In fremden Häusern

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Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Polen eine radikale Transformation seines Regimes, eine Neuausrichtung seiner Grenzen und eine Umsiedlung der Bevölkerung. Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse infolge internationaler Abkommen erzählt das Buch die ambivalente Geschichte von polnischen und polnisch-jüdischen Siedlern aus den im Osten an die Sowjetunion verlorenen Gebieten, die sich nun in den »Heimen« von Deutschen und deutschen Juden in den im Westen annektierten Regionen wiederfanden. Das Nach- und Nebeneinander von nach Westen geflohenen deutschen Siedlern, von Polen, die gerade erst einen erzwungenen Bevölkerungsaustausch erduldet hatten, und von überlebenden polnischen Juden, die widerwillig zu Erben des materiellen und kulturellen Eigentums altehrwürdiger, im Holocaust vernichteter deutsch-jüdischer Gemeinden wurden, wird dabei mit einem besonderem Fokus auf die menschlichen und persönlichen Erfahrungen, die mit den Änderungen der Besitzverhältnisse einhergingen, ungeschönt beschrieben. Aus der Chronologie des Verlusts und der Aneignung von Objekten ergibt sich eine neue Sichtweise auf die Herausbildung der polnischen Nachkriegsgesellschaft.

Anna Holzer-Kawalko, In fremden Häusern. Polen und Juden in Niederschlesien nach 1945, Vandenhoeck & Ruprecht 2025, Euro 25,00, oder als kostenfreies PDF im open access. Bestellen?

Vorwort von Yfaat Weiss:

Präzise und greifbar beschreibt der Autor Dan Tsalka in der Miniatur Kleiner Rächer (Nokem katan) seiner Autobiografie Sefer ha-Alef-Bet (Das Alphabet, 2003) den Moment, der seinen Wunsch nach Vergeltung zusammenbrechen ließ: Er sah einen Zug deutscher Flüchtlinge vorbeiziehen, die ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs »Wrocław, das ist Breslau« mit ihren Habseligkeiten, »Kleiderbündeln, Decken, Matratzen, Küchenutensilien und Säcken«, verließen. »Nachdem ich monatelang in einer zerstörten Stadt gelebt hatte, machte dieser Exodus einen erschütternden Eindruck auf mich. Sogar einem zehnjährigen Jungen dämmerte die Erkenntnis, dass Rache unmöglich ist, dass die Zeit, das Zeit-Kontinuum, die dem Rachemoment innewohnende Einzigartigkeit und seine Genugtuung untergräbt.« Die Geschichte, die Anna Holzer-Kawałko in ihrem Buch erzählt, ist ebendort angesiedelt, in Niederschlesien. Vor dem Hintergrund der Neuordnung der Grenzen in Europa nach 1945 offenbart die Autorin ungeschönt menschliche und persönliche Erfahrungen, die mit den Änderungen der Besitzverhältnisse einhergingen.

Ihre Position als außenstehende Betrachterin fordert gängige Denkgewohnheiten bereits durch die Entscheidung heraus, die drei Gruppen – Deutsche, Polen und Juden – in einem Atemzug zu diskutieren. Mithilfe einer Chronologie des Verlusts und der Untersuchung der Aneignung on Objekten führt die Autorin uns das scheinbar selbstverständliche gemeinsame Schicksal vor Augen, das in der Nachkriegszeit diejenigen ereilte, die kurz zuvor noch in Verfolgte und Verfolger unterteilt waren. Weil das im mittleren und östlichen Europa realisierte Projekt der ethnischen Homogenisierung zugleich der Vereinnahmung dieses Raums durch die kommunistische Utopie diente – der Verstaatlichung von
Eigentum sowie dessen Umverteilung im Schatten und unter Federführung der Sowjetunion –, gingen die Geopolitik der neuen Grenzziehung und ihre Folgen weit über Fragen der nationalen Zugehörigkeit hinaus.

Auf der Grundlage von Dokumenten aus Staats- und Kommunalarchiven und einer Vielzahl mündlicher Quellen erzählt das Buch die ambivalente Geschichte von polnischen und polnisch-jüdischen Neusiedlern aus den an die Sowjetunion übereigneten östlichen Gebieten Polens, die sich nun im neuen Westteil des polnischen Staates »in fremden Häusern« wiederfanden. Das Nach- und Nebeneinander von Deutschen, die nach Westen flohen, von Polen, die gerade erst einen erzwungenen Bevölkerungsaustausch erlitten hatten, und von überlebenden polnischen Juden, die ohne ihren Willen zu Erben der altehrwürdigen, im Holocaust vernichteten deutsch-jüdischen Gemeinden wurden, stellt dieses Buch minutiös und mit den menschlichen Erfahrungen mitfühlend dar. »Ich empfand Mitleid gegenüber den armen Verbannten«, erinnert sich Dan Tsalka, »eine schreckliche Enttäuschung. Einsamkeit. Leere, die kindliche Unschärfe des Selbst.« In ihrem außergewöhnlichen Buch richtet Holzer-Kawałko den Blick auf ebenjenes Vakuum und verleiht ihm Worte.