
Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen
„Es war ein schreckliches Erlebnis, dort in dem prächtigen Saal zu sitzen und zuzusehen, wie die Delegierten von 32 Ländern sich nacheinander erhoben und erklärten, sie hätten gerne eine beträchtliche Zahl von jüdischen Flüchtlingen aufgenommen, seien jedoch dazu bedauerlicherweise nicht imstande“, notierte Golda Meir. Die spätere israelische Premierministerin war bei der internationalen Konferenz von Evian im Juli 1938 als „jüdische Beobachterin aus Palästina“ zugelassen und wäre am liebsten aufgesprungen und hätte laut geschrien: „Wisst ihr nicht, dass diese Nummern und Zahlen menschliche Wesen sind, Menschen, die vielleicht den Rest ihres Lebens in Konzentrationslagern verbringen?“ Auf dem Kongress im französischen Städtchen am Genfer sollten sich, auf Initiative von US-Präsident Franklin D. Roosevelt, Länder bereit erklären, jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich aufzunehmen. Doch fast kein Staat auf der Welt war bereit den Menschen Zuflucht zu gewähren. Niemand wolle die Juden haben, höhnte die NS-Presse triumphierend.
Unmittelbar nach der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten begann die Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Minderheit. Berufsverboten und Boykottaktionen folgte eine Vielzahl von juristischen Maßnahmen, wie etwa die Nürnberger Gesetze, die mit den Novemberpogromen von 1938 in offene Gewalt umschlugen und in den ab 1941 beginnenden Deportationen in die Vernichtungslager ihren Höhepunkt fanden. Ab diesem Zeitpunkt war die Flucht keine bloße Emigration mehr, sondern bedeutete die ultimative Rettung vor der Gaskammer – allein, nun war die Auswanderung offiziell verboten.
In ihrem Buch „Die Abschottung der Welt. Als Juden vor geschlossenen Grenzen standen“, beschreibt die Historikerin Susanne Heim eindringlich, warum nur so wenigen Juden die Flucht gelang und das verzweifelte Bemühen der Verfolgten, doch noch ein rettendes Ufer zu erreichen. Anhand von individuellen Flüchtlingserfahrungen schildert die Autorin nicht nur das persönliche Leid der Menschen, sondern bettet diese in die brutale Realität der restriktiven Einwanderungspolitik der Aufnahmeländer ein, die verbunden war mit einer wirkungslosen, lediglich auf Lippenbekenntnissen basierenden internationalen Flüchtlingspolitik. Gegen diese Gleichgültigkeit konnte auch das große Engagement der verschiedenen Hilfsorganisationen kaum etwas ausrichten. Und: die Juden hatten noch keinen Staat, in dem sie vor Verfolgung sicher gewesen wären.
Wem eine legale Emigration verwehrt blieb, musste Fluchthelfer bezahlen und hoffen, dass er unbeschadet die Grenzen überwand. Oft wurden die Illegalen festgenommen und zurückgeschickt, wie etwa in der Schweiz. Mit einer Anordnung vom 4. August 1942 hatte der Schweizer Bundesrat verfügt, die „betroffenen Ausländer auszuweisen, auch wenn ihnen daraus ernsthafte Nachteile (Gefahren für Leib und Leben) erwachsen können“.
Wer Glück hatte und eine Einreiserlaubnis vorweisen konnte, stand in der „neuen Heimat“ zumeist vor dem Nichts: Mittellos, denn die Nationalsozialisten hatten die jüdischen Emigranten zuvor enteignet. Ihr Eigentum war „arisiert“ worden und von dem geringen „Verkaufspreis“ mussten noch Steuern und Abgaben entrichtet werden. Zudem wurden den Geflüchteten Arbeitsverbote oder -beschränkungen auferlegt, sodass sie gezwungen waren, bei Privatpersonen zu putzen, im Haushalt zu helfen, Musikunterricht oder gestrickte, gehäkelte sowie genähte Textilien anzubieten. Diese Tätigkeiten wurden zumeist von Frauen ausgeübt. Die Männer hatten oft aufgrund ihrer Überqualifikation bzw. ihrer beruflichen Nichtanerkennung als Mediziner, Rechtsanwälte, Ingenieure oder andere Geistesarbeiter mit noch größeren Schwierigkeiten zu kämpfen. Wie etwa der Vater des bekannten israelischen Historikers, Yehuda Bauer, ein gelernter Ingenieur, der sein Geld zunächst als Pianist und später als Buchhalter verdiente.
Selbst als die ersten Nachrichten vom fabrikmäßigen Massenmord in die internationale Öffentlichkeit gelangten, unternahmen die möglichen Emigrationsländer nichts, um die jüdischen Flüchtlinge vor dem sicheren Tod zu retten. „Die „Rettung war nachrangig“, resümiert Susanne Heim, denn die „Kriegsgegner Deutschlands waren zwar gewillt, dem Terror der Nationalsozialisten ein Ende zu setzen, doch deren Opfern auf dem eigenen Staatsgebiet dauerhaft Aufnahme und Sicherheit zu gewähren, dazu waren sie nicht bereit.“
Susanne Heims Arbeit basiert auf langjähriger Forschungsarbeit, sie beschreibt kenntnisreich die perfide NS-Politik der Entrechtung und Ausplünderung, die rigiden und abweisenden Immigrationsgesetze der potentiellen Aufnahmeländer, dokumentiert die Fluchtrouten, auch anhand von individuellen Schicksalen. Eine quellengesättigte Studie über die Vertreibung und verzweifelte Flucht der Juden aus Nazideutschland. Und die Autorin beschreibt das komplette Versagen der westlichen Wertegemeinschaft, die trotz der Kenntnisse von der Vernichtung des europäischen Judentums wissentlich ihre Grenzen verschlossen hielt. – (jgt)
Susanne Heim. Die Abschottung der Welt. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933–1945, München 2026, 384 Seiten, 34,00 €, Bestellen?


