Vergessenen und verdrängten NS-Morde

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Dokumentation über die „Euthanasie“ in den psychiatrischen Pflegeanstalten

Zwischen 1939 und 1945 wurden in den psychiatrischen Pflegeanstalten Deutschlands und den besetzten Gebiete etwa 300.000 Frauen, Männer und Kinder durch Mangelernährung, Vernachlässigung sowie unterlassene medizinische Hilfeleistung ermordet – oder sie wurden in speziellen Tötungsanstalten vergast. Täter und Helfershelfer sprachen „beschönigend von Erlösung, Lebensunterbrechung, Gnadentod, Sterbehilfe oder eben von ,Euthanasie‘. Sie agierten halb geheim, doch inmitten der Gesellschaft. Viele Deutsche befürworteten den gewaltsamen Tod der ,nutzlosen Esser‘, zumal im Krieg: nur wenige verurteilten das Morden deutlich, die meisten schwiegen schamhaft, wollten es nicht allzu genau wissen. Das setzte sich nach 1945 fort“, konstatiert der Historiker Götz Aly in seinem BuchDie Belasteten: ,Euthanasie‘ 1939–1945. Eine Gesellschaftsgeschichte“. Die Marginalisierung und Diskriminierung dieser Menschen hält bis heute an.

Rechenschaft über Geschichte abzulegen und Verantwortung zu übernehmen, dieser Verpflichtung stellt sich der Bezirk Oberbayern mit der Herausgabe der Dokumentation „Verdrängt. Die Erinnerung an die nationalsozialistischen ,Euthanasie‘ Morde“. Die politische Körperschaft ist Rechtsnachfolger der psychiatrischen Kliniken etwa in Gabersee, Eglfing-Haar oder Irsee, in denen während des Nationalsozialismus Tausende Patienten sterilisiert und direkt oder indirekt getötet wurden – bis zu 30.000 Menschen waren es allein in Bayern.

Bis Sommer 1940 waren rund 1.000 psychiatrische Einrichtungen an der Registrierung von geistig behinderten und psychisch kranken Menschen beteiligt. Sie alle verfassten Meldebogen und Listen über ihre Schutzbefohlenen, die als Grundlage für ihre Selektion und letztlich ihre Ermordung herangezogen wurden. Allein die im Bundesarchiv aufgehobenen Dokumente umfassen etwa 600 Einrichtungen. Beteiligt waren nicht nur fanatische Nationalsozialisten und ihr ärztlichen Kader, sondern auch ein Heer von Verwaltungsbeamten, pflichtbewusste Schwestern und Pfleger, die nach ihrem bürokratischen Verständnis dazu beitrugen, die Volksgemeinschaft von „unwertem Leben“ zu befreien.

In 31 Artikeln und fünf Gesprächsprotokollen haben sich 21 Autoren und Autorinnen mit diesem leider immer noch wenig beachteten Thema der NS-Geschichte beschäftigt. Die Beiträge rangieren zwischen akademischen Texten mit Quellennachweisen und eher populärwissenschaftlichen Abhandlungen. Bei der Fülle der Texte kommt es leider mitunter zu Redundanzen. Ergänzend werden anhand der Krankenakten sieben Biografien und damit das Schicksal der Ermordeten nachgezeichnet – wird dem tausendfachen Grauen ein Gesicht gegeben. Ein Schlaglicht wird zudem auch auf die lange Zeit kaum beachteten massenhaften „Krankenmorde“ in den deutsch besetzten Gebieten Osteuropas geworfen. Das großformatige Buch ist reich bebildert, mit Faksimiles von Dokumenten, historischen Fotografien, aber auch zeitgenössischen Abbildungen von Gebäuden der ehemaligen „Euthanasie“-Anstalten. Etwas gewöhnungsbedürftig sind die vielen Portraits von Teilnehmern der Gesprächsrunden, die zumeist ein Mikrofon in den Händen halten. Abrundend behandelt der Band den Umgang der NS-„Krankenmorde“ in Literatur, Film, Theater und der bildenden Kunst. Eine etwas eingegrenzte thematische Bandbreite hätte der Publikation gewiss gutgetan. Dennoch ist „Verdrängt“ als eine erste Annäherung an das aus dem öffentlichen Bewusstsein verbannte Kapitel der NS-Geschichte zu empfehlen – insbesondere für das breite Publikum. – (jgt)

Verdrängt. Die Erinnerung an die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde. Herausgegeben vom Bezirk Oberbayern durch das Zentrum Erinnerungskultur der Universität Regensburg, 256 Seiten, 200 Abb., Göttingen 2023, 24,90 €, Bestellen?

Bild oben: Titelblatt einer Publikation des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, Repro: aus dem besprochenen Band