Von Ramona Ambs
Kennen Sie Alan Sokal?
Der Physiker Alan Sokal reichte 1996 einen völlig sinnbefreiten, aber sprachlich hochtrabenden Artikel voller akademischer Modewörter bei einer Kulturwissenschafts-Zeitschrift ein. Der Text wurde ohne inhaltliche Prüfung gedruckt, weil er perfekt nach „wichtiger Wissenschaft“ klang.
Heute gibt es viele Sokals… allerdings merken sie es nicht….
Wenn Männer sich selbst als intelligent, tiefgründig oder gar nachdenklich labeln, sollte man auf der Hut sein. Denn diese sensiblen Erklärbären sind weniger an Analysen oder gar Nuancen interessiert, als daran ihre eigene, oft banale Sicht der Dinge so darbieten zu dürfen, dass alle Klarheiten danach verschleiert sind, während sie selbst höchst zufrieden aus der Wäsche gucken…
Ein Klassiker auf diesem Gebiet sind diverse Herren der Nachdenkseiten. Gestartet als Vertreter einer kritischen Gegenöffentlichkeit und als engagierte Verfechter der Demokratie arbeiten sie mit der Methodik des Fragestellens.
Denn wer Fragen stellt, stellt ja nur Fragen.
Stellt infrage.
Und das ist doch immer kritisch, klug und gut.
Das schafft Räume, in denen Nachdenken und Raunen ganz nahe beieinander liegen dürfen. Im Namen der Meinungsfreiheit.
Und weil sichs halt geil anfühlt…^^
Einige dieser Männer finden sich so dermaßen arg philosophisch und tiefgründig, dass sie sich dauernd fotografieren müssen… stets natürlich in der Pose des stillen Rebellen, als eine Art intellektueller Robin Hood der Neuzeit. Sie posten dann das, was sich sonst keiner zu sagen traut, und sie sagen es so betulich und verbindlich, dass sie selbst unfassbar gerührt sind, von ihren verbokratischen Analysen.
Die Liste dieser Poser, die ihr intellektuelles Image auf diese Weise zur Schau stellen ist lang… Richard David Precht ist wohl das prominentste Beispiel aus dieser Riege geistvoll-sensitiver Leuchten kontemplativer Männlichkeit. Unvergessen wie er seinerzeit im Podcast mit Lanz behauptete, dass das (orthodoxe) Judentum bei Juden das Arbeiten verhindern würde, ausgenommen den Diamantenhandel und ein paar Finanzgeschäfte… ein Satz, der von Unwissenheit und Antisemitismus nur so triefte… und zwar so sehr, dass man die Stelle hinterher aus dem Podcast entfernt hat und Precht sich „entschuldigte“, – und zwar so, wie selbstkritische, hochreflektierte Männer seiner Façon das zu tun pflegen: er sagte nämlich in einem nachträglich eingefügten Statement vor der Folge, dass eine Formulierung gefallen sei, die Anstoß erregt und zu Kritik geführt habe.
Er sei missverstanden worden.
Missverstanden … und das bei diesem Thema, das – da sind sich alle einig!- so HEIKEL ist.
Zu diesem heiklen Thema, Juden, und zu Israel haben dennoch all dieser Männer eine dezidierte Meinung. Und diese Meinung wird so oft und gleichzeitig mit so viel Verve vortragen, dass man feststellen muss: Das Thema eint sie mehr als alles andere.
Ein Paradebeispiel dafür ist Mirko Lange. Der Gründer von Democracy Intelligence ,- eine strategische Infrastruktur mit der er die demokratische Qualität von Kommunikation messbar machen will, schrieb kürzlich auf Facebook:
„Ich werde oft gefragt, warum mich Israel so umtreibt. Ob das eine Obsession sei, oder gar ein Ressentiment gegen Juden. Beides ist falsch. Es geht um freie Meinungsbildung und Demokratie. Meine Kernthemen. Ich kenne kein zweites Thema, bei dem auf allen Seiten so verzerrt und manipuliert wird, bei dem aber in Deutschland eine Seite so klar dominiert, zum Teil gar autoritär.“
– wer da in Deutschland so autoritär manipuliert ist natürlich klar….
auch wenn er es natürlich offen lässt…
auch wenn er vornehmlich stets nur eine Seite kritisiert
Dafür führt er aus:
„Ein Beispiel für Verzerrung macht gerade die Runde. Taryn Thomas, Studentin in Stanford, war stark aktiv bei Pro-Palästina-Protesten. Nach dem Besuch einer Ausstellung über das Nova-Festival, bei dem die Hamas am 7. Oktober so viele Menschen brutal ermordete, kippte ihre Haltung. Heute verteidigt sie Israel. Erzählt wird die Geschichte als Bekehrung: Wer das Grauen des 7. Oktober begreife, so die Logik, könne Israel danach nicht mehr kritisieren. Hier liegt der Trick: Das Mitgefühl mit den Opfern wird gegen Kritik an der israelischen Regierung in Stellung gebracht. In der Rhetorik nennt man das „falsche Dichotomie“.“
Aha.
Das hat er aber schön erklärt.
Sogar die faksche Dichotomie konnte er unterbringen. Jippie!
Nur…- so eine schöne sprachliche Passivkonstruktion wirft natürlich Fragen auf.
Zum Beispiel:
WER erzählt denn diese Geschichte in dieser Form?
Und vor allem: Wer TRICKST?
Und aus welchen Motiven?
Das bleibt alles prima im Raum stehen…
So schafft man Platz für eventuelle Ressentiments…
die man natürlich nicht hat. Niemals!
Bloß: wenn man Mirko Lange und seine (sic!) „Sinnflut“ so ansieht, dann ist seine Stoßrichtung doch recht eindeutig.
„Darf man Israelis mit Nazis vergleichen? Eine Frage, die in Deutschland unweigerlich heftigste Reaktionen auslöst und das Fundament unserer Staatsräson berührt. Doch was passiert, wenn diese Parallele von einem der renommiertesten israelischen Historiker im ZDF thematisiert wird?“, fragte der gleiche Mirko Lange zwei Tage zuvor (und man sieht, das Thema treibt ihn wirklich um) und dann zitiert er Moshe Zimmermann und „lernt“ daraus:
„Der Antisemitismus-Vorwurf als rhetorische Allzweckwaffe muss enden. Er dient nur dazu, unliebsame Sachdebatten im Keim zu ersticken.(…) Wir müssen vor allem zu Israelis Klartext sprechen. Diplomatische Andeutungen prallen ab; Israelis verstehen nur eine klare, unmissverständliche Sprache.“
Na dann.
Zum Glück hat der Mann keine Vorurteile gegenüber Israelis.
Andeutungen, Zwischentöne- sowas können natürlich nur deutsche nachdenkliche Männer verstehen.
Männer, die wissen, wie sie mit Unbelehrbaren umzugehen haben.
Männer, die eine Mission haben.
Männer, die Fragen stellen.
Männer, denen es um freie Meinungsbildung und Demokratie geht.
Männer, die eine kritische Gegenöffentlichkeit wach rufen wollen.
Männer, die stundenlang eloquent erzählen was für gute Zuhörer sie sind.
Männer, die die Welt erklären…



