Die neuen Fernsehtipps

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Igor Levit am Piano, © ZDF und Felix Broede

Von 1. bis 15. März 2024

Fr., 1. Mär · 12:10-12:40 · 3sat
puzzle – Sinti und Roma in Deutschland

Vielfältig und kulturell stark. Seit Jahrhunderten haben Sinti und Roma in Deutschland ihre Heimat – und sind doch bis heute starker Diskriminierung ausgesetzt. Im Holocaust wurden im NS-besetzten Europa neben sechs Millionen Juden auch 500.000 Sinti und Roma ermordet. Es dauerte vier Jahrzehnte, bis der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt 1982 den Völkermord an Sinti und Roma völkerrechtlich anerkannte. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bezeichnete im Jahr 2022 den Antiziganismus und das fortgesetzte Unrecht gegenüber Sinti und Roma nach 1945 als „zweite Verfolgung“ und bat Sinti und Roma um Vergebung. Auch heute noch trauen sich viele Angehörige der Sinti/Roma-Minderheit nicht zu sagen, dass sie dieser Minderheit angehören – aus Angst vor Stigmatisierung und Diskriminierung. Was muss sich ändern? Wie kann es gelingen, dass Sinti und Roma nicht nur als nationale Minderheit, sondern als Teil dieses Landes gesehen werden und dass die Gesellschaft stolz auf diese Vielfalt ist? In „puzzle“ sucht die Journalistin Özlem Sarikaya Antworten auf diese Fragen bei Zeitzeugen, Angehörigen von im Holocaust ermordeten Sinti und Roma sowie Sinti-Roma-Aktivisten.

Fr., 1. Mär · 12:40-12:55 · 3sat
Fromme Törtchen – Zwischen Teig & Tradition – Thomas Meyer: „Ich bin jüdisch, aber nicht religiös“

Thomas Meyer hatte keine Bar-Mizwa, er hält sich nicht an eines der 613 Ge- und Verbote im Judentum und feiert keinen jüdischen Feiertag. Judentum ist für ihn vor allem kulturelle Identität. Bei „Fromme Törtchen – Zwischen Teig & Tradition“ backt SRF-Religionsexpertin Nicole Freudiger mit dem Autor und Podcaster Thomas Meyer das jüdische Gebäck schlechthin: Hamantaschen. Das leckere Mürbeteig-Guetzli mit Mohnfüllung wird vor allem am jüdischen Feiertag Purim gegessen. Thomas Meyer erzählt von seiner Familiengeschichte, vom Jüdischsein, ohne gläubig zu sein, und vom Antisemitismus, den er seit seiner Kindheit immer wieder erlebt. Mit „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ landete er einen Bestseller, der gleichnamige Film war der erste Schweizer Film auf Netflix: Thomas Meyers Schaffen ist geprägt von seinem Jüdischsein. Trotzdem sagt er von sich, er sei nicht religiös. Deliziös, divers und diskussionsfreudig: Das ist „Fromme Törtchen – Zwischen Teig & Tradition“. Das Back- und Talkformat aus der Küche der „Sternstunden“ wird von Nicole Freudiger moderiert, einem neuen Gesicht vor der Kamera. Sie lädt sieben Gäste in die Küche ein und backt mit ihnen Süßigkeiten aus deren Kulturen und Religionen. Dabei entwickeln sich persönliche Gespräche darüber, wie Kultur, Glaube und Traditionen mit der Biografie verwoben sind.

Fr., 1. Mär · 17:00-17:30 · ARD-alpha
alpha-demokratie weltweit: Religion und Gewalt

Kreuzzüge, Judenverfolgung, Terroranschläge, heiliger Krieg. Immer wieder wird Gewalt mit dem Glauben gerechtfertigt, heute nicht anders als im Mittelalter. Dabei sind die großen Religionen in ihrem Wesenskern friedlich, auch wenn in ihren Schriften wie der Bibel oder dem Koran Gewalt einen großen Raum einnimmt. Aber geht es in heutigen Konflikten wirklich um den Glauben oder wird er nur vorgeschoben? Mit dem Verhältnis von Religion und Gewalt beschäftigen wir uns diesmal bei alpha-demokratie weltweit. Es geht unter anderem um die Auswirkungen des Gaza-Kriegs auf das Zusammenleben von Juden und Muslimen in Frankreich, um Angriffe auf Christen in Jerusalem und um die Verfolgung von Sufis in Pakistan. Begriffe, die tagtäglich in den Nachrichten vorkommen – wer versteht sie wirklich? alpha-demokratie hinterfragt, erklärt, kratzt nicht an der Oberfläche, sondern geht in die Tiefe. alpha-demokratie befasst sich mit den zentralen Fragen und Entwicklungen unserer Demokratie in einer unruhigen Welt- über die Aktualität hinaus.

So., 3. Mär · 21:45-23:20 · ARD-alpha
BR-KLASSIK: Chen Reiss präsentiert „Fanny und Felix“

Zu Lebzeiten von Fanny und Felix Mendelssohn Bartholdy war Fürth ein Zentrum des Judentums in Deutschland. Die Gemeinde zählte zu den größten Süddeutschlands, verfügte über eine eigene Gerichtsbarkeit und stellte zwei Abgeordnete im Fürther Gemeinderat. Als das Theaterkomitee um 1900 ein neues Stadttheater plante und einen Spendenaufruf veranstaltete, stammte 60% der eingesammelten Summe von den jüdischen Bürgern. Noch heute gehört dieses Theater im neobarocken Stil zu den schönsten Gebäuden der Stadt – und öffnete am 23. Mai 2023 seine Pforten für die Sopranistin Chen Reiss und das Jewish Chamber Orchestra Munich unter der Leitung von Daniel Grossmann. Mit ihrem Programm „Fanny und Felix“ erinnerten sie an die Familie Mendelssohn, die paradigmatisch für die Situation der jüdischen Deutschen steht zwischen bürgerlicher Emanzipation, Erfolg und Anerkennung sowie Ablehnung und Ausgrenzung. BR-KLASSIK überträgt das Konzert, bei dem als weiterer Solist der junge Geiger Tassilo Probst auftritt.

So., 3. Mär · 23:40-00:25 · ZDF
Gemeinsam Zukunft bauen – Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille

Am 3. März 2024 wird dem Pianisten Igor Levit im Kurfürstlichen Schloss in Mainz die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen. Die Verleihung findet im Rahmen der zentralen Eröffnungsfeier zum Jahr der christlich-jüdischen Zusammenarbeit statt. Der Deutsche Koordinierungsrat würdigt damit Igor Levits langjähriges Engagement gegen Antisemitismus und Rassismus jeglicher Art. Musik und politisches Engagement gehören für ihn zusammen. „Igor Levit ‎ist ein Ausnahmekünstler und ein ‚unerschrockener Mahner‘ (Robert Habeck), für den die Würde und ‎die Freiheit jedes Einzelnen im Mittelpunkt seines Wirkens stehen‎“, so die Jury in ihrer Begründung. Alljährlich richtet der Deutsche Koordinierungsrat (DKR), in dem über 80 Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit zusammengeschlossen sind, die zentrale Eröffnungsfeier zum „Jahr der christlich-jüdischen Zusammenarbeit“ (ehemals: „Woche der Brüderlichkeit“) aus. ‎Auf der zentralen Eröffnungsfeier werden darüber hinaus Persönlichkeiten mit der „Buber-Rosenzweig-Medaille“ für ihr Engagement im christlich-jüdischen Dialog ausgezeichnet. „The Sound of Dialogue – Gemeinsam Zukunft bauen“ steht als Überschrift über der Arbeit der ‎Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im Jahr 2024. Das Motto greift das Vermögen der Musik auf, Menschen jenseits von Worten und über kulturelle, religiöse und soziale Barrieren hinweg ‎zu berühren.

Di., 5. Mär · 22:25-23:55 · 3sat
Schalom und Hallo

Schauspielerin und Jüdin Susan Sideropoulos begibt sich auf eine spannende und unterhaltsame Reise durch 1700 Jahre deutsch-jüdische Geschichte und auf die Spuren ihrer eigenen Vorfahren. Immer mit Blick auf die Gegenwart erzählt Susan Sideropoulos vom Köln zu römischer Zeit, von den mittelalterlichen SchUM-Städten Speyer, Worms und Mainz, vom Frankfurt der frühen Neuzeit sowie von Leipzig, Hamburg, München und Berlin.

Mi., 6. Mär · 20:15-21:45 · 3sat
Exodus? Eine Geschichte der Juden in Europa

Der Historiker Christopher Clark ist auf dem Weg zu bedeutenden Schauplätzen in Europa und im Nahen Osten. Er sucht nach Zeugnissen jüdischer Geschichte und antisemitischer Verfolgung. Auf seiner Spurensuche spannt Clark den Bogen von der Vergangenheit bis zur Gegenwart. Die Geschichte der Juden ist nicht nur eine der Verfolgung. Die Dokumentation beschreibt auch die Errungenschaften, mit denen das Judentum Europas Kultur bereichert hat. In ihren europäischen Heimatländern haben Juden erheblich zur Blüte der Kunst, des Geisteslebens, der Wissenschaft und Wirtschaft beigetragen. Clarks Zeitreise zeigt, welche Traditionen das Judentum in Europa hinterlassen und welche Werte es geprägt hat. In der Dokumentation geht es aber auch um eine Momentaufnahme des Antisemitismus in Europa und um die Darstellung seiner Traditionen. Warum werden Juden immer wieder Opfer von Angriffen? Wo ist jüdisches Leben unangefochten und unbehelligt? 80 Jahre nach den Novemberpogromen 1938 und mit Blick auf aktuelle antisemitische Vorfälle geht Christopher Clark diesen Fragen nach. Der Historiker spricht mit Betroffenen, Angehörigen jüdischer Gemeinden, Zeitzeugen sowie mit gesellschaftlichen und politischen Akteuren, die sich heute um Verständigung bemühen. Er begibt sich aber auch an Brennpunkte, wo gegenwärtig antisemitische Parolen laut werden.

Mi., 6. Mär · 21:45-22:40 · 3sat
Ultraorthodox: Der Kampf des Rabbi Akiva

Akiva Weingarten, aufgewachsen in einer ultraorthodoxen, jüdischen Gemeinschaft in New York, flieht 2014 aus seiner Welt nach Deutschland. Dort beginnt er ein neues Leben in Freiheit. Doch seine Flucht hat einen hohen Preis: Weingarten muss seine drei Kinder zurücklassen. Er beginnt einen langen Kampf um seine Kinder und muss sich nicht nur gegen die juristischen Hürden, sondern auch gegen die ultraorthodoxe Gemeinschaft behaupten. Der Film erzählt die fesselnde Geschichte von Weingartens Suche nach Freiheit und Selbstverwirklichung. Er zeigt die Herausforderungen und den Preis des Ausstiegs aus einer streng reglementierten Welt. Heute als Gemeinderabbiner in Dresden engagiert, unterstützt Akiva Weingarten andere Aussteiger durch sein „Besht Yeshiva“-Center bei der beruflichen Integration in die moderne Gesellschaft und bietet damit ein weltweit einzigartiges Modellprojekt.

Mi., 6. Mär · 22:40-00:15 · 3sat
Es war einmal in Deutschland …

Berlin 1946: Es geht ums Überleben nach dem Krieg. Der KZ-Überlebende David Bermann will wie viele andere Juden so schnell wie möglich raus aus Deutschland. Aber dazu braucht man Geld. David eröffnet einen Wäsche-Großhandel und versucht von Tür zu Tür, deutsche Kriegerwitwen mit Weißwäsche einzudecken. Zusammen mit mehreren Mithäftlingen aus dem KZ beginnt bald ein schwunghafter Handel an der Haustür. Mit Witz, Dramatik, Charme und jüdischer Chuzpe bringt David seine Ware an die deutsche Hausfrau. Während seiner Touren muss David sich in einem Büro des US-Geheimdienstes einfinden, wo er von Special Agent Sara Simon verhört wird. Aus seiner KZ-Akte geht hervor, dass David mit der SS kollaboriert haben soll und deswegen überlebt hat. So erfährt Sara Simon, dass David von SS-Gruppenführer Otte als jüdischer Witzeerzähler entdeckt und selektiert wurde, um dem Führer auf dem Obersalzberg Witze beizubringen. Davids Freunde werden misstrauisch. Ist David ein Verräter? Spielt er ein doppeltes Spiel? Die Stimmung verhärtet sich. Und dann überschlagen sich die Ereignisse.

Do., 7. Mär · 23:10-23:55 · MDR
Kurt Weill – Von Dessau an den Broadway

Die Moritat von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper ist ein Ohrwurm. Wie kaum ein anderer Song beschwört er die Goldenen Zwanziger herauf, das Berlin aus der Zeit kurz vor dem großen Crash, der Zeit zwischen den Weltkriegen. Nie war Deutschland mit seiner Metropole Berlin aufregender als zu dieser Zeit. Mit der Dreigroschenoper gelingt Kurt Weill, dem jüdischen Kantorensohn aus Dessau, ein ungeheurer Wurf. Und das ist erst der Anfang. Mit seiner Musik fängt er den Zeitgeist ein und schafft zugleich etwas Universelles, das die Zeit überdauert und heute noch berührt. Weill steht für den Soundtrack eines halben Jahrhunderts. 1930 wird Weills Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ in Leipzig uraufgeführt. Sie löst einen der größten deutschen Theaterskandale aus. Schuld sind nicht ästhetische, sondern politische Gründe: Störtrupps rechtsnationaler Organisationen sorgen im Opernhaus für Tumult und Panik. Es erscheinen Schmähartikel über die „undeutsche Musik“. Drei Bühnen treten daraufhin von ihren Aufführungsverträgen zurück. Als Jude, Avantgardist und Linksintellektueller wird Kurt Weill in jenen Jahren für die Nazi-Propaganda die Symbolfigur des „jüdischen Kulturbolschewismus“. Fünf Jahre später flieht Weill aus Deutschland nach Paris und findet schließlich in Amerika seine neue Heimat. Es gelingt ihm, wie kaum einem anderen Emigranten, beruflich sofort wieder fußzufassen. Der Broadway wird seine Bühne. Weill, der mit seiner Frau Lotte Lenya gemeinsam die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält, komponiert mit großem Erfolg amerikanische Musicals und Opern, schreibt Filmmusik für Hollywood. Musicalstar Ute Lemper erinnert sich in dem Film an ihre erste Begegnung mit Weills Musik und erklärt, warum die Amerikaner Weill so lieben. Der Biograf Jürgen Schebera, der schon zu DDR-Zeiten über Weill forschte, taucht mit seinen Schellack-Platten von Weill-Songs in das Leben des außergewöhnlichen Musikers ein. Der englische Weill-Forscher Stephen Hinton erzählt über einen Menschen, der von beiden Enden brannte, der zu viel rauchte und viel zu früh gestorben ist, und der mit seiner Musik ein großes Publikum erreichen wollte. Viele seiner Songs sind zu Jazzstandards geworden, gesungen von Louis Armstrong, Sting, Tom Waits, Udo Lindenberg, Milva, David Bowie oder Campino.

Fr., 8. Mär · 12:15-13:05 · 3sat
Venedig und das Ghetto

Venedig, millionenfach besucht, millionenfach fotografiert, steckt dennoch voller Geheimnisse. Rätselhafte Zeichen erinnern an die 500-jährige Geschichte der jüdischen Bevölkerung der Stadt. Touristen gehen oft achtlos an diesen Zeichen vorüber. Der Film folgt ihren Spuren und erzählt von Unterdrückung und Entbehrung, aber auch von Lebenswillen und Freude – und führt an einen Ort, der heute zu den beliebtesten Stadtteilen Venedigs zählt.

Sa., 9. Mär · 23:50-01:20 · SWR
Das weiße Haus am Rhein (2)

Das Rheinhotel in Bad Godesberg lockt in den 1920-er Jahren Berühmtheiten magisch an und verströmt einen Geist von Freiheit. Nach Hitlers Machtergreifung 1933 muss die teils jüdische und regimekritische Hoteliersfamilie um ihr Überleben fürchten. Im zweiten Teil des Event-Epos geht es um Faschismus, Rassismus und Antisemitismus sowie um Widerstand, Aufbruch und die Anfänge der Frauenbewegung. Hinter der Jugendstilfassade tobt ein Machtkampf um die Zukunft des Rheinhotels. Juniorchef Emil Dreesen setzt auf Amüsement, Glamour und Weltoffenheit. Seine Idee, Filmstar Charlie Chaplin als Gast einzuladen, erweist sich als geniale PR-Maßnahme. Auch in Familienangelegenheiten setzt er sich gegen seine Eltern Fritz und Maria durch. Als seine jüngere Schwester Ulla das uneheliche Kind des senegalesisch-französischen Soldaten Bakary Diarra zur Welt bringt, sorgt Emil entschlossen dafür, dass der Junge in der Familie aufwachsen kann und begegnet dem Rassismus. Auf den „guten Ruf“ im erzkatholischen Bad Godesberg nimmt er keine Rücksicht. Er engagiert die Sängerin Claire Deltour aus Paris, deren freizügiges Varieté-Programm gefährliche Stammgäste brüskiert: Adolf Hitler und seine Entourage, die das Hotel als Hauptquartier am Rhein nutzen. Emil verweigert Hitler den „Führergruß“. Als ihm jedoch eine Verhaftung durch die SA droht, muss er seine Grundsätze verraten – nicht ohne Folgen.

So., 10. Mär · 20:15-21:00 · ARD-alpha
Geheimnisvolle Orte: Sacrow bei Potsdam – Paradies im Mauerschatten

Sacrow liegt malerisch an der Potsdamer Havel. In diesem kleinen Ort zeigen sich die großen Dramen des letzten Jahrhunderts: Todesschüsse im Mauerschatten, eine Kirche hinter Stacheldraht, Dorffeste im Sperrgebiet und ein geheimnisvolles Schloss, in dem erst ein Nazi residiert und später KZ-Opfer versuchen zurück ins Leben zu finden. Zwischen Buchenwäldern, Schilfgürteln und stillen Seen liegt Sacrow an der Havel. Eine Idylle mit knapp einhundertfünfzig Einwohnern. Auf den ersten Blick merkt man dem Ort seine dramatische Geschichte im 20. Jahrhundert nicht an. Um die Jahrhundertwende wird Sacrow wegen seiner Lage am Wasser und der Nähe zur Metropole Berlin zu einem Ort der Reichen und Schönen. Sommervillen säumen das Ufer an der Havel. Mit der NS-Diktatur beginnt auch hier die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Hausbesitzer und im Sacrower Schloss residiert ein glühender Nazi. Zur DDR-Zeit wird der Ort durch Stacheldraht und Mauer abgeriegelt und zum „Grenzgebiet“ mit eigenen Regeln. Der Ortseingang ist durch einen Kontrollpunkt gesichert und der „Ort am Wasser“ hat keinen Zugang mehr zur Havel. Die Bewohner sind gezwungen „unter sich“ zu bleiben. Doch das Gemeinschaftsgefühl wird im November 1975 auf eine harte Probe gestellt. Der 21-jährige Sacrower Lothar Hennig wird mitten auf der Dorfstraße von einem Grenzposten erschossen. Seine verzweifelte Familie trifft auf eine Mauer des Schweigens ihrer Nachbarn. Die Tragödie ist ein Beispiel dafür, wie Menschen durch Angst und Einschüchterung dazu gebracht werden, ihre Menschlichkeit zu verlieren. Für kaum einen anderen Ort ist der Fall der Mauer im November 1989 und der folgende Abbau der Grenzanlagen so befreiend wie für den hinter Stacheldraht und Mauer hermetisch abgeriegelten Ort Sacrow. Filmemacher Jens Arndt erzählt die kontrastreiche Geschichte dieses Ortes, der immer wieder im Fokus der wechselnden Machtverhältnisse stand.

Mi., 13. Mär · 22:55-23:50 · arte
Irina Scherbakowa -Russlands unbequemes Gewissen

Russland ist ihre Heimat. Irina Scherbakowa hat auch ukrainische Wurzeln und sagt, es ist ein Zufall, dass sie nicht in Kiew geboren sei. Die Historikerin und Menschenrechtlerin hat Moskau zu Beginn des Krieges mit der Ukraine Hals über Kopf verlassen. Nur kleines Gepäck nahm sie mit. In ihrem Buch „Die Hände meines Vaters. Eine russische Familiengeschichte“ erzählt sie, die in einer russisch-jüdischen Familie aufgewachsen ist, von der ihr Leben begleitenden Frage ihrer Großmutter: „Was hat uns verschont?“ In den 1980er Jahren begründete sie die Menschenrechtsorganisation „Memorial“ mit, die wohl bedeutendste Menschenrechtsorganisation in Russland, die Stalin-Opfer und deren Angehörige ermutigt, Zeugnis abzulegen. Ende Februar 2022 verfügte ein russisches Gericht in letzter Instanz die Auflösung von „Memorial“. Die Geschäftsstellen wurden durchsucht, verwüstet und geschlossen. Viele Mitglieder wurden verhaftet. Irina Scherbakowa wurde in Abwesenheit zur Volksfeindin erklärt. Im Dezember 2022 wurde „Memorial“ mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die jüdische Intellektuelle, die Russland verlassen musste und heute in Berlin lebt, steht für ein europäisches Schicksal in bewegten Zeiten und ist eine der interessantesten und mutigsten Personen der russischen Emigration in Europa, wie die Dokumentation eindrücklich zeigt.

Fr., 15. Mär · 12:20-12:50 · 3sat
Herr Morgenstern und seine Synagoge

Fast die gesamte jüdische Bevölkerung St. Pöltens ist der Shoah zum Opfer gefallen. Die Synagoge ist dem Abriss nahe. Doch ein Mann kämpft gegen das Vergessen: Hans Morgenstern. Seine Lebensgeschichte gibt tiefe Einblicke in den Umgang mit dem jüdischen Erbe, den Überlebenden und der St. Pöltner Geschichte. Die Dokumentation lässt das jüdische St. Pölten mit Interviews und zahlreichen Originalmaterialien wieder auferstehen. Hans Morgenstern wird 1937 in St. Pölten geboren. Gleich nach dem „Anschluss“ verlassen seine Eltern mit ihm Österreich Richtung Palästina. Familienmitglieder und Freunde, die in St. Pölten zurückbleiben, werden ermordet. 1947 kehren Hans Morgensterns Eltern gemeinsam mit ihrem Sohn nach Österreich zurück. Das St. Pölten, das sie kannten, ist ausgelöscht: Die mit so viel Engagement erbaute und 1913 eröffnete Synagoge fast zerstört. Es ist ein schonungslos offenes Interview, in dem Hans Morgenstern von seiner Geschichte erzählt. Seine Eltern fanden eigene Wege, mit der Vergangenheit umzugehen: Am Küchentisch der Mutter trafen sich Überlebende und ließen die Geschichte der jüdischen Bevölkerung St. Pöltens vor dem Krieg lebendig werden. Sein Vater Egon Morgenstern, schon vor 1938 ein angesehener Rechtsanwalt, beschäftigte sich nach der Rückkehr mit vielen Restitutionen, um zumindest rechtmäßigen Besitz wiederherzustellen. Hans Morgenstern beginnt zu sammeln und zu schreiben. Er sammelt die Bilder der jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt und schreibt ein Lexikon berühmter jüdischer Persönlichkeiten aus aller Welt. Ihre Geschichten haben ihre Verbindung auch zur St. Pöltner Synagoge, über viele Jahrzehnte ein „Taubenschlag“ kurz vor dem Abriss. Um das Gotteshaus vor dem Verfall zu bewahren, schreibt Morgenstern einen Brief, der als Initialzündung für den Erhalt und die Renovierung des Gebäudes gesehen werden kann. Wie Expertinnen und Experten im Film erzählen, ist die St. Pöltner Synagoge nicht nur für die jüdische Bevölkerung von Bedeutung, sie ist auch ein Juwel des Jugendstils, das viel über die Geschichte zu offenbaren vermag. Zerstört wurde sie während der Novemberpogrome 1938, bei denen auch ein großer Teil der wertvollen Innenausstattungstücke verschwand beziehungsweise vernichtet wurde. Die Interviews mit Hans Morgenstern, Martha Keil, Wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Jüdische Geschichte Österreichs, und Thomas Pulle, Leiter des Stadtmuseums St. Pölten, führen durch den Film.