„Mitten im zivilisieren Europa“

Dass es zwischen 1918 und 1921 zu judenfeindlichen Pogromen mit mehr als 100.000 Toten in der Ukraine kam, ist heute weitgehend vergessen. In seinem gut belegten und geschriebenen Buch „Mitten im zivilisierten Europa. Die Pogrome von 1918 bis 1921 und die Vorgeschichte des Holocaust“ erinnert der  Historiker Jeffrey Veidlinger daran.

Von Armin Pfahl-Traughber

Ein Artikel in der „New York Times“ vom 8. September 1919 hatte den Titel: „Ukrainische Juden versuchen Pogrome zu stoppen“. Berichtet wurde darin über eine Demonstration von Juden, die auf antisemitische Massaker in der Ukraine aufmerksam machen wollten. Zu dem Bericht dazu gab es auch folgenden Untertitel: „Massenkundgebung hört, dass 127.000 Juden ermordet wurden und 6 Millionen in Gefahr sind“. Damit ist auch für die Gegenwart belegt, dass die seinerzeitigen Pogrome öffentlich auch im Westen bekannt waren. Heute sind diese Ereignisse aber weitgehend aus der Erinnerung verschwunden, was deren Darstellung durch einen gegenwärtigen Historiker umso begrüßenswerter erscheinen lässt. Gemeint ist Jeffrey Veidlinger, der als Professor für Geschichte und Judaistik an der University of Michigan forscht und lehrt. Sein Buch ist mit „Mitten im zivilisierten Europa. Die Pogrome von 1928 bis 1921 und die Vorgeschichte des Holocaust“ überschrieben und schildert die Ereignisse und Hintergründe gegenüber mehr als 100.000 ermordeten Juden in der Ukraine.

Die Darstellung behandelt zunächst die letzten Jahre des Russischen Zarenreichs, wo es bekanntlich immer wieder zu antisemitischen Pogromen gekommen war. Danach schildert der Autor die Entwicklung in der damaligen Ukraine, jeweils bezogen auf die dort lebenden Juden wie die ressentimentgeladenen Stimmungen gegen sie. Ab Dezember 1918 setzte eine Pogromwelle ein. Es gab dann an über 500 verschiedenen Orten über 1000 antijüdische Unruhen, folgt man hier den auf Schätzungen von Veidlinger beruhenden Zählungen. Was dies genau bedeutete, wird wie folgt formuliert: „Ukrainische Bauern, polnische Stadtbewohner und russische Soldaten beraubten ungestraft ihre jüdischen Nachbarn und stahlen ihnen, was sie für ihren rechtmäßigen Besitz hielten. Mit Zustimmung und Unterstützung großer Teile der Bevölkerung rissen Bewaffnete jüdischen Männern die Bärte aus …und folterten häufig jüdische Einwohner, bevor sie sie auf Marktplätzen versammelten, an den Stadtrand trieben und erschossen“ (S. 13).

Der Autor zeichnet die Ereignisse anhand unterschiedlicher Quellen nach, wozu auch einige im Buch dokumentierte Fotographien gehören. Die beklemmenden Ereignisse werden aber nicht nur geschildert, wenn auch nur kurz findet sich eine vergleichende Betrachtung zur Erklärung. Dabei geht es mit um die Tätergruppen. Das Pogrom „wurde nicht nur von marodierenden Soldaten begangen, sondern von einem breiten Spektrum gewöhnlicher Bürger“ (S. 138). Es kam jeweils zu einer Eskalation der Gewalthandlungen, wobei sich dies sowohl auf die Gewaltintensität wie die Tätergruppen bezieht. Deutlich wird dabei eine Kombination, die einerseits von Antisemitismus und Bolschewismusangst und andererseits von Plünderungsinteressen und Raubhandlungen geprägt war. Leider finden sich diesbezügliche Betrachtungen nur in die Darstellungen integriert, vermeidet der hier schreibende Historiker doch dazu interessante systematische Reflexionen. Gleichwohl wird so der dem Buch mit den Titel gebende Zivilisationsbruch deutlich.

Es zeigt sich darüber hinaus, dass die Bürgerkriegssituation fatal für die Juden wurde. Denn während die Bolschewisten sich häufig gegen die Judenfeindschaft stellten, bestärkte dies einen mörderischen Antisemitismus auf der Gegenseite. Gleichwohl wurden die Betroffenen zu einem Feindbild für beide Seiten: „Während die Besatzungsmacht … die Juden als Sympathisanten der Bolschewisten hinstellten, warfen letztere den Juden vor, der Bourgeoisie anzugehören …“ (S. 87). Dem Buch von Veidlinger kommt das große Verdienst zu, an die erwähnten Ereignisse auf breiter Quellengrundlage erinnert zu haben. Im letzten Kapitel spricht er wie im Untertitel hier von einer „Vorgeschichte des Holocaust“. Rein historisch-chronologisch kann man dieser Einschätzung zustimmen, indessen trifft das nicht auf die Dimensionen, Handlungen und Tätergruppen zu. Eventuell hätte das genau Gemeinte von Veidlinger noch klarer referiert werden können. Diese Einschätzung kann und will aber nicht die Leistung der auch gut geschriebenen Monographie schmälern.

Jeffrey Veidlinger, Mitten im zivilisierten Europa. Die Pogrome von 1918 bis 1921 und die Vorgeschichte des Holocaust, München 2022 (C. H. Beck-Verlag), 456 S., Bestellen?

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