Spottlight: Wer war Marie?

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Und was hatte sie mit Alphonse Daudets Syphilis zu schaffen? Und erklärt dieser den Antisemitismus seines Sohnes Léon? Fragen über Fragen nach der Leipziger Buchmesse 2023, aufbereitet

Von Christian Niemeyer

Sammy – mein Kumpel mit der feuchten Schnauze  – und ich waren ja am Freitag vor einer Woche auf der Leipziger Buchmesse, schnorrten uns einen ordentlichen Berg an Rezensionsexemplaren zusammen. Sammy war zwar mit meinem Presseausweis am Eingang erwischt worden und musste zur Strafe im Auto warten. Besser so, zumal er inzwischen Neurechte gar nicht riechen, also riechen kann. Aber immerhin: Auch ihn bewegten die im Titel benannten Fragen, wie ich im Rückspiegel auf der Fahrt nach Hause beobachten konnte: Leidenschaftlich zerfledderte er ein Rezensionsexemplar nach dem anderen. Sein Hass auf gerade diese Titel konnte allerdings auch einen Hinweis geben auf die ihm eigene Verstellungskunst. Wie sie ansonsten, nach Nietzsches Zeugnis, nur zu Lebzeiten Wagners in Bayreuth gängig war. Nietzsche haben wir übrigens auch die auf die Leipziger Messe (allerdings nicht Buchmesse!) bezügliche Bemerkung zu verdanken:

„Der Affe zeigt sich in unsrer Zeit eclatant, aber wo bleibt der Gott?“ (2: 84)

War also der die Bücher zerfleddernde Geist des Hundes möglicherweise Derivat jenes Affen. Oder gar Gottes? Oder zerfledderte Sammy womöglich, was er eigentlich liebte, etwa nach Nietzsches unfassbaren und jeden Nietzschekritiker im Prinzip beschäftigungslos machenden Ratschlag:

„Dieser Denker brauch Niemanden, der ihn widerlegt: er genügt dazu sich selbst.“

Aber ich schweife ab, hätte vor lauter „Gott“ beinahe „Marie“ vergessen. Also: Meiner – so erzählte ich Sammy laut auf der Rückfahrt – unbescheidenen Meinung nach muss Julian Barnes auch sie auf dem Schirm gehabt haben, als er in seinem genial-pfiffigen Roman Flauberts Papagei (1984) zum Stichwort ‚Prostituierte‘ ausführte:

„Im neunzehnten Jahrhundert notwendig zur Erwerbung von Syphilis, ohne die kein Anspruch auf Genialität erhoben werden konnte. Träger der Roten Tapferkeitsmedaille waren u.a. Flaubert, Daudet, Maupassant, Jules de Goncourt, Baudelaire. Gab es irgendwelche Schriftsteller, die nicht damit behaftet waren? Wenn ja, waren diese vermutlich homosexuell.“

Lustig, nicht wahr? Zu lustig jedenfalls für das maßgeblich von Barbara Vinken bestückte Flaubert-Wörterbuch von 2010. Und nicht wirklich verständlich für Sammy: Er schlief ein.

Immerhin: Ein paar Jahre später, so erzählte ich mir weiter, kam Julian Barnes offenbar ins Grübeln ob seiner Frechheit. Und ließ jenem Roman eine Neuübersetzung von Alphonse Daudets Krankengeschichte La Doulou unter dem Titel In the Land of Pain (2002) sowie eine Erläuterung unter dem Titel A Note on Syphilis nachfolgen. Zentral an ihr: Bis zu seinem Tod sah sich Edmond de Goncort umgetrieben von der Sorge um seinen Freund Alphonse, in dessen Haus er 1896 starb. Eineinhalb Jahre später starb auch Daudet, an Syphilis vom Typ Tabes Dorsalis, die mit Rückenschmerzen beginnt, aber, anders als die Neurosyphilis Nietzsches, den Geist unbeschädigt lässt. Was aber folgt daraus für sein Werk, allererst: für seinen Schmerzreport La Doulou, über dreißig Jahre nach seinem Tod mit Erlaubnis der hochaltrigen Witwe erstmals erschienen? Eine, so Deborah Hayden 2003, „detailed chronicle of the excruciating pain that comes with tabes dorsalis“ (zit. n. Niemeyer 2022: 292) Klingt also nicht wirklich spannend; eher was für Depressive, die gerne Bücherl lesen über Leute, denen es noch schlechter geht als ihnen selbst.

Und die Syphilis?  Nichts da, meinte offenbar der Alexander Verlag Berlin, der sich 2022 um eine Neuauflage der erstmals 2003 erschienenen deutschen Variante der Barnes-Edition von La Doulou unter dem Titel Im Land der Schmerzen (2022) verdient gemacht hatte, besser: offenbar ganz gut an ihr verdiente. Im Sog des Beifalls von Fürsprecher*innen vom Format Marie, korrigiere auf: Marita Rödszus-Hecker. Die in ihrem Pastorinnen-Wort zum Tag am 8. März 2021 auf SWR II Kunde davon gab, wie sehr sie Daudets Klage ob seiner „Knochenmarkerkrankung“ (sic!) als Christin erschüttert habe und an ein Kruzifix auf dem Friedhof erinnere, also an die Schmerzen Jesu am Kreuz. (vgl. Niemeyer 2022: 77 f.) Ungestört vom Nachdenken über das Sexualtabu des Christentums meinte sie derlei, ungestört damit auch von der Frage, wie viele ähnlich Nietzsche es, dieses Sexualtabus wegen, unaufgeklärt ins Bett der Dirne getrieben hatte!

Der Alexander Verlag wurde gleichwohl auf der Leipziger Buchmesse mit einem Preis bedacht. Offenbar hatte keiner der Juroren auf dem Schirm, dass dieser Verlag anlässlich des Erscheinens von Im Land der Schmerzen ausschließlich Nichtigkeiten Daudets in Erinnerung gerufen hatte und die einzigen beiden wirklich gehaltvollen Romane, die zumal zwecks Aufklärung der Herkunft von Daudets Syphilis unverzichtbar sind, nicht mit einer Zeile erwähnte: Fromont jeune et Risler âiné (1874) sowie Sapho: moeurs parisienne (1884). Meint zugleich: Beide (Schlüssel-) Romane, fraglos den Höhepunkt von Daudets literarischem Schaffen markierend und ihn vom Rang her auf die Stufe Flauberts hebend, sind für den Quereinsteiger wichtig zwecks Abklärung der Syphilisfrage, wie gleichfalls längst gezeigt (vgl. Niemeyer 2022: 166-170; 188-195), übrigens jeweils gegen den an derlei offenbar desinteressierten Romanistik-Mainstream.

Damit steht die entscheidende Frage im Blick auf die drei in Foto 2 gezeigten Neuveröffentlichungen zum Thema rund um Alphonse Daudets 125. Todestag am 18. Dezember 2022 fest: Bringen sie Neues gegen den Spießer-Mainstream auf der Leipziger Buchmesse, etwa in der Linie des Julian Barnes von 1984, der noch den Mut aufbrachte, einen engen Konnex herzustellen zwischen Prostitution und Syphilis?

*

Nein, muss die Antwort lauten angesichts von Leipzig-Novitäten wie Alain Claude Sulzers Roman Doppelleben (2022) über die Gebrüder Goncourt; Anita Albus‘ Kompilation aus dem legendären Journal des Concourts unter dem Titel Blitzlichter (2023), gleichfalls bei Galiani, Berlin; sowie, erstmals in deutscher Übersetzung, Daudets Roman Jack. Moeurs contemporaine (1876) in wunderbarer Aufmachung, wie sie für die Andere Bibliothek, in der auch die Kompilation von Albus 1989 erstmals erschien, typisch ist. Die Frage bleibt: Welcher Daudet ist es eigentlich, den uns zumal die letzten beiden Bücher näherbringen wollen? Den Schmerzpatienten? Oder den Syphilitiker, der, wie wir von Nietzsche her wissen, weniger unter seiner Krankheit leidet denn unter den beunruhigenden Fragen, die sie aufwirft? Und damit, um auf den Anfang zurückzukommen: Kommt nun endlich Marie, die sich für Alphonse Daudet als in the long run tödlich erweisende Sexarbeiterin dieses Namens, ins Spiel?

Streng fixierte ich Sammy im Autospiegel. Er lag da in voller Pracht, auf dem Rücken, mit den Pfötchen schlagend. Also wohl von seiner Marie träumend….

Offenbar war ich also wieder einmal völlig auf mich allein gestellt in dieser spezifischen (Sexual-) Neugier, dies jedenfalls im Blick auf Alain Claude Sulzers Nachwort zu Jack. Hier lesen wir nur, an sich  sachlich vollkommen korrekt, dass Daudets Gattin mit wenigen Ausnahmen alle seine Manuskripte durchgesehen habe – nur nicht Sapho (1884), weil es hier um einen Roman über Daudets „große voreheliche Liebe Marie Rieu“ gegangen sei. Zwei Einwände, der eine verborgen schon im analog gebauten Untertitel, was die deutsche Übersetzung Sitten der Zeit vergessen macht: Beide Romane, nicht nur Sapho, auch Jack, der eine als mouers parisienennes ausgewiesen, der andere als mours contemporaine, sind Schlüsselromane im Blick auf jene Marie Rieu zu lesen, beziehen sich also auf Daudets fatale Affäre. Die als „große voreheliche Liebe“ allerdings von Sulzer wahrhaft besänftigend umschrieben ist und die Julian Barnes in seinen besten Zeiten wohl mit „jene Prostituierte, der Daudet seine Syphilis zu verdanken hat“, umschrieben hätte. Dass Daudets Gattin und, ab 1897 für fast fünfzig Jahre, Witwe dies, wie Sulzer insinuiert, nicht erkannte, ist kaum zu glauben und spricht jedenfalls nicht für ihre Scharfsichtigkeit – sowie jene Sulzers: Er, der sich mit seinem trefflichen Roman Doppelleben als Spezialist des Journal des Goncourts sowie der Syphilis des Jules de Goncourt erweist, damit auch als Kenner der Verbiegungen Edmonds, für das von ihm in jenem Journal 1870 detailliert protokollierte Sterben seines Bruders diese  Geschlechtskrankheit als todesursächlich beim Namen zu nennen, übersieht fast sämtliche Zeichen aus jenem Journal, die ihm hätten helfen können, auch Jack als thematisch einschlägig im Blick auf Daudets Syphilis anzuerkennen und die im erwähnten Zeichen „Marie Rieu“ zusammenschnurren.

Hilfreich, um dies zu erkennen: Die Blitzlichter von Anita Albus, also der 1989 von ihr erstmals präsentierte und nun, über dreißig Jahre später, unverändert wiederabgedruckte Auszug aus dem insgesamt elfbändigen, seit 2013 auf Deutsch vorliegenden Journal des Goncourts (= JGG), garniert, was das Begleitmaterial des Verlags angeht, mit einem Interview Sulzers. So weit, so gut, zumal Albus‘ Übersetzungen und ihre an Personen orientierte Auswahl durchaus Interesse beanspruchen darf und neugierig macht auf mehr. Zumal ihr ein gewisses Voyeur-Motiv nicht abzusprechen ist: Ob nun Jules Barbey d‘ Aurevilly, Suzanne Lagier, Guy de Maupassant oder Algernon Swineburne – zielsicher greift sich Albus jene Passagen des JGG heraus, die als besonders anzüglich gelten dürfen, abgesehen vielleicht vom Fotografen Felix Nadar. Hier nämlich schlägt das von Daudet in Sapho gegebene Nadar-Bild locker das Original in der Punkten Widerwärtigkeit und Lüsternheit. Und dies im Blick auf ein Szenario, das ein von Albus 1989 präsentierter seitenlanger Journaleintrag vom 21.-22. Juli 1889 verdeutlicht. Albus bietet es unter dem Rubrum „Marie“ da, obgleich der aktuelle Forschungsstand erlaubt, hier „Marie Rieu“ zu setzen sowie eine Fußnote anzubringen des Inhalts, dass dieser Passus erst nach dem Tod der Witwe Daudets (1940) sowie jenem des Sohnes Leon Daudet (1946) erscheinen konnte, nämlich 1956 in der ersten vollständigen Fassung dieses Journal.

Warum? Nun, der Inhalt stellt es klar: In dem von Albus präsentierten Abschnitt berichtet Daudet bei einem nicht von seiner Frau begleiteten Besuch bei Goncort, dass er 1866 – also ein Jahr vor seiner Hochzeit – „einem Mädchen von sechzehn, höchstens siebzehn Jahren begegnete, die von ihrer Mutter begleitet wurde, einer Mutter mit dem Kopf einer polichinellehaften Kupplerin.“ Über Seiten hinweg geht dieser Bericht, der, im Verein mit einem weiteren, bis 1956 unterschlagenen Eintrag vom 28. März 1880, der expressis verbis auf Marie Rieu verweist, klarstellt, dass Daudet eben sie verantwortlich spricht für seine Syphilis. Sie,  Chien verl genannt, so Albus 1989, nicht ganz korrekt: Tatsächlich lautete Marie Rieus Spitzname auf Chien vert, spielte also an auf das damalige Mode- und Rauschgetränk Absinth, eine, so Goncourts Bericht über Daudets Erzählung vom März 1880, „irre, Absinth-verschwitzte Liebschaft, die von Zeit zu Zeit durch Messerstiche dramatisiert wurde, die er uns auf einer Hand vorweist.“

Was aber, so muss hier natürlich gefragt werden, hat dies mit der Syphilisfrage zu tun und mit deren romanhafter Thematisierung in Sapho oder gar Jack? Nun, ganz einfach und um zunächst nur von Sapho zu reden: Gegenüber Edmond Goncourt schildert Daudet nach Übersetzung von Albus

„das traurige Leben mit dieser Frau, von der zu lösen er nicht den Mut fand, die er ein wenig bemitleidete wegen ihrer verschwundenen Schönheit und dem Schneidezahn, den sie sich am Gerstenzucker zerbrochen hatte, und Mitleid bindet. Als er heiraten und mit ihr brechen musste, brachte er sich unter dem Vorwand eines Abendessens aufs Land…“

etc. pp., will sagen: Wer hier weiterliest, bekommt es letztlich nicht mit weniger zu tun als mit der Urszene zum dramatischen Höhepunkt von Sapho (1884) – mit einer entscheidenden Änderung in Sachen Schneidezahn/Gerstenzucker, die hier nach der deutschen Übersetzung von 1948 unter dem Titel Fanny Legrand (1948) zitiert sei, wo Marie Rieu unter dem Namen Fanny auftritt:

„Sie lachte ein schmerzliches, gellendes Lachen. Es verzerrte ihren Mund und entblößte eine Lücke in ihrem Gebiß […]. Einen ihrer schönen, wie Perlmutter [sic!] schimmernden Zähne, die ihr Stolz waren, hatte sie verloren. Und dieser fehlende Zahn in dem erdgrauen, zerfurchten, entsetzten Antlitz ließ Jean [= Alphonse Daudet] vor seelische Pein erschauern.“ (zit. n. Niemeyer 2022: 194)

Warum? Weil er, unmittelbar vor seiner Hochzeit mit der wunderschönen Julia Allard stehend, nun endgültig ob der Frage zu zittern begann, ob die sich in den Zahnproblemen der Marie Rieu andeutende Syphilis auch schon von ihm Besitz ergriffen hatte. Daudets Roman Sapho können wir hiermit verlassen, diesen Deutungshinweis im Ohr mitsamt des Schlüssels, den Daudet am 5. Juli 1883 bei einem weiteren, gleichfalls von Anita Albus nicht berücksichtigten Besuch bei Edmond de Goncourt vorwies:

„Es ist eine Collage, die Geschichte seiner Verbundenheit und seines Bruchs mit dem Monstre vert, der Mätresse Banvilles, Nadars, der ganzen Bohème“

– eine Dame also, die problemlos den Vergleich aushalten kann mit Zolas Nana und die im Dictionnaire Alphonse Daudet (2019) ähnlich wie im JGG-Beibuch unter dem Namen „Rieu, Marie“ mit Attributen gelistet wird wie „Mätresse Daudets, Spitzname Chien vert, Vorbild für ‚Sapho‘“. Was aber folgt daraus für die Deutung des seit 2022 auf Deutsch verfügbaren Romans Jack?

Nun, hätte ich hier Zeit genug, würde ich diesen Roman gerne lesbar machen als zweiten Versuch Daudets (nach Fromont jeune; 1874), mit dem Trauma seines Lebens namens Marie Rieu klarzukommen. Typisch für ihn, diesen zweiten Versuch: Dass Daudet sich (als Jack) (selbst-) mitleidheischend sterben lässt aus Kummer darüber, dass ihn beide Frauen, seine Mätresse Marie Rieu (in der Rolle von Jacks Mutter) sowie Julia Allard, gespielt von seiner Braut Cécile, verlassen haben. Sie finden zwar beide noch hin zu seinem Sterbebett, aber zu spät und damit den Preis zahlend für ihre Kleingläubigkeit. So erliegt seine Mutter, eine, wie Marie Rieu, ursprünglich betörend schöne Mätresse und Hochstaplerin, die Jack fast schon gerettet hatte nach einem ihm von Freud (1910) attribuierten Rettungsmotiv der Dirnenliebe, schließlich doch noch dem Lockruf eines skrupellosen Dichters (und Womanizers). Und Cécile, also Julia Allard, verlässt Jack, also Daudet, weil ihr eingeredet worden war, sie trage von ihrer seinerzeit einem Verführer zum Opfer gefallenen Mutter Madeleine her ein erbliches Leiden in sich, das ihr ein Ehe- resp. Zeugungsverbot auferlege – Zusammenhänge, die, in der hier beigezogenen Neuerscheinungen, zumeist unbeachtet bleiben, abgesehen von einigen wenigen Zeichen. So notiert die Übersetzerin Caroline Vollmann zwar sehr genau die Herkunft des Wappenzeichens (Franz I.) am Loire-Schloss von Jacks „Bon Ami“, einem schwerreichen Marquis und „ehemaligen Gönner Idas“ (einer der Namen von Jacks Mutter), übersieht aber die von Daudet keineswegs zufällig angebrachte Anspielung auf das Thema Syphilis, die dem Namen dieses Königs spätestens seit der Novellensammlung Heptaméron (1558) seiner Schwester Magarete von Navarra (1492-1549) anhaftet und die von Honoré de Balzac 1837 in eine seiner „tolldreisten Geschichten“ übernommen wurde. (vgl. Niemeyer 2022: 67 ff.)

Will sagen, unter dem Strich: Beim nächsten Mal bitte etwas professioneller und fachlich ausgewiesener edieren, was insbesondere für Anita Albus gilt. Denn 1989 mag Ihrer Auswahl noch etwas Anregendes und Innovatives angehaftet haben; spätestens aber mit dem Vorliegen der von Gerd Haffmanns mit großer Leidenschaft vorangetriebenen Komplettedition des Journal des Goncourts wäre allenfalls eine kritische Edition sinnvoll gewesen. Dieses Verwendungszwecks wegen und des Ziels halber, dass es Neues aus dem Westen zu Daudets Syphilis zu vermelden gibt statt bloß Erbauliches in Sachen Schmerztherapie,  hat, so will mir scheinen, der liebe Gott dem Künstler den Wissenschaftler zur Seite gestellt. Ob er, der Künstler, jenem aber Gehör gibt, scheint mir eher unwahrscheinlich – trotz aller Werbung, die Nietzsche 1878 nach seinem Bruch mit Wagner für den Satz zu machen suchte:

„Der starke freie Mensch ist Nicht-Künstler.“ (VIII: 487)

Was mich, an dieser bedeutenden Stelle angekommen, wirklich empörte, was das verächtliche Schweigen meines Reisebegleiters. Um mich zu rächen, fasst ich mich bewusst kurz bei meiner Antwort auf seine unausgesprochen Frage:

„Na, Herrchen, was hat das Ganze nun mit Léon Daudets Antisemitismus zu tun?“

Ich antwortet nämlich nur mit einer Gegenfrage, die Sammy offenbar als rhetorische handhaben wollte:

„Gesetzt, Marie Rieu sei Jüdin gewesen und Daudet jr. vergleichbar sypholophob wie Hitler?“

Dazu verwies ich bedeutungsschwer auf mein Buch Sex, Tod Hitler (2022) sowie, zumal der Trend zum Zweitbuch geht, auf Jacques Le Riders Nietzsche in Frankreich (1997). Da stand zwar nichts über die Syphilis (von wem auch immer), wohl aber einiges über den rechtsradikalen Politiker Léon Daudet (1867-1942), darunter  dessen Klage von 1915, viel haben nicht gefehlt und „wir“ (lies: „wir Franzosen“)  hätten uns in Sachen des deutschen Kriegsphilosophen Nietzsche „noch die klar deutschfreundliche Autorität des dänischen Juden Georg Brandes aufdrängen lassen“[1] – eine Formulierung, die an Léon Daudets Antisemitismus keinen Zweifel lässt. Antisemitismus, um seinen Vater zu rächen und dessen vormalige Prostituierte Marie Rieu post mortem zu bestrafen?

Tja, folks, gerne würd ich hier weiterschreiben, fürchte dann aber, die Sache wird zu lang. Vielleicht also beim nächsten Mal in diesem Theater, wenn es wieder heißt: „Spott-Light an!“

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer, Berlin/TU Dresden

Text: Basiert auf den zur Rezension anstehenden Büchern sowie meiner Darstellung Sex, Tod, Hitler. Eine Kulturgeschichte der Syphilis (1500-1947) am Beispiel von Werken vor allem der französischen und deutschsprachigen Literatur. Universitätsverlag Winter: Heidelberg 2022. Dort auch alle weiteren Literaturhinweise.

[1] Jacques Le Rider: Nietzsche in Frankreich. München 1997, S. 72.