
„Die Herzberger ist dem Konzentrationslager Auschwitz O/Schl. zugeführt worden“, schreibt die Hauptverwaltung der Berliner Gaswerke an den Oberfinanzpräsidenten. „Für Gasverbrauch schuldet uns die Genannte noch 17,06 RM, wir bitten diesen Betrag auf unser Postscheckkonto zu überweisen.“
Nach der Deportation von Johanna Herzberger war ihr Hausrat und die Wohnungseinrichtung beschlagnahmt und vom Finanzamt verkauft worden. In diesem Fall an die Nachbarin, den Gewinn strich die Behörde ein, nach Abzug der Gasrechnung. Diese Verwertung des letzten Besitzes von Todgeweihten fand überall im Deutschen Reich statt. Bei den öffentlichen Versteigerungen griffen die Volksgenossen gerne und gierig zu. Über den Raubzug an dem Eigentum der Verschleppten und Ermordeten wurde auf deutsche Art penibel Buch geführt. Finanzamt, Hausverwaltung, Nachbarn, das Gaswerk, alle wussten genau Bescheid, was vor ihren Augen in aller Öffentlichkeit vor sich ging.
Unter dem Titel „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen“ räumt die gleichnamige Ausstellung der „Topographie des Terrors“ mit der Lebenslüge „Davon haben wir nichts gewusst“ von Millionen Deutschen gründlich auf. Die Geschichtswissenschaft beschäftigt sich schon seit Jahren mit diesem Thema und kommt zu dem Schluss, dass der Judenmord sowie die Vernichtung von Sinti und Roma ein offenes Geheimnis war: Mit einer unfassbaren moralischen Abstumpfung und bar jeder Empathie hatte die deutsche Gesellschaft die Ausgrenzung und die darauffolgende „Endlösung“ zur Kenntnis genommen, denn nahezu jeder konnte sehen, lesen oder hören, was niemand wissen wollte.
Verhaftungen und Deportation verliefen eben nicht „bei Nacht und Nebel“, sondern am helllichten Tag. Das verbrecherische Handeln konnte nicht übersehen werden. Soldaten der Wehrmacht waren Zeugen von Massenerschießungen oder anderen Pogromen im Osten. Davon zeugen etwa Briefe in die Heimat: „Ich mag gar nicht mehr hier sein“, schrieb etwa Wilhelm Hosenfeld an seine Frau Annemarie einen Tag, nachdem die Deportationen aus dem Warschauer Ghetto in die Vernichtungslager begonnen hatten. „Was man jetzt wieder tut, wie man die Juden tötet, in anderen Städten sind sie schon zu Tausenden ermordet, jetzt soll das hiesige Ghetto mit seiner halben Millionen Juden auch leer gemacht werden.“
Die zahlreichen antijüdischen Gesetze und Verfügungen waren gleichfalls nicht geheim, sie waren in der Presse nachzulesen oder sichtbar für Jedermann, wie etwa die Boykottaktionen jüdischer Geschäfte, die reichsweit in den Städten und Dörfern umgesetzt wurden. Teilweise wurden Informationen über antijüdische Maßnahmen den Volksgenossen sogar kostenlos geliefert: In Tausenden von „Stürmerkästen“, gläsernen Vitrinen, waren tagesaktuell ausgewählte Zeitungsartikel des NS-Hetzblattes „Der Stürmer“ ausgehängt. Auch das Novemberpogrom von 1938, als die Synagogen brannten, Geschäfte geplündert und Wohnungen zerstört wurden, fand reichsweit mitten in den Städten und Dörfern statt. Und spätestens als Hitler in seiner Rede vom 30. Januar 1939 „die Vernichtung der jüdischen Rasse“ androhte, hätte man zumindestens hellhörig werden können. Und hatten nicht wenige Angst, dass sie, falls der Krieg verloren ginge, für ihre Taten zur Verantwortung gezogen würden? Der Massenmord war ein offenes Geheimnis und nur ein kleiner Teil der deutschen Bevölkerung stellte sich gegen den eliminatorischen NS-Antisemitismus, die Mehrheit verschloss die Augen, stimmte zu oder profitierte an der „Arisierung“ des jüdischen Eigentums.
Die Ausstellung „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen“ präsentiert Fakten und zeigt anhand von Fotos, Tagebüchern, Briefen und Tondokumenten eindrücklich den Alltag unterm Massenmord. Doch immer noch glaubt die Mehrheit der Nachgeborenen, dass ihre Eltern und Großeltern keine Nazis waren. Nicht wenige gehen sogar davon aus, dass ihre Angehörigen im Widerstand waren, unter großer Gefahr Juden im Keller versteckt hätten oder zumindest nur Mitläufer waren, die nicht anders konnten, jedoch dem NS-System ablehnend gegenüberstanden. Die Ausstellung und der reichbebilderte umfangreiche Katalog entziehen dieser liebgewonnenen deutschen Lügen 80 Jahre nach dem Zivilisationsbruch faktenreich den Boden. – (jgt)
Die Ausstellung ist noch bis zum 31. Januar 2027 im Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ in Berlin zu sehen – der Eintritt ist frei. Der Katalog kostet 18,00 € und ist im Museumsshop erhältlich.


