„Klein-Wien“ oder „Paris des Ostens“

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Meine spätsommerlichen Tage in der Kulturhauptstadt Temeswar/Timisoara

Von Christel Wollmann-Fiedler, September 2023

Ein Katzensprung vom neuen, modernen Österreich ins alte, in die Pannonische Tiefebene, ins Banat, nach Temeswar, Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2023. Das Banat gehört bis 1918 zum Kronland der Habsburger, nach dem ersten Weltkrieg dankt der Kaiser in Wien ab, die Donaumonarchie wird Vergangenheit. Königin Maria von Rumänien verhandelt nach dem 1. Weltkrieg 1919 in Paris und das Banat, Siebenbürgen, die Bukowina und andere Teile werden dem Königreich Rumänien zugesprochen, Großrumänien entsteht. In Windeseile beginnt die Rumänisierung, die Verwaltungssprache wird von heute auf morgen Rumänisch.

Die Mythologie erzählt, dass die Kolonisten mit Flößen vom Westen her von Ulm auf der Donau mit ihrer geringen Habe gefahren sind. Aus dem Elsass, vom Rhein und von der Mosel sollen sie stammen, auch aus anderen südeuropäischen armen Gegenden machten sie sich auf den Weg in die Pannonische Tiefebene, in die ebene Landschaft. Donauschwaben werden sie seitdem genannt. Die Abfahrt vom schwäbischen Ulm auf der Donau mit Flößen in den Osten, in die Tiefebene, soll ihnen den Namen gegeben haben, sagen alte Geschichtenerzähler.

Die Osmanen belagern die Landschaft und Temeswar über 200 Jahre und nehmen sephardische Juden aus Konstantinopel und Saloniki auf. Spanien vertreibt die Juden im 15. Jahrhundert oder zwingt sie zum christlichen Taufen. Judenchristen oder Kryptojuden werden sie mit ihrer eigenen Ladinosprache. Der Balkan und das Banat nehmen diese Vertriebenen auf, wo sie zu spaniolischen Juden werden. Die deutschen Aschkenasen kommen im 18. Jahrhundert hinzu und Synagogen werden gebaut.

Der Österreichische Prinz von Savoyen erobert Temeswar mit seinen kaiserlichen Truppen und lockt die Kolonisten im 18. Jahrhundert in die unwegsame, sumpfige, von den Osmanen verwüstete Landschaft südwestlich des rumänischen Westgebirges, des Apuseni-Gebirges. In der Eugeniu-de-Savoya-Straße wiederholt sich der Name des Eroberers und dort steht der elegante hochsanierte  Agoston Galgon Palast, den 1912 Gyula Agoston von dem Architekten Jenö Klein bauen ließ.

Den katholischen Glauben behalten die Banater Schwaben, dafür sorgt Kaiserin Maria Theresia. Auch die Siebenbürger Sachsen will die Kaiserin in ihrer Regierungszeit bekehren. Sie haben sich dem Reformator Martin Luther angeschlossen. Die Sachsen lassen es bei Martin Luther.

Mehrere Epochen verändern die Zugehörigkeit, verändern die Sprache. Multikulturell ist Temeswar, das Banat sowieso mit einer sprachlichen Vielfalt und Fülle. Die deutsche Sprache, die ungarische, die rumänische und das Serbische, Kroatische und Slowenische und das Jiddische sind hier zu Hause.

Juden aus Ungarn kommen zu Tausenden in den 1940er Jahren in Temeswar an, um den Deportationen zu entgehen. Einhundert Juden werden nach Transnistrien deportiert. Bis 1944 sind das Deutsche Reich und Rumänien verbündet.

Der Kommunismus breitet sich von 1945 bis 1989 aus. Das Banat ist hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden und steigt 1989 erneut als „Klein Wien“ in die geographische Öffentlichkeit. Herta Müller, die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin, wird in einem kleinen Dorf bei Temeswar geboren und besucht das Lenau-Lyzeum in Temeswar. 1987 kann sie sie mit Ehemann und Mutter das Banat, die kommunistische Ceausescuadministration, die Sozialistische Republik Rumänien, verlassen und trifft in West-Berlin ein. Ihre Bücher verschlinge ich bereits vor ihrem Eintreffen und erfahre literarisch von der Region. Ich glaube, zwei Bücher waren es damals. Das Lenau–Lyzeum ist nach dem spätromantischen Dichter Nikolaus Lenau genannt. Lenau wird 1802 in Lenauheim unweit von Temeswar geboren und stirbt 1850 in Döbling bei Wien. Nicht nur Ludwig Uhland hat über die Wurmlinger Kapelle gedichtet, auch der schwermütige weitgereiste Nikolaus Lenau schreibt ein wunderbares, leichtes, beschwingtes Gedicht 1832 über die „Wurmlinger Kapelle“, die einige Kilometer von Tübingen, unweit des Neckars, entfernt auf dem Hügel von weitem zu sehen ist. Lenaus Gedichte werden bei Cotta in Tübingen verlegt.

Abschied

Lied eines Auswandernden
Sei mir zum letztenmal gegrüßt,
Mein Vaterland, das, feige dumm,
Die Ferse dem Despoten küßt
Und seinem Wink gehorchet stumm.

… 

Mein Vaterland, so sinkst du hin,
Rauscht deines Herrschers Tritt heran,
Und lässest ihn vorüberziehn
Und hältst den bangen Atem an. –

…  

Du neue Welt, du freie Welt,
An deren blütenreichem Strand
Die Flut der Tyrannei zerschellt,
Ich grüße dich, mein Vaterland!

Nikolaus Lenau
(* 13.08.1802, † 22.08.1850)

1989 dann endlich geschieht in Berlin, in Deutschland, in Europa, ein Wunder. Die Mauer, die seit 1961 in Berlin Stadt und Familien teilt wird vor Freude zertrümmert und im gesamten Land und in Osteuropa werden die Grenzen geöffnet. Junge Menschen mit Grips und Zukunftswillen dämmen 1989 den kommunistischen Flächenbrand und revolutionieren gegen Elena und Nikolae Ceausescu, das Diktatorenpaar. Putschen und Schießen beginnt 1989 in der Banater Metropole Temeswar. Wahllos und willkürlich wird herumgeschossen und viele Menschen sterben. Eine blutige Revolution. Weiter geht diese Aktion in andere rumänische Städte und die „Herrscher des kommunistischen Regimes“ selbst werden exekutiert. Vielleicht von Freunden, die an ihrer Stelle Macht erhoffen? Wir erinnern uns an die vorweihnachtliche schreckliche Tat damals 1989, die im TV gezeigt wurde. Danach beginnt der Exodus der Banater Schwaben in den Westen, nach Deutschland und in andere Länder.

Barock über Barock und ungarische Folkloremuster. Das alte Österreich strahlt an jeder Ecke, die Donaumonarchie ob saniert oder unsaniert. Schöne Plätze und Parks, barocke katholische Kirchen, evangelische und rumänisch-orthodoxe Gotteshäuser, die Synagoge in der Fabrikstadt und die renovierte Innerstädtische Synagoge. Mehrere Universitäten mit fünfzigtausend Studenten bringen Lebendigkeit in die Stadt. Prunk und Pracht, Leben und Lust prägen die einzigartige Stadt.

„Paris des Ostens“ nannte sich die Banater Metropole. An Rosch ha Schana wird die Neue Synagoge von Carl Schumann 1865 eingeweiht. Carl Schumann wird 1827 im schwäbischen Esslingen bei Stuttgart geboren, stirbt 1898 in Wien, baut die Synagoge in Temeswar im Stil der Budapester. Zwischenzeitlich hat die Synagoge ein trauriges Dasein, seit 2022 wird aus ihr ein erneuter Treffpunkt der Jüdischen Gemeinde mit ihren sechshundert Mitgliedern. Mit dem hervorragenden Buch von Getta Neumann in der Tasche „Auf den Spuren des jüdischen Temeswar“ betrete ich ehrfürchtig die sanierte Synagoge. Einen Theaterabend wird es geben.

Zur szenischen Lesung „Sidy Thal – a schtikl von Thomas Perle“ strömen viele interessierte Menschen in die Innerstädtische Synagoge. Vorne in der 1. Reihe ist Bürgermeister Dominic Fritz zu erkennen, der eine Kippa trägt, wie es in der jüdischen Tradition üblich ist. Er unterhält sich mit Konsulin Regina Lochner vom Deutschen Konsulat Temeswar und Dr. Luciana Friedmann, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Temeswar.

Thomas Perle, der in Wien lebende Dramatiker und Schriftsteller, ist von einer fünfköpfigen Jury für fünf Monate zum Stadtschreiber in Temeswar gekürt worden und verabschiedet sich mit seinem „schtikl“ von der Stadt an der Bega. Das Deutsche Kulturforum östliches Europa e.V. in Potsdam schickte ihn ins Banat, in die Metropole Temeswar, und betreute ihn während der Monate. Rumänische, ungarische und deutsche Wurzeln hat der 1987 in Oberwischau (Maramuresch) geborene Perle. Als Vierjähriger wanderte er mit seinen Eltern nach Deutschland aus. Später wurde Wien sein Lebensmittelpunkt.

Als erfolgreicher Dramatiker, wird ihm im November 2023 der berühmte österreichische Theaterpreis, der Nestroy-Preis 2023, für sein Stück „karpatenflecken.“ verliehen. Während seiner Zeit als Temeswarer Stadtschreiber hat er verständlicherweise mit dem Deutschen Nationaltheater Temeswar zusammengearbeitet. Aus seiner Feder entsteht ein Theaterstück, das auf einem historischen antisemitischen Zwischenfall fußt: Am 26. November 1938 explodierten während eines Auftritts der jüdisch-bukowinischen Sängerin Sidy Thal am Temeswarer Gemeindetheater zwei Handgranaten im Saal. Der Anschlag wurde von Mitgliedern der rechtsextremen nationalistischen Bewegung der Legionäre, der Eisernen Garde, verübt. Vier Menschen kamen ums Leben und siebzig wurden verletzt. Die Premiere des Stücks wird Anfang November stattfinden, doch gelang es Dr. Ingeborg Szöllösi vom Deutschen Kulturforum östliches Europa in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Staatstheater Temeswar, der Jüdischen Gemeinde Temeswar, dem Deutschen Konsulat Temeswar und der Moses Mendelssohn Stiftung Berlin, am 21. September 2023 eine kleine Vorschau im Hinblick auf das Stück zu organisieren. Ein zweisprachiger, von Dr. Elke Kotowski, Chefkuratorin der Moses Mendelssohn Stiftung, gestalteter Katalog „Das Attentat von Temeswar 1938 – Eine historische Annäherung/Atentatul de la Timișoara din 1938 – O abordare istorică“ führt detailliert und differenziert ins Thema von Perles Stück ein.

Der Abend endet im Gemeinderaum der Jüdischen Gemeinde Temeswar, wo Bürgermeister Dominic Fritz zusammen mit Konsulin Regina Lochner, Dr. Elke Kotowski sowie Dr. Luciana Friedmann das Projektvorhaben Thomas Perles würdigen.

Mit der Straßenbahn fahre ich über den Begakanal und stehe vor der Neuen Synagoge in der Fabrikstadt, die Leopold  Baumhorn, der jüdische-  ungarische Architekt im neo-maurischen Stil errichtet  hat. 1899 wird die wunderschöne Synagoge eingeweiht. Im Garten der Synagoge blühen noch immer Rosen und bunte herbstliche Gartenblumen. Ein Platz zum Ausruhen ist der Garten, abseits des Straßenverkehrs.

Unzählige Veranstaltungen und Ausstellungen sind im Programm des Kulturhauptstadtjahres aufgeführt, doch in meiner kurzen Zeit kann ich nur streifen. Sehen und Erleben wollte ich die Bildhauerarbeiten von Constantin Brâncuși, doch die Ausstellung begann nach meiner Abreise und hat mich traurig gemacht. Constantin Brâncuși wird in Hobița, Gorj, nahe Târgu Jiu in der Kleinen Walachei, geboren, geht als junger Mann nach Paris und wird Franzose.

Beim Durchlaufen der Innenstadt fällt mir eine baufällige, heruntergekommene Kaserne auf, ohne verputzte Wände, nur die bloßen alten Bachsteine sind zu sehen, die Fenster und die Fensterrahmen alt, zerstört, von damals. Perfekt umfunktioniert wird im Kulturjahr diese alte Kaserne. Zeitgenössische Kunst, zeitgenössische Bildhauerarbeiten werden in den ebenfalls morbiden Stockwerken und Innenräumen gezeigt. Eine großartige Idee, eine großartige Lösung. Ein besonderes Erlebnis, Kunst in dieser nicht sanierten Umgebung zu sehen.

Ein Palais am anderen, neben feinstem Jugendstil, dazwischen so manche Architektur der Moderne aus den 1920er und 30er Jahren, aus der kommunistischen Zeit und dem neuen Stil der Gegenwart, erkennt mein Objektiv. Die neue Ära hat begonnen.

Kulturhauptstadt Europas hat die Stadt verdient und zurecht den Status bekommen. Die 2. Stadt in Rumänien, die diese Ehre erreicht hat nach Hermannstadt/Sibiu im Jahr 2007. Der Verein zur Förderung Temeswars hat daran intensiv gearbeitet. Der Bürgermeister Dominic Fritz kam mit seiner Entourage im November 2022 in die Rumänische Botschaft in Berlin. Die Damen und Herren aus Temeswar erzählten und schwärmten über ihre Stadt, schwärmten damals über die bevorstehende Aufgabe der Kulturhauptstadt 2023. Simion Giurca, der Direktor des Vereins zur Förderung von Temeswar, lud gar mit begeisterten Worten nach Temeswar und seinen interessanten Ecken ein.

Ein normaler Dank wäre banal, ein hochgradiges Dankeschön ist angemessener. Eine touristische Umarmung empfängt den Fremden in Temeswar/Timisoara. Ohne Lucia Solomon in der Touristeninformation wäre ich kaum weitergekommen, Jegliches Fragen ist bei ihr gestattet und wird immer zum Guten und Richtigen gewendet mit Freude und Selbstverständlichkeit. Oben erwähnt wird bereits Simion Giurca, der souveräne Organisator, der Präsident des Vereins zur Förderung von Timisoara und seine Mitarbeiterin Delia Barbu, die hilfsbereiten Helfer. Auf Wiedersehen, La revedere, Au revoir…

Alle Fotos: © C. Wollmann-Fiedler