Ist Theorie gut für die Juden? Antisemitismus und Postmodernismus

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Bruno Chaouat, Professor für französische Literatur, sah schon vor Jahren in der „Postmoderne“ geistige Wurzeln dafür, neue Antisemitismusformen insbesondere bezogen auf Israelfeindlichkeit zu ignorieren oder zu relativeren. Seine Arbeit „Ist Theorie gut für die Juden? Das fatale Erbe französischen Denkens“ liegt jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vor.

Von Armin Pfahl-Traughber

Warum wird ein „neuer“ Antisemitismus, der sich insbesondere in Israelfeindlichkeit artikuliert, von der intellektuellen Linken nicht kritisch genug wahrgenommen? Eine beklemmende Aktualität für diese besondere Frage offenbaren diverse Statements, die angesichts der Entwicklungen nach dem antisemitischen Massaker vom 7. Oktober 2023 von bekannten Theoretikern vorgetragen wurden. Dazu gehören etwa die Hinweise auf „Kontexte“ und „Widerstand“. Doch wie erklärt sich eine derartige Fehlwahrnehmung, welche ideengeschichtlichen Hintergründe lassen sich dafür ausmachen? Antworten formulierte Bruno Chaouat bereits vor Jahren, genau 2016 in seinem Buch „Is Theory Good for the Jews? French Thought and the Callenge of the New Antisemitism“ (Liverpool University Press). Aus gegebenem Anlass, so könnte man etwas bürokratisch formulieren, liegt es auch in deutscher Übersetzung vor. Der Autor lehrt über französische Literatur als Professor an einer Universität, indessen nicht in Frankreich, sondern in Minnesota.

Die deutsche Ausgabe erschien als „Ist Theorie gut für die Juden? Das fatale Erbe französischen Denkens“. Die letztgenannte Formulierung wirkt etwas irritierend, es geht nicht um das französische Denken, sondern um eine einflussreiche Richtung: die „Postmoderne“. In deren Auswirkungen sieht Chaouat den zentralen Grund dafür, warum der Antisemitismus wie der Holocaust von den gemeinten Intellektuellen hinsichtlich ihrer politischen Relevanz nicht mehr wahrgenommen wurden. Dazu zählte der Autor auch und gerade die islamistische Judenfeindschaft. Folgende Aspekte müssten für die Deutung berücksichtigt werden: „(a) die französische Konstruktion des ‚figuralen Juden‘ (…) und die Dekonstruktion des empirischen (politischen und historischen) Juden; (b) die Art und Weise wie Frankreich in den letzten 45 Jahren den Holocaust erinnert, ihn ästhetisiert und idealisiert hat; (c) das schwierige Verhältnis Frankreichs zu seiner kolonialen Vergangenheit und (d) die französische Ästhetik der Moderne, die Gesetzlosigkeit und Gesetzesübertretung feiert“ (S. 72).

In der Analyse wird nicht der Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, Chaouat will lediglich „illustrative Schnappschüsse“ liefern. Dabei geht es zunächst um „Dekonstruktion“ und „Postmodernismus“, die nicht für die „neue“ Judenfeindlichkeit verantwortlich gemacht werden, sie wiesen aber ein strukturell bedingtes inneres Unverständnis dafür auf. Danach ist die Entwicklung in der französischen Literatur ein entsprechendes Thema, etwa bezogen auf eine Grenzverwischung von Opfern und Tätern. Ein neuer Moralismus habe zur Rehabilitierung von Übeltätern geführt. Anschließend geht es um den Einfluss des Postkolonialismus, der auch über den Diskurs zu „multidirektionaler Erinnerung“ den Holocaust relativierte. Dadurch seien etwa islamistische Antisemitismusformen nicht mehr erkennbar. Und dann wird eine erneute Aufspaltung von Juden in der Wahrnehmung thematisiert, bezogen auf eine Begeisterung für das Diasporajudentums bei gleichzeitiger Herabwürdigung des jüdischen Staates. Israel erscheine so als bloßes Kolonialsystem.

Blickt man angesichts aktueller Debatten mit den einschlägigen öffentlichen Erklärungen auf die schon wieder acht Jahre alte Monographie, so lassen sich bezogen auf die Einstellungen einer antisemitischen wie nicht-antisemitische Israelfeindlichkeit viele Muster wiedererkennen. Chaouat beeindruckt durch innovative Deutungen und vermittelt dabei wichtige Einsichten – eben auch für gegenwärtige Kontroversen. Wer sich etwa über Judith Butlers Deutung des erwähnten Massakers als „Widerstand“ wundert, der kann in der Analyse einige ideengeschichtliche Hintergründe für dieses Verständnis finden. Darin besteht auch der aufklärerische Charakter der Monographie. Man muss nicht jede Auffassung und Deutung teilen, Reflexionen und Selbstkritik können aber motiviert werden. Gleichwohl trägt der Autor durch die von ihm gewählte Darstellungsform dazu nicht unbedingt bei, geht er doch zu sehr auf Einzelpersonen fixiert und mit gewisser Umständlichkeit vor. Durch die vielen Details könnten mitunter allgemeine Linien aus der Wahrnehmung verschwinden.

Bruno Chaouat, Ist Theorie gut für die Juden? Das fatale Erbe des französischen Denkens, Berlin 2024 (Edition Tiamat), 439 S., Bestellen?