steuerfrei im Lande niederzulassen, weil, „seit der Zeit als die Juden verderbt sind – er meint seit dem großen Mord von 1348 –, überall in unserem Land unter Reichen und Armen Geldmangel herrscht.“

Ein Blick auf das wechselvolle Schicksal der Juden in Frankreich, England, Spanien zeigt uns die Lage der Juden, wie sie durch die Hierarchie geworden war, in hellerem Lichte.

In England waren, wie in Deutschland, die Juden das specielle Eigenthum des Königs und wurden als ein werthvolles und einträgliches Besitzthum theils gepflegt und mit Privilegien versehen, theils, besonders unter den Königen Johann und Heinrich III., bis auf’s Blut ausgepreßt. Sie genossen wohl auch des königlichen Schutzes, der aber bei den plötzlichen Pöbelüberfällen fast immer zu spät kam und den Volkshaß, dessen Opfer sie wurden, nur schärfte. Heinrich III. nahm ihnen im Jahre 1230, nach mehreren von ihm erpreßten Schatzungen, auf einmal ein Drittheil ihres Besitzes; später verpfändete er die ganze britische Judenschaft dem Grafen Richard für ein Anlehen. Die Juden baten, da ihre Lage unerträglich geworden, um Erlaubniß auszuwandern, was ihnen, da der König sie allzu lieb habe, verweigert ward. Bischöfe, wie Grossetete von Lincoln, forderten ihre Verbannung. Eduard I. verfügte diese im Jahre 1290; damit beraubte er sich des vornehmsten Werkzeugs, mittelst dessen die Könige bisher ihre Unterthanen indirect besteuert hatten. Bei dem allgemeinen Mangel an geordneten und ausreichenden Kron-Einkünften, unter welchem damals alle Staaten litten, mußte alsbald ein Ersatz für die Vertriebenen gefunden werden. Er bot sich dar in den Gesellschaften der Caorfiner und der italienischen Geldmäkler, welchen die römische Curie, als Collectoren sie verwendend, den Weg nach England gebahnt hatte, deren bedeutendste aber im Jahre 1345 plötzlich bankbrüchig wurde und mit unbezahlten Schulden abzog. Als Wucherer und Finanzmänner der Krone waren sie nicht minder verhaßt als die Juden.

In Frankreich war die Behandlung und Ausbeutung der Juden noch methodischer und listiger. Philipp August begann fünfzehnjährig (1182) seine Regierung mit Ausplünderung und Verbannung aller Israeliten. Das Gerücht, daß sie jährlich am Osterfest einen Christen schlachteten, soll ihn dazu bestimmt haben; aber die von seinem Vater auf ihn übergegangenen Schulden waren die nächste Veranlassung. Im Jahre 1198 wurden sie zurückgerufen. Ludwig VIII. erklärte alle Zinsforderungen der Juden für ungiltig und befahl, die ihnen geschuldeten Gelder an ihre Herren, den König und die Barone, zu zahlen. Ludwig IX., zugleich überzeugt, daß alles Zinsnehmen schwere Sünde sei und daß alle Juden des Landes seine Knechte seien, zwang sie mehrmals, sich loszukaufen, und als er sie genug ausgepreßt zu haben glaubte, verbannte er sie aus dem Königreiche, mit Confiscation dessen was sie noch besaßen. Als die Juden damals vor dem Gouverneur von Narbonne um Wiedergewährung der von dem König ihnen entzogenen Rechte flehten, klagten sie: „Man beraubt die Juden ihres Geldes und nöthigt sie ihre Schulden zu zahlen, während man dagegen ihre Schuldner von der Pflicht, den jüdischen Gläubiger zu bezahlen, entbindet. Man verbietet ihnen, Geld auf Zinsen zu leihen, und untersagt ihnen jeden anderen Lebenserwerb.“ Des Königs Befehl ward nicht vollständig ausgeführt. Viele blieben, andere kehrten später allmälig zurück.

Ludwig’s Bruder, Graf Alfons von Poitiers, wandte in seinem Staat ein vorzüglich klug berechnetes und daher auch in Deutschland später nachgeahmtes Verfahren an. Er ließ sich zuerst, unter dem Vorwande der Verwendung für seinen Kreuzzug, vom Papst ermächtigen, alle von den Juden erhobenen Zinsen für sich einzuziehen, und dann wurden sämmtliche Juden mit Weib und Kind eingekerkert, die ärmeren nach einiger Zeit freigelassen, die reichen aber mit ihren Frauen in Haft behalten, bis sie die Habgier des Grafen und seiner Beamten vollständig befriedigt hatten. Philipp der Schöne verfehlte nicht, das Beispiel seines Großvaters in einer noch mehr durchgreifenden und Gewinn abwerfenden Weise zu befolgen. Er verbannte plötzlich, im Jahre 1306, alle Juden, bemächtigte sich ihrer ganzen Habe, ließ ihre Häuser, Synagogen, Schulen, selbst ihre Leichenacker an den Meistbietenden verkaufen und zwang alle ihre Schuldner, an seine Casse zu zahlen.

Mit den Baronen, die ihren Antheil an der Beute begehrten traf er ein Abkommen.

Das Drama schloß endlich im Jahre 1394, als Karl VI., auf die Vorstellungen seines Beichtvaters und die Bitten seiner von diesem geleiteten Gemahlin, die letzte Austreibung der Juden aus seinem Reich anordnete, weil man bemerkt haben wollte, daß viele, die mit ihnen verkehrten, im Glauben lau (tepidi) geworden seien.

In Spanien war unter arabischer Herrschaft die Lage des gehetzten und gepeinigten Volkes günstiger als in irgend einem christlichen Lande. Obwohl unfrei, wählte die Synagoge doch ihre nationalen Richter oder Könige, die sie bei den Machthabern vertraten; ihre Schulen blühten dort, sie betrieben besonders die Medicin mit mehr Erfolg als die Christen. Auch unter den christlichen Königen, im 12. und 13. Jahrhundert, waren sie noch einflußreich, dienten denselben als Finanzmänner und Schatzmeister, als Astronomen und Aerzte; in Toledo allein gab es ihrer 12 000; ihr Reichthum gestattete ihnen, sich wenigstens die unentbehrlichsten Menschenrechte mit Geldopfern zu erkaufen. Im Ganzen war ihr Zustand in Spanien, seit der arabischen Herrschaft bis zum Ende des 13. Jahrhunderts, günstiger, als in irgend einem anderen europäischen Land. Innerhalb der Mauern ihrer Judenquartiere (aljamas) lebten sie nach ihren eigenen Recht und Gesetz. Das 14. Jahrhundert brachte auch auf der Halbinsel den Juden Unheil. Den Königen werth und nützlich als Steuerpächter und Schatzmeister, waren sie dem Volke verhaßt; bald in dieser, bald in jener Stadt wurden sie überfallen, erschlagen, ihre Synagogen verbrannt; der gewaltigste Sturm brach über sie los im Jahre 1391 und durchtobte ganz Spanien; Priester, wie der Archidiakon von Ecija, hatten durch ihre Predigten den Brand geschürt. Viele Tausende wurden erschlagen, 200 000 aber retteten sich durch die Taufe; jedoch schon nach einigen Jahren fand man, daß 17 000 rückfällig geworden. Hundert Jahre später, 1492 erschien das königliche Edict, welches sämmtlichen Juden die Auswanderung mit Zurücklassung ihres Vermögens, gebot. (In Spanien wurde das Recht, die Ausgestoßenen auch noch ihres Vermögens zu berauben, bewiesen 1) aus der Lehre Innocenz‘ III. von der auf göttlicher Anordnung beruhenden Sklaverei aller Juden; 2) aus der Decretale Alexanders III., welche die bekehrten Juden zu berauben verbot, denn daraus folge, daß die Unbekehrten von den Christen ausgeplündert werden konnten; 3) aus der Decretale Clemens III., daß man ihnen ihr Vermögen nicht ohne Urtheil der Staatsgewalt wegnehmen solle, was also auf deren Befehl rechtlich geschehe.)

Da die Inquisition zugleich verbot den Juden Lebensmittel zu verkaufen, so konnten die meisten, wenn sie auch gewollt hätten, nicht abreisen, mußten also sich taufen lassen. Von den abziehenden – die Zahlangaben schwanken zwischen 170 000 und 400 000 – gingen die meisten durch Pest, Hunger, Schiffbruch zu Grunde. Die Abkömmlinge der überlebenden, die Sephardim, fanden in Italien und im Orient unter türkischer Herrschaft, auf kurze Zeit auch in Portugal, Aufnahme. Spanien aber wurde mit Mischgeschlechtern erfüllt, und der Gegensatz von reinem und unreinem Blut, alten und neuen Christen, vergiftete das ganze sociale Leben.

Schlimmer noch als in Spanien erging es den Juden in Portugal. Ihre Lage war hier lange Zeit besser gewesen, als auf der übrigen Halbinsel; der Mordsturm von 1391 hatte sie nicht erreicht; sie genossen einige Vorrechte, besaßen Grundbesitz, trieben Ackerbau und Großhandel. Da traf sie unter dem sonst als mild und menschenfreundlich gepriesenen König Manuel, 1495, ein vernichtender Schlag: ihre Kinder unter 14 Jahren wurden ihnen entrissen und getauft; sie selber durften nur im Lande bleiben, wenn sie übertraten. So ward auch dieses Reich mit Scheinbekehrten und gezwungen Getauften angefüllt. Die Folgen waren furchtbar. Schon im Jahre 1506 wurden in Lissabon, weil ein Neuchrist einen Zweifel an einem angeblichen Wunder geäußert hatte, in drei Tagen zweitausend Neubekehrte erschlagen. Bald nachher wurde die Inquisition eingeführt als erprobtes Mittel, das Vermögen des wohlhabenden Neuchristen dem Fiscus zu überliefern.

Vergleichsweise erträglich war die Existenz der Juden in den größeren italienischen Handelsstädten, wo sie, da das Bank- und Wechselgeschäft schon in den Händen der christlichen Bankiers war, mehr mit Waarenhandel sich befaßten. Dort kamen keine gegen sie gerichteten Pöbelaufstände oder Ermordungen vor.

Alle diese Dinge werden begreiflicher, wenn wir beachten, daß bei den Geschichtschreibern der Zeit, welche die begangenen Gräuel berichten, kein Zeichen des Mitleids, kein Wort des Unwillens sich findet. Vielfach äußern die geistlichen Chronisten selbst ihr Wohlgefallen; in triumphirendem Ton erzählt z. B. der Mönch von Waverley das Blutbad in London bei Richard’s I. Krönung, welches ohne jede durch die Juden gegebene Veranlassung erfolgt war, und schließt mit dem Ausruf: „Gelobt sei der Herr, der die Gottlosen preisgegeben hat.“

Dennoch verfehlen diese Chronisten nicht, zu bemerken, daß die Habgier eine Hauptursache solcher Missethaten gewesen, daß verschuldete Edelleute und Bürger gehetzt hätten, um ihrer jüdischen Gläubiger mit einem Schlage los zu werden. Denn in der That war Geld damals der Schutz- wie der Würgeengel der Juden; die Unglücklichen mußten ihre Schuldner drängen, immer gewärtig, daß im nächsten Moment sie die bedrängten sein würden.

Da der Clerus die bloße Existenz der Juden unter den Christen für eine unermeßliche Gefahr erklärte, welche die sorgfältigste Ueberwachung und Absperrung erforderte, so sollte man erwarten, daß er mit Aufbietung aller Kräfte an der Bekehrung der Juden durch Ueberzeugung würde gearbeitet haben. Dieß geschah jedoch nicht. Die hiezu fähigen Männer fehlten bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts vollständig, und auch nach Entstehung der Bettelorden, zu deren Beruf das Missionswerk unter den Juden gehört hätte, fand sich nur sehr selten ein Theologe, der sich die dazu unentbehrliche Bildung hätte zutrauen dürfen. Eine Auslegung der prophetischen Bücher, welche auf gebildete Juden einen Eindruck hätte machen können, überstieg die Kräfte jener Zeit. Jener breite Strom allegorischer Deutungen, der die biblische Literatur der Christen beherrschte, erschien den israelitischen Bibelkennern als das gehaltlose Spiel einer willkürlichen und zuchtlosen Imagination.

Ueberhaupt war die alte Kirche dem alttestamentlichen Volk und Glauben viel näher gestanden; die großen Aenderungen und Neugestaltungen des Mittelalters hatten die Kluft unermeßlich erweitert. Die Bilderverehrung, welche nach israelitischer Vorstellung schon dem Dekalog widersprach, das ganze Hildebrandische Herrschafts- und Zwangssystem, die Religionskriege mit dem Ablaßwesen – all das waren Dinge, welche den Uebertritt eines Juden aus inneren Motiven ungemein erschwerten; die biblische Darstellung der Trinität, wie sie im späten Mittelalter aufgekommen, mußte ihm als Bestätigung des den Christen vorgeworfenen Tritheismus erscheinen. An manchen Orten wurden die Juden wohl gezwungen, Bekehrungspredigten von Mönchen anzuhören, die dann unvermeidlich das Gegentheil dessen, was erstrebt wurde, wirkten. Von dem Predigermönche Vincenz Ferrer wird berichtet, daß seine Beredsamkeit 30 000 Bekehrungen in Spanien bewirkt habe. Aber diese angeblichen Uebertritte fanden statt unter dem Schrecken der Mordscenen von 1391 und der darauffolgenden Ereignisse, und was sie werth waren, zeigte der bald eingetretene Abfall von 17 000 Neuchristen.

Wollte ein Jude freiwillig Christ werden, so verlor er alles, was ihm die Gemeinschaft mit einem so fest und treu zusammenhaltenden Volk bis dahin geboten hatte, und gewann keineswegs die Gunst der Christen, vielmehr verschlimmerte sich in den meisten Fällen seine Lage. Denn die Kirche kam ihm mit Argwohn entgegen. In Rom galt es sogar als Regel: es komme kaum vor, daß ein getaufter Jude nicht rückfällig werde. Besaß er Vermögen, so ward ihm die Restitution aller bezogenen Zinsen zur Pflicht gemacht, was häufig sein ganzes Vermögen überstieg, und in Frankreich war es sogar Brauch, dem bekehrten Israeliten sein ganzes Vermögen zu confisciren und daraus den König oder Baron für den Verlust seines Leibeigenen und der von ihm bezogenen Rente zu entschädigen. Zwei Gesetze Karl’s VII. hoben zwar diesen Brauch auf; gleichwohl nahm eben dieser König von den Juden, die durch ihren Übertritt sich dem Exil entzogen, zwei Drittheile ihres Vermögens für sich, worin die Zeitgenossen eine Milderung der alten strengen Statuten fanden.

War der Christ gewordene Jude arm, so mangelten ihm erst recht die Mittel des Lebens; denn ein Handwerk hatte er nicht erlernt, Zinsgeschäfte durfte er nicht mehr treiben; nur etwa Schacher oder Trödel blieb ihm übrig.

Das schlimmste und abschreckendste aber war, daß der neue Christ sofort der Gewalt des Glaubensgerichts verfiel und allenthalben, wo es einen Inquisitor gab, schon auf bloßen Verdacht hin eingekerkert und gefoltert, zu Geld- oder Gefängnißstrafen verurtheilt werden konnte. Daß der Inquisitor auch bloß Verdächtige mit Geldstrafen belegen könne, war schon um das Jahr 1330 Lehre der Canonisten, und nichts war leichter und lockender als gegen einen reichen, getauften oder ungetauften Israeliten einen Verdachtgrund aufzufinden.

Während die Spanier Israel aus der Halbinsel auszurotten trachteten, flochten sie sich selbst die furchtbarste Geißel, unter deren Streichen sie Jahrhunderte lang bluten sollten. Denn indem sie so viele Juden durch Todesfurcht in die Kirche trieben und zu fortgesetzter Heuchelei zwangen, führten sie die Errichtung des zunächst gegen dieses heimliche Judenthum gerichteten heiligen Officium herbei. Die Mehrzahl der gebildeten Spanier erkennt wohl heute in der Inquisition das schwerste Nationalunglück, ein Institut, das dem spanischen Namen zur Schmach gereicht und dem spanischen Volke eine Quelle mannigfachen Elends, eine Schule der Heuchelei geworden ist. Daß aber dieses Institut so lange in Spanien sich behauptete und über 200 Jahre lang immer neue Opfer für seine „Glaubensacte“ fand, das haben die Thaten von 1328, 1391 und 1492 verschuldet, zusammen mit der von der Kirche ersonnenen Distinction des absoluten und des relativen Zwangs bei der Taufe.

Viele Tausende von Juden wurden damals zur Taufe genöthigt; man ließ ihnen oft nur die Wahl zwischen Tod und Uebertritt. In vielen Fällen wählten sie den Tod und starben entweder durch Selbstmord oder unter den Händen ihrer Dränger; das Beispiel einiger standhaften riß ganze Schaaren mit fort. Zugleich aber war doch auch die Zahl derer sehr beträchtlich, die in der Todesangst oder um der Verbannung und dem Vermögensverluste zu entgehen, sich taufen ließen, und eben so natürlich war, daß sie, sobald sie wieder freier athmeten, dem Christenthum entsagend, zum väterlichen Cult zurückkehrten.

Wohl war in der Kirche stets gelehrt und angenommen worden, daß eine mit Gewalt ertheilte Taufe nichtig und ungültig sei, und es schien also selbstverständlich, daß der, welchem der Zwang widerfahren, frei zu seiner väterlichen Religion zurückkehren dürfe. Aber schon die westgothischen Bischöfe Spaniens hatten, im Jahre 633, erklärt, daß die gezwungen Getauften in der Kirche festgehalten werden sollten. Dieß war in Gratian’s Lehr- und Gesetzbuch übergegangen, und nun wurde keinem mehr gestattet, von dem einmal bekannten Christenthum wieder abzutreten und jüdischen Cult zu üben. Er war nun einmal Christ und als solcher dem Glaubensgericht unterworfen; trat er zurück zum väterlichen Glauben, so erlitt er, wie jeder Ketzer und Abtrünnige, den Feuertod. Die Fürsten waren auch da, wo kein Inquisitionsgericht bestand, doch bereit, diese Strafe zu vollstrecken. Kaiser Friedrich III. ließ einen als Diener ihm werthen jungen Mann, der in der Todesfurcht getauft, wieder zum Judenthum sich bekannt hatte, zum Scheiterhaufen führen, den der Psalmen singend bestieg. In Spanien und Portugal genügte bei den Neuchristen schon die Wahrnehmung eines jüdischen Ritus, um sie dem Kerker und der Folter zu überliefern. Man achtete nicht darauf, daß auf diesem Wege die Kirche mit Heuchlern erfüllt und zahllose Profanationen, welche man doch sonst mit allen zu Gebote stehenden Mitteln abzuwenden strebte, unvermeidlich wurden. In ihren besseren Zeiten betrachtete die Kirche solchen durch Mord und Schrecken erzwungenen Eintritt als eine Schmach und einen Frevel; jetzt aber wirkten Alle – Bischöfe, Priester und Laien – einträchtig zusammen, dieses Brandmal ihrer Kirche aufzudrücken. Zumeist in Spanien.

Eine peinlichere Existenz als die eines Juden im Mittelalter ist kaum denkbar, und hätten sie Geschichtskenntnis besessen, mit welcher Sehnsucht würden sie nach der glücklichen Zeit der römischen Kaiserherrschaft zurückgeblickt haben! Jeden Tag mußte der Jude gewärtigen, eine Erpressung oder den Verlust seines Vermögens, Kerker oder Verbannung zu erleben. Auswanderung war oft unmöglich, wurde meist, solange noch etwas von ihm zu erpressen war, verweigert, und besserte, wenn sie gelang, seine Lage fast nie; meist kam er vom Regen in die Traufe und mußte schon die Zulassung in einem anderen Gebiete, selbst für einige Jahre nur, um hohen Preis erkaufen. Auf den öffentlichen Straßen des Landes war er so unsicher wie ein Geächteter.

So ist denn die ganze äußere Geschichte der Juden, während fast tausend Jahren, eine Kette von ausgesuchten Bedrückungen, von herabwürdigenden und demoralisirenden Quälereien, von Zwang und Verfolgung, von massenhaften Abschlachtungen, ein Wechsel von Verbannungen und Zurückrufungen. Es ist, als ob die europäischen Nationen wetteifernd Alles aufgeboten hätten, um den Wahn zu verwirklichen, daß bis an’s Ende der Zeiten den Juden das härteste Helotenthum nach dem Rathschlusse des Himmels bestimmt, und daß die Söhne der Heiden berufen seien, Büttel- und Henkerdienste an Gottes Lieblingsvolk zu verrichten. Man wußte sie nicht zu entbehren, man fand sie vielfach sehr nützlich, und wollte sie doch nicht ertragen. Ihr Anblick schon wirkte herausfordernd auf den von keinem Zweifel berührten Gläubigen, der das Beharren des im hellen Lichte des Evangeliums wandelnden Juden bei seinem väterlichen Glauben nur als böswillige Verstockung erklären zu können meinte.

Dennoch fällt in der gewaltigen Masse von Strafreden, Anklagen und feindlichen Declamationen gegen das verabscheute Volk, welche sich in endloser Wiederholung stehend gewordener Phrasen durch die kirchliche Literatur jener Jahrhunderte ziehen, ein Zug auf. Ihr sittliches Leben, soweit es Familie, Keuschheit, Mäßigkeit, Vertragstreue betrifft, wird nicht angetastet. Neben dem Vorwurf der Habgier und des Wuchers ist es immer nur ihr religiöses Verhalten, welches den Stoff bietet – sie werden regelmäßig der Lästerung angeklagt, wozu die Thatsache genügte, daß sie eben die christlichen Lehren der Trinität und Incarnation nicht kannten. Daß sie wirklich Christus und seine Mutter vor christlichen Ohren geschmäht hätten, kam gewiß höchst selten vor, da sie wußten, daß ein derartiges Wort hinreichte, sie und oft auch noch ihre Familie dem Tode zu weihen. Einen Christen zu seinem Glauben herüberziehen zu wollen, konnte dem Israeliten gar nicht in den Sinn kommen. Im Talmud hieß es: Proselyten sind für das Judenthum so schädlich, wie Geschwüre am gesunden Leibe. Wollte wirklich ein Nichtjude übertreten, so mußte ihm vorgehalten werde: Ist es Dir etwa unbekannt, daß die Juden in Leiden und Drangsalen leben, gekränkt und verstoßen, geplagt und gemartert? Zugleich ward er an das Lästige der Gesetze und der vorgeschriebenen Entbehrungen und Opfer erinnert.

„Die Juden hat der Christ erst so gemacht“, dieß sagt uns die Geschichte seit dreizehn Jahrhunderten mit tausend Zungen. Als die Juden in Spanien vertilgt und ausgetrieben werden sollten, soll ein Rabbiner den Christen gesagt haben: „Wir sind zugleich ein gesegnetes und ein mit Fluch beladenes Volk. Jetzt wollt ihr Christen uns ausrotten, aber es wird euch nicht gelingen, denn wir sind gesegnet; dereinst werdet ihr euch bemühen, uns emporzuheben, aber auch das wird euch nicht gelingen, denn wir sind verflucht.“ Ist dieses Wort wirklich gesprochen worden, so ist unklar, ob jener Rabbiner bloß die spanischen Juden – die Sephardim – gemeint, oder an einen auf dem ganzen Volke lastenden Fluch gedacht hat. Ein Rückblick auf neun Jahrhunderte von Schmach und Elend mochte wohl einen solchen Gedanken bei ihm hervorrufen. Seit der Reformation aber hat sich das Loos der Juden in stetigem Fortschritt immer günstiger gestaltet, und heute wird wohl kein Rabbiner mehr das Gefühl eines auf seinem Stamme liegenden Fluches haben.

Die gegenwärtige Zahl der Juden auf der ganzen Erde hat man annähernd auf zwölf Millionen berechnet; sollte sie auch geringer sein, so ist doch gewiß, daß sie weit stärker ist, als sie jemals im Alterthum, auch zur Zeit ihrer staatlichen Selbstständigkeit gewesen. Damit hat sich die officielle mittelalterliche Deutung des Prophetenwortes als eine Täuschung erwiesen; ihr gemäß sollte das Volk durch anhaltende Mißhandlung und Verfolgung zu einem geringen übrigbleibenden Häuflein herabgemindert werden. Das Volk hat sich aber, trotz aller auf diesen Amboß geführten Hammerschläge und trotz der zahlreichen an Christenthum und Islam abgegebenen Proselyten, nicht gemindert, sondern ist stetig gewachsen. Hundert Jahre lang hat Israel um die bürgerliche Gleichstellung gerungen und endlich sie erreicht in fast allen europäischen Staaten; nur Rußland, Spanien und Portugal haben sie noch nicht bewilligt. Sie fehlt auch in der moslemischen Welt. In Europa aber befindet sich die größere Hälfte der jüdischen Nation im Besitze aller socialen und politischen Rechte. Israeliten sitzen jetzt in den Parlamenten und Ständekammern, sind an den meisten Universitäten als Lehrer zugelassen, die Zahl ihrer sich zu den Studien drängenden Jugend wächst mit jedem Jahre, wichtige Aemter werden ihnen bereits anvertraut. Ihr Schutzverein, die verständig geleitete israelitische Allianz, deren Sitz in Paris ist, scheint fortwährend größeren Einfluß zu gewinnen. Die Thatsachen der vergleichenden Statistik sind ihnen günstig. In den meisten Staaten fällt auf sie die relativ geringste Zahl der gerichtlich verhandelten Verbrechen, und bilden sie den an Wohlstand und Reichthum, selbst an Lebensdauer und Vermehrung voranstehenden Bruchtheil der Bevölkerung. Die alten Tugenden der Mäßigkeit und Enthaltsamkeit, des wohlgeordneten und innigen Familienlebens, der Pietät der Kinder gegen die Eltern, welche so viel dazu gethan, in den schweren Zeiten des Mittelalters dieses Volk vor dem Untergange zu bewahren, sind auch jetzt noch nicht von ihm gewichen. Familienverbindung mit Christen und Uebertritt zum Christenthum sind häufiger als früher geworden; in Berlin allein zählte man vor einigen Jahren 2000 Proselyten.

Diesem Lichtbilde stehen nun allerdings düstere Schatten gegenüber; die besseren Wortführer des Volkes läugnen nicht die schweren Gebrechen, sie müssen zugeben, daß Stoff zu scharfem Tadel in Fülle vorliege; sie meinen nur, daß die Fehler mehr in’s Auge fallen, als die Vorzüge. Die stärkste Anklage und die hauptsächlichste Ursache des Volkshasses gegen sie sind die ökonomische Schädigung, die Ausbeutung besonders des Landvolks in den slavischen, aber auch in einigen deutschen Ländern, durch das noch immer mit Vorliebe betriebene Schacher- und Wuchergewerbe. Im Osten bezeichnet man diesen Schaden, mit Hinweis besonders auf Galizien, noch stärker, man nennt ihn Verwüstung. Die Schuld ist unläugnbar, unsere israelitischen Mitbürger beklagen sie wie wir; – aber eine Solidarität und Verantwortlichkeit Aller für das Thun eines fernen, auch für sie unerreichbaren Bruchtheils zu verlangen, wäre ungerecht. Dasselbe gilt von dem Gründerunwesen und dem verderblichen Hazardspiel mit Werthpapieren, bezüglich dessen Christen und Israeliten gleiche Schuld trifft. Wenn vordem Goldmacher, Astrologen und Schatzgräber die blinde, leichtgläubige Gier der höheren Stände ausbeuteten, so sind es heute jüdische und andere Speculanten, welche das gleiche Geschäft besorgen. Nicht minder theilt sich in die Sünden der Tagespresse der christliche Leserkreis mit den jüdischen Redactionen, welche, gleich den anderen, die Tagesmeinung und die Tagesneigung nicht erzeugen, sondern ihnen nur fröhnen.

Die große, seit Mendelssohn begonnene Reformbewegung im Schooße des Judenthums hat demselben in Deutschland, Frankreich, England eine neue Gestalt gegeben; während der in den slavischen Ländern wohnende Theil des Volkes von ihr größtentheils unberührt geblieben ist und noch fest an den talmudischen Normen hängt, haben im westlichen Europa die Israeliten sehr viel von den ererbten Vorurtheilen und Gebräuchen abgelegt, in Sitte und Denkweise sich den Christen genähert.

Gegenwärtig ist Deutschland der Träger und Nährvater des geistigen Lebens im Judenthum, wie früher der Reihe nach Spanien, Süd- und Nordfrankreich, dann Holland es waren. Durch ihre Sprache beherrschen die deutschen Israeliten die der übrigen Welt, nur sie besitzen eine eigene religiöse und theologische Literatur, von der ihre Glaubensgenossen in anderen Ländern sich nähren. Und so läßt sich mit Recht behaupten, daß der Einfluß deutscher Gedanken- und Sinnesweise gegenwärtig unter den Juden, selbst bis nach Nordamerika, stärker sei als jeder andere.

In jenen Culturvölkern, welche eine eigene Geistesbildung besitzen, denkt auch der ihnen angehörige Jude ebenso wie die Masse der Nation. Der deutsche Jude denkt wesentlich deutsch in allen Fragen des geistigen und socialen Lebens, was im vorigen Jahrhundert noch durchaus nicht der Fall war; und da unsere Bildung, unserer Civilisation aus dem Christenthum hervorgegangen und christlich gefärbt ist, so kann er, wie abgeneigt er auch sonst dem Christenthum sein möge, doch nicht umhin, bewußt oder unbewußt, über viele Dinge christlich zu denken und so zu handeln. Die Ehe, zum Beispiel, wird bei den Juden nicht mehr vom orientalischen und alttestamentlichen, sondern vom christlich-germanischen Standpunkt aus betrachtet und behandelt. Nicht anders verhält es sich mit den brittischen und französischen Israeliten: sie denken und fühlen wie die große Nation, in deren Mitte sie leben.

Viel zu lange hat die falsche, abscheuliche Lehre, daß die Menschen berufen seien, Sünden und Verirrungen bei Vorfahren an den schuldlosen Nachkommen fort und fort zu rächen, die Welt beherrscht und hat die Länder Europa’s mit Gräueln und Schandthaten befleckt, von denen wir schaudernd uns abwenden. Wehe uns und unsern Enkeln, wenn jenes Rachegesetz gegen die Nachkommen der Deutschen, Franzosen, Spanier und Engländer des Mittelalters jemals zur Anwendung kommen sollte! Eins aber ist, was die heutige, antisemitisch sich nennende Agitation nicht vergessen sollte: Haß und Verachtung sind Gefühle, traurig und unerquicklich für den, der sie hegt, peinigend und erbitternd für den davon Betroffenen. Schlimm wenn, um biblisch zu reden, ein Abgrund den anderen anruft. Unser Wahlspruch sei und bleibe das Wort der Sophokleischen Antigone:

„Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.““

Anmerkungen und Erläuterungen:

Der Text wurde unverändert, in der Döllinger eigenen Orthografie, wiedergegeben, Fußnoten nur, wo sie als Ergänzung zum Text als nötig empfunden wurden in Klammern gesetzt, übernommen; Quellenhinweise im Text und in den Fußnoten hingegen blieben unberücksichtigt.

Hybris = Übermut, frevelhafte Selbstüberschätzung; Racenabneigung = Rassenabneigung; Synedrium = oberstes Gericht im alten Jerusalem; Zeloten = Glaubenseiferer, Fanatiker; schalt von schelten; heischend = fordernd, verlangend, erbittend; Charfreitag = Karfreitag; „Oremus pro perfidis Judaeis“ (lat.) = „Wir bitten/beten für die treulosen Juden“; Canonisten = Kenner, Lehrer des kanon. Rechts; Interdict = Verbot gottesdienstl. Handlungen als Kirchenstrafe; Vervehmung = Verfemung, Ächtung; Pönalsanction = Strafmaßnahme; indistincte = undeutlich, unbestimmt; vogelfrei = ohne Rechtsschutz, geächtet; Präsumtion = Annahme, Vermutung; Mähre = Nachricht, Gerücht, Sage; griechisches Feuer = leicht brennbare, explosive Mischung, die auch auf dem Wasser brennt (Kampfmittel im Altertum und im Mittelalter); Leprosenhäuser = letzte Station für Aussätzige oder Leprakranke; Tortur = Folter, Marter; dispensi(e)ren = befreien, beurlauben; Distinctionen = Auszeichnungen, Würden; Confiscation = Beschlagnahme, Enteignung ohne Entschädigung; Archidiakon = Vorsteher eines Pfarrbezirks; Decretale = päpstliche Entscheidung; Tritheismus = Glaube an die Dreieinigkeit als drei getrennte Einzelpersonen; Profanation = Entweihung, Entwürdigung; Büttel = Häscher, Henkersknecht, Polizist; Heloten = Unterdrückte, Staatssklaven; Declamation = kunstgerechter Vortrag; Proselyt = Neubekehrter, zu einem anderen Glauben Übergetretener; fröhnen = rückhaltlos hingeben

LITERATUR:

„Bamberg“ in: Neues Lexikon des Judentums, (Hg.) J. H. Schoeps, Gütersloh/München 1998
G. Denzler, Das Papsttum, 2. Aufl., München 1997/2004
„Döllinger“ in: Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte, 2. Aufl., München 1978 und Augsburg 1995
„Döllinger“ in: Bosls Bayerische Biographie, (Hg.) K. Bosl, Regensburg 1983
„Döllinger“ in: R. v. Bruch und R. Müller, Historikerlexikon, München 1991
„Döllinger“ in: Lexikon der deutschen Geschichte bis 1945, (Hg.) G. Taddey, 3. Aufl., Stuttgart 1998
„Döllinger“ in: Meyers Großes Konversationslexikon, 20 Bde., 6. Aufl., Leipzig und Wien 1904
„Döllinger“ in: Meyers Enzyklopädisches Lexikon, 25 Bde., 9. Aufl., Mannheim u.a. 1973
„Döllinger“ in: U. Sautter, Biographisches Lexikon zur deutschen Geschichte, München 2002
I. v. Döllinger, Akademische Vorträge, Erster Band, Nördlingen 1888, S. 209-241
H. Fuhrmann, Menschen und Meriten – Eine persönliche Portraitgalerie, München 2001, S. 149-173
J. F. Harris, The People speak! Anti-Semitism and Emancipation in Nineteenth-Century Bavaria, Ann Arbor 1994
Jüdisches München, (Hg.) R. Bauer und M. Brenner, München 2006
H. Küng, Das Judentum, München 1991, S. 257
R. Schlickewitz, Die ehrliche weißblaue Chronik, München 2006 (unveröffentlicht)
R. Schlickewitz, Sinti, Roma und Bayern, 3. Aufl., Deggendorf 2008
J. Schmidt-Liebich, Deutsche Geschichte in Daten, Band 2: 1770-1918, München 1981
S. Schwarz, Die Juden in Bayern im Wandel der Zeiten, München 1963/1980
http://www.alt-katholisch.de/information/geschichte/ignaz_von_doellinger.html (aufgerufen am 21. 4. 09) http://www.bbkl.de/d/doellinger_j_j_i.shtml (aufgerufen am 21. 4. 09)

18 Kommentare zu “Eine judenfreundliche Stimme aus Bayern: Ignaz v. Döllinger (1881)

  1. @koshiro
    Ihre Ausführungen sind überholte Denkweise. Heute geht man sehr wohl davon aus, dass gewisse Völker spezifische Entwicklungen, Schicksale, Erfahrungen etc. gemacht haben, die andere Völker nicht, oder nur abgeschwächt gemacht haben.
    Und gerade die Bayern, ein Mischvolk par excellence aus Romanen, Slawen, Kelten, Germanen sowie Dutzenden weiteren Völkerschaften, haben eine wesentlich andere Entwicklung durchgemacht als die übrigen Deutschen, die abstammungsmäßig wesentlich homogener sind.

    Ach Du heiliger Strohsack… da bringt man den Vorwurf mit Chamberlain als überspitzte Polemik, und der zieht sich den Schuh auch noch an.
    Und dann auch noch das „Mischvolk“… da muß man den Nazivergleich gar nicht mehr bringen, wenn er sich schon selber bringt…
    (Ungetrübt natürlich auch von jedem Wissen um Wählerschaft, Basis und Wahlergebnisse der NSDAP, aber das jetzt zu erklären, würde Perlen vor die Säue werfen…)

  2. Um unsere bayerische Psyche zu verstehen oder besser kennenzulernen lohnt die Lektüre von:
     
    „Bayerisches Lesebuch“, herausgeg. von Elisabeth Tworek, München 1999 bzw. 2002.
     
    Sowohl Lion Feuchtwanger als auch Carl Amery gehen darin auf die buntgemischte Abstammung ein und viele weitere interessante Aspekte kommen zur Sprache.
    Wir Bayern sind massiv anders!

  3. @koshiro
    Ihre Ausführungen sind überholte Denkweise. Heute geht man sehr wohl davon aus, dass gewisse Völker spezifische Entwicklungen, Schicksale, Erfahrungen etc. gemacht haben, die andere Völker nicht, oder nur abgeschwächt gemacht haben.
    Und gerade die Bayern, ein Mischvolk par excellence aus Romanen, Slawen, Kelten, Germanen sowie Dutzenden weiteren Völkerschaften, haben eine wesentlich andere Entwicklung durchgemacht als die übrigen Deutschen, die abstammungsmäßig wesentlich homogener sind. Allein die Einigung auf eine gemeinsame Sprache war schon, wie man annehmen darf, ein höchst schmerzlicher Prozeß.
     
    Dass daher der Nationalsozialismus mit seiner Lehre von der „reinen Rasse“ und dem „Ariertum“ in Bayern ausbrach, ausbrechen musste, wo die Minderwertigkeitskomplexe auch mental und bildungsmäßig besonders groß waren (Bayern war noch bis 1939 neben Ostpreußen die am stärksten landwirtschaftlich strukturierte Region des Deutschen Reiches) und nicht etwa in Niedersachsen oder in Hessen erklärt sich eindeutig aus dem speziellen Werdegang des bayerischen Stammes, Volkes, oder wenn Sie wollen, der bayerischen Rasse. Das ist kein Nazi-Denken, sondern Wissen und Logik.
     
    Dass sich die Psyche bzw. das Wesen der Bayern wesentlich von der/dem der Bewohner anderer Bundesländer unterscheidet, haben zahlreiche Autoren seit langer Zeit und immer wieder festgestellt. Ebenso verhält es sich mit dem Wählerverhalten der Bayern seit 1945 (CSU) und mit einer Reihe anderer Eigenschaften. Die besondere Disposition der Bayern für Xenophobie und Minderheitenfeindlichkeit etwa, wie sie die Friedr. Ebert Stiftung regelmäßig konstatiert, gibt ebenfalls Anlass zum Schluss, es hier mit einem abnormen (von der Norm abweichenden) Volk zu tun zu haben.
     
     
     

  4. „Und wer so viele Verbrechen auf dem Kerbholz hat (wie wir)“
    Was haben Sie verbrochen? Merken Sie denn nicht, dass sie ALLE über einen Kamm scheren?
    „genetisch kranke Psyche des Bayern“ – ihr scheint die gegenwärtig lebenden 12 mio. Bayern ja ganz genau zu kennen und natürlich auch die des vergangenen Jahrtausends. Wie soll nun mit den „kranken“ weiter verfahren werden? Habt ihr da auch schon eine Lösung parat?

  5. Entweder Sie wissen nicht, was „genetisch“ bedeutet, dann haben Sie sich intellektuell disqualifiziert – oder Sie glauben an die „genetisch kranke Psyche des Bayern“ was eine leicht modernisierte Version des klassischen Chamberlainschen Rassismus ist, womit Sie sich moralisch disqualifiziert hätten. Oder beides.
    Menschen aufgrund vager Kategorien wie „Volk“, „Rasse“ oder „Stamm“ eine „genetisch kranke Psyche“ oder ähnliches in Bausch und Bogen zu unterstellen, ist Nazi-Denken. Punktum. Egal, ob es „der Bayer“, „der Neger“, „der Zigeuner“ oder eben „der Jude“ ist.
    Viel zu lange hat die falsche, abscheuliche Lehre, daß die Menschen berufen seien, Sünden und Verirrungen bei Vorfahren an den schuldlosen Nachkommen fort und fort zu rächen, die Welt beherrscht[…]
    Und auf einen Menschen, der solche wirklich edel zu nennenden Gedanken formuliert, wollen Sie sich dabei noch berufen, wenn Sie Worte wie „moralisch“ und „sittlich“ in den Mund nehmen. Das ist wirklich schon traurig.

  6. @Koshiro
    Das war wieder mal ganz typisch koshirotisch: da regt er sich nicht etwa über die eigenen (deutschen) unermesslichen Verbrechen eines ganzen Jahrtausends, die damit einhergehende nationale Verlogenheit, die Heuchelei, die Geschichtsklitterung, die ungeheuren Lügen, mit denen wir Bayern und Deutschen uns unsere Geschichte seit Jahrzehnten zurechtbiegen auf, nein, er regt sich darüber auf, dass ein Zeitgenosse Lügner Lügner und Verbrecher Verbrecher nennt. Und wer so viele Verbrechen auf dem Kerbholz hat (wie wir) und immer noch alles belügt, der hat doch wohl ’ne ganz irre Meise, bzw. ist genetisch krank.
    Oder ist das ein ‚ganz normales‘ Verhalten, sich zu belügen, die eigenen Kinder zu belügen, die Enkel zu belügen, die Opfer bzw. deren Nachkommen zu belügen?
     
    Das kann doch unmöglich moralisch, sittlich in Ordnung sein, oder?

  7. Es ist die genetisch kranke Psyche des Bayern
    Ach du grüne Neune… jedesmal, wenn man denkt, jetzt kann im Kommentarbereich eigentlich nichts dümmeres und widerwärtigeres gesagt werden, setzt irgendwer so einen Klopper drauf. Wenn man dagegen Döllinger liest…
    Haß und Verachtung sind Gefühle, traurig und unerquicklich für den, der sie hegt, peinigend und erbitternd für den davon Betroffenen.
    … kann man sich nur sagen, der würde sich im Grabe umdrehen, wüßte er, wer sich hier auf ihn beruft.

  8. @Dr. Bruno Pasquazzo
    Der Fehler ist nicht der Rede wert, Dottore.
    Interessanter ist die Übersetzung des Wortes „perfidis“ einst und jetzt: heute darf es laut Vatikan nicht mehr, so wie früher, mit „treulos“ übersetzt werden, da es angeblich „missverstanden“ werden könnte.

    Nichts als Lügen, Heucheleien, Klitterungen und das, obwohl es ein Gebot gibt, das auch Katholiken anerkennen, das diese Unsitten verbietet.

  9. Lieber Makkabäer, hoffentlich behalten Sie nicht recht (wenn auch eben dies zu befürchten steht).  Nota bene:
    Die Karfreitagsfürbitte muß natürlich lauten; pro perfid i s  iudae i s,
    man verzeihe mir den Flüchtigkeitsfehler.
     
     

  10. @Dr. Bruno Pasquazzo
    Dottore, Ratzinger ist nicht nur Deutscher, sondern Bayer! Gerade als Bayer und Papst sollte er sich diesen Döllinger-Artikel und die anderen historischen Bayern-Artikel von HaGalil vornehmen und daraus endlich lernen.
    Als Bayer in derart hoher Position könnte er, wenn er nur wollte (und über seinen Schatten spränge) eine geradezu einmalige historische Situation nutzen und endlich reinen Tisch machen (mea et nostra maxima culpa).
     
    Aber er macht es natürlich nicht, weil er Angst hat wie ein Hase, dass ihm noch mehr Gläubige davonrennen oder zu den Piusbrüdern überlaufen. Und so bleibt natürlich alles beim alten. (Bayern verliert pro Jahr durch Tod und Austritt etwa 50 000 Katholiken; die Zahlen für das bumms-katholische Österreich sind vergleichbar)

     
    Es ist die genetisch kranke Psyche des Bayern, die es ihm unmöglich macht, alte Traditionen aufzugeben und sich endlich neuen Herausforderungen und Ideen zu stellen. Bester Beleg: seit 1945 wird Bayern fast ausschließlich von einer einzigen Partei regiert. Früher war es der König (oder Prinzregent), dann die verbrecherische BVP, die nichts gegen die Nazis im Ländle unternahm, dann die Nazis selbst und nun eine vollkommen überflüssige und moralisch verkommene Regierungspartei mit  christlichem Namen. Sie alle regierten jeweils zu lang und waren nicht in der Lage einen sittlichen Wandel in diesem Volk zu bewirken. Und das Volk war dankbar und zufrieden.

    Der Bayer braucht eine starke Macht oder einen starken Mann, weil er weiß, dass er mit der Demokratie nicht zurecht kommt.
     
    That’s Bayern, Dottore.

  11. Eine überaus beeinduckende, beklemmende Zusammenfassung kirchlichen „Heilswirkens“ über mehr als tausend Jahre. Die römische (aber ebenso auch die protestantische) Nomenklatura müßte sich eigentlich alle 24 Tagensstunden hindurch an die Brust klopfen:  nostra culpa, nostra culpa, nostra culpa immensurabilis. Daß der heutige Papst Ratzinger, ein Deutscher,  die alte Karfreitagsbitte pro perfidos iudaeos wieder zugelassen hat, ist -vor diesem Hintergrund- eine Schande. Ist es denn tatsächlich möglich, aus dem Bekannten k e i n e Lehren zu ziehen?

  12. Ein durch und durch wertvoller Beitrag.
    Was mich an der Einfürung zu Döllingers Rede ein wenig stört, ist der Ausdruck „plakativ“. Ich meine, daß dieser Ausdruck eher durch „zusammengerafft“ bzw. „auf den Punkt kommend“ ersetzt werden sollte. Mit plakativ verbindet man m.E. sensationsheischend oder auch ansatzweise demagogisch. Und das ist die Rede nicht. Vielmehr bringt sie Ordnung in geschichtliche Tatsachen, die wir alle „irgendwie“, aber doch nicht nachvollziehbar wußten. Endlich liegt eine hervorragende Diskussionsgrundlage vor, mit der man nachweisen kann, daß wenigstens die Amtskirche Wegbereiter der Shoa war.

  13. @Draganic
    Sehr geehrter Freund,
    wenn Sie mehr über Bayern und seinen Umgang mit den Minderheiten, Juden, Sinti und Roma, Serben und Türken erfahren wollen, so sehen Sie sich doch meine Webseite
    http://www.sintiromabayern.de
    mal an.
    Ich bin sicher, dass ich Ihnen darin so manche Frage beantworte und Sie über Deutschlands minderheitenfeindlichstes Bundesland und die Strauss-Partei wertvolle Aufschlüsse erhalten.
    Mit besten Grüßen
    Robert Schlickewitz

  14. Ich denke mir immer, wenn ein Mensch in der Lage ist, zu solcher Erkenntnis zu gelangen, warum ist dann der Rest so dämlich?

    Vielen Dank auf jeden Fall für diese Informationen. Die gesamte Serie (ist es eine?) ist sehr interessant. Mir war Bayern schon immer etwas suspekt, nicht zuletzt wegen Strauss und manchen Sprüchen von Herrn Stoiber.

  15. Noch nie habe ich einen Katholiken, noch dazu einen Geistlichen, so ehrlich über die Verbrechen der Kirche berichten gehört bzw. gelesen.
    Verständlich, dass Deutsche und Christen kein größeres Interesse hegten, dass Döllingers Erkenntnisse einem größeren Publikum zugeführt wurden. Erschüttert er doch das katholische Selbstverständnis auf geradezu außerordentliche Weise.
    Hoffentlich lesen möglichst viele diesen Artikel!

  16. Eine judenfreundliche Stimme aus Bayern: Ignaz v. Döllinger (1881)…

    Ein notwendiger, sehr wichtiger Beitrag, vom Inhalt und von der Sache her. Sollte in allen Schulen zum Unterricht Eingang bzw. Erwähnung finden.

    Schalom!

    Beste Grüße als Lauterbach
    Wolfgang Bastian
    Rheinstraße 35
    36341 Lauterbach

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