Und dennoch!

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Briefwechsel und Texte zum Judentum von Rainer Maria Rilke und Ilse Blumenthal-Weiss

Rainer Maria Rilke hat sich zeitlebens für das Judentum interessiert, sich aber kaum dazu geäußert – eine Ausnahme stellen seine 1921/22 an Ilse Blumenthal-Weiss gerichteten Briefe dar, die bisher nur in Teilen veröffentlicht waren und nun erstmals in der Form eines dialogischen Briefwechsels publiziert werden.

Ergänzt wird der Briefwechsel um Rilkes Beitrag zu der 1906 veranstalteten Rundfrage »Zur Lösung der Judenfrage« sowie um Texte von Blumenthal-Weiss, die als Shoah-Überlebende 1947 in die USA emigrierte. Lange vor der Rilke-Philologie beschäftigte sie sich dort in Vorträgen und Artikeln mit Rilkes Verhältnis zum Judentum (sowie anderen Aspekten seines Lebens und Werkes) und blieb eine kritische Beobachterin des deutsch-jüdischen Diskurses der Nachkriegszeit.

RAINER MARIA RILKE / ILSE BLUMENTHAL-WEISS: Und dennoch! Briefwechsel und Texte zum Judentum. Herausgegeben von Torsten Hoffmann und Anna-Dorothea Ludewig, Wallstein Verlag 2024, 202 S., € 25,00 (D), Bestellen?

LESEPROBE:

VORWORT

»Und dennoch!« Ilse Blumenthal-Weiss (1899-1987) verbindet mit diesen beiden Worten eine Grunderfahrung des Judentums: »Seit den Tagen Abrahams und Elijahus, seit den Heimsuchungen Hiobs, hat dieses gewaltige ›Und dennoch‹ den Juden durch Jahrtausende der Bedrückungen und Verfolgungen begleitet.« (88) Der Satz findet sich in ihrem 1958 veröffentlichten Aufsatz Rainer Maria Rilke und das Judentum, der ersten Beschäftigung mit diesem Thema überhaupt. Blumenthal-Weiss erkennt in der untrennbaren Verknüpfung von Leid- und Daseinsbejahung einen Grundgedanken in Rilkes Spätwerk, der ihn eng mit dem Judentum verbinde. Dass sie Rilke auch nach den Erfahrungen der Shoah – anders als Goethe – noch lesen könne und die Lektüre immer wieder (so heißt es in einem Vortrag über Rilke von 1954) als »tief befreiende Erkenntnis« empfinde, verdanke sich seiner Poetik des Umschlags, welche »die Ablösung jedweden Zustandes in ein Gegenteil möglich macht durch ein Bis-ans-Ende-Durchleiden, -Durchleben, -Durchbilden.« (103)

»Und dennoch!« Das gilt auch für Blumenthal-Weiss’ Blick auf ihren Briefwechsel mit Rilke, der sich von 1921 bis 1926 erstreckt und in dem sich Rilke so ausführlich wie an keiner anderen Stelle über das Judentum und das jüdische Leben im frühen 20. Jahrhundert äußert. Seine Überlegungen sind von einer irritierenden Ambivalenz geprägt, in der sich antisemitische Narrative mit einer außerordentlichen Hochschätzung des Judentums, insbesondere jüdischer Religiosität verbinden. Der hier erstmals in Dialogform abgedruckte Briefwechsel macht nachvollziehbar, wie die junge Frau, die sich als 22-Jährige in einer Krisensituation an den renommierten Dichter wandte, mit Rilkes Haltung (und seinen langen Schweigephasen) ringt. Als sie 1975 davon berichtet, dass der Briefwechsel »schutzengelhaft« (1) ihr ganzes Leben begleitet habe, hat sie selbst bereits vier Gedichtbände publiziert und sich mit Rilkes Leben und Werk in zahlreichen in den USA entstandenen Vorträgen beschäftigt, von denen eine Auswahl in dieser Edition abgedruckt ist (zusammen mit zwei ihrer Stellungnahmen zum deutsch-jüdischen Diskurs nach 1945). Ergänzt werden diese Texte durch Rilkes 1906 verfassten – und Blumenthal-Weiss unbekannten – Beitrag zur Rundfrage Die Lösung der Judenfrage, die der Journalist und spätere SPD-Reichstagsabgeordnete Julius Moses veranstaltete.

»Und dennoch!« Die meisten Originale der in dieser Edition abgedruckten Briefe sind nicht mehr auffindbar. So unbefriedigend das aus philologischer Perspektive ist, war es uns ein besonderes Anliegen, die nur schwer zugänglichen und zum Teil noch gar nicht veröffentlichten Briefe in einer Leseausgabe zusammenzuführen und damit zu erhalten.

Torsten Hoffmann und Anna-Dorothea Ludewig

(1) Ilse Blumenthal-Weiss: Mein Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke. Vortrag im DLA Marbach im Mai 1975. Typoskript, S. 3 (DLA Marbach, Mediennummer HS006162795).