Die neuen Fernsehtipps

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Foto: Pexels

Von 1. bis 15. Februar 2026

So., 1. Feb · 20:15-21:00 · ARD-alpha
Calmeyers Dilemma

Hans-Georg Calmeyer (1903-1972) war ein deutscher Jurist aus Osnabrück, der während des Zweiten Weltkriegs als „Rassereferent“ der nationalsozialistischen Verwaltung in Den Haag über Leben und Tod von Tausenden Menschen entschied. Die Dokumentation beleuchtet die Frage: Hat Calmeyer niederländische Juden aktiv gerettet oder hat er lediglich einige vor der Verfolgung verschont?

So., 1. Feb · 21:00-21:45 · ARD-alpha
Zeugen – Wie der Holocaust ins Fernsehen kam

Der Bremer Filmemacher Karl Fruchtmann produzierte Anfang der 1980er-Jahre für die ARD die erste Dokumentation, in der jüdische Opfer des Holocausts zu Wort kamen. Die Geschichte hatte ihn, der selbst im Konzentrationslager Dachau einsaß, nicht losgelassen. Während es heute kaum noch Menschen gibt, die persönlich von ihren Erfahrungen aus der Zeit des Holocaust erzählen können, gab es Anfang der 1980er noch viele Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, für die die Ermordung der europäischen Juden noch sehr präsent war. 60 Überlebende der NS-Konzentrationslager hat Karl Fruchtmann in Israel und Polen interviewt, die Bänder liegen im Archiv von Radio Bremen, fast 80 Stunden Interviews, ein historisches Vermächtnis! Nur ein kleiner Teil davon wurde bis jetzt veröffentlicht. Den Zuschauerinnen und Zuschauern hat Fruchtmann keine Härte erspart. Er setzte auf die nackten Interviews, auf eine filmische Zumutung für das Fernsehpublikum. „Zeugen – Aussagen zum Mord an einem Volk“ nennt er seine zwei verstörenden Dokumentationen. Die Zeugen nennen darin noch nicht einmal ihren Namen. Sparsam sind einige wenige Bilder eingeschnitten aus Auschwitz. Man erfährt keinerlei biografische Details. So fügen sich die Interviews zu einem einzigen Monolog des Grauens. Wer waren die Zeugen, welche Biografien standen hinter den Aussagen? Und wie hat das Kamerateam, zu dem auch die damals erst 18-jährige Tochter Fruchtmanns gehörte, die wochenlangen Interviews über Folter, Demütigung und Ermordung verarbeitet? Dreharbeiten, bei denen immer die Gefahr bestand, dass die Interviewpartner unter der Last der eigenen Erinnerungen zusammenbrechen?

So., 1. Feb · 23:45-00:30 · ZDF
Terra X History: Hits unterm Hakenkreuz

Es sind Schlager, die noch heute mitreißen – von Zarah Leander, Heinz Rühmann oder Hans Albers. Doch waren ihre Lieder so harmlos, wie sie schienen? Welchem Zweck dienten sie im NS-Staat? „Terra X History“ erzählt die Geschichte berühmter Hits unterm Hakenkreuz wie „Davon geht die Welt nicht unter“ oder „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“. Vor mehr als 80 Jahren waren sie Gassenhauer und auch Instrumente der NS-Propaganda. Im NS-Staat entsteht eine Vielzahl von Schlagern, Filmmusiken und Soldatenlieder. Einige Künstlerkarrieren kommen jetzt erst so richtig in Schwung wie die von Marika Rökk und Zarah Leander. Ihre Songs sollen für gute Stimmung sorgen – gerade in Kriegszeiten. Jüdische Künstler hingegen werden ausgegrenzt und verfolgt. Wer kann, emigriert und versucht, sein Leben zu retten. NS-Propagandachef Joseph Goebbels bringt die Musik- und Unterhaltungsbranche unter seine Kontrolle. Trotzdem regt sich vereinzelt heimlicher Widerstand in der Musikszene. Hans Albers gelingt Ende 1944 mit „Einmal muss es vorbei sein“ ein mehrdeutiger Hit. Im Film kommen Max Raabe, Leiter des Palast Orchesters, sowie der deutsche Chansonnier Tim Fischer zu Wort.

Mo., 2. Feb · 13:30-14:00 · ARD-alpha
kreuz & quer nah dran: Erinnern und Gedenken ohne Zeitzeugen

Wie werden wir uns erinnern, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt? Wie kann ein lebendiges Erinnern stattfinden, wie kann die Geschichte wachgehalten werden ohne jene Stimmen, die sie selbst erlebt haben? Dieser Frage gehen Karoline Thaler und Mariella Kogler nach. Sie tauchen dafür ein in die Lebensgeschichte von Harry Merl, Holocaust-Überlebender, Psychiater und Psychotherapeut. Er gilt als Vater der Familientherapie in Österreich. Sein Sohn und sein Enkelsohn gehen in Schulen und bringen so jungen Menschen das nahe, was Harry selbst nicht mehr erzählen kann.

Di., 3. Feb · 22:30-23:15 · HR
Verräterkinder – Die Töchter und Söhne des Widerstands

Der Männer des 20. Juli 1944 werden heute verehrt als Helden, die ihr Leben im Widerstand gegen Hitler geopfert haben. Für ihre Kinder ist der gewaltsame Tod des Vaters eine Katastrophe, an deren Folgen sie bis in die Gegenwart zu tragen haben. Christian Weisenborn zeigt in seinem Film ‚Verräterkinder‘ erschütternde Begegnungen mit Kindern von Verschwörern des 20. Juli. Axel Smend ist heute noch tief bewegt, wenn er sich daran erinnert, wie seine Mutter mit verweinten Augen vom Elternsprechtag in der Schule zurückkam, weil sein Lehrer ihn den Sohn eines Verräters genannt hatte. Der Männer des 20. Juli 1944 werden heute verehrt als Helden, die ihr Leben im Widerstand gegen Hitler geopfert haben. Für ihre Kinder ist der gewaltsame Tod des Vaters eine Katastrophe, an deren Folgen sie bis in die Gegenwart zu tragen haben. Christian Weisenborn zeigt in seinem Film „Verräterkinder“ erschütternde Begegnungen mit Kindern von Verschwörern des 20. Juli.

Di., 3. Feb · 23:15-00:45 · HR
Die verlorenen Seelen Syriens

Als 2014 die sogenannten „Caesar-Akten“ – gestohlen aus geheimen Archiven des syrischen Regimes – veröffentlicht wurden, waren die Erwartungen der Syrerinnen und Syrer hoch. Die Mitglieder des UN-Sicherheitsrats versuchten, eine Resolution zu verabschieden, die es dem Internationalen Strafgerichtshof ermöglichen würde, das Regime von Baschar al-Assad strafrechtlich zu verfolgen. Doch die Vetos Russlands und Chinas – der treuen Verbündeten des Assad-Regimes – blockierten diesen Weg. Die Geschichte der in den Haftanstalten von Damaskus Ermordeten schien dem Vergessen geweiht zu sein. Doch zwei Jahre später, 2016, versuchen mehrere Angehörige der Opfer, unterstützt von internationalen Anwält*innen, Aktivist*innen und Caesar selbst, die Türen der europäischen Gerichte zu öffnen. Im Namen ihrer Angehörigen reichen sie Klagen gegen die höchsten Verantwortlichen des syrischen Regimes ein. Dabei stoßen sie sowohl auf die mangelnde Bereitschaft westlicher Länder, gerichtlich gegen das Regime von Baschar al-Assad vorzugehen, als auch auf den anhaltenden Terror dieser Diktatur, der sich auch über die Landesgrenzen hinaus ausbreitet. Bilder von nackten, gefesselten und ausgemergelten Körpern, die zu Tode gefoltert wurden, werden in Museen und Parlamenten auf der ganzen Welt gezeigt. Diese 27.000 Bilder, öffentlich gemacht von einem militärischen Überläufer mit dem Codenamen Caesar, erinnern an die Gräueltaten des Nazi-Regimes oder der Roten Khmer. Man könnte meinen, dass solche Bilder der Vergangenheit angehören, aber das tun sie nicht. Seit der Revolution 2011 setzt das Regime in Damaskus Verschleppung und Folter in großem Stil ein, um die eigene Bevölkerung zum Schweigen zu bringen. Über 100.000 Syrerinnen und Syrer sind in den Gefängnissen des Regimes verschwunden. Niemand kennt die genauen Zahlen. DIE VERLORENEN SEELEN SYRIENS wurde über fünf Jahre aus beispielloser Nähe gefilmt und zeigt die Entwicklungen hinter den Kulissen dieser Kämpfe um Gerechtigkeit vor Gericht in Spanien, Frankreich, dem Vereinigten Königreich und Deutschland. Sie führen zu einem Prozess vor dem Oberlandesgericht Koblenz, das im Januar 2022 ein historisches Urteil fällte: die Verurteilung eines Mitglieds des syrischen Sicherheitsapparats zu lebenslanger Haft wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In Frankreich wird ebenfalls ein Prozess in Abwesenheit gegen zwei Schlüsselfiguren aus dem inneren Kreis von Baschar al-Assad erwartet. In diesem anhaltenden Kampf um Gerechtigkeit geht es darum, die Täter zu benennen und zu verfolgen. Darum, die Geschichte der Tragödie eines Volkes zu schreiben. Es geht nicht nur um Erinnerung an die Verstorbenen, sondern auch um das Schicksal der Lebenden.

Mi., 4. Feb · 05:00-05:55 · arte
Alices Buch – Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten

Die Dokumentation erzählt die Geschichte von Alice Urbach, die unter Hitlers Regime die Rechte an ihrem Kochbuch verlor. In den 1930er Jahren war sie eine erfolgreiche Konditorin in Wien und Bestseller-Autorin mit einer eigenen Kochschule. Nach dem deutschen Anschluss Österreichs emigrierte sie nach England – wo sie sich in den Kriegsjahren um jüdische Flüchtlingskinder kümmerte. Als sie Ende der 1940er Jahre nach Wien zurückkehrt, entdeckt sie, dass ihr Buch „So kocht man in Wien!“ unter dem Namen Rudolf Roesch veröffentlicht wird. Der Verleger weigert sich, ihr die Rechte zurückzugeben. Für einen Neuanfang zieht sie schließlich nach San Francisco und eröffnet eine Wiener Konditoreischule. Ihr Traum, ihr Kochbuch unter ihrem eigenen Namen auf Englisch zu veröffentlichen, blieb bis zu ihrem Tod unerfüllt. Mehr als 80 Jahre später macht sich die Historikerin Karina Urbach – Alices Enkelin – auf, die Geschichte hinter dem gestohlenen Kochbuch aufzudecken und für eine Neuauflage des Buchs zu kämpfen. Ihre Recherchen führen sie von Cambridge über Wien und München bis in den britischen Lake District. In Archiven findet sie Dokumente, die längst verloren geglaubt waren. Ihre Arbeit verschafft Karina Urbach endlich Aufmerksamkeit bei dem Verlag ihrer Großmutter. Erschütternd und bewegend erzählt „Alices Buch“ die Geschichte einer Frau, die mit ihrer Leidenschaft für das Kochen die Schrecken des Zweiten Weltkriegs überlebte. Erzählt wird der Film aus subjektiv-erlebender Sicht – Stück für Stück setzt Karina Urbach das Puzzle der Vergangenheit zusammen.

Do., 5. Feb · 23:35-01:05 · SWR
The Bibi Files – Die Akte Netanjahu

Als erster amtierender Ministerpräsident Israels steht Benjamin Netanjahu vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Korruption im Amt vor. Der Prozess begann 2020 und könnte sich noch über Jahre hinziehen. Erstmals zeigt dieser Dokumentarfilm von Regisseurin Alexis Bloom und Oscar-Preisträger Alex Gibney als Produzent die Verhörvideos von Netanjahu, auf denen die Anklage basiert. Sie wurden den Filmemachern zugespielt. Aussagen von ehemaligen Freunden und Wegbegleitern vervollständigen das Porträt eines Mannes, der mit allen Mitteln an der Macht bleiben will, dafür 2022 sogar ein Bündnis mit der extremen Rechten eingegangen ist. Dass Benjamin Netanjahu sich ihren Extremismus zu eigen macht, hat tödliche Folgen.

Fr., 6. Feb · 12:05-12:50 · 3sat
Johannes und seine Gedenkstätte

Riehen bei Basel ist ein besonderer Ort: Jüdische Flüchtlinge aus Hitlerdeutschland sprangen dort in der Hoffnung, ihr Leben zu retten, aus der Eisenbahn – in der Schweiz. Die Riehener Gedenkstätte erinnert daran. Aus privater Initiative ist der einzige Gedenkort an den Holocaust in der Schweiz entstanden. Er ist das Werk von Johannes Czwalina, ehemaliger Pfarrer und heutiger Unternehmensberater. Die Gedenkstätte Riehen ist ein Beispiel dafür, wie ein einzelner, sensibler Mensch unter großen – auch finanziellen – Opfern etwas erreicht hat, das bei den lokalen Autoritäten untergegangen wäre.

Sa., 7. Feb · 00:40-02:20 · arte
Son of Saul

Auschwitz-Birkenau, das Hauptvernichtungslager der Nazis, operiert wie eine Fabrik. Im Herbst 1944 ist Saul Ausländer dort Mitglied des Sonderkommandos. Seine Aufgabe ist es, die Menschen in die Räume zu begleiten, sie sich ausziehen zu lassen, sie in die Todeskammern zu schicken – und dann Haare, Schmuck und Goldzähne herauszuholen. Es muss schnell gehen, da andere Konvois mit Deportierten schon warten. Als Entlohnung für diese Tätigkeit gewährt die Lagerleitung einen viermonatigen Aufschub der eigenen Vernichtung. Eines Tages beobachtet Saul, wie ein Junge das Gas überlebt, von einem deutschen Arzt eigenhändig getötet und zur Obduktion geschickt wird. Intuitiv fühlt er, dass dieses Kind sein Sohn sein könnte, und entscheidet, dass er ihm um jeden Preis ein rituelles Begräbnis nach der jüdischen Tradition verschaffen will. Dafür braucht er einen Rabbiner, der das Kaddisch-Gebet rezitieren kann. Saul ist von diesem Gedanken besessen und bereit, alles und jeden in Gefahr zu bringen, um seine Mission zu erfüllen. Durch den hartnäckigen Eigensinn, mit dem er seinen Plan verfolgt, gefährdet er mehr als einmal den Plan zu einem Aufstand, den seine Kameraden vom Sonderkommando entwickeln. Er riskiert viele Leben für das tote Kind. „Son of Saul“ handelt von der verzweifelten Suche nach Menschlichkeit an einem Ort unmenschlicher Barbarei.

Sa., 7. Feb · 12:15-13:45 · SWR
Pfarrer Braun: Die Gärten des Rabbiners

Nach einem rätselhaften Mordfall in der Synagoge von Potsdam wird ausgerechnet der Rabbiner Seelig verdächtigt. Pfarrer Braun, der hier gerade seine neue Wirkungsstätte bezogen hat, leistet seinem jüdischen Kollegen gottgewollte Amtshilfe und ermittelt in der jüdischen Gemeinde. Nebenbei müssen Braun und Seelig gemeinsam eine jüdisch-katholische Liebesheirat ermöglichen. Ein schwieriges Problem, denn die Familien des jungen Paares sind sich nicht grün: Ihre Gärtnereien konkurrieren erbittert um die lukrative Bepflanzung des Schlossparks von Sanssouci.

So., 8. Feb · 02:30-03:20 · arte
Weltkarriere einer Lüge – Die Protokolle der Weisen von Zion

Die sogenannten Protokolle der Weisen von Zion werden im Gründungsdokument der Terrororganisation Hamas ebenso propagiert wie von Rechtsextremisten und White Supremacy Communities weltweit. Rechtspopulistische Parteien nutzen sie, um das Feindbild geheimer jüdischer Mächte und korrupter „globalistischer“ Eliten mit ihren internationalen Konferenzen wie dem World Economic Forum in Davos zu konstruieren. Antisemitische Zerrbilder rund um die Hauptmotive der Protokolle sind auf sublime Weise Teil des kulturellen Mainstreams geworden. Auch die russischen Propagandastrategie rund um den Ukrainekrieg setzt den Verschwörungsmythos ein: „Globalistische“ westliche Eliten stünden hinter dem jüdischen Präsidenten Selenskyj. Die Zion-Protokolle beeinflussten Adolf Hitler in seinem Buch „Mein Kampf“ und werden von Experten für das mörderische ideologische Programm der Nazis mitverantwortlich gemacht. Manche Historiker gehen sogar so weit zu sagen: Ohne die Protokolle als „Vollmacht für den Völkermord“ hätte es den Holocaust so nicht gegeben. Die Verschwörungsmythen der Protokolle treiben bis heute Attentäter an – wie etwa jene der Anschläge auf die Synagogen von Halle und Pittsburgh. Nach einem kurzen historischen Rückblick auf die ungeklärten Umstände der Entstehung richtet sich der Fokus auf die ungebrochene Anziehungskraft der Protokolle bis heute. Als vermeintlich „jüdischer Masterplan“ scheinen sie wie geschaffen für ein Zeitalter, in dem Verschwörungsnarrative Teil der Alltags- und Popkultur sind.

So., 8. Feb · 04:30-05:15 · PHOENIX
Ruth Maier – Die österreichische Anne Frank

Kaum jemand kennt die 1920 in Wien geborene Ruth Maier, deren Tagebücher und Briefe seit 2014 Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes sind. Ruth Maiers zu Papier gebrachte feinsinnige, analytische und akribische Beobachtungen ihrer Umgebung, aber auch der politischen Entwicklungen in Österreich vor und nach dem Einmarsch deutscher Truppen mitsamt der darauffolgenden Flucht, machen sie nicht von ungefähr zur Anne Frank von Österreich. Ihre Tagebücher sind Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes Memory of the World. In ihrer Heimat Österreich aber ist sie kaum bekannt: Ruth Maier, 1920 in eine jüdische Familie in Wien geboren, schrieb akribisch Tagebuch über ihre private Situation, aber auch die politischen Entwicklungen in Österreich vor und nach dem Einmarsch deutscher Truppen. Ebenso über ihre Flucht 1939 nach Norwegen und ihre Zeit als Fremde und Flüchtling. Die Eintragungen enden erst kurz vor ihrer Deportation nach Auschwitz, wo sie am 1. Dezember 1942 vergast wurde. Es sind feinsinnige und analytische Beobachtungen einer außergewöhnlich sensiblen und begabten jungen Frau. Nicht von ungefähr hat Ruth Maier daher heute oft den Beinamen Anne Frank von Österreich. Für einen Platz in einem Kindertransport schon zu alt, hat Ruth Maier das Glück, im Jänner 1939 zu einer Gastfamilie in Norwegen fliehen zu können. Dort will sie Matura machen und danach zu ihrer Familie weiterfahren, die nach England fliehen konnte. Aber einen Monat vor der Matura marschiert die Wehrmacht in Norwegen ein. Ruth vermerkt in ihrem Tagebuch: Jetzt wieder. Kein Unterschied. Ich bin allein. Als jüdischer Flüchtling kann Ruth Maier auch unter deutscher Besatzung zumindest anfangs noch ohne Einschränkungen und selbstbestimmt leben. Einen gewalttätigen und mörderischen Antisemitismus wie in Wien erlebt sie in der norwegischen Bevölkerung nicht. Mit mehrmaligen freiwilligen Meldungen zum Arbeitsdienst sichert sie ihren Lebensunterhalt. In einem dieser Lager lernt sie Gunvor Hofmo kennen, deren Familie sich dem kommunistischen Widerstand angeschlossen hat. Die beiden jungen Frauen verlieben sich und beginnen eine Beziehung, die bis zur Deportation Ruth Maiers anhält. Nach Ruth Maiers Ermordung verblieben ihre Tagebücher bei Gunvor Hofmo und mehr als ein halbes Jahrhundert lang in der Öffentlichkeit unbekannt. Hofmo wird nach dem Zweiten Weltkrieg zwar eine bedeutende norwegische Schriftstellerin, doch ihre Versuche, die Tagebücher zu publizieren, scheiterten. Nach Hofmos Tod 1997 fand sie der norwegische Schriftsteller Jan Erik Vold in ihrem Nachlass und veröffentlichte sie 2007. Bis heute wurden sie weltweit in mehr als zehn Sprachen publiziert. Die Wirkung von Ruth Maiers Schilderung der norwegischen Gesellschaft zwischen Kollaboration mit und Widerstand gegen die NS-Besatzung war so nachhaltig, dass ihre Tagebücher auf norwegische Initiative seit 2014 Teil des Weltdokumentenerbes sind.

So., 8. Feb · 20:15-21:15 · ARD-alpha
ARD History: Shlomo – Sehnsucht nach Rache

Die beiden Männer wollten nur noch ihrer Vergangenheit entkommen. Doch als sich der NS-Kriegsverbrecher Gustav Wagner und der jüdische Goldschmied Shlomo Szmajzner im Jahr 1978 plötzlich in Brasilien gegenüberstehen, ist alles wieder da. Wagner gehört zu den brutalsten Kriegsverbrechern des 20. Jahrhunderts. Als Lagerspieß des Nazitodeslagers Sobibor war er unter den jüdischen Arbeitshäftlingen aufgrund seines Sadismus und seiner Unberechenbarkeit gefürchtet. Und Szmajzner, genannt Shlomo, hat das Lager nur überlebt, weil er eine makabre Aufgabe hatte: Er sollte dort Schmuck schmieden für die Nazis aus dem Gold ermordeter Juden. Sein Auftraggeber: Gustav Wagner. Rund 250.000 Menschen wurden in Sobibor ermordet, nur sehr wenigen gelang die Flucht. Shlomo ist einer von ihnen. Als er 36 Jahre später seinem Peiniger am anderen Ende der Welt wieder begegnet, stellt sich für ihn die Frage: Rache oder Sühne? Die Dokumentation beleuchtet das nahezu unglaubliche Leben des jüdischen Goldschmieds Stanislaw „Shlomo“ Szmajzner, eines unbekannten Helden des 20. Jahrhunderts. Die Reporter rekonstruieren, wie der NS-Kriegsverbrecher Gustav Wagner in Brasilien 1980 zu Tode kam. Was als vermeintlicher Kriminalfall beginnt, führt mitten hinein in die Geschichte des 20. Jahrhunderts und in das Brasilien der 1970er-Jahre, wo Kriegsverbrecher wie Holocaustüberlebende Zuflucht suchten und sich eine neue Existenz aufbauten. Die Dokumentation behandelt zeitlose Fragen der Rache, des Vergessens und der Sühne. Und sie geht einer Frage nach, die heute wieder brennend aktuell ist: Wie kann gigantisches Unrecht gesühnt werden? Und was, wenn diejenigen, die Gerechtigkeit herstellen müssten, darin versagen?

So., 8. Feb · 21:15-21:45 · ARD-alpha
Kitty Neustätter – verfolgt, deportiert, ermordet

Kitty Neustätter führt ein unbeschwertes Leben in München. Sie ist Jüdin, verheiratet mit einem Geschäftsmann, erfolgreiche Turnierreiterin. Mit der NS-Machtergreifung verschlechtern sich die Lebensbedingungen für sie und ihre Familie immer mehr. 1941 gerät sie auf eine Deportationsliste. Sie ist eine von 1.000 Münchner Jüdinnen und Juden, die nach Kaunas in Litauen deportiert und wenige Tage später ermordet werden. Das Leben von Kitty Neustätter ist gut dokumentiert, denn ihr Mann war leidenschaftlicher Fotograf und hat private Filme – zum Teil bereits in Farbe – gedreht. Den Nachlass der Neustätters hat eine Freundin von Kitty und später deren Nachfahren jahrzehntelang aufbewahrt. Darin enthalten sind die bewegenden Aufnahmen, die eine scheinbare Unbeschwertheit ausstrahlen. Umso bestürzender ist das Verbrechen, das an ihr und den anderen 1.000 Münchner Jüdinnen und Juden am 25.11.1941 begangen wurde.

Mo., 9. Feb · 00:25-01:55 · HR
Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis

Ein altes Grammofon, Briefe und ein Tagebuch. Auf dem Dachboden einer Hamburger Villa lag jahrelang unentdeckt eine alte Seekiste, der Nachlass von Gustav Schröder. Er war Kapitän auf dem Transatlantik-Passagierschiff der HAPAG, der „St. Louis“. Sein Name erinnert in der Internationalen Holocaust Gedächtnisstätte Yad Vashem in Jerusalem an die dramatischen Ereignisse an Bord der „St. Louis“. Voller Zuversicht verlassen 937 jüdische Flüchtlinge 1939 den Hamburger Hafen. Nazi-Deutschland hinter sich, die Freiheit vor sich. Ein Visum für Kuba verspricht ein Leben ohne Angst. Doch Havanna verweigert die Einreise. Kapitän Schröder nimmt Kurs auf die USA. Auch Washington lässt die „St. Louis“ nicht in einen sicheren Hafen. Als auch noch Kanada die Aufnahme verweigert, gerät die Fahrt in die Freiheit zur Odyssee auf dem Atlantik. An Bord machen die Worte Selbstmord und Meuterei die Runde. Knapp einen Monat nach dem Verlassen des Hamburger Hafens läuft die „St. Louis“ in Antwerpen (Belgien) ein. Fast ein Drittel der Passagiere werden in den folgenden Jahren von den Nazis ermordet. Die größte Krise mit Geflüchteten in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg und aufkeimender Antisemitismus lassen die Ereignisse an Bord der „St. Louis“ erschreckend aktuell erscheinen.

Mo., 9. Feb · 22:25-00:05 · 3sat
Holding Liat

Liat und ihr Mann wurden am 7. Oktober 2023 von der Hamas entführt. Eine Befreiung ist nicht sicher, dennoch stellt sich die Familie der Kamera. Der Film wird zum Berlinale-Gewinner. Bereits kurz nach der Geiselnahme dreht Brandon Kramer mit Liats US-israelischer Familie. Er ist dabei, wenn ihre Eltern mit ihrer Verzweiflung kämpfen und dennoch Strategien entwickeln – wie eine Reise in die USA, um für Unterstützung zu bitten. Dabei sieht Liats Vater Yehuda trotz all seines Schmerzes Israels Rolle im Nahostkonflikt kritisch. Als Pazifist ist er in der Friedensbewegung engagiert und lässt sich auch im Leid nicht vom Weg der Aussöhnung mit den Palästinenserinnen und Palästinensern abbringen. Eine Haltung, die die Reise in die USA, die er gemeinsam mit seinem Enkel antritt, nicht einfacher macht. Der junge Mann fühlt sich in seinem Schmerz nicht nur von der allgegenwärtigen Medienpräsenz gestört, sondern auch von den zähen und zeitintensiven Verhandlungen. Dennoch kommt am Ende zumindest Liat frei. Ihr Mann dagegen wird die Geiselnahme nicht überleben.

So., 15. Feb · 20:15-21:45 · ARD-alpha
Gespräche gegen das Vergessen: Entnazifiziert? 80 Jahre nach den Nürnberger Prozessen

Vor 80 Jahren begann der erste der Nürnberger Prozesse gegen 24 Hauptkriegsverbrecher. Darunter Hermann Göring, Rudolf Heß, Hans Frank und Joachim von Ribbentropp. Zwölf von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Sie waren die Nazi-Elite. Die Nürnberger Prozesse gelten bis heute als Meilenstein des Völkerrechts – da erstmals führende Politiker für Kriegsverbrechen persönlich verantwortlich gemacht wurden. Die Prozesse ermöglichten es vielen Deutschen, eine bequeme Trennung zwischen „den Tätern” und der eigenen Person oder Gesellschaft vorzunehmen. Bei den diesjährigen „Gesprächen gegen das Vergessen“ beleuchten wir die Relevanz der Prozesse. Wir fragen aber auch: Wer saß nicht auf der Anklagebank? Welche Kontinuitäten blieben bestehen – in Behörden, Justiz, Familiengeschichten? Sprechen wir darüber! Mit Niklas Frank, dem Sohn des in Nürnberg hingerichteten NS-Verbrechers Hans Frank, der Holocaustüberlebenden Dr. Eva Umlauf, der Historikerin Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum sowie Schülerinnen und Schülern, die den Abend mit eigenen Beiträgen bereichern.