Altneuland – Erstes Buch

Ein gebildeter und verzweifelter junger Mann

 

Erstes Kapitel

Dr. Friedrich Löwenberg saß in tiefer Melancholie an dem runden Marmortische seines Kaffeehauses. Es war eines der alten gemütlichen Wiener Cafés auf dem Alsergrunde. Er kam seit Jahren dahin, schon als Student. Mit der Regelmäßigkeit eines Bureaukraten pflegte er um die fünfte Nachmittagsstunde einzutreten. Der blasse, kranke Kellner begrüßte ihn ergebenst. Löwenberg machte eine höfliche Verbeugung vor der ebenfalls blassen Kassiererin, mit der er nie sprach. Dann setzte er sich an den runden Lesetisch, trank seinen Kaffee, las alle Zeitungen durch, die ihm der Kellner beflissen brachte. Und wenn er mit den Tages- und Wochenzeitungen, Witzblättern und Fachjournalen fertig war, was nie weniger als anderthalb Stunden in Anspruch nahm, kamen die Gespräche mit Freunden oder die einsamen Träume.

Das heißt: ehemals waren es Plaudereien gewesen, jetzt waren es nur noch Träumereien, denn die zwei guten Gesellen, die jahrelang mit ihm diese eigentümlich leeren und charmanten Abendstunden im Café Birkenreis verbracht hatten, sie waren beide in den letzten Monaten verstorben. Beide waren älter gewesen als er, und es war wie der eine, Heinrich, in seinem Abschiedsbrief an Löwenberg schrieb, bevor er sich eine Revolverkugel in die Schläfe schoß: „es war sozusagen chronologisch begreiflich, daß sie früher verzweifeln als er“. Der andere, Oswald, war nach Brasilien gezogen, um für eine Ansiedlung jüdischer Proletarier tätig zu sein, und dort war er unlängst dem gelben Fieber erlegen.

So kam es, daß Friedrich Löwenberg seit einigen Monaten einsam an dem alten Tische saß und, wenn er sich durch den Zeitungshaufen durchgeschlagen hatte, vor sich hinträumte, ohne eine Ansprache zu suchen. Er war zu müde, neue Bekanntschaften zu schließen, als wäre er nicht dreiundzwanzig Jahre alt, sondern ein Greis gewesen, der schon zu oft hatte von lieben Leuten Abschied nehmen müssen. Da saß er und starrte in den leichten Dunst hinein, der die ferneren Winkel des Saales verschleierte. Um den Billardtisch standen mit langen Stöcken und kühnen Stoßgeberden einige junge Leute. Die waren nicht unvergnügt, obwohl sie sich in ähnlicher Lage befanden, wie er: es waren angehende Ärzte, neugebackene Doktoren der Rechte, absolvierte Techniker. Die höheren Studien hatten sie vollendet, und zu tun gab es nichts. Die meisten waren Juden und pflegten zu klagen, wenn sie nicht gerade Billard oder Karten spielten, wie schwer es „in dieser Zeit“ sei, das Fortkommen zu finden. Einstweilen vertrieben sie sich diese Zeit mit endlosen Spielpartien. Löwenberg bedauerte und beneidete zugleich diese Gedankenlosen. Sie waren eigentlich nur bessere Proletarier, Opfer einer Anschauungsweise, die vor zwanzig oder dreißig Jahren in den mittleren Schichten der Judenschaft geherrscht hatte. Die Söhne sollten etwas anderes werden, als die Väter gewesen. Los vom Handel, von den Geschäften. Da hatte ein Massenauszug des Nachwuchses nach den „gebildeten“ Berufen stattgefunden. Das Ende war ein jammervoller Überfluss an studierten Leuten, die keine Beschäftigung fanden, zu bescheidener Lebensführung nicht mehr taugten, in Ämtern nicht unterschlüpfen konnten, wie ihre christlichen Kollegen, und sozusagen auf dem Markte lagen. Dabei hatten sie Standespflichten, ein kümmerlich hochmütiges Standesbewusstsein und recht mittellose Titel. Die einiges Vermögen besaßen, konnten es langsam aufzehren, oder sie lebten aus der väterlichen Tasche weiter.

Andere lauerten auf die „gute Partie“, mit der hübschen Aussicht, Eheknecht im Solde eines Schwiegervaters zu werden. Die dritten unternahmen eine rücksichtslose und nicht immer reinliche Konkurrenz in Berufen, welche eine vornehmere Lebenshaltung erforderten. So daß man das wunderliche und traurige Schauspiel hatte, sie, die nicht einfache Kaufleute sein wollten, als „Akademiker“ Geschäfte machen zu sehen: Geschäfte mit geheimen Krankheiten oder unerlaubten Prozessen. Manche wurden aus Not Journalisten und handelten mit öffentlicher Meinung. Noch andere tummelten sich in Volksversammlungen herum, hausierten mit wertlosen Schlagworten, um bekannt zu werden und parteiliche Beziehungen zu ergattern, die später Nutzen bringen mochten.

Keinen dieser Wege wollte Löwenberg gehen. „Du taugst nicht fürs Leben“, hatte der arme Oswald ihm vor der Abreise nach Brasilien in grimmiger Laune gesagt, „denn du ekelst dich vor zu vielen Dingen. Man muss was hinunterschlucken können, zum Beispiel Ungeziefer, Unrat. Davon wird man dick und kräftig, und man bringt es zu etwas. Aber du, du bist nichts als ein feiner Esel. Geh‘ in ein Kloster, Ophelia!… Daß du ein anständiger Mensch bist, wird dir niemand glauben, weil du ein Jud‘ bist… also was? Du wirst mit den paar Groschen Erbteil früher als mit deiner Rechtspraxis fertig werden. Dann wirst du doch etwas anfangen müssen, wovor du dich ekelst — oder dich aufhängen. Ich bitte dich, kauf dir einen Strick, solange du noch einen Gulden hast. Auf mich kannst du nicht rechnen. Erstens werde ich nicht hier sein, zweitens bin ich dein Freund.“

Oswald hatte ihn bereden wollen, mit nach Brasilien zu gehen. Friedrich Löwenberg aber konnte sich dazu nicht entschließen. Den heimlichsten Grund seiner Weigerung nannte er freilich dem Freunde nicht, der damals hinauszog, um auf fremder Erde früh den Tod zu finden. Es war ein blonder, schwärmerischer Grund, ein äußerst süßes Geschöpf. Nicht einmal den beiden vertrauten Freunden wagte er von Ernestinen zu sprechen. Er fürchtete die Scherze über sein zartestes Gefühl. Und nun waren die beiden Guten nicht mehr da. Er konnte sie nicht mehr, auch wenn er wollte, um ihren Rat und ihre Teilnahme bitten. Denn es war eine schwere, schwere Sache. Er wollte sich vorstellen, was wohl die beiden dazu gesagt hätten, wenn sie nicht von ihm gegangen wären, sondern noch dasäßen auf ihren alten Plätzen an dem runden Lesetische. Er schloss die Augen ein wenig und träumte das Gespräch.

„Meine Freunde, ich bin verliebt — nein, ich liebe…“

„Armer Kerl!“ würde Heinrich sagen.

Oswald aber: „Eine solche Dummheit sieht dir ganz ähnlich, lieber Friedrich.“

„Es ist mehr als eine Dummheit, meine lieben Freunde, es ist schon ausgewachsener Wahnsinn. Denn Herr Löffler, ihr Vater, wird mich wahrscheinlich auslachen, wenn ich ihn um die Hand Ernestinens bitte. Ich bin nichts als ein Advokaturskandidat mit vierzig Gulden Monatsgehalt. Ich habe nichts, gar nichts mehr. Die letzten Monate waren mein Ruin. Die wenigen hundert Gulden, die noch von meinem Erbe übrig waren, sind aufgezehrt. Ich weiß ja, daß es ein Unsinn war, mich so von allem zu entblößen. Aber ich wollte in ihrer Nähe sein, ihre Anmut sehen, ihre holde Stimme hören. Da musste ich im Sommer den Kurort besuchen, wo sie war, und nun Theater, Konzerte. Ich mußte mich auch gut kleiden, um in ihre Gesellschaften zu kommen. Und jetzt habe ich nichts mehr und liebe sie noch immer so, nein, mehr als je.“

„Und was willst du tun?“ würde Heinrich fragen.

„Ich will ihr sagen, daß ich sie liebe, und will sie bitten, ein paar Jahre auf mich zu warten, bis ich mir eine Existenz geschaffen habe.“

Da hörte er im Traume Oswalds höhnisches Lachen „Jawohl, lass warten! So unvernünftig ist Ernestine Löffler nicht, daß sie auf einen Hungerleider warten wird, bis sie verblüht ist. Hahaha!“

Aber das Lachen erscholl wirklich neben Friedrich Löwenberg, und er öffnete bestürzt die Augen, Herr Schiffmann, ein junger Bankbeamter, den Friedrich im Löfflerschen Hause kennengelernt hatte, stand vor ihm und lachte herzlich:

„Scheinen gestern spät ins Bett gegangen zu sein, Herr Doktor, daß Sie jetzt schon schläfrig sind.“

„Ich habe nicht geschlafen“, sagte Friedrich verlegen.

„Na, heute wird es auch lange dauern. Sie gehen doch zu Löfflers?“

Herr Schiffmann setzte sich ungezwungen an den Lesetisch.

Friedrich konnte den Burschen nicht sonderlich leiden. Dennoch ließ er sich seine Gesellschaft gefallen, weil er mit ihm von Ernestinen reden durfte und öfters durch ihn erfuhr, in welches Theater Ernestine gehen werde. Herr Schiffmann hatte nämlich feine Beziehungen zu Theaterkassierern und verschaffte Sperrsitze selbst zu den unzugänglichsten Vorstellungen.

Friedrich sagte: „Ja, ich bin heute auch zu Löfflers eingeladen.“

Herr Schiffmann hatte eine Zeitung in die Hand genommen und rief aus: „Das ist doch sonderbar!“

„Was denn?“

„Diese Annonce!“

„Ah, Sie lesen auch die Annoncen?“ sagte Friedrich, ironisch lächelnd.

„Wie heißt: auch?“ erwiderte Schiffmann. „Ich lese hauptsächlich die Annoncen. Die sind das Interessanteste in der Zeitung — vom Börsenbericht abgesehen.“

„So? Ich habe den Börsenbericht noch nie gelesen.“

„Nun ja, Sie! … Aber ich ich brauche nur einen Blick auf den Kurszettel, so sag‘ ich Ihnen die ganze europäische Lage. Dann kommen aber gleich die Annoncen. Sie haben keine Ahnung, was da alles drin steht. Das ist, wie wenn ich auf einen Markt geh‘. Da gibt es eine Menge Sachen und Menschen zu verkaufen. Das heißt: zu verkaufen ist ja eigentlich alles in der Welt — nur der Preis ist nicht immer zu erschwingen… Wenn ich da hereinschau‘ in den Inseratenteil, erfahr‘ ich immer, was es für Gelegenheiten gibt. Alles soll man wissen, nichts soll man brauchen… Aber da seh‘ ich schon seit ein paar Tagen eine Annonce, die ich nicht versteh‘.“

„Ist sie in einer fremden Sprache?“

„Da sehen Sie her, Doktor!“ Schiffmann hielt ihm das Blatt hin und deutete auf eine kleine Anzeige, die so lautete:

„Gesucht wird ein gebildeter und verzweifelter junger Mann, der bereit ist, mit seinem Leben ein letztes Experiment zu machen. Anträge unter N. O. Body an die Expedition.“

„Ja, Sie haben recht“, sagte Friedrich, „das ist ein merkwürdiges Inserat. Ein gebildeter und verzweifelter junger Mann! Solche sind vielleicht zu finden. Aber der Nachsatz macht die Sache schwerer. Wie verzweifelt muß einer sein, wenn er mit seinem Leben ein letztes Experiment wagen soll.“

„Er scheint ihn auch nicht gefunden zu haben, der Herr Body. Ich seh‘ die Annonce immer wieder. Wissen möcht‘ ich aber doch, wer dieser Body mit dem sonderbaren Geschmack ist.“

„Das ist niemand.“

„Wie heißt niemand?“

„N. O. Body — nobody. Niemand auf Englisch.“

„Ah, so… Ans Englische hab‘ ich nicht gedacht. Alles soll man wissen, nichts soll man brauchen … Aber es wird Zeit, wenn wir nicht zu spät zu Löfflers kommen wollen. Grad‘ heute muß man pünktlich sein.“

„Warum gerade heute?“ fragte Löwenberg.

„Bedaure, kann ich nicht sagen. Bei mir ist Diskretion Ehrensache … Aber Sie können sich auf eine Überraschung gefasst machen … Kellner, zahlen!“

Eine Überraschung? Friedrich empfand plötzlich eine unbestimmte Angst.

Als er mit Schiffmann das Kaffeehaus verließ, bemerkte er einen Knaben von etwa zehn Jahren außen in der Türnische. Der Junge hatte in seinem dünnen Röckchen die Schultern hoch hinaufgezogen, die Arme verschränkt an den Leib geklemmt, und er stampfte mit den Füßen den leicht herangewehten Schnee dieses geschützten Winkels. Das Hüpfen nahm sich beinahe possierlich aus. Aber Friedrich sah, daß das arme Kind in den zerrissenen Schuhen bitterlich fror. Er griff in die Tasche, suchte beim Scheine der nächsten Laterne drei Kupferkreuzer aus dem Kleingelde hervor und gab sie dem Knaben. Dieser nahm sie, sagte leise mit fröstelnder Stimme „Dank!“ und lief schnell davon.

„Was? Sie unterstützen den Straßenbettel?“ sagte Schiffmann indigniert.

„Ich glaube nicht, daß dieser Kleine sich zum Vergnügen im Dezemberschnee herumtreibt… Mir scheint auch, es war ein Judenjunge.“

„Dann soll er sich an die Kultusgemeinde wenden oder an die israelitische Allianz und nicht am Abend bei Kaffeehäusern herumstehen!“

„Regen Sie sich nicht auf, Herr Schiffmann, Sie haben ihm doch nichts gegeben.“

„Mein lieber Doktor“, sagte Schiffmann bestimmt, „ich bin Mitglied des Vereines gegen Verarmung und Bettelei. Jahresbeitrag ein Gulden.“

 

Zweites Kapitel

Die Familie Löffler wohnte im zweiten Stock eines großen Zinshauses in der Gonzagagasse. Im Erdgeschosse befand sich die Tuchniederlage der Firma „Moriz Löffler und Komp.“

Als Friedrich und Schiffmann in das Vorzimmer traten, bemerkten sie an der Menge der schon dahängenden Winterröcke und Mäntel, daß die Gesellschaft heute zahlreicher sein mußte als gewöhnlich.

„Ein ganzes Kleidergeschäft“, meinte Schiffmann.

Im Salon waren einige Leute, die Friedrich schon kannte. Fremd war ihm aber der kahlköpfige Herr, der neben Ernestinen am Klavier stand und ihr ganz vertraulich zulächelte.

Das junge Mädchen streckte dem Ankömmling liebenswürdig die Hand entgegen: „Herr Doktor Löwenberg, lassen Sie sich vorstellen. Das ist Herr Leopold Weinberger.“

„Mitchef der Firma Samuel Weinberger und Söhne in Brünn“, ergänzte Papa Löffler nicht ohne Feierlichkeit und Wohlwollen.

Die beiden Herren reichten einander erfreut die Hände, und Friedrich nahm bei dieser Gelegenheit wahr, daß Herr Weinberger, der Mitchef der Brünner Firma, beträchtlich schielte und eine sehr feuchte Handfläche hatte. Das mißfiel Friedrich nicht, weil es den ersten, blitzartigen Gedanken verscheuchte, von dem er bei seinem Eintritte befallen worden war. Ernestine mit einem‘ solchen Menschen — das war einfach unmöglich. Wie sie jetzt dastand, schlank, anmutig, das holde Haupt lieblich geneigt, entzückte sie seine Augen. Er mußte sich aber ein wenig zurückziehen, denn andere Gäste kamen und wurden begrüßt. Nur Herr Leopold Weinberger aus Brünn behauptete sich einigermaßen zudringlich an Ernestinens Seite.

Friedrich erkundigte sich bei Schiffmann.

„Dieser Herr Weinberger ist wohl ein alter Bekannter des Hauses?“

„Nein“, sagte Schiffmann, „sie kennen ihn erst seit vierzehn Tagen, aber es ist eine feine Tuchfirma.“

„Was ist fein, Herr Schiffmann, das Tuch oder die Firma?“ fragte Friedrich belustigt und getröstet. Denn ein Mensch, den man erst seit vierzehn Tagen kannte, war doch sicherlich kein Bräutigam.

„Beides“, erwiderte Schiffmann. „Samuel Weinberger und Söhne kriegen so viel Geld wie sie wollen – für vier Percent. Hochprima… Überhaupt geht es heute hier nobel zu. Sehen Sie: der Magere dort mit den Glotzaugen, das ist Schlesinger, der Prokurist von Baron Goldstein. Er ist ein zuwiderer Mensch, aber sehr beliebt.“

„Warum?“

„Wie heißt, warum? Weil er der Prokurist von Baron Goldstein ist… Kennen Sie den mit dem grauen Backenbart? Auch nicht? Ja, von wo kommen Sie denn? Das ist der Großspekulant Laschner, einer der bedeutendsten Börsianer. Der spielt Ihnen mit ein paar tausend Effekten wie gar nichts. Jetzt ist er gerade sehr reich. Mir gesagt! Ob er nächstes Jahr noch etwas haben wird, weiß ich nicht. Heute hat seine Gemahlin die größten Brillantenboutons… die anderen sind ihr auch alle darauf neidig.“

Frau Laschner saß in einer Ecke des Salons mit mehreren ebenfalls stark geputzten Damen, und sie sprachen leidenschaftlich von Hüten. Die übrigen Gruppen waren noch in der kühlen Stimmung vor dem Nachtmahl. Auch schienen einige von der bevorstehenden Überraschung unterrichtet zu sein, die Schiffmann im Kaffeehaus angedeutet hatte. Sie machten diskrete Mienen und flüsterten miteinander. Friedrich fühlte sich unbehaglich, ohne recht zu wissen warum. In dieser Gesellschaft spielte er nächst Schiffmann die unbedeutendste Rolle. Sonst hatte er das nie bemerkt, weil Ernestine mit ihm zu bleiben pflegte, wenn er kam. Aber heute wandte sie keinen Blick und kein Wort an ihn. Herr Weinberger aus Brünn mußte ein sehr anregender Plauderer sein. Noch etwas empfand Friedrich als Demütigung des Schicksals. Er und Schiffmann waren die einzigen, die nicht im Frack oder Smoking erschienen waren, sondern im Salonrock. Dadurch waren sie auch äußerlich als die Parias des Abends gekennzeichnet. Am liebsten wäre er weggegangen, aber dazu fand er nicht den Mut.

Der große Salon war schon überfüllt. Man schien aber noch jemanden zu erwarten. Friedrich wandte sich mit einer Frage an seinen Elendsgenossen. Schiffmann wußte es auch wirklich, denn er hatte soeben eine Bemerkung der Hausfrau erlauscht.

„Man wartet nur noch auf Grün und Blau.“

„Wer ist das?“ fragte Friedrich.

„Was? Sie kennen Grün und Blau nicht? Die zwei geistreichsten Menschen von Wien? Es gibt doch keine Gesellschaft, keine Hochzeit, keinen Polterabend, oder was immer, ohne Grün und Blau. Manche sagen. Grün ist der Geistreichere; manche sagen, Blau. Grün ist mehr auf Wortspiele eingerichtet, Blau macht sich mehr über die Leute lustig. Blau hat darum auch schon mehr Pätsch‘ bekommen, aber das geniert ihn nicht. Er hat das richtige Gesicht dafür. Seine Wangen werden nicht rot, wenn man sie ohrfeigt… In den besseren jüdischen Kreisen sind die zwei Herren sehr beliebt. Nur kann einer den anderen nicht ausstehen — natürlich, sie sind ja Konkurrenten.“

Eine kleine Bewegung im Salon. Herr Grün war eingetreten, ein langer hagerer Mensch mit rötlichem Bart und auffallend weit vom Kopf abstehenden Ohren, die Herr Blau die „uneingesäumten Ohren“ nannte, weil ihr oberer Rand nicht der Muschel zu gefaltet war, sondern flach auslag.

Ernestinens Mutter ging dem berühmten Witzbold mit einem liebenswürdigen Vorwurf entgegen:

„Warum kommen Sie erst jetzt, Herr Grün?“

„Ich hab‘ nicht später kommen können“, antwortete er humoristisch. Die es hörten, lächelten dankbar. Doch über die Züge des Humoristen flog ein Schatten: Blau war erschienen.

Herr Blau, ein mittelgroßer Mann von etwa dreißig Jahren, hatte ein glattrasiertes Gesicht, und auf der stark gebogenen Nase saß ihm ein Kneifer.

„Ich war im Wiedener Theater“, sagte er, „bei der Première. Nach dem ersten Akt bin ich weggegangen.“

Die Mitteilung erregte Interesse. Damen und Herren scharten sich um Blau, der weiter berichtete:

„Der erste Akt ist zum allgemeinen Erstaunen nicht durchgefallen.“

Frau Laschner rief ihrem Gatten herrisch zu: „Moriz, ich will morgen dazu gehen.“

Blau fuhr fort: „Die Freunde der Librettisten haben sich ausgezeichnet unterhalten.“

„So gut ist die Operette?“ fragte Schlesinger, der Prokurist des Baron Goldstein.

„Nein – so schlecht!“ erklärte Blau. „Die Freunde der Verfasser unterhalten sich doch nur, wenn das Stück schlecht ist.“

Man ging zu Tisch. Der große Speisesaal war noch zu klein für die heutige Gesellschaft. Man saß dicht gedrängt. Ernestine neben Herrn Weinberger. Friedrich und Schiffmann hatten am untersten Ende der Tafel Platz nehmen müssen.

Anfänglich gab es mehr Tellergeklapper und Klirren von Eßzeug als Gespräche. Herr Blau rief seinem Konkurrenten über den Tisch zu:

„Grün — essen Sie nicht so laut! Man hört seinen eigenen Fisch nicht.“

„Sie sollten keinen Fisch essen, sondern Neidhammelkeule.“

Die Anhänger des Herrn Grün lachten über diesen Witz. Die Anhänger des Herrn Blau fanden ihn matt.

Aber die Aufmerksamkeit der Tafelrunde wurde von den beiden Witzbolden abgelenkt, als ein älterer Herr, der neben Frau Löffler saß, mit etwas lauterer Stimme sagte:

„Bei uns in Mähren wird die Lage auch schlecht. In den kleineren Landstädten sind die Leute wirklich in Gefahr. Sind die Deutschen schlecht aufgelegt, schlagen sie den Juden die Fenster ein. Sind die Tschechen schief gewickelt, brechen sie bei den Juden ein. Die armen Leute fangen an auszuwandern. Aber sie wissen nicht, wohin sie sollen.“

„Moriz!“ schrie in diesem Augenblick Frau Laschner, „ich will übermorgen ins Burgtheater.“

„Gib jetzt Ruh!“ antwortete der Börsenmann. „Doktor Weiß erzählt uns, wie es bei ihnen in Mähren aussieht. Auf Ehre nicht schön.“

Samuel Weinberger, der Vater des Herrn Leopold Weinberger, mischte sich ein:

„Herr Doktor, Sie als Rabbiner sehen etwas zu schwarz.“

„Weiß sieht immer schwarz!“ sagte einer der Spaßmacher, aber der Witz fiel ins Leere.

Samuel Weinberger fuhr fort:

„Ich fühl‘ mich in meiner Fabrik ganz sicher. Wenn man bei mir Spektakel macht, ruf ich die Polizei oder geh‘ zum Platzkommando. Wenn das Gesindel nur die Bajonette sieht, hat es schon Respekt.“

„Das ist aber doch ein trauriger Zustand“, meinte Rabbiner Weiß mit Sanftmut.

Der Advokat Doktor Walter, der ursprünglich Veiglstock geheißen hatte, bemerkte: „Ich weiß nicht mehr, wer gesagt hat: Mit Bajonetten kann man alles machen; nur sich darauf setzen kann man nicht.“

„Ich seh‘ schon“, rief Laschner, „wir werden alle wieder den gelben Fleck tragen müssen.“

„Oder auswandern“, sagte der Rabbiner.

„Ich bitte Sie, wohin?“ fragte Walter. „Ist es vielleicht anderswo besser? Sogar im freien Frankreich haben die Antisemiten die Oberhand.“

Doktor Weiß aber, der arme Rabbiner einer mährischen Kleinstadt, der entschieden nicht wusste, in welchen Kreis er da geraten war, wagte eine schüchterne Einwendung: „Es gibt seit einigen Jahren eine Bewegung, man nennt sie die zionistische. Die will die Judenfrage durch eine großartige Kolonisation lösen. Es sollen alle, die es nicht mehr aushalten können, in unsere alte Heimat, nach Palästina gehen.“

Er hatte ganz ruhig gesprochen und nicht wahrgenommen, wie die Gesichter um ihn her sich allmählich zum Lächeln verzogen, und er war daher ordentlich verdutzt, als das Gelächter beim Worte Palästina plötzlich losbrach. Es war ein Lachen in allen Tonarten. Die Damen kicherten, die Herren brüllten und wieherten. Nur Friedrich Löwenberg fand diesen Heiterkeitsausbruch brutal und ungeziemend gegen den alten Mann.

Blau benützte die erste Pause im allgemeinen Gelächter, um zu erklären: „Wenn es in der neuen Operette einen einzigen solchen Witz gegeben hätte, wär‘ uns wohl gewesen.“

Grün schrie: „Ich werde Botschafter in Wien.“

Erneutes Gelächter. Einige riefen dazwischen: „Ich auch, ich auch.“

Da sagte Blau ernst: „Meine Herren, alle können es nicht werden. Ich glaube, die österreichische Regierung wird so viele jüdische Botschafter nicht annehmen. Sie müssen sich um andere Posten umsehen.“

Der alte Rabbiner war aber sehr verlegen und sah nicht mehr von seinem Teller auf, indessen die Humoristen Grün und Blau sich mit einer wahren Lust auf den spaßigen Stoff warfen. Sie teilten das neue Reich ein, schilderten die Zustände. Am Schabbes wird die Börse geschlossen sein. Der König wird den Männern, die sich um das Vaterland oder um die Börse herum Verdienste erworben haben, den Davidsorden oder den Orden vom „fleischigen Schwert“ verleihen. Wer aber soll König sein?

„Jedenfalls Baron Goldstein“, sagte der Witzbold Blau.

Herr Schlesinger, der Prokurist dieses berühmten Bankiers, bemerkte unwillig: „Ich bitte, die Person des Herrn Baron von Goldstein nicht in die Debatte zu ziehen, wenigstens nicht in meiner Gegenwart.“

Fast alle Anwesenden gaben ihm durch Kopfnicken ihre Zustimmung zu erkennen. Der witzige Herr Blau beging wirklich manchmal Taktlosigkeiten. Die Person des Herrn Baron Goldstern in die Debatte zu ziehen, das ging denn doch ein bisschen zu weit. Herr Blau aber fuhr fort:

„Justizminister wird Herr Doktor Walter. Er bekommt den Adelsstand mit dem Prädikate „von Veiglstock“. Walter Edler von Veiglstock.“

Man lachte. Der Advokat errötete über seinen Vatersnamen und rief dem Witzling zu:

„Sie haben schon lang keine fremde Hand in Ihrem Gesicht gespürt.“

Grün, der Wortwitzige, aber Vorsichtigere, flüsterte seiner Nachbarin eine Silbenkombination zu, in der das Wort Ohrfeiglstock vorkam.

Frau Laschner erkundigte sich: „Wird es Theater auch geben in Palästina? Sonst geh‘ ich nicht hin.“

„Gewiß, gnädige Frau“, sagte Grün. „Bei den Festvorstellungen im Hoftheater von Jerusalem wird die ganze Israelite versammelt sein.“

Der Rabbiner Weiß meinte nun schüchtern: „Über wen machen Sie sich lustig, meine Herren? Über sich selbst?“

„Nein, ernst werden wir uns nehmen!“ sagte Blau.

„Ich bin stolz, daß ich ein Jud‘ bin“, erklärte Laschner, „denn wenn ich nicht wär‘ stolz, wär‘ ich doch auch ein Jud‘. Also bin ich lieber gleich stolz.“

In diesem Augenblick gingen die beiden Stubenmädchen hinaus, eine andere Schüssel zu holen. Die Hausfrau bemerkte:

„Wenn die Dienstboten dabei sind, sollte man lieber nicht über jüdische Sachen reden.“

Blau erwiderte sofort: „Entschuldigen, gnädige Frau, ich hab‘ nicht gewußt, daß Ihre Dienstboten nicht wissen, daß Sie Juden sind.“

Einige lachten.

„Nun ja“, sagte Schlesinger mit Autorität; „aber man muß es doch nicht an die große Glocke hängen.“

Champagner wurde hereingebracht. Schiffmann stieß seinen Nachbar Löwenberg mit dem Ellbogen:

„Jetzt wird’s losgehen!“

„Was wird losgehen?“ fragte Friedrich.

„Haben Sie’s denn noch immer nicht heraus?“

Nein, Friedrich hatte es noch immer nicht erraten. Aber im nächsten Augenblick wurde ihm die Gewißheit.

Herr Löffler klopfte mit dem Messer an sein Glas und erhob sich. Stille trat ein. Die Damen lehnten sich zurück. Der Humorist Blau schob noch schnell einen Bissen in den Mund, er kaute, während Papa Löffler sprach: „Meine hochverehrten Freunde! Ich bin in der angenehmen Lage, Ihnen eine freudige Mitteilung zu machen. Meine Tochter Ernestine hat sich mit Herrn Leopold Weinberger aus Brünn, Mitchef der Firma Samuel Weinberger und Söhne, verlobt. Das Brautpaar soll leben. Hoch!“

Hoch! Hoch! Hoch! Alle hatten sich erhoben. Die Gläser klangen. Dann ging man um den Tisch herum, zu den Eltern, zum Brautpaare, Glück wünschend. Auch Friedrich Löwenberg machte diesen Weg mit, obwohl er eine Wolke vor den Augen hatte. Eine Sekunde lang war er vor Ernestine gestanden und hatte mit zitternder Hand sein Glas dem ihrigen genähert. Sie sah flüchtig über ihn hinweg.

Dann war die Stimmung an der Tafel fröhlich geworden. Ein Trinkspruch folgte dem anderen. Schlesinger hielt eine würdevolle Rede. Grün und Blau zeigten sich auf der Höhe ihrer humoristischen Aufgabe, Grün verrenkte in seinem Toast noch mehr Silben als gewöhnlich, und Blau machte allerlei taktlose Anspielungen. Die Gesellschaft geriet in die beste Laune.

Friedrich hörte das alles nur undeutlich, wie aus der Ferne, und es war ihm zumute, als befände er sich in einem dichten Nebel, in dem man nichts sieht und schwer Atem holen kann.

Das Mahl ging zu Ende. Friedrich hatte den einzigen Gedanken, fortzukommen, weit weg von all diesen Leuten. Er kam sich überflüssig vor in diesem Zimmer, in dieser Stadt, in der Welt überhaupt. Aber als er sich in dem kleinen Gedränge nach der Tafel unauffällig hinausdrücken wollte, kam ihm Ernestine in den Weg. Lieblich war ihre Stimme, als sie ihn anhielt:

„Sie haben mir noch nichts gesagt, Herr Doktor!“ „Was soll ich Ihnen sagen, Fräulein Ernestine? … Ich wünsch‘ Ihnen Glück. Ja, ja — ich wünsche Ihnen viel Glück zu dieser Verlobung.“

Aber da war schon der Bräutigam wieder neben ihr, legte den Arm mit der Sicherheit des Besitzers um ihre Taille und zog sie fort. Sie lächelte.

 

Drittes Kapitel

Als Friedrich Löwenberg in die Winternachtluft hinaustrat, legte er sich die Frage vor, was das Widerlichere gewesen sei: die Besitzergebärde des Herrn Weinberger aus Brünn, oder das Lächeln des jungen Mädchens, das er bisher so bezaubernd gefunden hatte. Wie? Seit vierzehn Tagen erst kannte der „Mitchef“ die Holde, und er durfte seine schwitzende Hand auf ihren Leib legen. Welch ein ekelhafter Handel. Es war der Zusammenbruch einer feinen Illusion. Der Mitchef hatte offenbar Geld, und Friedrich hatte keines. In diesem Kreise, wo man nur für Vergnügen und Vorteil Sinn hatte, war Geld alles. Und doch war er auf diesen Kreis der jüdischen Bourgeoisie angewiesen. Mit diesen Leuten und leider auch von diesen Leuten mußte er leben, denn sie stellten die Klientel einer zukünftigen Advokatenpraxis vor. Wenn es hoch kam, wurde man Rechtsbeistand eines Mannes wie Laschner — von dem phantastischen Glücksfalle, daß man einen Kunden wie Baron Goldstein bekam, gar nicht zu träumen. Die christliche Gesellschaft und eine christliche Klientel gehörten zum Unzugänglichsten in der Welt. Also was? Entweder sich dem Löfflerschen Kreise einfügen, dessen niederes Lebensideal teilen, die Interessen zweifelhafter Geldmenschen vertreten und zum Lohne für solche brave Aufführung nach so und so viel Jahren auch eine Kanzlei besitzen, mit dem Anspruch auf die Hand und Mitgift eines Mädchens, das nach vierzehntägiger Bekanntschaft den Erstbesten heiratet. Oder, wenn einem das alles zu ekelhaft war, die Einsamkeit und Armut.

Er war in solchen Gedanken wieder vor dem Café Birkenreis angelangt. Was sollte er auch jetzt schon zu Hause in seinem engen, Stübchen anfangen? Es war zehn Uhr. Schlafen gehen? Ja, wenn es kein Erwachen mehr gäbe…

Vor der Tür des Kaffeehauses wäre er beinahe über einen kleinen Körper gestolpert. Auf der Stufe des Einganges hockte ein Knabe, Friedrich erkannte ihn: es war derselbe Junge, den er vor wenigen Stunden beschenkt hatte.

Barsch ließ er ihn an: „Was? Du bettelst da schon wieder?“

Der Knabe erwiderte mit fröstelnder Stimme: „Ich wart‘ auf mein Taten.“ Dann stand er auf und hüpfte wieder und schlug die Arme übereinander, um sich zu erwärmen. Friedrich war so unglücklich, dass er für das frierende Kind kein Mitleid empfand.

Er trat in den qualmigen Raum ein und setzte sich auf seinen gewohnten Platz am Lesetisch. Um diese Stunde war das Kaffeehaus schwach besucht. Nur in den Winkeln einige verspätete Spieler, die sich voneinander nicht trennen konnten und immer wieder die letzten Runden ankündigten, an die sich die allerletzten und unwiderruflich letzten sowie die „Schuft mein Name“ letzten anschlössen.

Eine Weile saß Friedrich und starrte vor sich hin, dann kam ein schwatzhafter Bekannter an den Tisch heran. Friedrich flüchtete sich hinter eine Zeitung und tat, als ob er lese. Aber wie er in das Blatt hineinsah, fiel sein Blick zufällig wieder auf die Anzeige, von der Schiffmann vor einigen Stunden gesprochen hatte:

„Gesucht wird ein gebildeter und verzweifelter junger Mann, der bereit ist, mit seinem Leben ein letztes Experiment zu machen. Anträge unter N. O. Body an die Expedition.“

Wie sonderbar. Jetzt passte die Anrufung auf ihn. Ein letztes Experiment! Das Leben war ihm ohnehin verleidet. Bevor er es wegwarf wie sein armer Freund Heinrich, konnte er immerhin noch etwas damit unternehmen. Er ließ sich vom Kellner einen Kartenbrief geben und schrieb an N. O. Body diese wenigen Worte:

„Ich bin Ihr Mann. Doktor Friedrich Löwenberg, IX. Hahngasse 67.“

Während er den Brief zuklebte, kam von hinten jemand an ihn heran:

„Zahnbürsteln, Hosenträger, Hemdknöpf‘ gefällig?“

Friedrich scheuchte den zudringlichen Hausierer mit einem barschen Wort weg. Der zog sich seufzend zurück, mit einem ängstlichen Blick nach dem Kellner, der ihn vielleicht hinausweisen würde. Da bereute Friedrich, dass er den armen Menschen eingeschüchtert hatte, rief ihn zurück und warf ihm ein Zwanzighellerstück in das Hausiererkistchen. Der Mann hielt ihm seinen Trödel hin:

„Ich bin kein Bettler… Sie müssen etwas kaufen, sonst kann ich das Geld nicht behalten.“

Um ihn loszuwerden, nahm Friedrich einen Hemdknopf aus dem Kästchen. Jetzt erst dankte der Mann und ging weg. Friedrich sah im gleichgültig nach, wie er zu dem Kellner trat und diesem das eben erhaltene Geldstück gab. Der Kellner holte aus einem Korb altgebackene Brote hervor und lieferte sie dem Hausierer aus, der sie hastig in seine Rocktasche stopfte.

Friedrich erhob sich, um wegzugehen. Als er vor der Tür des Kaffeehauses stand, sah er den frierenden Jungen wieder, diesmal mit dem Hausierer, der ihm die harten Brötchen übergab. Das war also der Vater des Knaben.

„Was macht Ihr da?“ fragte Friedrich.

„Ich geb ihm die Kipfeln, gnädiger Herr“, sagte der Hausierer; „daß er sie soll zu Haus tragen zu mein‘ Weib. Es ist heut‘ mei‘ erste Losung.“

„Ist das wahr?“ forschte Friedrich.

„So soll es nicht wahr sein, wie es wahr ist“, sagte der Mann stöhnend. „Überall werfen sie mich heraus, wenn ich handeln will. Wenn man ein Jud is, soll man lieber gleich in die Donau gehen.“

Friedrich, der noch kurz vorher mit dem Leben abgeschlossen hatte, sah plötzlich eine Gelegenheit, sich zu betätigen, jemandem nützlich zu sein. Eine Ablenkung seiner Gedanken. Er steckte den Kartenbrief in einen Postkasten. Dann ging er mit den beiden weiter und ließ sich vom Hausierer erzählen.

„Wir sind von Galizien hergekommen. In Krakau hab‘ ich gewohnt in ein‘ Zimmer mit noch drei Familien. Wir haben gelebt von der Luft. Hab‘ ich mir gedacht, schlechter kann es nit mehr werden, und bin mit mei‘ Weib und meine Kinder hergekommen. Hier is es nit schlechter, aber auch nit besser.“

„Wieviel Kinder haben Sie?“

Der Hausierer begann im Gehen zu schluchzen: „Fünfe hab‘ ich gehabt, drei sind mir gestorben, seit wir hier sind. Jetzt hab‘ ich nur den da und das kleine Mädel, was noch an der Brust is… David, lauf nit so schnell.“

Der Knabe drehte sich um: „Die Mutter war so hungrig, wie ich ihr die drei Kreuzer von dem Herrn da gebracht hab‘.“

„So? Sie waren der gute Herr?“ sagte der Hausierer und haschte nach Friedrichs Hand, um sie zu küssen.

Friedrich zog die Hand rasch zurück: „Was fällt Ihnen denn ein?… Sag‘ mein Junge, was hat deine Mutter mit den paar Kreuzern angefangen?“

„Milch hat sie geholt für Mirjam“, sagte der kleine David.

„Mirjam ist unser anderes Kind“, bemerkte der Hausierer erklärend.

„Und die Mutter hungerte weiter?“ fragte Friedrich erschüttert.

„Ja, Herr“, erwiderte David.

Friedrich hatte noch einige Gulden bei sich. Ob er die besaß oder nicht, war ziemlich gleichgültig, da er ohnehin mit dem Leben fertig war. Diesen Leuten konnte er die bitterste Not erleichtern, wenn auch nur für kurze Zeit.

„Wo wohnt Ihr?“ fragte er den Hausierer.

„Auf der Brigittenauer Lände. Wir hab’n a Kabinett – aber es ist uns schon gekündigt“

„Gut, ich will mich überzeugen, ob das alles wahr ist. Ich gehe mit Ihnen nach Hause.“

„Bitte!“ sagte der Hausierer. „Sie wer’n ka Vergnüg’n hab’n, gnädiger Herr. Wir lieg’n am Stroh… Ich hab noch in andere Kaffeehäuser gehen wollen. Aber wenn Sie wünschen, geh‘ ich zu Haus.“

Sie gingen über die Augartenbrücke der Brigittenauer Lände zu. David, der jetzt neben seinem Vater einher schlich, fragte mit leiser Stimme: „Tate, darf ich ein Stückl Brot essen?“

„Eß nur“, entgegnete der Alte. „Ich werd‘ auch ein Stückl essen. Für die Mutter bleibt noch.“

Und nun kauten Vater und Sohn hörbar an dem harten Gebäck, das sie aus ihren Taschen hervorgeholt hatten.

Vor einem hohen, neugebauten Hause an der Lände blieben sie stehen. Das Haus atmete noch den feuchten frischen Baugeruch aus. Der Hausierer zog die Klingel. Alles blieb still. Nach einer Weile zog er wieder den Messingknopf und sagte: „Der Hausmeister weiß schon, wer da is. Da lasst er sich Zeit. Oft steh‘ ich da a Stund! Er ist ein grober Mensch. Manchesmal trau‘ ich mich gar nit her, wenn ich ihm keine fünf Kreuzer Sperrgeld geben kann.“

„Was tun Sie dann?“ fragte Friedrich.

„Dann geh‘ ich herum bis in der Früh, bis das Haustor offen is.“

Friedrich ergriff nun selbst den Knopf und riss ein paar Mal heftig die Klingel. Jetzt wurde Geräusch hinter dem Tore vernehmbar. Schlurfende Schritte, Klirren von Schlüsseln, und durch die Ritzen drang ein Lichtschein. Das Tor ging auf. Der Hausmeister hielt ihnen die Laterne entgegen und schrie:

„Wer reißt denn so an der Glocke? Was? Die Judenbagasch?“

Der Hausierer entschuldigte sich furchtsam:

„Nit ich war es — der Herr da!“

Der Hausmeister schimpfte: „So a Frechheit!“

„Augenblicklich schweigen Sie, Kerl!“ herrschte ihn Friedrich an und warf ihm eine Silbermünze vor die Füße.

Als der Hausmeister den Silberklang auf den Fliesen hörte, wurde er kleinlaut und unterwürfig:

„Euer Gnaden hab‘ i net g’meint. Dö Juden da!“

„Schweigen Sie!“ wiederholte Friedrich, „und leuchten Sie mir über die Stiege.“

Der Hausmeister hatte sich gebückt und das Geld aufgehoben. Eine ganze Krone. Das mußte ein vornehmer Herr sein.

„Es is im fünften Stock, gnädiger Herr“, sagte der Hausierer. „Vielleicht borgt uns der Herr Hausbesorger e Stückl Kerzen.“

„Dem Littwak burg‘ i nix“, rief dieser; „aber wenn Euer Gnaden a Kirzen wolln…“

Er nahm auch gleich das Stümpfchen aus der Laterne und gab es Friedrich. Dann verschwand er brummend. Friedrich stieg mit Littwak und David die fünf Treppen hinan.

Es war gut, dass sie die Kerze mithatten, denn es umgab sie tiefe Nacht. Auch in dem einfenstrigen Stübchen Littwaks brannte kein Licht, obwohl die Frau, die auf einer Streu ihr Lager hatte, wach und aufrecht dasaß. Friedrich sah im Halbdunkel des Kerzenstümpfchens, dass der schmale Raum keinerlei Möbel enthielt. Kein Stuhl, kein Tisch, kein Schrank. Auf dem Fensterbrett befanden sich einige Fläschchen und zerbrochene Töpfe. Ein Anblick des tiefsten Elends. Die Frau hatte ein kleines, wimmerndes Kind an der schlaffen Brust. Sie starrte ihnen hohläugig und angstvoll entgegen.

„Wer ist das, Chajim?“ stöhnte sie erschreckt.

„E guter Herr“, beruhigte sie ihr Mann.

David ging zu ihr hin. „Mutter, da is Brot“, und gab es ihr.

Sie brach es mit Mühe und schob sich langsam einen Bissen in den Mund. Sie war recht schwach und abgemagert, aber das verhärmte Gesicht wies doch noch Spuren einer vergangenen Schönheit auf.

„Da wohnen wir“, sagte Chajim Littwak mit bitterem Lachen. „Aber ich weiß nicht emal, ob wir übermorgen noch das haben werd’n. Sie hab’n uns scho‘ gekündigt.“

Die Frau seufzte laut auf. David hatte sich neben sie hin auf das Stroh gekauert und schmiegte sich an sie.

„Wieviel brauchen Sie, um hierbleiben zu können?“ fragte Friedrich.

„Drei Gulden!“ erklärte Littwak. „E Gulden zwanzig auf Zins und das Übrige bin ich der Hausfrau schuldig. Wo soll ich bis übermorgen drei Gulden hernehmen? Dann lieg’n wir mit die Kinder auf der Gass’n.“

„Drei Guld’n!“ jammerte die Frau leise und hoffnungslos. Friedrich griff in die Tasche. Er hatte acht Gulden bei sich. Die gab er dem Hausierer.

„Gerechter Gott! Is es möglich?“ rief Chajim, und es liefen ihm Tränen über die Wangen. „Acht Gulden! Rebekka! David! Gott hat uns geholfen. Gelobt sei sein Namen!“

Frau Rebekka war auch fassungslos. Sie hatte sich auf die Knie erhoben und schleppte sich zu dem Retter hin. Im rechten Arm hielt sie ihr schlummerndes Wickelkind, mit der Linken haschte sie nach Friedrichs Hand, um sie zu küssen.

Er entzog sich ihrem Danke rasch: „Macht doch keine solchen Geschichten! Für mich sind die paar Gulden gar nichts – ob ich sie habe oder nicht… David kann mir hinunterleuchten.“

Die Frau war auf ihr Lager zurückgesunken und schluchzte bitterlich vor Freude. Chajim Littwak begann ein hebräisches Gebet zu murmeln. Friedrich ging, von David begleitet, hinaus und die Treppe hinunter. Als sie im zweiten Stock waren, hielt David, der die Kerze hoch trug, an, und sagte:

„Gott wird aus mir e starken Mann machen. Dann werd‘ ich Ihnen zahlen.“

Friedrich war von dem Ton und den Worten des Kleinen überrascht. Es war etwas eigentümlich Festes, Reifes in seiner Art.

„Wie alt bist du?“ fragte er ihn.

„Mir scheint zehn Jahr'“, antwortete David.

„Was willst du werden?“

„Lernen will ich. Viel lernen!“

Friedrich seufzte unwillkürlich: „Und glaubst du, daß das genügt?“

„Ja!“ sagte David. „Ich hab‘ gehört, wenn man gelernt hat, is man stark und frei. Gott wird mir helfen, daß ich lernen kann. Dann werd‘ ich mit meine Eltern und Mirjam‘ nach Erez Israel gehn.“

„Nach Palästina?“ fragte Friedrich erstaunt. „Was willst du dort?“

„Das is unser Land. Dort können wir glücklich werden!“

Der arme Judenjunge sah gar nicht lächerlich aus, als er sein Zukunftsprogramm energisch in zwei Worten angab. Friedrich mußte an die läppischen Humoristen Grün und Blau denken, die über den Zionismus ihre schalen Witze rissen. David fügte noch hinzu:

„Und wenn ich etwas hab‘, werd‘ ich Ihnen zahlen.“

„Ich hab ja das Geld nicht dir gegeben, sondern deinem Vater“, meinte Friedrich lächelnd.

„Was man mei‘ Taten gibt, hat man mir gegeben. Ich werd‘ es zahlen — Gutes und Schlechtes.“ David sagte es energisch und ballte seine kleine Faust gegen die Hausmeisterwohnung, vor der sie jetzt angelangt waren.

Friedrich legte seine Hand auf das Haupt des Jungen:

„Möge dir der Gott unserer Väter beistehen!“

Und er wunderte sich selbst über seine Worte, nachdem er sie gesprochen. Seit den Tagen der Kindheit, da er mit seinem Vater zum Tempel gegangen war, hatte Friedrich vom „Gott unserer Väter“ nichts mehr gewußt. Diese merkwürdige Begegnung aber weckte das Alte, Vergessene in ihm auf, und sekundenlang überflog ihn ein Heimweh nach dem starken Glauben der Jugendzeit, in der er mit dem Gott der Väter noch in Gebeten verkehrte.

Der Hausmeister schlurrte heran. Friedrich sagte ihm: „Von jetzt ab werden Sie diese armen Leute in Ruhe lassen — sonst haben Sie es mit mir zu tun! Verstanden?“

Da diese Worte von einem neuerlichem Trinkgelde begleitet waren, begnügte sich der Grobe, ein „Küß‘ d‘ Hand, Euer Gnaden!“ zu murmeln. Friedrich gab dem kleinen David die Hand und trat auf die einsame Lände hinaus.

 

Viertes Kapitel

In dem Briefe, den Friedrich von dem N. O. Body der Zeitungsannonce erhalten hatte, war ein vornehmes Hotel auf der Ringstraße als Ort der Zusammenkunft angegeben. Um die bezeichnete Stunde fand er sich ein und fragte nach Mister Kingscourt. Man wies ihn nach einem Salon des ersten Stockes. Als er eintrat, kam ihm ein hoher, breitschultriger Mann entgegen:

„Sind Sie Doktor Löwenberg?“

„Der bin ich.“

„Nehmen Sie einen Stuhl, Doktor!“

Sie setzten sich. Friedrich betrachtete den Fremden aufmerksam und wartete auf dessen Erklärungen. Mr. Kingscourt war ein Mann in den Fünfzigern, mit ergrauendem Vollbart und dichtem braunen Haupthaar, das von Silberfäden durchzogen war und an den Schläfen schon weiß schimmerte. Er rauchte in langsamen Zügen eine große Zigarre.

„Rauchen Sie, Doktor?“

„Jetzt nicht“, gab Friedrich zur Antwort.

Mr. Kingscourt hauchte mit Sorgfalt einen Rauchring in die Luft, folgte der Auflösung der wolkigen Linien mit Spannung, und erst nachdem sie ganz verschwebt waren, sagte er, ohne seinen Gast anzusehen:

„Warum sind Sie lebensüberdrüssig?“

„Darüber gebe ich keine Auskunft“, erwiderte Friedrich ruhig.

Mr. Kingscourt sah ihn jetzt voll an, nickte zustimmend, streifte die Asche seiner Zigarre ab und sprach: „Hol’s der Deibel, Sie haben Recht. Das geht mich ja auch nichts an … Wenn wir handelseins werden, wird schon die Zeit kommen, wo Sie es mir erzählen. Einstweilen will ich Ihnen sagen, wer ich bin. Mein eigentlicher Name ist Königshoff. Ich bin ein deutscher Edelmann. Ich war in meiner Jugend Offizier, aber der Waffenrock wurde mir zu eng. Ich kann’s nicht leiden, daß ein fremder Wille über mir ist, und wär’s der beste. Das Gehorchen war gut für ein paar Jahre. Aber dann mußt‘ ich fort. Ich wär‘ sonst explodiert und hätte Schaden angerichtet… Ich ging nach Amerika, nannte mich Kingscourt, erwarb mir in zwanzig Jahren blutschwitzender Arbeit ein Vermögen — und als ich so weit war, nahm ich ein Weib… Was sagen Sie, Doktor?“

„Nichts, Mr. Kingscourt!“

„Gut. Sie sind unverheiratet?“

„Jawohl, Mr. Kingscourt… aber ich dachte. Sie würden mir sagen, worin das letzte Experiment besteht, das Sie mir vorzuschlagen haben.“

„Ich bin schon dabei, Doktor… Wenn wir beisammen bleiben sollten, werde ich Ihnen ausführlich erzählen, wie ich es anfing, mich hinaufzuarbeiten, bis ich meine Millionen hatte. Denn ich habe Millionen… Was sagen Sie?“

„Nichts, Mr. Kingscourt.“

„Energie ist alles, Doktor! Darauf kommt’s an. Was man recht stark will, das erreicht man unbedingt totsicher. Ich sah erst drüben in Amerika ein, was wir Europäer für ein faules, willenloses Gesindel sind. Hol‘ mich der Deibel!… Kurz, ich hatte Erfolg. Aber als ich soweit war, da begann ich meine Einsamkeit zu fühlen. Der Zufall wollte es, daß ein Königshoff Dummheiten gemacht hatte, der bei der Garde stand, ein Sohn meines Bruders. Ich nahm den Burschen zu mir, gerade um die Zeit, da ich auf Freiersfüßen ging. Ja, ich wollte mir einen Hausstand gründen, einen Herd, eine Frau suchen, die ich mit Juwelen behängen konnte wie jeder andere Parvenu. Ich sehnte mich nach Kindern, damit ich doch wisse, warum ich stets so furchtbar geschuftet hatte. Ich meinte es verdammt schlau anzufangen, indem ich ein armes Mädchen zur Frau nahm. Sie war die Tochter eines meiner Angestellten. Hatte ihr und ihrem Vater viel Gutes erwiesen. Natürlich sagte sie ja. Das hielt ich für Liebe, aber sie war nur dankbar oder vielleicht feige. Sie wagte nicht, mich abzuweisen. So richteten wir ein Haus ein, und mein Neffe wohnte bei uns. Sie werden sagen, daß es eine Dummheit war — ein alter Mann zwischen zwei jungen Leuten, die sich finden mußten. Ich habe mich auch in der ersten Zeit nach der Entdeckung einen Esel gescholten. Aber wenn nicht er, wäre es ein anderer gewesen. Kurz, die beiden haben mich betrogen — ich glaube, vom ersten Augenblick an. Als ich es herausfand, war mein erster Griff nach dem Revolver. Dann sagte ich mir, daß eigentlich nur ich der Schuldige war. Da ließ ich sie laufen. Gemeinheit ist menschlich, und jede Gelegenheit ist eine Kupplerin. Man muß den Menschen ausweichen, wenn man an ihnen nicht zugrunde gehen will. Sehen Sie, das war mein Zusammenbruch. Da schlich der Gedanke heran, mit einer Kugel der schäbigen Komödie des Lebens ein Ende zu machen. Aber es fiel mir ein, daß man zum Erschießen ja noch immer Zeit hat. Freilich, das Anhäufen von Geld war jetzt für mich sinnlos geworden. Zum Erwerben hatte ich keine Lust mehr, vom Traum der Familie hatte ich genug. Blieb noch die Einsamkeit als letztes Experiment. Aber eine große, unerhörte Einsamkeit mußte es sein. Nichts mehr wissen von den Menschen, ihren elenden Kämpfen, Unsauberkeiten, Treulosigkeiten. Die wirkliche, echte, tiefe Einsamkeit ohne Wunsch und Ringen. Die volle wahre Rückkehr zur Natur! Diese Einsamkeit ist das Paradies, das die Menschen durch ihre Schuld verloren haben. Und diese Einsamkeit habe ich gefunden.“

„So? Sie haben sie gefunden?“ sagte Friedrich, der noch nicht erriet, wo der Amerikaner hinauswollte.

„Ja, Doktor, ich habe meine Geschäfte aufgelöst und bin meinen Bekannten wieder einmal entronnen. Niemand weiß, wo ich hingekommen bin. Habe mir eine gute Jacht gebaut und bin auf ihr, wie man sagt, verschollen. Viele Monate bin ich auf den Meeren umhergetrieben. Das ist ein herrliches Leben, müssen Sie wissen. Möchten Sie das nicht kennen lernen? — oder kennen Sie es schon?“

„Ich kenne es nicht“, entgegnete Friedrich; „aber ich möchte wohl!“

„Gut, Doktor!… Das Leben auf der Jacht ist schon die Freiheit, aber noch nicht die Einsamkeit. Man muß doch Schiffsleute um sich haben, man muß ab und zu in einen Hafen, um Kohlen einzunehmen. Man kommt wieder mit Menschen in Berührung, und das ist schmutzig. Aber ich kenne eine Insel in der Südsee, wo man ganz allein ist. Da will ich leben. Es ist ein kleines Felsennestchen im Cooks-Archipel. Die habe ich mir gekauft und mir dort von Leuten aus Rarotonga ein komfortables Haus erbauen lassen. Das Gebäude liegt so versteckt hinter den Felsen, daß man es von keiner Seite bemerkt, wenn man auf dem Meere vorbeifährt. Es sind übrigens auch die Schiffe dort selten. Meine Insel sieht nach wie vor unbewohnt aus… Ich lebe dort mit zwei Dienern, einem stummen Neger, den ich schon in Amerika hatte, und einem Tahitier, den ich im Hafen von Avarua aus dem Wasser zog, als er sich aus Liebesgram ersäufen wollte. Jetzt bin ich auf meiner letzten Reise in Europa, um mir noch einzukaufen, was ich für mein ferneres Leben dort brauche. Namentlich Bücher, physikalische Instrumente und Waffen. Die Lebensmittel versorgt mein Tahitier von der nächsten bewohnten Insel. Er fährt jeden Morgen mit einem Neger im elektrischen Boot hinüber. Braucht man sonst noch etwas, auf Rarotonga ist für Geld alles zu haben, so wie in der übrigen Welt … Verstehen Sie?“

„Ja, Mr. Kingscourt. Nur weiß ich nicht, warum Sie es mir erzählen.“

„Warum, Doktor? Weil ich mir einen Gesellschafter mitnehmen will, um das Sprechen nicht zu verlernen, und um jemand zu haben, der mir die Augen zudrückt, wenn ich sterbe. Wollen Sie der sein?“

Friedrich schwieg und überlegte eine halbe Minute lang. Dann sagte er in festem Tone: „Ja!“

Kingscourt nickte zufrieden und fügte hinzu:

„Ich muß Sie aber aufmerksam machen, daß Sie eine lebenslängliche Verpflichtung eingehen. Wenigstens so lange ich lebe, muß es gelten. Wenn Sie mit mir gehen, dürfen Sie nicht mehr zurück. Sie müssen alle Fäden abschneiden.“

Friedrich entgegnete:

„Mich bindet nichts. Ich stehe ganz allein in der Welt und habe das Leben vollkommen satt.“

„Einen solchen Mann brauche ich, Doktor. Tatsächlich verlassen Sie das Leben, wenn Sie mit mir gehen. Sie werden nichts mehr vom Guten und Bösen dieser Welt erfahren. Sie sind tot für die Welt und die Welt ist untergegangen für Sie. Paßt Ihnen das?“

„Es paßt mir.“

„Dann werden wir gut zusammenleben. Ihre Art gefällt mir.“

„Eines muß ich Ihnen noch sagen, Mr. Kingscourt: ich bin Jude. Stört Sie das nicht?“

Kingscourt lachte: „Hören Sie? Die Frage ist komisch. Ein Mensch sind Sie, das sehe ich. Ein gebildeter Mann scheinen Sie auch zu sein. Des Lebens sind Sie überdrüssig, das spricht für Ihren guten Geschmack. Alles übrige ist dort, wohin wir gehen, furchtbar gleichgültig … Also schlagen Sie ein!“

Friedrich nahm die dargebotene Hand und schüttelte sie kräftig. „Wann sind Sie reisefertig, Doktor?“

„Jede Stunde.“

„Gut. Sagen wir morgen. Wir fahren nach Triest. Dort ankert meine Jacht … Sie werden sich hier vielleicht noch einiges besorgen wollen?“

„Ich wüßte nicht, was“, sagte Friedrich. „Das ist ja keine Lustreise, sondern ein Abschied vom Leben.“

„Immerhin, Doktor, Sie brauchen vielleicht Geld für Anschaffungen. Verfügen Sie über mich.“

„Danke, ich brauche nichts, Mr. Kingscourt“

„Haben Sie keine Schulden, Doktor?“

„Ich besitze nichts und schulde nichts. Meine Rechnung ist glatt.“

„Haben Sie keine Verwandten oder Freunde, denen Sie etwas hinterlassen wollen?“

„Niemand!“

„Um so besser! Wir reisen also morgen, … aber wir könnten schon heute miteinander speisen.“

Kingscourt klingelte. Die Kellner deckten auf seinen kurzem Befehl den Tisch im Salon und brachten ein reichliches Mahl. Die beiden Männer näherten sich einander sehr rasch in ihren Gesprächen. Friedrich fühlte nach all dem Vertrauen, das ihm Kingscourt so schnell geschenkt hatte, das Bedürfnis, auch seine eigene Geschichte zu erzählen. Er tat es in kurzer und deutlicher Weise. Als er damit zu Ende war, sagte der Amerikaner:

„Ich glaube jetzt, daß Sie mir nicht durchgehen werden, wenn ich Sie auf meiner Insel habe. Liebeskummer, Weltschmerz und Judengram — das ist zusammen genug, um auch einen jungen Mann für immer Abschied nehmen zu lassen vom Leben. Nämlich vom Leben mit den Menschen. Selbst wenn man ihnen Gutes tut, wird man von ihnen betrogen und gequält. Die größten Narren sind die Wohltäter. Glauben Sie nicht?“

„Ich glaube, Mr. Kingscourt, daß man beim Wohltun ein angenehmes Gefühl hat… Und da fällt mir etwas ein. Sie haben mir Geld angeboten, falls ich vor meinem Abschied vom Leben etwas hinterlassen wollte. Ich weiß eine Familie in tiefster Not. Der möchte ich helfen, wenn Sie es mir erlauben.“

„Es ist ein Unsinn, Doktor. Aber ich kann es Ihnen nicht verweigern. Ohnehin, es war überhaupt meine Absicht, Ihnen einen Betrag zur Ordnung Ihrer Angelegenheiten zu geben. Machen Sie damit, was Sie wollen. Sind fünftausend Gulden genug?“

„Oh, reichlich!“ sagte Friedrich. „Und es ist doch auch für mich ein schöner Gedanke, daß mein Abschied vom Leben nicht ganz ohne Zweck ist.“

 

Fünftes Kapitel

Die Stube der Familie Littwak sah bei Tage noch elender aus als bei Nacht. Und doch fand Friedrich Löwenberg diese armen Leute in beinahe rosiger Stimmung, als er bei ihnen eintrat. David Littwak stand vor dem Fensterbrett, auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag, und er las darin, während er an seinem mächtigen Butterbrot kaute. Der Vater und die Mutter saßen auf der Streu. Die kleine Mirjam spielte mit Halmen.

Chajim Littwak erhob sich rasch, um den Wohltäter zu begrüßen. Auch die Frau wollte aufstehen, aber Friedrich ließ es nicht zu. Er kniete schnell neben ihr nieder und streichelte das Brustkind, das ihn aus den armseligen Fetzen heraus mit lieblichen Augen anlachte.

„Nun, wie geht es heute, Frau Littwak?“ fragte Friedrich.

Die Arme haschte vergeblich nach seiner Hand, um sie zu küssen: „Besser, gnädiger Herr!“ sagte sie. „Wir haben Milch für Mirjam und Brot für uns.“

„Zins hab‘ ich auch schon gezahlt!“ ergänzte Chajim stolz.

David hatte sein Butterbrot hingelegt, stand mit verschränkten Armen da und betrachtete Friedrich festen Auges.

„Warum siehst du mich so durchbohrend an, kleiner David?“

„Damit ich Sie nie vergess‘, Herr. Ich hab‘ einmal gelesen eine Geschichte von einem Manne, der einem kranken Löwen geholfen hat.“

„Androklus!“ lächelte Friedrich.

„Er hat schon viel gelesen, mein David“, sagte die Mutter mit schwacher und zärtlicher Stimme.

Friedrich stand auf, legte die Hand auf den runden Kopf des Knaben und scherzte: „Bist du am Ende der Löwe? Juda hatte einst einen Löwen…“

David entgegnete beinahe trotzig: „Was Juda gehabt hat, kann es wieder haben. Unser alter Gott lebt noch.“

Frau Littwak rief klagend: „Nit amal ein‘ Sessel können wir Ihnen anbieten, gnädiger Herr!“

„Nicht nötig, liebe Frau. Ich wollte nur nachsehen, wie es Ihnen geht, und — etwas bringen. Sie sollen diesen Brief erst öffnen, nachdem ich fortgegangen bin. Er enthält eine gute Empfehlung, die euch im Leben nützen wird. Sie müssen sich gut nähren, Frau Littwak, damit Sie dieses schöne, kleine Mädel zu einer braven Frau erziehen, wie Sie selbst sind.“

„Mehr Glück soll sie haben!“ seufzte die Frau.

„Und diesen guten Jungen lassen Sie etwas Tüchtiges lernen. Gib mir deine Hand, Bürschchen! Versprich mir, daß du ein ordentlicher Mensch wirst.“

„Ja, das verspreche ich Ihnen.“

Was der Bub für merkwürdige Augen hat, dachte sich Friedrich, als er die kleine Hand schüttelte. Dann legte er den umfangreichen Brief auf das Fensterbrett und wollte gehen.

„Entschuldigen Sie, gnädiger Herr“, sprach ihn Chajim Littwak bei der Tür an, „is in den Brief vielleicht eine Empfehlung an der Kultusgemeinde?“

„Ganz richtig“, entgegnete Friedrich. „Das wird Sie auch der Kultusgemeinde empfehlen.“

Und rasch ging er hinaus, die Treppen lief er hinunter, als fühlte er sich verfolgt. Vor dem Tore hielt sein Fiaker, eilig stieg er ein und rief dem Kutscher zu: „Schnell fahren!“

Die Pferde zogen an. Es war die höchste Zeit. Eine Minute später keuchte David atemlos aus dem Tore hervor, spähte nach allen Richtungen, und als er keine Spur mehr von dem Helfer entdecken konnte, fing er bitterlich zu weinen an. Friedrich sah es durch das Guckloch in der Rückwand seines Wagens, und er freute sich, daß es ihm gelungen war, den Dankesergüssen zu entgehen. Mit den fünftausend Gulden war diese Familie hoffentlich gerettet.

Im Hotel erwartete ihn Kingscourt mit breitem Lachen: „Haben Sie also Ihr gutes Werk getan, Doktor?“

„Sie könnten mit mehr Recht sagen, daß es das Ihrige sei. Es war Ihr Geld, Mr. Kingscourt!“

„Oho! Dagegen verwahre ich mich aber schon ganz entschieden. Ich hätte nicht einen Heller hergegeben, um Menschen Gutes zu erweisen. Ich habe nichts dagegen, daß Sie ein Narr der Nächstenliebe sind — ich bin keiner mehr. Das war Ihr Handgeld, damit konnten Sie machen, was Sie wollten.“

„Auch recht, Mr. Kingscourt.“

„Ja, wenn Sie mir gesagt hätten, daß Sie für Hunde oder Pferde oder sonst ein anständiges Vieh was Mildes vorkehren möchten, da hätten Sie mich dazu haben können. Aber Menschen? Nee, kommen Sie mir mit der Sorte nicht. Die ist oberfaul. Die ganze Vernunft besteht darin, daß sie niederträchtig sind … Da war neulich in den Blättern zu lesen, daß eine alte Dame ihr Vermögen ihren Katzen hinterlassen hat. Sie befahl in ihrem letzten Willen, daß Ihr Haus in so und so viele feine Appartements für das Katzenvolk eingeteilt werde, mit Pflegepersonal und so weiter. So’n Kerl von Zeitungsschreiber hat dazu die blödsinnige Bemerkung gemacht, die Alte sei wahrscheinlich verrückt gewesen. Solch ein Hornochse! Nicht verrückt war sie, sondern riesig gescheit. Eine Demonstration gegen das menschliche Geschlecht, und insbesondere gegen ihre lumpige, erbgierige Verwandtschaft wollte sie machen. Den Tieren, ja — den Menschen, nein! Sehen Sie, das kann ich der alten Dame innigst nachfühlen, Gott habe sie selig!“

Das war Kingscourts Lieblingsthema, und darin entwickelte er eine unerschöpfliche Verve.

Friedrich Löwenberg ordnete seine geringen Angelegenheiten. Er war damit am anderen Tage fertig. Seiner Quartierfrau sagte er, daß er einen Ausflug auf den Großglockner unternehme. Sie entsetzte sich darüber: Mitten im Winter! Man höre so viel von Bergunfällen.

„Schön“, meinte Friedrich mit melancholischem Lächeln, „wenn ich in acht Tagen nicht wiederkomme, so können Sie mich als vermisst bei der Polizei melden. Dann bin ich wohl in einer Felsenspalte besorgt und aufgehoben. Meine Habseligkeiten, die da sind, vermache ich Ihnen.“

„Reden Sie nicht so sündhaft, Herr Doktor!“

„Ich mache ja Spaß!“ rief er. Mit dem Abendzuge verließ er in Kingscourts Gesellschaft Wien. Er war nicht wieder in das Café Birkenreis gegangen und wußte nicht, daß der kleine David Littwak Nacht für Nacht vor der Tür stundenlang auf ihn wartete.

Im Hafen von Triest schaukelte sich die schmucke Jacht Mr. Kingscourts auf den Wassern. Die beiden machten noch ihre letzten Einkäufe für die lange Reise, und eines hellen Dezembertages lichteten sie die Anker und steuerten südwärts, ostwärts. Friedrich wäre wohl unter anderen Umstanden von der Meeresfreiheit tief beglückt gewesen; so aber verdankte er der sonnigen Fahrt nur eine geringe Erleichterung seines Grames.

Kingscourt war freilich ein prächtiger Mensch, gutmütig bei aller seiner Prahlerei mit Menschenhaß, und liebenswürdig und zartfühlend. Wenn er Friedrich in trüben Stimmungen sah, bemühte er sich mit allen möglichen Scherzen, ihn aufzumuntern. Er ging mit ihm um, wie mit einein kranken Kinde. Da pflegte Friedrich wohl zu sagen:

„Wenn unsere Schiffsleute uns beobachten, müssen sie eigentlich eine ganz falsche Vorstellung bekommen. Sie werden mich für den Herrn, und Sie für den Gast halten, den ich mir eingeladen habe, um mir die Zeit zu vertreiben. Ach, Mr. Kingscourt, Sie hätten sich auch einen lustigeren Gesellen aussuchen können als mich!“

„Mein Lieber, ich hatte keine Wahl!“ antwortete Mr. Kingscourt mit grimmigem Ernst. „Einen Lebensüberdrüssigen mußte ich haben, und die sind in der Regel keine guten Gesellschafter. Aber Sie werd‘ ich schon noch heilen. Sie werden mir doch noch ganz anders dreinschauen, bis wir erst das Menschengesindel ganz hinter uns haben. Da werden Sie auch noch so ein vergnügter Kerl werden, wie ich. Bis wir auf unserer seligen Insel sind, hol‘ mich der Deibel, wenn’s nicht wahr ist!“

Die Jacht war sehr behaglich mit allem amerikanischen Komfort eingerichtet. Friedrich hatte einen ebenso schönen Schlafsalon, wie Kingscourt selbst. Der gemeinschaftliche Speiseraum war mit einer wahren Pracht ausgestaltet, und wenn sie abends nach dem Essen unter dem freundlich stetigen Lichte der elektrischen Deckenlampe beisammen saßen, verflogen die Stunden unter den besten Gesprächen. Es war auch eine gewählte kleine Bibliothek an Bord, aber zum Lesen kam man gar nicht, so abwechslungsreich vergingen die Meerestage. Kingscourt war immer beflissen, seinen Gefährten zu zerstreuen. Man hatte bei lebhafterem Wogengange die Insel Kreta passiert, da rückte er plötzlich mit einem Vorschlag heraus:

„Sagen Sie ‚mal, Doktor, hätten Sie denn keine Lust, noch Ihr Vaterland zu sehen, bevor wir von der Welt Abschied nehmen?“

„Mein Vaterland?“ staunte Friedrich. „Sie wollten noch einmal nach Triest zurückkehren?“

„I bewahre!“ schrie Kingscourt. „Ihr Vaterland liegt ja vor uns, Palästina!“

„Ach, so ist das gemeint? Sie irren sich. Zu Palästina habe ich keinerlei Beziehung. Ich war nie dort. Es interessiert mich nicht. Meine Vorväter sind seit achtzehnhundert Jahren weg. Was habe ich da zu suchen? Ich glaube, nur die Antisemiten können behaupten, daß Palästina unser Vaterland sei…“

Aber während er dies sagte, fiel ihm David Littwak ein. Da fügte er hinzu: „Außer von Antisemiten habe ich es nur noch von einem kleinen Judenjungen sagen hören, daß Palästina unser Land wäre. Wollten Sie mich damit necken, Mr. Kingscourt?“

„Da soll doch gleich ein Donnerwetter reinschlagen, wenn ich Sie geuzt habe. Das hab‘ ich ganz ernst gemeint. Wahrhaftig, ich verstehe euch Juden nicht. Ich wär‘ auf so etwas furchtbar stolz, wenn ich ein Jude wäre. Und ihr schämt euch wohl gar dessen. Da könnt ihr euch nicht wundem, wenn man euch verachtet — die Anwesenden natürlich ausgeschlossen.“

„Herr von Königshoff, sind Sie vielleicht ein Antisemit?“ sagte Friedrich empört. Zum erstenmal redete er ihn mit seinem deutschen Namen an, er wußte selbst nicht warum.

Kingscourt lächelte:

„Nu regen Sie sich auf, mein Sohn! Daß ich ’n allgemeiner Menschenfeind bin, das war Ihnen sozusagen schnuppe. Daß ich aber unter andern auch die Jüdischen nicht mag, das nehmen Sie mir geschwind übel. Trösten Sie sich. Doktorchen, ich hasse die Juden nicht mehr und nicht weniger als die Christen, Mohammedaner und Feueranbeter. Alle zusammen keinen Schuß Pulver wert. Ich verstehe den guten ollen Nero: ein einziger Hals, und dann mitten durch mit einem Hieb. Oder nein: noch schöner ist es, daß die Lumpenbande leben bleibt, und daß sie sich langsam gegenseitig zu Tode ärgern.“

Friedrich war schon versöhnt: „Ich war dumm. Daß Sie mich mitnahmen, war doch der beste Beweis.“

Kingscourt sagte: „Da fällt mir ’ne Sache ein, die ich einmal mit einem Ihrer Landsleute oder Glaubensbrüder oder — hol‘ mich der Deibel — kurz mit einem Juden hatte. Es war im Re’ment. Wir hatten da so ’nen Freiwilligen — Cohn hieß die Kreete, ein jemein… Entschuldigen Sie! Dieser Cohn war ’n ganz verflucht krummbeiniges Subjekt — wie für die Kavallerie geschaffen. Es war einmal in der Reitstunde. Ich ließ die Schweinehunde Barriere springen. Das heißt, ich wollte; sie wollten nicht oder konnten nicht. War auch ’n bißchen hoch. Na, ich habe sie traktiert, wie’s sich für solche gottverlassene Schweinebande geziemt. Damals konnte ich noch fluchen, hol‘ mich der Deibel! Seitdem hab‘ ich’s verlernt… Ich gab ihnen zu verstehen, so durch die Kavall’rieblume, daß ich sie für das zitterlichste Lumpenpack hielte. Und den Cohn holte ich mir besonders. ‚Sie sind wohl ein besserer Wechselreiter?‘ höhnte ich ihn. Da schoß dem Juden das Blut ins Gesicht, und er ritt an. Stürzte aber und brach sich den Arm. Das hat mich dann eine Weile gewurmt. Wozu hat so ’n Aas auch Ehrgefühl?“

„Sie meinen, ein Jude sollte kein Ehrgefühl haben?“

„Nee, so was! Sie verdrehen mir ja das Wort im Mutterleibe … Übrigens, wenn die Juden Ehrgefühl haben, warum lassen sie sich alle die Bübereien gefallen?“

„Was sollten die Juden tun, Mr. Kingscourt?“

„Was? Ja, das weiß ich nicht. Irgendwas, wie mein Cohn in der Reitschule, ich habe doch mehr Respekt vor ihm bekommen.“

„Weil er sich den Arm gebrochen hat?“

„Nein, weil er mir seinen Willen gezeigt hat… Ich, wenn ich an eurer Stelle wäre, ich würde irgendwas Mutiges, Großes unternehmen, daß auch die Feinde vor Staunen die Mäuler aufreißen müßten. Vorurteile, mein Lieber, wird’s immer geben. Das Menschenpack nährt sich von Vorurteilen, von der Wiege bis zum Grabe. Also, da man die Vorurteile nicht abschaffen kann, muß man sie für sich erobern… Je mehr ich darüber nachdenke: es müßte ganz interessant sein, heutzutage ein Jude zu sein. Gerade weil man alle Welt gegen sich hat.“

„Ach, Sie wissen nicht, wie das schmeckt.“

„Nicht süß, das kann ich mir schon denken… Na, und wie ist’s mit dem ollen Palästina? Wollen wir uns das noch begucken, bevor wir aus der Menschheit verschwinden?“

„Mir ist alles recht, Mr. Kingscourt.“

Und so bekam die Jacht den Kurs nach Jaffa.

 

Sechstes Kapitel

Sie verbrachten einige Tage im alten Lande der Juden.

Von Jaffa hatten sie einen unangenehmen Eindruck. Die Lage am blauen Meere wohl herrlich, aber alles zum Erbarmen vernachlässigt. Die Landung in dem elenden Hafen mühselig. Die Gäßchen von den übelsten Gerüchen erfüllt, unsauber, verwahrlost, überall buntes orientalisches Elend. Arme Türken, schmutzige Araber, scheue Juden lungerten herum, alles träg, bettelhaft und hoffnungslos. Ein sonderbarer Moderduft, wie von Gräbern, beengte einem das Atmen.

Kingscourt und Friedrich beeilten sich auch fortzukommen. Sie fuhren auf der schlechten Eisenbahn nach Jerusalem. Auch auf diesem Wege Bilder tiefster Verkommenheit. Das flache Land fast nur Sand und Sumpf. Die mageren Äcker wie verbrannt. Schwärzliche Dörfer von Arabern. Die Bewohner hatten ein räuberhaftes Aussehen. Die Kinder spielten nackt im Straßenstaube. Und in der Ferne des Horizonts sah man die entwaldeten Berge von Judäa. Der Zug fuhr dann durch öde Felsentäler. Die Abhänge verkarstet, wenig Spuren einer einstigen oder gegenwärtigen Kultur.

„Wenn das unser Land ist“, sagte Friedrich melancholisch, „so ist es ebenso heruntergekommen wie unser Volk.“

„Ja, es ist einfach scheußlich, geradezu polizeiwidrig“, erklärte Kingscourt. „Und doch ließe sich da viel machen. Aufforsten müßte man. So eine halbe Million junger Riesentannen, die schießen hoch wie Spargel. Das Land braucht nur Wasser und Schatten, dann hätte es noch eine Zukunft, wer weiß wie groß!“

„Wer soll da Wasser und Schatten herbringen?“

„Die Juden, Kreuzschockschwerenot!“

Es war Nacht, als sie in Jerusalem ankamen, eine wundersame Mondnacht.

„Donnerwetter, ist das schön!“ schrie Kingscourt. Der Wagen, in dem sie vom Bahnhof nach dem Hotel fuhren, mußte auf seinen Befehl halten. Er herrschte den Lohndiener an:

„Sie können auf dem Bock bleiben und dem Kamel von einem Kutscher sagen, daß er langsam hinter uns nachfahren soll. Wir gehen ein Stück zu Fuß, Doktor, wollen Sie? … Wie heißt diese Gegend?“

Der Lohndiener antwortete demütig:

„Das Tal von Josaphat, gnädiger Herr.“

„Hol“ mich der Deibel, das gibt es also wirklich? Das Tal von Josaphat! Ich glaubte, das sei nur so ’ne Sache in der Bibel. Hier ist nu unser Herr und Heiland herumgegangen. Was sagen Sie dazu, Doktor? … Ach so! Na ja, aber Ihnen muß das doch auch etwas sagen? Diese alten Mauern, dieses Tal…“

„Jerusalem!“ sagte Friedrich mit leise bebender Stimme halb vor sich hin. Er wußte sich gar nicht zu erklären, warum ihn der Anblick dieser unbekannten Stadtumrisse derart ergriff. Erinnerungen vielleicht an Worte der frühen Kindheit? Gebetstellen, die des Vaters Stimme gemurmelt hatte? Die abendliche Weihe des verschollenen Pessachfestes zog ihm durch die Seele. Einer der wenigen hebräischen Satze, die er noch wußte, klang in ihm auf: Leschonoh haboh Beruscholajim. — Übers Jahr in Jerusalem! … Und er sah sich plötzlich als kleinen Knaben an der Seite seines Vaters zum Tempel gehen. Ach, der Glaube war tot, die Jugend war tot, der Vater war tot — und vor ihm ragten die Mauern von Jerusalem in märchenhaftem Mondesglanz. Heiß strömte es ihm in die Augen. Es überwältigte ihn. Er blieb stehen, und die Tränen flössen ihm langsam über die Wangen.

Kingscourt erstickte mehrere Deibel in seiner Kehle, winkte dem nachfahrenden Kutscher gewaltig zu, stillzuhalten, und er selbst trat lautlos einen Schritt hinter Friedrich zurück, um dessen wehmütige Andacht nicht zu stören.

Mit einem Seufzer erwachte Friedrich aus der Bezauberung. „Verzeihen Sie, Mr. Kingscourt“, sagte er ein wenig beschämt „Ich habe Sie da warten lassen. Es war — es ist mir jetzt so eigen zumute. Ich weiß gar nicht, was das ist.“

Kingscourt aber schob seinen Arm unter den des jungen Mannes und sagte mit ungewöhnlich weicher Stimme:

„Sie, Friedrich Löwenberg, ich habe Sie gern!“

Und so ging in großer Mondnacht ein Christ mit einem Juden Arm in Arm der alten heiligen Stadt Jerusalem zu…

Weniger entzückend war der Anblick Jerusalems bei Tage. Geschrei, Gestank, ein Geflirr unreiner Farben, ein Durcheinander zerlumpter Menschen in den engen dumpfen Gassen, Bettler, Kranke, hungernde Kinder, kreischende Weiber, heulende Händler. Tiefer konnte das einst so königliche Jerusalem nicht sinken.

Kingscourt und Friedrich besichtigten die berühmten Plätze, Bauten und Ruinen. Sie kamen auch in das traurige Gäßchen der Klagemauer. Der widerliche Anblick der geschäftsmäßig betenden Bettler belästigte sie.

„Sie sehen, Mr. Kingscourt“, sagte Friedrich, „wir haben uns wirklich zu Tode gestorben. Vom jüdischen Reiche ist nichts mehr übrig als ein Stückchen Tempelmauer, und ich kann in meinem Gemüte bohren so viel ich will, mit diesen kleinen verkommenen Industriellen der Nationaltrauer habe ich nichts gemein.“

Er hatte das laut gesagt, ohne zu bemerken, daß ihn auch andere hören konnten. Außer den Bettelbetern und Fremdenführern befand sich in dem Augenblicke noch ein dritter Herr in europäischer Kleidung vor der Klagemauer. Dieser sagte in fremdartig betontem, aber gebildetem Deutsch:

„Mein Herr, nach Ihren Worten scheinen Sie ein Jude oder doch jüdischer Abstammung zu sein.“

„Ja“, antwortete Friedrich ein wenig verwundert.

„Dann gestatten Sie mir vielleicht“, fuhr der Fremde fort, „daß ich Ihren Irrtum berichtige. Von der jüdischen Nation ist mehr übrig geblieben als die alten Quadern dieses Mauerstückes und als die armen Schlucker hier, die freilich kein schönes Handwerk betreiben. Sie dürfen die jüdische Nation in heutiger Zeit weder nach ihren Bettlern noch nach ihren Reichen beurteilen.“

„Ich bin kein Reicher“, meinte Friedrich.

„Ich sehe, was Sie sind: ein Fremder Ihrem Volke. Wenn Sie einmal zu uns nach Rußland kämen, würden Sie erkennen, daß es noch eine jüdische Nation gibt. Wir haben noch eine lebende Überlieferung, eine Liebe zur Vergangenheit und einen Glauben an die Zukunft. Bei uns sind die Besten und Gebildetsten dem Judentume als einer Nation treu geblieben. Wir wollen zu keiner anderen gehören. Wir sind, was unsere Väter waren.“

„Das ist recht“, rief Kingscourt. Friedrich zuckte leicht die Achseln, sprach aber noch einige höfliche Worte mit dem Unbekannten, dann gingen sie. Als sie am anderen Ende der Gasse waren und um die Ecke bogen, blickten sie zurück. Der russische Jude stand noch dort. Er war in ein stummes Gebet vor der Klagemauer versunken.

Abends, in dem englischen Hotel, in dem sie wohnten, sahen sie ihn wieder. Er saß bei Tische neben einer jungen Dame, offenbar seiner Tochter. Nach dem Essen traf man sich in der großen Halle. Das Gespräch von Vormittag wurde zwanglos wieder aufgenommen. Der Russe nannte seinen Namen: Dr. Eichenstamm.

„Ich bin meines Zeichens Augenarzt. Meine Tochter auch“.

„Wie? Das Fräulein ist ’n Doktor?“ fragte Kingscourt. „Ja, sie hat bei mir und nachher in Paris studiert. Sie ist jetzt meine Assistentin. Ein ganz gelehrtes Haus, meine Sascha!“

Das Fräulein Doktor errötete bei dem Lobe.

„Aber Papa!“ sagte sie abwehrend.

Dr. Eichenstamm fuhr sich mit der Linken über den langen grauen Kinnbart:

„Was wahr ist, kann man sagen. Wir sind auch nicht nur zum Vergnügen hier, meine Herren. Wir beschäftigen uns mit den Augenkrankheiten. Leider gibt es deren genug. Der Schmutz und die Verwahrlosung rächen sich. Alles liegt im argen. Und wie schön könnte es sein. Das Land ist ja ein goldenes Land.“

„Dieses Land?“ sagte Friedrich ungläubig. „Die Geschichte von Milch und Honig ist doch nicht mehr wahr!“

„Sie ist immer wahr!“ schrie Eichenstamm begeistert. „Nur die Menschen müssen da sein, dann ist alles da.“

„Nee! Von Menschen ist gar nichts zu erwarten“, erklärte Kingscourt mit Entschiedenheit.

Doktorin Sascha wandte sich an ihren Vater. „Du solltest den Herren raten, die Kolonien zu besichtigen.“

„Was für Kolonien?“ erkundigte sich Friedrich.

„Unsere jüdischen Ansiedlungen“, antwortete der alte Herr. „Auch davon wissen Sie nichts, Herr Doktor? Es ist doch eine der merkwürdigsten Tatsachen im modernen Leben der Juden. In verschiedenen Städten Europas und Amerikas haben sich Gesellschaften gebildet, die so genannten Liebhaber von Zion, mit dem Zweck, hier in unserem alten Lande die Juden zu Ackerbauern zu machen. Es gibt schon eine Anzahl solcher jüdischer Dörfer. Auch einige reiche Wohltäter haben der Sache Geld zugewendet. Unser alter Boden trägt wieder Früchte. Besuchen Sie diese Niederlassungen, bevor Sie Palästina verlassen.“

Kingscourt brummte:

„Können wir ja machen, wenn Sie Lust haben, Löwenberg.“

Friedrich bejahte schnell.

Am andern Tag unternahmen sie in Gesellschaft Eichenstamms und Saschas einen Ausflug nach dem Ölberge. Vor der Höhe kamen sie an dem eleganten Hause einer englischen Dame vorbei.

„Sie sehen“, sagte der Russe, „daß man auf der alten Erde auch neue Paläste errichten kann. Das ist ein vornehmer Gedanke, hier zu wohnen. Wäre auch mein Traum.“

„Oder wenigstens eine Augenklinik“, meinte Doktor Sascha mit feinem Lächeln.

Vom Ölberge aus bewunderten sie die hügelreiche Stadt, die steinernen Wellen der Berge im weiten Umkreise bis an das Tote Meer.

Friedrich wurde nachdenklich.

„Schön muß Jerusalem einst gewesen sein! Vielleicht haben unsere Väter diese Stadt darum nicht vergessen können. Vielleicht wollten sie darum immer zurückkehren?“

Eichenstamm schwärmte: „Mich erinnert es an Rom. Auf Hügeln könnte man abermals eine Weltstadt erbauen, etwas Herrliches. Denken Sie sich den Blick, den man dann von hier aus hätte. Prächtiger als vom Gianiculo! Ach, wenn meine alten Augen das noch sehen könnten! …“

„Das werden wir nicht erleben“, sagte Sascha traurig.

Kingscourt wunderte sich im stillen über diese Phantastereien. Als er wieder mit Friedrich allein war, sprach er:

„Das ist ein merkwürdiges Paar, der Doktorsvater mit der Doktorstochter. So praktisch und dabei so närrisch. Ich habe mir die Juden auch anders vorgestellt.“

Am folgenden Morgen nahmen sie Abschied von den beiden und fuhren richtig, deren Rat befolgend, nach den Kolonien. Sie sahen die Ortschaften Rischon-le-Zion, Rechoboth und andere, die als Oasen in der verdorrten Umgebung lagen. Viele fleißige Hände hatten sich da regen müssen, bis die Scholle wieder zum Leben erwacht war. Sie sahen wohlbebaute Felder, eine stattliche Weinkultur und üppige Orangengärten.

„Das ist alles in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren entstanden“, erklärte ihnen der Vorsteher der Judenkolonie Rechoboth, an den sie von Eichenstamm empfohlen worden war.

„Nach den Verfolgungen in Russland zu Anfang der achtziger Jahre hat diese Bewegung begonnen. Es gibt aber noch verdienstlichere Kolonien als unsere. Zum Beispiel die von Katrah. Die ist von studierten Leuten angelegt worden. Sie haben die Bücher verlassen und sind auf den Acker hinausgezogen. Solche Bauern gibt es wohl nirgends auf der Welt. Gelehrte Männer, die auf dem Felde arbeiten.“

„Das ist ’ne starke Nummer!“ rief Kingscourt. Aber noch größer wurde sein Erstaunen, als der Vorsteher die jungen Burschen von Rechoboth zu Pferde steigen ließ. Eine Art arabischer Fantasia wurde vor den Gästen aufgeführt. Die Burschen stürmten weit weg ins Feld hinaus, warfen die Rosse herum, kehrten jauchzend zurück, warfen im vollsten Lauf ihre Mützen oder ihre Gewehre in die Luft, fingen sie wieder auf. Schließlich ritten sie in einer Reihe und sangen ein hebräisches Lied. Kingscourt war hingerissen.

„Da soll doch ein mehrfach gesalzenes Donnerwetter dreinschlagen. Die Kerls reiten ja wie der Deibel! Mit so ‚was hätte mein Ur-Ur auch die Attacke bei Roßbach — —“.

Aber Friedrich hatte wenig Interesse für die Betätigungen einer gesunden Lebenslust, und er war froh, als sie die Ansiedelungen verließen, um nach Jaffa zurückzukehren.

Die Jacht war zur Abfahrt bereit. Sie schieden in den letzten Dezembertagen vom besonnten Strande Palästinas und steuerten nach Port Said. In diesem Hafen blieben sie zwei Tage, dann ging es durch den Suezkanal weiter. Am Abend des 31. Dezember 1902 kamen sie ins Rote Meer. Friedrich hatte wieder eine Zeit völliger Niedergeschlagenheit. In dieser Stimmung war ihm alles gleichgültig.

Nach Sonnenuntergang rief ihn Kingscourt aufs Verdeck:

„Heute, Doktor, wollen wir uns was besonders antun! Da, sehen Sie unsere Tischkarte. Habe auch eine genügende Anzahl Silberhälse in Eis kühlen lassen.“

„Was ist denn heute für ein besonderer Tag, Mr. Kingscourt?“

„Das wissen Sie nicht, Mensch? Der letzte Tag des Jahres. Das ist kein banales Datum — wenn Daten überhaupt einen Sinn haben.“

„Für uns ist das ohne jede Bedeutung“, sagte Friedrich müde. „Für uns beginnt nun die Zeitlosigkeit, ist es nicht wahr?“

„Jawohl, jawohl. Aber es ist doch ’n verdammt kurioser Tag. Um Mitternacht wollen wir die Zeit ins Meer senken, in euer Rotes Meer, und wenn das blödsinnige Zeitalter um ist, in dem wir zu leben verurteilt waren, da wollen wir an etwas Großes denken!… ’nen gediegenen Punsch lasse ich uns auch brauen. Das ist verhältnismäßig noch das Reellste in der allgemeinen Niedertracht des Daseins.“

Und so taten sie. Der Schiffskoch hatte sein Bestes geleistet. Auch die Weine waren vorzüglich. Kingscourt, ein gewaltiger Zecher vor dem Herrn, trank dreimal so viel wie Friedrich, und blieb dabei ziemlich klar und frisch, indessen sein junger Gefährte einen Nebel in sich aufsteigen fühlte und nur noch wie im Traum diese Worte vernahm, als es zwölf Uhr schlug:

„Mitternacht!“ rief Kingscourt mit dröhnender Stimme. „Verrecke, Zeit! Ich leerte mein Glas auf deinen Tod. Was warst du? Schande, Blut, Gemeinheit und Fortschritt. Stoßen Sie an, Mensch, Mann, isolierter Zeitgenosse!“

„Ich kann nicht mehr“, lallte Friedrich.

„Kleines Geschlecht!… Hier sollten Sie sich doch auf die Fußspitzen stellen. Klassische Gegend! Hier hat euer oller Moses eines seiner größten Kunststücke gemacht … Sie gingen trockenen Fußes hindurch, offenbar gerade Ebbe gewesen. Und das Vieh von einem Pharao hinterdrein mitten rin in die Flut. Keine Zauberei! Aber gerade das Natürliche daran imponiert mir! Die einfachsten Mittel! Aber sehen muß man sie, und gebrauchen können. Denken Sie mal, was war das für ’ne arme Zeit, und was hat euer oller Moses vollbracht. Wenn der heute wiederkäme und sähe die Wunder alle — die Eisenbahnen, die Telegraphen, die Telephone, die Maschinen, die Jacht mit der Schraube, mit dem elektrischen Scheinwerfer. Er würde nichts davon verstehen. Man müßte ihm vielleicht drei Tage lang immerzu erklären. Aber nach drei Tagen hätte er alles raus. Und wissen Sie, was er dann täte? Lachen würde er, furchtbar, grimmig lachen! Weil die Menschen mit all dem fabelhaften Fortschritt nichts anzufangen wissen. Im einzelnen Schicksal kommt man zur Überzeugung, daß die Menschen schlecht sind. Aber beim Gesamtüberblick entdeckt man, daß sie nur dumm sind. Namenlos dumm, dumm, dumm! Nie war die Welt so reich, und nie hat es so viel Arme gegeben wie jetzt. Leute verhungern, während ungebrauchtes Korn verschimmelt. Mir kann’s recht sein. Je mehr zu Grunde gehen, am so weniger Undankbare, Lügner und Treulose gibt es in der Welt.“

Friedrich sprach mit schwerer Zunge: „Glauben Sie nicht, Mr. Kingscourt, dass die Menschen viel besser wären, wenn es ihnen besser ginge?“

„Nee, wenn ich das glaubte, würde ich nicht nach meiner einsamen Insel ziehen, sondern mitten unter die Menschen. Ich würde ihnen sagen, wie sie’s anfangen müssten, um besser dran zu sein. Nicht tausend, nicht hundert, nicht fünfzig Jahre brauchte man zu warten. Heute! Mit den Ideen, Kenntnissen, Mitteln, die heute am 31. Dezember 1902 im Besitze der Menschheit sind, könnte sie sich helfen. Man braucht keinen Stein der Weisen, kein lenkbares Luftschiff. Alles Nötige ist schon vorhanden, um eine bessere Welt zu machen. Und wissen Sie, Mann, wer den Weg zeigen könnte? Ihr! Ihr Juden! Gerade weil’s euch schlecht geht. Ihr habt nichts zu verlieren. Ihr könntet das Versuchsland für die Menschheit machen — dort drüben, wo wir waren, auf dem alten Boden ein neues Land schaffen. Altneuland!“

Das hörte Friedrich Löwenberg nur noch im Traum. Er war eingeschlafen. Und träumend fuhr er durch das rote Meer der Zukunft entgegen.

–> Zweites Buch

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