Selbsterklärende Tat – Ein Hamburger Lehrstück zum Antisemitismus der Gegenwart

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Am Autonomen Zentrum Rote Flora in Hamburg wurde eine den Opfern des antisemitischen Massakers vom 7. Oktober gewidmete Plakatwand beschädigt. Sie zeigt den Judenhass der Gegenwart als Praxis

Von Florian Hessel

Der Judenhass, für den das Wort Antisemitismus steht, ist keine Ideologie, kein bloßes Vorurteil oder eine Form der Diskriminierung. Judenhass ist eine Praxis der Gewalt in Wort und Tat und deren gleichzeitige Rechtfertigung. Den als Juden identifizierten Menschen soll etwas, und zwar Gewalt, angetan werden. Eine Illustration dieser in Öffentlichkeit und Politik viel zu wenig gegenwärtigen Tatsache konnte man unlängst in Hamburg beobachten.

Im Nachgang des antisemitischen Massakers und der misogynen Gewalt vom 7. Oktober im Süden Israels, angerichtet von palästinensischen Terrormilizen aus dem Gazastreifen, unter Führung der radikal-islamischen Hamas, erklärte sich nahezu das ganze “offizielle Hamburg” solidarisch mit dem angegriffenen Judenstaat und seinen Bewohner*innen. Das Rathaus wurde mit der israelischen Fahne beflaggt und auch an einem anderen Gebäude der Stadt mit überregionaler Leuchtturmwirkung, dem seit über 30 Jahren besetzten Autonomen Zentrum Rote Flora im Schanzenviertel, wurde zügig eine Plakatwand beklebt. “Killing Jews is not fighting for freedom!” stand dort seit dem Abend des 13. Oktober, darunter “Wir sind solidarisch mit allen Menschen in Israel und allen Jüdinnen und Juden weltweit. You are not alone!” Bilder davon gingen noch in der Nacht durch die sozialen Medien, geteilt von antifaschistischen Gruppen und Privatpersonen bis hin zum Antisemitismusbeauftragten der Hansestadt und dem SZ-Kolumnisten Ronen Steinke.

Die Überraschung, die Medien wie der NDR, die Hamburger Morgenpost (Mopo) und das Hamburger Abendblatt dazu äußerten, ist einerseits verständlich, wird die radikale Linke doch mit “Palästina-Solidarität” und auch mit Antisemitismus, mit Israelhass und Schuldabwehr, in Verbindung gebracht. Und oft genug assoziiert man sich selbst damit, werden antisemitische Mordtaten und Terrorakte nicht erst seit dem 7. Oktober von großen Teilen der globalen Linken zu “legitimen Widerstand” erklärt. Doch andererseits zeugt diese Überraschung der großen Medien auch von deren kurzen Gedächtnis und der Geschichtslosigkeit öffentlicher Debattenpraxis: Die schärfsten Kritiker*innen des Judenhass unter Linken seit Moses Heß, Friedrich Engels, Franz Pfemfert oder Jean Amery gehörten und gehören bis heute, worauf zuletzt Olaf Kistenmacher nochmals hingewiesen hat, selbst zur Linken. Und ebenso hat man sich gerade aus der Roten Flora in den letzten fünfzehn Jahren immer wieder klar gegen Antisemitismus und Israelhass positioniert. Zuletzt etwa während des G20-Gipfeltreffens 2017, mit einem Transparent “Gegen jeden Antisemitismus”, dass auf in den besagten Medien selbst gern verwendeten Stockfotos bis heute regelmäßig auftaucht.

Die Geschichte der Plakatwand anlässlich des Massakers vom 7. Oktober demonstriert wie im Brennglas die Gegenwart der Gewalt in Wort und Tat, die Antisemitismus heißt. Bereits während geklebt wurde, wurden die Aktivist*innen dem Vernehmen nach bepöbelt – ähnlich wie es auf fast jeder israelsolidarischen Kundgebung in den letzten Wochen der Fall war. Einige Tage später war das Wort “Jews” mit “Humans” (Menschen) überklebt und unter die Solidaritätsbekundung mit allen Jüdinnen und Juden war “Palästinenserinnen & Palästinenser” sowie “und Gaza” gesprüht worden. Ein Aktivist, dessen Foto der ursprünglichen Plakatwand viel geteilt worden war, kommentierte dies auf X (vormals Twitter), er könne damit leben, da Jews ja auch Humans seien – einer der seltenen Fälle wo Parolen schlauer als ihre Proponenten sein können, bestreitet doch der Judenhass ganz praktisch, dass “Juden” Menschen seien. Das Überkleben, das Ersetzen von “Jews” durch “Humans”, demonstriert mindestens Ignoranz und moralische Gleichgültigkeit gegenüber einer Tat, die sich selbst erklärt. Was sollte Antisemitismus sein, wenn nicht der massenhafte Mord an Juden?

In einem weiteren Schritt wurden noch die Worte “Israel”, “Jüdinnen” und “Juden” überklebt. Eine Passantin äußerte sich gegenüber der Mopo konsterniert gegenüber dem, “dass man die Juden auf dem Plakat übermalt und das Wort einfach entfernt”. So deutlich spricht die Tat für sich selbst – nicht nur das individuelle Leid und der gewaltsame Tod sollen hinter dem Allgemeinsten und “dem Kontext” verschwinden, sondern selbst die Identität der Opfer, der Name unter dem sie von den Tätern ermordet und gequält wurden, muss ganz wörtlich ausgelöscht werden.

Dieses reflexionslose Fehlen jeder Empathie ist Bestandteil des Antisemitismus im 21. Jahrhundert, ebenso wie das entlastende Verleugnen und die projektive Umkehrung: Die Opfer werden für ihre eigene Verfolgung, den Hass und die Gewalt, die auf sie gerichtet werden, verantwortlich gemacht. Die Juden müssen den Palästinensern weichen, sollen von Opfern zu Tätern erklärt werden – nicht nur in selbsterklärt linken, progressiven oder postmigrantischen Milieus.

Dass diese Kälte der Gesellschaft als unbarmherzige Totalität, für die “die Juden” einstehen sollen, nicht unendlich sich fortsetzt, dafür ist politisch einzutreten. Doch dass dies überhaupt als Möglichkeit denkbar bleibt, dafür ist erst dem Schlimmsten zu begegnen. Gegen den islamistischen, antisemitischen, misogynen Terror hängt über der Roten Flora jedenfalls, nun unerreichbar, ein weiteres Transparent: “Free the world from Hamas”.

Eine gekürzte und redigierte Fassung des Textes erschien zuerst in Jungle World 46/2023, 9.

Fotos: privat

1 Kommentar

  1. Lieber Florian Hessel,

    prinzipiell gebe ich Dir recht!

    Halte dieses Beispiel allerdings nicht für ein Lehrstück des Antisemitismus.

    Die überzeugende Mehrheit der bundesrepublikanischen Bevölkerung reagiert konsequenter – meiner Meinung nach- , gestern in unserer Kleinstadt: Volkstrauertag (als Kind Trompete zur Erinnerung an die „Helden“ gespielt) Mit dem Massaker der Hamas begannen die Reden und wurden – ohne jede Relativierung fortgesetzt, die explizit deutsche Verantwortung für den Staat Israel wurde erklärt und betont.
    Letzte Woche wurde die Gedenkveranstaltung zur Progromnacht von mehr als der doppelten üblichen Anzahl von Menschen besucht. Für mich echt Überraschend gab es, genauso wie eine Woche vorher (Pro Israel Demo), keine Relativierungen. Klare Äußerungen sowohl der Kirchen, als auch der staatlichen Vertreter.

    Wenn die Rote Flora in der Lage ist so ein Plakat zu publizieren, halte ich dies selbst bei ständigen Änderungen für Bemerkenswert!

    Habe in den 80`als Münchner Politikstudent – direkt nach dem Orangenernten in dem jetzt leider so bekannten Nirim – einen „Palästinakongress“ in Hamburg besucht: Da sind noch in der Uni (erlaubt) möchte gern PLO-Kämpfer maskiert und „bewaffnet“ aufgetreten. In einem Hörsaal der Uni.

    Glaube, daß ein Großteil der Menschen in diesem Land eine völlig andere Einstellung hat und bin davon überzeugt, daß es weder ein “ reflexionslose Fehlen jeder Empathie“ noch „diese Kälte der Gesellschaft als unbarmherzige Totalität“ gibt. Da halte ich z:B. Harvard für passenderer.

    Erstaunt, daß ich „Free The World from Hamas“ jetzt dort sehe.

    Keine Einwendungen!