25. Januar 1945: Zwei Tage vor der Befreiung von Auschwitz

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Seit Tagen ist Auschwitz menschenleer. Zum ersten Mal seit seinem Bestehen bleibt die weiße Schneedecke über den Lagerstraßen liegen: Es gibt kaum mehr Häftlinge, die darüber laufen. Die meisten Baracken liegen verwaist da.

Doch in einigen gibt es noch Leben: Die SS hat die Kranken und Schwachen zurückgelassen, als Auschwitz vor einer Woche evakuiert wurde: Noch immer jedoch ist das Leben dieser letzten Auschwitz-Häftlinge bedroht. Draußen wie drinnen herrschen Minustemperaturen. Wer noch ein bisschen Kraft aufbringt, muss sich hinauswagen, um etwas zu Essen für sich und andere – noch schwächere Häftlinge zu besorgen. Viele sind auch dazu gar nicht in der Lage. Zwischen den Baracken liegen Leichen auf der gefrorenen Erde.

Und es ist gefährlich, die Blocks zu verlassen, denn immer wieder kehren einzelne SS-Leute oder auch ganze Gruppen zurück und töten die Überlebenden. Mindestens 300 Häftlinge sind so noch nach der Evakuierung zu Tode gekommen.

Alle, die in Auschwitz zurückgeblieben sind, fürchten, dass auch ihnen dieses Schicksal droht: dass sie am Ende alle erschossen werden sollen.

Aber es hilft nichts: Sie müssen hinaus, sonst werden sie verhungern.

An diesem Morgen hört die junge Polin Wanda, dass es im Nachbarabschnitt in einer Küche Kartoffeln gibt. Sie ist nach dem Warschauer Aufstand nach Auschwitz gekommen und hochschwanger. Trotzdem macht sie sich mit einer russischen Freundin namens Katia auf den Weg. Sie kommen am Häftlingskrankenbau der Männer vorbei, einige der dortigen Insassen schließen sich den Frauen an. Die Küche ist verschlossen. Wanda ist trotz ihres dicken Bauches immer noch behände und flink. Sie steigt mit Katia zusammen durch ein Fenster ein. Die Frauen raffen soviel Kartoffeln zusammen, wie es nur geht, und geben sie nach draußen weiter. Plötzlich hören sie auf deutsch „Raus!“ Als sie die Küche verlassen, stehen sie zwei SS-Leuten gegenüber, die mit Gewehren auf sie zielen. „Ich ging ganz langsam auf sie zu. Ich wusste, ich muss einfach weitergehen, nicht zu langsam und nicht zu schnell. So ging ich einfach Schritt für Schritt. Dann hörte ich plötzlich einen Schuss. Katia fiel neben mir tot zu Boden. Warum sie auf mich nicht geschossen haben, weiß ich nicht. Ich ging einfach weiter, bis ich wieder in meinem Block war.“

Katia ist nicht das einzige Opfer an diesem Tag: Am Nachmittag befiehlt eine Abteilung des Sicherheitsdiensts SD allen Juden in den Lagerabschnitten BIIe und BIIf, ihre Baracken zu verlassen. Einige Häftlinge können sich in Löchern verstecken, die sie zuvor unter den Bodenbrettern der Baracken gegraben haben. Vor den Blocks stehen schließlich 150 Frauen und 200 Männer. Der SD erschießt einige von ihnen und zwingt die übrigen zum Abmarsch. Alle, die das Marschtempo nicht einhalten können, werden auf der Stelle getötet. Aber dann ergeht plötzlich der Befehl an die Häftlinge zurückzukehren. Die Männer vom SD verschwinden. Wahrscheinlich ist es ihnen wichtiger, die eigene Haut zu retten, als die letzten Häftlinge zu ermorden. Die Front ist sehr nahe. Noch zwei Tage bis zur Befreiung von Auschwitz. Immer noch zu spät für viele Häftlinge.

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