„Antisemitismus hat ganz offensichtlich einen Platz in diesem Land“

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Die Rede von Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, an der gestrigen Demonstration gegen das Konzert von Roger Waters vor der Olympiahalle München

„Der Kampf gegen Antisemitismus, der Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus hat für uns allerhöchste Priorität. Antisemitismus werden wir in Deutschland nicht dulden.“
„Judenfeindlichkeit darf keinen Platz haben in unserem Land.“
„Keine Handbreit dürfen wir weichen, wenn Juden angefeindet oder angegriffen werden. Dies muss uns auf ewig Verpflichtung und Auftrag zugleich sein.“

Verehrte Anwesende:
Was Sie gerade gehört haben, waren Äußerungen von führenden Vertretern der deutschen Politik aus den vergangenen Jahren.

Jedes Wort daran ist wahr – und die Absicht darin ist ohne Zweifel ehrlich.

Aber trotzdem müssen wir feststellen: Der Antisemitismus hat ganz offensichtlich einen Platz in diesem Land. Dieser Platz ist heute die Olympiahalle. Trotz aller großen Worte und trotz aller guten Absichten stehen wir heute hier, um gegen den Auftritt eines antisemitischen
Brandstifters zu protestieren.

Trotz allem hat dieser Brandstifter in München eine Bühne bekommen – und wir müssen unsere Stimme erheben, damit sein Hass nicht unwidersprochen stehen bleibt.

Ich sage es ganz offen: Es frustriert und ermüdet mich – und mit mir große Teile der jüdischen Gemeinschaft. Seit vielen Jahren hören wir markige Worte aus der Politik. Und seit ebenso vielen Jahren ändert sich wenig. Immer wieder betont die Politik, was angeblich alles nicht sein darf. Es sind dieselben Dinge, die am Ende trotzdem fast nie verhindert werden.

Deshalb sage ich: Ich will nicht mehr hören, dass Antisemitismus keinen Raum bekommt in diesem Land. Ich kann es nicht mehr hören. Nicht, weil es falsch wäre – sondern im Gegenteil, weil es wahr ist.

Weil der Anspruch so klar und so richtig ist – und weil unser Land bei der Umsetzung trotzdem versagt. Seit Oktober 2022 wurde um dieses Konzert gestritten. Seitdem wurden Anträge und Schlagzeilen en masse produziert – ohne Ertrag.

Sodass wir jetzt, im Mai, hier stehen und gegen ein Konzert protestieren, das ganz genauso stattfindet wie Roger Waters es immer wollte. Mit seiner Person; mit seinem immer gleichen Hass, mit seinen Ausfällen gegen Israel und mit seinen Lügen und Verdrehungen. Alle Debatten, die geführt – alle Ideen, die verfolgt wurden, haben am Ende nichts gebracht. Wir stehen heute hier – aber wir stehen mit leeren Händen da.

Liebe Freunde: Ich kann das nicht verstehen. Ich will das nicht verstehen. Wenn der gute Wille da ist: Warum hat der Hass dann so oft freie Bahn? Warum ist es den Verantwortlichen nicht möglich, ihn sprichwörtlich vor die Tür zu setzen?

Lassen Sie es mich deshalb ganz deutlich sagen:

Judenhass ist keine Meinung.
Hass auf Israel ist keine Meinung.
Toleranz und Respekt mit Füßen zu treten, ist keine Meinung.

Und ganz besonders:
Meinungsfreiheit ist keine Hassfreiheit!

Wenn die Gesetze diese Realität nicht abbilden – dann müssen sie geändert werden. Demokratisches Recht kann sich nicht gegen demokratische Werte in Stellung bringen lassen. Roger Waters tritt zwar heute in München auf. Aber er und alle Münchner sollen wissen: Er ist hier nicht willkommen. Wir wollen ihn hier nicht. Und gegen seinen Hass werden wir niemals schweigen!

Liebe Freunde,
ich danke jedem Einzelnen von Ihnen und Euch, dass er mit seiner Anwesenheit ein Zeichen setzt. Und ich wünsche mir, dass wir zu solchen Anlässen niemals wieder werden zusammenkommen müssen. Ich wünsche mir, dass der Hass eingedämmt wird – und dass die Taten irgendwann den Worten folgen.

Vielen Dank, dass Sie da waren, vielen Dank für Ihre lauten Stimmen!
Danke sehr.

Bild oben: Roger Waters am New Port Folk Festival 2015, (c) digboston – https://www.flickr.com/photos/weeklydig/19373573284/ – CC BY 2.0