Spott-Light: Nie wieder Krieg, dank Papst & Nietzsche!

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Oder: Wie verhindern werden könnte, dass Israel in 2024 des Beschönigens von Kriegsfolgen und der Expertenfurcht beschuldigt wird

Von Christian Niemeyer

„Das ist der Krieg: eine Reise ohne Ziel, eine Niederlage ohne Sieg und ein Wahnsinn, für den es keine Entschuldigung gibt.“ So der Papst in seinem mich als Pazifisten und Linksnietzscheaner begeisternden Teil seiner Weihnachtsbotschaft 2023, also am Ende eines Jahres, in welchem sich Israel wg. das Massakers vom 7. Oktober der uneingeschränkten Solidarität sicher sein durfte und blutige Hände auf Pro-Palästina-Demos verständlicherweise Abscheu erregten; und in dessen Verlauf zumindest doch in Deutschland gut 90 % aller Medien die Kriegstrommel rührten und damit der „Friedenspartei“ AfD und den sich unter ihrer Fahne sammelnden Ängstlichen, aber auch den Moskaufreunden und von DDR-Denke geprägten Anti-Amerikanern unter den Ex-DDRlern. Denen die danach erstaunlicherweise zur  Tagesthemen-Moderatorin hochgejazzte Sportjournalistin Jessy Wellmer in aller Naivität auf ARD aufsaß[1], Putin-Freunden und Gorbatschow-Verächtern aus ihrem privaten Nahfeld um Güstrow ungeahnten und gänzlich unverdienten Zulauf verschaffend. Jedenfalls liegt die AfD in Sachsen aktuell 34 % vor der SPD!

Keinerlei schönen Anblick – noch nicht einmal dies also – boten in der letzten Zeit auch die vor Machtgeilheit geradezu triefenden Friedhelm Merz sowie Markus Söder, Letzterer mit dem verlogenen Hubert Aiwanger im Schlepptau; ein Jahr schließlich[2], zu dessen Beginn Deutschlands einziger Militärhistoriker Sönke Neitzel auf die Atomkriegsangst der Bevölkerung bei Anne Will (ARD) den denkwürdigen, nur unter der Bedingung vollständiger Trunkenheit verzeihbaren Satz hinterließ:

„Es ist doch Quatsch, dass wegen so alten Panzern ein Atomkrieg kommt!“

Was haben wir im Hause Niemeyer da doch, gemeinsam vor dem Fernseher sitzend, gelacht beim Anblick dieses offenbar schon von Nietzsche beschriebenen „kleinen tüchtigen Bursch“, von welchem Nietzsche mutmaßte, er würde „ironisch blicken, wenn man ihn fragt: willst du tugendhaft werden?“; der aber die Augen aufmachen würde, „wenn man ihn fragt willst du stärker werden als deine Kameraden.“ (XIII: 464)

Das Problem ist nur: Neitzel ist kein kleiner Junge mehr. Er sieht nur so aus. Ähnlich übrigens wie Tobias Schulze von der taz oder dessen Bruder im Ungeist Nico Lange (von der Konrad-Adenauer-Stiftung). Dem offenbar lange keiner gesagt hat, was ich ihm hier zuletzt am 23. November[3] beizubringen suchte; nämlich dass ihm als ehemaligem Berater von Annegret Kamp-Karrenbauer des Falls Kabuls wegen – der Putin zu seinem Überfall auf die Ukraine erst motivierte – aktuell nur eines geziemt: Demut.

Gesetzt, dies würde zum Gebot aller, fände ein Krieg schon einmal ein Ende: der vor einem Jahr ausgebrochene Medien-Krieg aller gegen einen inklusive FDP (Strack-Zimmermann) gegen Olaf Scholz. Ruhe, wohltuende Ruhe herrschte dann auch bei phoenix, wo man am 31. Januar 2023 um 9:15 den Niedergang des Journalismus am Beispiel bloß noch suggestiver Fragen an gleichgesinnte Scholz-Hater – in diesem Fall Paul Ronzheimer[4] – besichtigen durfte. Nicht schlecht auch Arno Frank vom Spiegel auf der Suche nach dem letzten Pazifisten (Harald Welzer), der „aus der Reihe [tanzt]“ (Nr. 5/2023: 102); bis auf die Kanaren schickte ihn seine Chefredaktion, die Parole „Krieg ist die erste Bürgerpflicht!“ im Ohr. Ein anderer Spiegel-Redakteur brachte es gar fertig, quasi-öffentlich sein Kriegsverweigerer-Dokument zu verbrennen, sich also kriegsverwendungstauglich zu melden.

Meint zugleich: Ein Text mit der eingangs zitierten Weihnachtsbotschaft 2023 im Titel hätte beim Spiegel, der unter Rudolf Augstein und Conrad Ahlers treu zum Friedenskanzler Brandt stand und erst unter Melanie Amann zum konsequenten SPD- resp. Scholz-Bashing überging, keine Chance mehr. Den Übergang vom einen zum anderen markiert Augsteins Nietzsche-Bashing vom 8. Juni 1981: „Täter Hitler, Denker Nietzsche“ bekam man hier schon qua Cover ins Hirn gebrannt – nicht, weil es wahr war, sondern weil es Augstein so als Pimpf gelernt hatte; und, weil Augstein Zarathustras Journalistenkritik („Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre Galle und nennen es Zeitung“) offenbar persönlich genommen hatte, wohl damals ausschließend, diese werde dereinst, nämlich 2023, exakt den Punkt treffen, übrigens nicht nur beim Spiegel.

Nietzsche als Anti-Antisemit

Was folgt daraus? Dass der Vatikan für 2024 ein Nachrichtenmagazin à la Spiegel anvisieren sollte, so Pazifismus à la Franziskus wieder eine Chance bekommt? Oder aber auch jener à la Nietzsche? Denn man muss hier bedenken: Seit Augsteins Nietzsche von 1981 ist er schwer in Bann getan, stehen Attribute wie „Herrrenmenschen- und Eroberertum“, „Verachtung und Ausrottung unwerten Lebens“, „kruder Machtegoismus und barbarische Kriegsschwärmerei“ (24/1981, S. 156) im Zentrum, weiß dank Augsteins Nietzsche-Bashing kaum noch jemand[5], dass Nietzsche mit seiner Mitteilung vom 4. Januar 1889: „Ich lasse eben alle Antisemiten erschiessen…“ (8: 575) Kunde davon gab,  dass schon Nietzsche den Antisemitismus in seiner Zeit, also Jahrzehnte vor Auschwitz, als so schrecklich und bedrohlich erlebte, dass ihm ein gleichsam präventiver eliminatorischer Anti-Antisemitismus angezeigt schien; und sich als Vorschlag Bahn brach in dem Moment, als ihm die Kontrolle über sein Denken und Schreiben abhandenkam.

Was aber hat dann jene Kontrolle bedingt? Deutlicher: Wer und was hat Nietzsche gehindert, sich schon früher, zu Zeiten seiner geistigen Gesundheit, in dieser Radikalität als Anti-Antisemit zu bekennen – und jene namhaft zu machen, die er eines potentiell eliminatorischen Antisemitismus verdächtigte? Und, weil diese Frage nun nahe liegt angesichts des Fehlens des Namens Richard Wagner in der Auflistung von Namen der zu Erschießenden (Willhelm II., Bismarck, Adolf Stöcker) sowie ins Gefängnis zu Sperrenden (Papst Leo XIII.): Ist jene Kontrolle im Januar 1889 wirklich vollständig zusammengebrochen – oder wird nicht doch auch diesmal einer noch geschützt: eben Wagner? Und wenn ja: Warum? Sowie schließlich: Wie viel Selbstverachtung verbirgt sich in jenen Zeilen, wenn man bedenkt, dass der späte Nietzsche durchaus Gründe hätte haben können, den frühen Nietzsche jenen zu Erschießenden zuzurechnen? Dies sind in etwa die Fragen, die nach Antwort harren, zumal Nietzsche zu jener Zeit eigentlich längst schon, nach ambivalenten Äußerungen im Zarathustra, Pazifist war im Sinne jener einleitend zitierten Weihnachtsbotschaft 2023 von Papst Franziskus.

Schon der Fall Augstein 1981 mit seiner Nietzsche einseitig als Kriegstreiber und Hitler-Vorläufer herausstellenden Pointe lehrt, dass wir bei diesen Thema ein extrem vermintes Gelände betreten. So hat beispielsweise Nietzsches Schwester – die selbsternannte Nietzscheexperten wie Domenico Losurdo (2009) und Robert C. Holub (2002) absurder Weise zu rehabilitieren trachteten – die wichtigsten Dokumente für Nietzsches (späten) Anti-Antisemitismus, nämlich seine Briefe an Theodor Fritsch vom März 1887, systematisch in Vergessenheit gebracht. (vgl. Niemeyer 2003) Andere Zeugnisse dieser Art wurden von ihr unterschlagen, etwa auch jener Brief Nietzsches an Franz Overbeck von Anfang Dezember 1885, in dem er darüber geklagt hatte, seine Bücher würden seines antisemitischen Verlegers wegen »überall unter die ›antisemitische Litteratur‹ gerechnet«, außerdem mache ihm seines Verlegers (gleichfalls antisemitischer) Redakteur den Streich, ihn »in Einem Athem mit dem greulichen Anarchisten und Giftmaule Eugen Dühring zusammen zu loben.« (7: 117 f.) Förster-Nietzsche unterschlug auch andere wichtige Hinweise auf Nietzsches Stellung zum Anti-Antisemitismus. Hierzu gehören die seit 1988 (vgl. Krummel 1988) bekannten, gleichwohl in der Nietzscheforschung zumeist ignorierten systematischen Eingriffe in die von ihr 1904 präsentierten seitenlangen Auszüge aus Briefen Josef Paneths an seine Braut (vom Winter 1883/84) über seine Begegnung mit Nietzsche. Domenico Losurdo (2009: 564) erwähnt zwar diese Briefe, vergaß aber die für seine Verteidigung Förster-Nietzsches offenbar hinderliche Auflistung der von der Schwester zu verantwortenden Manipulationen.

Der Erwähnung bedarf in diesem Zusammenhang noch der Umstand, dass Förster-Nietzsches Briefedition Friedrich Nietzsches Briefe an Mutter und Schwester (1909) von Fälschungen durchsetzt ist (vgl. Janz 1972: 63 ff.) – mit Folgen bis in die Gegenwart hinein. Selbst Robert C. Holub (2002: 224) fiel in einem Fall auf diese Fälschung herein – besonders peinlich, weil er, ähnlich wie Losurdo, Förster-Nietzsche vom Fälschungsverdacht zu entlasten suchte. Nicht absehen kann man in diesem Zusammenhang auch vom umgekehrten Fall: Weaver Santaniello (1998: 215), Förster-Nietzsche vehement anklagend, fiel gleichwohl im Blick auf Brief Nr. 377 (GBr V/2: 557 f.) auf eine ihrer Fälschungen herein. Die Konsequenz aus den vorgenannten Beispielen kann insoweit kaum fraglich sein: Es muss darum gehen, die gegen Förster-Nietzsche zu erhebenden Vorwürfe auf dem Stand des heutigen Wissens sich immer wieder vor Augen zu führen (vgl. Niemeyer 2009).

In der hier interessierenden Sache führt uns dabei vor allem der Umstand weiter, dass Förster-Nietzsche ihren Bruder in ihrer Briefedition von 1909 zwar über seinen Schwager als »Agitator in einer zu drei Viertel schlimmen Bewegung« (GBr V/2: 662) klagen ließ, aber das Attribut »und schmutzigen [Bewegung]« einfach unterschlug – und dies in einem Brief (vom 7. Februar 1886), in welchem Nietzsche seinen Vorwurf, sie sei »herausgesprungen […] aus der Tradition des Bruders« (7: 148), am Exempel ihrer (und ihres Gatten) Agitation für den Antisemitismus erläutert. Eingeräumt sei, dass es mit jener Tradition nicht gar so viel auf sich hatte und zumal Briefe des frühen Nietzsche keineswegs frei sind von antisemitischen Klischees. (vgl. Ahlsdorf 1997: 9; Mittmann 2001: 16 ff.) Ähnliches gilt für Briefe seiner damaligen Freunde, unter ihnen Carl v. Gersdorff, die in der Summe durchaus als Beleg gelesen werden dürfen für Nietzsches spätere bittere Klage aus JGB: „Ich bin noch keinem Deutschen begegnet, der den Juden gewogen gewesen wäre.“ (V: 193) In der Summe gilt, dass Nietzsche ganz offenkundig über den Antisemitismus in grundlegender Weise umlernte, ähnlich übrigens wie v. Gersdorff, der sich im Sog seiner begeisterten Lektüre von Nietzsches Morgenröthe der Gefahr bewusst wurde, Wagner »auch durch das Gestrüpp des Kreuzdornes zu folgen«, sprich: »Antisemit zu werden.« (zit. n. Thierbach 1937: 36 f.) Noch weiter ging Nietzsche, der 1886 forderte, „die antisemitischen Schreihälse des Landes zu verweisen“ (V: 194) – mit dem dramatischen Nachschlag jener bereits erwähnten Mitteilung: »Ich lasse eben alle Antisemiten erschiessen…« (8: 575)

Dies vorausgesetzt, schien es im Zuge der Nietzscherezeption vielen durchaus verlockend, je nach Gusto entweder nur diese oder nur jene Zeugnisse zur Geltung zu bringen. Besonders engagierte sich dabei der spätere (1956) Wagner-Biograph Curt v. Westernhagen, der im Gegenzug zu Alfred Baeumlers Fazit, Nietzsche sei »den Juden […] im Innersten abgeneigt« gewesen (Baeumler 1931: 158), betonte, dass Nietzsche sehr wohl »in den Reihen des Judentums« (Ferrari-Zumbini 1990: 280) gestanden habe. Mit anderen Worten: Baeumler gab als nationalsozialistischer Verehrer vor, nur etwas vom Antisemiten Nietzsche zu wissen – und kopierte damit die Einseitigkeit v. Westernhagens, der, im Interesse Wagners und der Ausschaltung eines Konkurrenten um Hitlers Gunst, einseitig den Anti-Antisemitismus Nietzsches betonte. Nach 1945 dominierte zunächst die letztgenannte Lesart Nietzsches, dies nicht zuletzt in der Linie der Studie Friedrich Nietzsche und die Juden des 1937 aus Deutschland emigrierten jüdischen Schriftstellers und Juristen Richard Cahen. (vgl. Lonsbach 1939) Selbst ein so entschlossen Nietzsche als Protofaschisten aufarbeitender Autor wie Bernhard Taureck konnte denn auch nicht umhin, lakonisch zuzugestehen: »Nietzsche ist Feind des Antisemitismus.« (Taureck 1989: 23)

Nietzsche als Pazifist

Dem durchaus vergleichbar ist die Lage in Sachen Krieg, wie ausgehend vom Zarathustra-Kapitel Vom Krieg und Kriegsvolke bequem zu erläutern ist.[6] Bekannt geworden ist diese Rede vor allem durch die Editionspolitik von Nietzsches Schwester im Ersten Weltkrieg. Hingewiesen sei hier nur auf die „Kriegsausgabe“ des Zarathustra mit den von ihr willkürlich zusammengestellten Worten ihres Bruders „für Krieg und Frieden zur Stärkung und Trost“ (Förster-Nietzsche 1918: 478) sowie auf die von ihr mit Kriegsausbruch verstärkt publizierte Mär vom Ursprung des Gedankens vom ‚Wille zur Macht‘ aus Nietzsches Kriegserlebnis von 1870/71 (vgl. Niemeyer 2002: 93 ff.; 2011: 137 ff.; NLex2 [Niemeyer]: 202 ff.) Tatsächlich findet man in dieser Rede vermeintlich sich von selbst verstehende martialische Imperative wie beispielsweise den folgenden:

„Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.“ (IV: 59)

Aber der zuletzt vom Freiburger Germanisten und Gräzisten Jochen Schmidt (1938-2020) (vgl. Schmidt 2016: 4; zur Kritik: Niemeyer 2017) unternommene Versuch, aus derlei Zitaten Förster-Nietzsches These zu stärken, ihr Bruder müsse als der entscheidende ‚Kriegsphilosoph‘ der Deutschen (des Ersten Weltkrieges) gelten, ist zum Scheitern verurteilt, zumal sich Schmidt um längst vorgetragene Gegengründe zu speziell dieser Deutung nicht kümmert. So offeriert Zarathustra zwar die scheinbar unmissverständliche Liebeserklärung: „Meine Brüder im Kriege! Ich liebe euch von Grund aus, ich bin und war Euresgleichen.“ (IV: 58) Dem folgt allerdings die Versicherung nach, er sei „auch euer bester Feind“, was wie eine Drohung klingt, insofern sich Zarathustra hiermit, die Gesamtkonzeption dieser Dichtung zum Maßstab genommen, als Psychologe outet – und seinen ‚Brüdern‘ tatsächlich als ‚bester Feind’ manch bittere Wahrheit sagt, um sie schließlich aufzufordern:

„Und wenn ihr nicht Heilige der Erkenntniss sein könnt, so seid mir wenigstens deren Kriegsmänner.“ (IV: 58)

Dies stellt insgesamt klar, dass es um ‚Krieg‘ geht im Sinne geistigen Ringens (vgl. auch Kaufmann 1974/82: 450 ff.) bzw. im „Gehorsam“ gegenüber Zarathustra, denn:

„Euren höchsten Gedanken aber sollt ihr euch von mir befehlen lassen – und er lautet: der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll.“ (IV: 60)

‚Krieg‘ meint hier also vor allem Selbstüberwindung des Menschen im Interesse der Herausbildung des Übermenschen als jener Seinsform des Menschen, die Hoffnung macht und in deren Linie die „Liebe zum Leben“ (IV: 59) neue Nahrung erfährt – eine Deutung, zu der man von Jochen Schmidt gerne einen Kommentar gehört hätte, bevor er seine eigene Lesart propagiert, versehen mit einer Hass-Girlande, die staunen macht:

„[W]eil sein [Nietzsches; d. Verf.] ganzes Werk auf Kampf und Krieg fixiert ist, erwägt er nicht die Möglichkeit der Koexistenz oder des Miteinanders, des Interessen-Ausgleichs, des Vertrags oder gar der Versöhnung.“ (Schmidt 2016: 14)

So also sieht es aus – das Fazit des Begründers des Heidelberger Nietzsche-Kommentars, der in seiner hier in Rede stehenden Streitschrift Der Mythos „Wille zur Macht“ (2016) alles, was dieser seiner Lesart zuwiderläuft, einfach unterschlägt, wohlwissend, dass sein Verlag (de Gruyter) nicht wagen wird, ihm, dem Ahnherren des Heidelberger Nietzsche-Kommentars, Steine in den Weg zu legen und ihm, namens des eigentlichen Verlagsstars (Nietzsche) Stellungnahmen abzunötigen zum Pazifismus desselben, zu kritischen Analysen der den Krieg ermöglichenden Bedingungen etwa, eröffnet mit dem von seiner Seite nicht ernstgemeinten Vorschlag, das Volk „in Furcht und Gehorsam“ zu halten, die Nietzsche abschloss mit der bitterbösen Bemerkung:

„Dann fehlt Nichts weiter als Gelegenheit zu grossen Kriegen: und dafür sorgen, von Berufswegen, also in aller Unschuld, die Diplomaten, sammt Zeitungen und Börsen.“ (II: 509 f.)

In diese Richtung weist auch Nietzsches – und auch davon findet sich nichts bei Schmidt – Kritik der inhumanen „Lehre von dem Heer als einem Mittel der Notwehr“, die Aufforderung „’wir zerbrechen das Schwert’“ sowie die Pointe:

„Lieber zu Grunde gehen, als hassen und fürchten, und zweimal lieber zu Grunde gehen, als sich hassen und fürchten machen – diess muss einmal auch die oberste Maxime jeder einzelnen staatlichen Gesellschaft werden!“ (II: 678)

Im Nachlass, der dem folgt, erwägt Nietzsche – auch hiervon schwieg Schmidt –, dass eigentlich, „insofern der Urheber vieler Tode unheilvoller ist, als der Mörder […], alle Fürsten, Minister, Volksredner und Zeitungsschreiber, durch welche ein Krieg erregt und befürwortet worden ist, hingerichtet werden [müßten]“, um spöttisch-einschränkend hinzuzufügen:

„[I]ch meine natürlich die ungerechten Kriege, aber man wird mir sagen, daß es keine ungerechten Kriege giebt.“ (IX: 71)

Der hier erkennbar werdenden pazifistischen Geisteshaltung korrespondiert Nietzsches zwei Jahre später nachgereichte trockene Bemerkung:

„Ihr führt Krieg? Ihr fürchtet euch vor einem Nachbarn? So nehmt doch die Grenzsteine weg – so habt ihr keinen Nachbarn mehr.“ (X: 137)

In diese Richtung weist schließlich eine der letzten Aufzeichnungen Nietzsches, zu deren Vorgeschichte die auf die Kreuzzüge bezogene Einsicht aus Der Antichrist gehört, „[d]ass die Kirche gerade mit Hülfe deutscher Schwerter, deutschen Blutes und Muthes ihren Todfeindschafts-Krieg gegen alles Vornehme auf Erden durchgeführt hat!“ (VI: 249) Nietzsche ist, wie das Ausrufezeichen deutlich macht, erkennbar empört – und notiert sich im nachfolgenden Nachlass, nun mit genereller Attitüde:

„Damit das Haus von Narren und Verbrechern sich obenauf fühlt […], hat [Europa] die hirnverbranntesten Kriege geführt, die je geführt wurden.“

Einige Zeilen später folgt:

„Zuletzt können wir selbst der Kriege entrathen; eine richtige Meinung genügte unter Umständen schon.“

Sowie:

„Es giebt noch wirksamere Mittel, die Physiologie zu Ehren zu bringen als durch Lazarethe…“ (XIII: 644)

Gegen Schmidt und alle jene, die ihm meinen zustimmen zu dürfen, sei hier in Erinnerung gerufen: In der Wissenschaft geht es nicht um Geschichten – etwa der, dass Schmidt sen. vor einhundert Jahren (gerechnet von 2016 abwärts) mit der Kriegsausgabe des Zarathustra in den Ersten Weltkrieg zog (vgl. Schmidt 2016: 4); es geht vielmehr um Geschichte, in diesem Fall und um nur ein Beispiel zu nennen: Es geht – und auch darüber verliert Schmidt nicht ein Wort – um jenen Teil des Nietzschemythos, demzufolge Elisabeth Förster-Nietzsche mittels der Mär, ihr Bruder habe den Willen zur Macht von vornherein in kriegsphilosophischer Absicht konfiguriert, in den Krieg gegen Nietzsche, den Pazifisten, zog (vgl. auch Niemeyer 2011: 137 ff.).

Was bedeutet dies für die Geltung und Relevanz der einleitend angeführten Weihnachtsbotschaft 2023 des Papstes? Nun, mir scheint, dass der Satzteil, der Krieg sei „eine Reise ohne Ziel, eine Niederlage ohne Sieg und ein Wahnsinn, für den es keine Entschuldigung gibt“, auch von Nietzsche unterschrieben worden wäre, mit einer Einschränkung vielleicht: Nietzsche wäre wohl clever genug gewesen, das Massaker vom 7. Oktober zu nutzen für Entschuldigungen aller Art, der Täter habhaft zu werden und die Geiseln frei zu bekommen; Israel aber muss, so hätte er wohl hinzugesetzt mit Seitenblick auf Netanjahu, jetzt wg. der vielen Kollateralschäden und der Hungersnot im Gaza-Streifen Waffenstillstand und Geiselbefreiung anstreben, unter Beiseitesetzung sich ihm andienender „Experten“ – der Name Sören Neitzel mag hier zur Abschreckung genügen – oder „Journalisten“, die nur auf Wirkung hin schreiben und unter Ausklammerung widersprechender Befunde. Selbsternannte Militärexperten oder parteinahe  Politikwissenschaftler*innen scheinen mir gleichfalls ungeeignet. Des Weiteren, da scheint mir der parteinahe Verleger Rudolf Augstein 1981 zumindest das rechte Wort ins Spiel gebracht zu haben, scheint mir unter dem Druck des Tagesjournalismus „der papierne Sklave des Tages“ (Nietzsche) zur Regel geworden zu sein, der nur noch zu drohen weiß. Etwa nach Art des Christian Senft vom Springer-Verlag mit seinem unüberlegten Steinwurf aus dem Glashaus, also aus einem von erfolgreichen Anzeigen des Unterzeichnenden im Jahr 2022 an den Presserat[7] schwer gebeutelten Haus: „BILD bleibt BILD!“.

Mein Vorschlag für 2024, adressiert (nicht nur) an Senft, hier mit Seitenblick auf Andrea Lindholz (CSU), die wegen eines einzigen, für BamS freigegebenen volksverhetzenden Zitats über einen Asylbewerber aus Togo („Solche gemeingefährlichen Straftäter gehören sofort aus dem Verkehr gezogen“) in die AfD, wenn nicht gar ins Gefängnis gehört, jedenfalls nicht in den Bundestag, es sei denn, sie ahne, nach Netanjahu-Art, dass ihr Immunität dereinst wichtig werden können: Bitte den Experte/die Expertin im eigentlichen Sinne, also universitär angebundene Philosoph*innen oder Kulturwissenschaftler*innen, stärker zu Gehör bringen und diese nicht belohnen für ihre politisch korrekte Meinung, sondern für ihre souveräne Fachlichkeit. Ein Beispiel, selbige zu checken, wäre die Frage, ob Israels Krieg nicht schon längst zum Krieg eines Premiers geworden ist, dem allein an seinem politischen Überleben liegt.

War es möglicherweise also dies, was Papst Franziskus mit seiner ihn, wie gezeigt, letztlich mit Nietzsche verbindenden Weihnachtsbotschaft 2023 sagen wollte?

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer, Berlin/TU Dresden

[1] https://www.hagalil.com/2022/10/spott-light-4/
[2] Vgl. auch v. Verf.: Die AfD und ihr Think Tank im Sog von Trumps und Putins Untergang. Eine Analyse mit Denk- und Stilmitteln Nietzsches. Beltz/Juventa: Weinheim Basel 2023, S. 11 ff. Zitatnachweise hier sowie in den weiteren zu nennenden Büchern.
[3] https://www.hagalil.com/2023/11/lange/
[4] Vize-BILD-Chefredakteur und Kriegsreporter, der am 12. Februar 2023, S. 6, in der ohnehin schon durch zwei erfolgreiche Beschwerden wg. Verstoßes gegen den Pressekodex schwer gebeutelten BamS auffällig wurde mit der (fett gehaltenen) Versicherung: „Es ist […] keineswegs so, dass Russland diesen Krieg gewinnen wird“ – was mir persönlich ein wenig zu sehr nach Durchhalteparolen aus dem Führerbunker klingt.
[5] Vgl. v. Verf.: Nietzsche, New School. Alles, was man von diesem Genie wissen muss, um ob seiner dunklen Seiten nicht zu verzweifeln. Verlag Karl Alber: Baden-Baden 2023, S. 255 ff.; sowie https://www.hagalil.com/2021/04/nietzsche-und-der-antisemitismus/
[6] Vgl. v. Verf.: Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ – ein Werkkommentar der New School. Alles, was man von dieser Dichtung wissen muss, um ob ihrer Komplexität nicht zu verzweifeln. Verlag Karl Alber: Baden-Baden 2024, S. 132 ff. (i.E.).
[7] https://www.hagalil.com/2022/10/spott-light-bams/