„Angesichts der Dimension dieses Verbrechens“, schreibt Dr. Ludwig Spaenle als Antisemitismusbeauftragter des Freistaates Bayern in seinem Vorwort, „besteht die Gefahr, dass die einzelnen Schicksale aus dem Blick geraten.“ Mit diesem Buch, das einen Titel trägt, der willentlich mit „Der verwaltete Mensch“ (1974) von H. G. Adler korrespondiert, trägt der Autor Manfred Brösamle-Lambrecht dazu bei, das einzelne Shoa-Opfer nicht vergessen werden. Konkret geht es dabei um Oberfränkinnen und Oberfranken – aber nicht nur.
Von Riccardo Altieri
Als der Sonderzug Da 49 nämlich am 25. April 1942 den Bahnhof Aumühle in Würzburg verlies, befanden sich darin bereits 852 Jüdinnen und Juden aus Unterfranken. Und so wird die Publikation des pensionierten Geschichtslehrers, das die Erkenntnisse seiner jahrelangen Forschungsarbeit enthält, zu einem Buch über das Schicksal Hunderter Jüdinnen und Juden aus dem Norden Bayerns. Denn als in Bamberg weitere 103 Personen zugeladen wurden, fanden sich darunter ferner Personen aus Mittelfranken.
Anders als es in vielen Fällen, die H. G. Adler schildert, üblich war, ist der Deportationszielort Krasnystaw respektive Kraśniczyn nicht sonderlich quellengesättigt. Die auf belastendes Aktenmaterial bezogenen Vernichtungsbefehle, als die Wehrmacht sich in der zweiten Kriegshälfte zurückziehen musste, haben hier im Raum Lublin ihren Zweck erfüllt. So kann lediglich konstatiert werden, dass keines der fränkischen Deportationsopfer in dieser Region das Jahr 1942 überlebt hat.
Der Zug fuhr die rund 1.000 km lange Strecke von Bamberg aus mit geschlossenen Fenstern und Türen. Niemand sollte entkommen können. Dreieinhalb Tage dauerte die Fahrt, weil man jeglichem militärischem Fahrzeug auf Schienen den Vorzug lassen musste. Für 955 Deportierte gab es nur zwei Toiletten. Am 28. April 1942 kam der Zug morgens um 8:45 Uhr in Krasnystaw an. Nun mussten die mangels ausreichender Ernährung entkräfteten Menschen 17 Kilometer zu Fuß nach Kraśniczyn laufen. Jenes Schtetl war zwei Wochen zuvor entvölkert, seine jüdische Bevölkerung deportiert worden.
Hier zwang man – nach einem weiteren Transport aus Deutschland – rund 2.000 Menschen, in lediglich 40 kleinen Gebäuden zu hausen. Zwar war das Dorf nicht eingezäunt oder anderweitig abgesperrt, aber eine Flucht war dennoch undenkbar. Die feindselige Umgebung, geprägt von Denunzianten und NS-Sympathisanten, war durchzogen von Polizeibeamten, die autorisiert waren, jeden gesichteten Flüchtigen des Lagers umgehend zu erschießen. Jenen Polinnen und Polen, die nicht ohnehin mit den Nationalsozialisten zusammenarbeiteten, war jegliche Hilfe für die Deportierten bei drakonischen Strafen untersagt.
In der Nacht vom 5. auf den 6. Juni 1942 wurde das Lager nach fünf Wochen, die geprägt waren von Zwangsarbeit, geräumt. Die noch Lebenden mussten 19 Kilometer zu Fuß nach Izbica laufen, von dort fuhr ein Zug ins Vernichtungslager Sobibor, wo er wohl abends ankam. Gehunfähige, Kranke oder Säuglinge, wie die kleine Lana Ackermann aus Aidhausen, wurden direkt ins Lager III verbracht, erschossen und in einem Massengrab verscharrt. Die Übrigen wurden durch Lügen beschwichtigt, damit keine Panik ausbrach, und dann in Gruppen von je 100 Frauen oder Männern in der Gaskammer ermordet. Niemand überlebte.
Das große Verdienst Brösamle-Lambrechts, wie es Ludwig Spaenle eingangs vorausgedeutet hat, ist die kompakte Darstellung dieser dramatischen Ereignisse mit zahlreichen Abbildungen und Kurzbiographien jener Menschen, die vom Obermain, also aus Altenkunstadt, Burgkunstadt und Lichtenfels stammten. Für die unterfränkischen Opfer war dieser Schritt nicht erforderlich, da sich Biographien zu allen Opfern auf der Homepage des DenkOrtes Deportationen finden lassen. Die Publikation sei all jenen ans Herz gelegt, die mehr über die Deportationszielorte im Raum Lublin erfahren möchten, aber besonders sämtlichen Schulbibliotheken und öffentlichen Büchereien in Ober-, Mittel- und Unterfranken.
Manfred Brösamle-Lambrecht, Deportationszug Da 49. Verschleppung und Ermordung der Juden vom Obermain. April bis Juni 1942, Louis Hofmann Druck- und Verlagshaus, Lichtenfels 2025, 120 S., 64 Abb., Euro 20,00.



