Heilung ist nicht zu erwarten

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Im Oktober 1973, unmittelbar nach Ausbruch des Jom-Kippur-Krieges, fliegt Leonard Cohen nach Israel. Er möchte als Erntehelfer in einem Kibbuz arbeiten, als Zeichen seiner Unterstützung für den bedrohten Staat Israel. Doch die Dinge entwickeln sich in eine andere Richtung. In seinem Buch Who By Fire. A War, a Concert Tour, and the Resurrection of Leonard Cohen schildert Matti Friedman, gestützt auf Cohens Aufzeichnungen und zahlreiche Gespräche mit Zeitzeugen von damals, wie der Sänger aus Kanada in engen Kontakt kommt zu den Soldatinnen und Soldaten an der Front und im Hinterland.

And let the heavens hear it
The penitential hymn
Come healing of the spirit
Come healing of the limb
Leonard Cohen Come Healing, veröffentlicht auf dem Album Old Ideas, erschienen 2012

Von Karl-Josef Müller

Nach der Lektüre verfestigt sich der Eindruck, Leonard Cohen wäre erstickt, hätte er diese Reise nicht angetreten. Letztlich hütet sich Matti Friedman, nachvollziehbare Gründe für diese Flucht nach Israel zu benennen, die gleichzeitig wohl als Ankunft bezeichnet werden muss. Offen bleibt auch, was genau mit Resurrection gemeint ist. Ein Krieg, eine Konzerttour und – ja was genau? Eine Wiederauferstehung, eine Wiederbelebung, eine Wiedergeburt, wie sich die deutsche Übersetzung des Untertitels festlegt? Diese Reise war, so unser Eindruck, so notwendig und unabdingbar wie es das Atmen zum Überleben ist.

Matti Friedmans Schilderungen legen nahe, dass es gerade die innere Zerrissenheit des Sängers ist, die seine vom Kampf gezeichneten Zuhörer anzieht und mitnimmt. Trost konnte Leonard Cohen in diesen Tagen, in denen das Leben dieser noch so jungen Frauen und Männer aufs äußerste bedroht war, nicht spenden. Vielleicht war es eher so, dass, weil in seinen Liedern der unbedingte Wille zum Atemholen und damit zum Überwinden eines quälenden Erstickungsgefühls zum Ausdruck kommt, die Bedrohung des eigenen Lebens gleichzeitig sichtbar wurde und, eher insgeheim als bewusst, angenommen werden konnte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Übersetzung des Originaltitels Wer durch Feuer. Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens ist unglücklich. Sie stellt eine Verbindung her zwischen dem Krieg und Cohens Situation in dieser Zeit, während der Originaltitel eine Hierarchie insofern abbildet, als nicht die Person Leonard Cohen im Mittelpunkt steht, sondern ein Krieg, der, wie beinahen auf den Tag genau fünzig Jahre später der Terrorangriff der Hamas, nicht nur einen Staat, sondern ein ganzes Volk in seiner Existenz bedrohte. Cohen erscheint in dieser Konstellation eher als Randfigur, wenn auch eine von Bedeutung:

„Die arabischen Staaten hatten sich gegen Israel verbündet, und die meisten europäischen Länder verweigerten den Versorgungsflügen sogar das Auftanken auf dem Weg hierher. Die Israelis fühlten sich vollständig isoliert. Cohen war kein Flugzeug voller Waffen oder Verstärkung, dennoch bedeutete er etwas.“

Wäre Cohen damals nicht nach Israel geflogen, hätte das den Kriegsverlauf selbstredend nicht verändert, kein Soldat weniger wäre gestorben, auf beiden Seiten.

In einem Interview „weniger als ein Jahr nach dem Krieg“ wird Cohen gefragt, ob er „keine Angst“ gehabt habe „getötet zu werden“. Seine Antwort lässt sich in kein Schema pressen:

„Für ein oder zwei Momente denkt man, dass das eigene Leben einen Sinn hat. Und Krieg ist wunderbar. Sie werden ihn nie abschaffen. Er ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen man sich von seiner besten Seite zeigen kann. Er ist, was Gesten und Bewegungen angeht, so sparsam. Jede einzelne Geste ist präzise, jede Anstrengung ist total. Niemand blödelt herum. Jeder ist für den anderen verantwortlich. Das Gefühl von Gemeinschaft, Verwandtschaft und Brüderlichkeit, Hingabe. Man kann dort Dinge fühlen, die man im modernen Stadtleben einfach nicht fühlen kann. Das ist sehr beeindruckend.“

Knapp vier Jahrzehnte später stimmt er auf die Frage nach der Bedeutung dieses Krieges für sein Leben einen anderen Ton an:

„Nachdem ich in diesem kleinen Krieg gewesen war (…) und die Erfahrung gemacht hatte, was mit den Menschen im Krieg passiert, dachte ich, ich würde versuchen, aus dieser Situation etwas zu machen. (…) Da war ein kleines Kind, da war ein schönes Haus in Hydra, da war Suzanne, wir hatten eine Geschichte. Und es gab so viel Tod und Schrecken in der Welt, wissen Sie?“

„Ich bin einfach so schnell gekommen, wie ich konnte“, wird Cohen zitiert. Und vorher die frappierende Aussage: „Ich habe nichts zu sagen.“

Kenner der damaligen historischen Ereignisse können besser beurteilen, ob das Fazit des Wikipedia-Artikels zum Jom-Kippur-Krieg zutrifft:

„Der Krieg führte zu einer Traumatisierung der israelischen Öffentlichkeit, die die außenpolitische Bedrohung kaum wahrgenommen hatte, weil die israelische Armee bis dahin als unbesiegbar gegolten hatte.“

Ersetzt man „Der Krieg“ durch die Worte „Der Angriff der Hamas“, wird deutlich, dass Israel weiterhin von „viel Tod und Schrecken“ bedroht ist.  

Gibt es zum vermeintlich Unabänderlichen „nichts zu sagen“, wie Cohen damals zu Protokoll gab? Gibt es irgendeine Rechtfertigung für die Verherrlichung des Krieges allgemein, die sich anhört, als habe Ernst Jünger gesprochen? „Und Krieg ist wunderbar.“

Matti Friedmanns Buch liefert keinerlei Antworten auf solcherart Fragen, und gerade darin besteht seine Bedeutung. Ein Sänger nimmt eine Gitarre in die Hand und trägt schwer verständliche, ja sinnlos wirkende Lieder vor. Er ist derjenige, der, nach seinen eigenen Worten, „’sich neben die Katastrophe setzt und klagt.'“

Friedmann zitiert Joan Baez, die über die Wirkung von Cohens Liedern gesagt hat, sie bräuchten keinen Sinn:

„Es muss überhaupt keinen Sinn ergeben. Es kommt einfach so tief aus seinem Inneren, dass es auf die eine oder andere Weise tief im Inneren anderer Menschen ankommt. Ich bin mir nicht sicher, wie das funktioniert, aber ich weiß, dass es funktioniert.“

Matti Friedman: Wer durch Feuer. Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens. Aus dem Englischen übersetzt von Malte Gerken. Hentrich & Hentrich Verlag Berlin Leipzig 2023, 197 Seiten, 22 €, Bestellen?

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